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Giessener Zeitung

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Nr 46

Samstag, dm 15. November 1924 37. Iahrg.

Die Stiefkinder des Staates.

Es ist erstaunlich, wie rasch selbst von dem Gebildeten Dinge vergessen werden, deren verheerende Auswirkung jedem ein ewiges Drohbild sein sollte. Wer spricht heute noch von den kurz­sichtigen Maßnahmen jener hemmungslosen Dilettanten in Mi­nistersesseln, welche den gewaltigen, in seinem Fall alles zer- trümmernden Fels der Inflation ins Rollen brachten! Wer trägt es .jenen Buben nach, die in der furchtbaren Zeit der Jahreswende 1918—19 das Staatsgut verschleuderten und damit Rentner und Hausbesitzer, den alternden, fleißigen und sparsamen Mittelstand zu Bettlern und Verzweifelten machten. Es jährt sich wieder diese Zeit des Unrechts, ohne daß bisher in Deutsch­land, dessen Nationallicd Treue und Ehre besingt, jenen Aerm- sten, die im Gegensatz zu anderen Volksklassen ihr Unglück ohne Murren tragen, Gerechtigkeit und Schadensersatz zuteil wurde. Mögen die Wahlen jedes Opfer dieser Ungerechtigkeit aufrütteln und denen die Stimmen zuführen, die für wahre deutsche Ehren­haftigkeit und Wiedergutmachung, — nicht nur mit Worten! — eintreten. Möge der Hausbesitzer daran denken, daß — um ein Beispiel anzuführen — in seiner 10 Zimmerwohnung irgend ein hoher Beamter wohnt, der heute ein Friedensgehalt bezieht und dennoch nur 860 Mark für die Wohnung zu zahlen braucht, welche vor dem Kriege 2000 Mark erbrachte. Hierbei ist zu bedenken, daß eine allgemeine Teuerung seit 1914 einsetzte, welche selbst lebenswichtige Dinge, wie Fleisch um über 50 % im Preise steigen ließ. Nur die Wohnungsmiete, — doch gewiß auch von eminenter Wichtigkeit, — hält man künstlich nieder zum größten Schaden des Hausbesitzers. Während sich also auch lebenswich­tige Dinge, wie Fleisch und Getreide, im Preise nach dem Ver­hältnis von Angebot und Nachfrage richten, glaubt man be­züglich des Mietraumes der natürlichen Preisbildung Fessel an­legen zu können, ein Vorgang, der neben größter Ungerechtigkeit auf die Dauer ungeahnte Mißstände zeitigen wird. Es zeigt schon jetzt sich, daß die Nachfrage natürlich damit nicht befriedigt werden kann, daß die tauglichen Wohnräume durch diese Miß­wirtschaft sich vermindern und daß der soziale Friede noch mehr als bisher gestört wird. Daß der Mieter im Dezember vorigen Jahres gar nur den 27. Teil der Friedensmiete zahlte und dabei dem Hausbesitzer noch die Jnnenreparaturen überließ, dürfte sich jede dieser Jnflationshyänen beschämend noch eingestehen, sofern ihr der Empfang dieses Zwangs-Geschenkes von dem ihr meist fernstehenden, durch die Not der Zeit gebeugten Hausbesitzer peinlich ist. Der Hausbesitzer, der fein übriges Vermögen und damit Einkommen, wie jeder Rentner zumeist verloren hat, kann mit der Miete in der Hand verhungern, denn er darf nach den Mustergesetzen unseres Eldorados der Freiheit das Geld nicht für einen Laib Brot für sich verwenden, sondern muß Außen- und Jnnenreparaturen besorgen, die dem Mieter für solche fürstlichen Zahlungen die Wohnungen recht bequem machen. Statt diese Pfennige für seinen Lebensunterhalt zu verwenden, muß der Hausherr das Geld dem Schuhmacher und Schreibwarenhändler Zufuhren, da der Staat den Hausbesitzer zum unbezahlten steuer-

eintreiber mißbraucht und ihm dadurch Mühen und Ausgaben verursacht, die Kluft zwischen beiden Parteien vergrößert und dadurch seinem Ziel der Verstaatlichung des Wohnraumes mit Hilfe dieser hinterlistigen, unwürdigen Mittel näher kommen will. Hat nun der Mieter einer obgenannten Wohnung mehrere Zimmer vermietet, so macht er natürlich auf Kosten des Haus­besitzers ein gutes Geschäft. Er wohnt meist nicht nur frei, son­dern erhält oft noch mehr Geld von seinen Aftermietern, als er zu zahlen braucht, während der Hausherr nicht kündigen kann, sondern zusehen muß, wie die Abnutzung seines Eigentums durch die Vielzahl der Einwohner fortschreitet. Allerdings haben und hatten jene Inhaber großer Wohnungen es nicht nötig, Unter­mieter zu nehmen, da sie heute meist' hohe Gehälter beziehen und nur wenig für die Wohnung auszugeben haben, während jenen Bevorzugten des Staates auf Kosten der Rentner in der Jnfla- ! tionszeit — der Zeit der größten Not — die Gehälter im Voraus ‘ bezahlt wurden, wozu alsdann noch Entwertungszuschläge I gewährt wurden. Diese Zahlweise und Bewilligung (im Ver- ! gleich zur allgemeinen Not) allzu splendider Grundgehälter kon- I trassiert, furchtbar mit dem Verhalten des Staates seinen Elau- ! bigern, den Rentnern, gegenüber. Nehmen wir als Beispiel I einen Kaufmann an, der sich 20 000 Mark ersparte und sich zur ; Ruhe setzte. Dieser erhielt noch im Juli 1923 aus seinen Staats- i anleihen 8 000 Papiermark — etwa 1 Goldmark Zinsen, ; während ein Beamter, der z. B. 1914 6000 Mark Gehalt bezog, i nun Milliarden einstreichen konnte. So kommt es, daß man auf ! der einen Seite im Sommer 1923 gefüllte Badeorte, gut be­

schäftigte Modesalons, gut besuchte Theater etc. sah, während die Gläubiger und Opfer des Staates Hungers starben und infolge Verzweiflung die Irrenhäuser füllen, da es — wie ein Darm­städter Beispiel lehrt - einem ehemaligen Millionär nicht mehr möglich war die Unterhaltung des Grabes feines Kindes zu : zahlen. Noch grotesker wird diese Ungerechtigkeit, wenn man der ; Gesetze gedenkt, welche den Vormund zwangen, für sein Mündel : sichere Werte gegen sogenannte mündelsichere deutsche Schnldver- ■ schreibungen umzutauschen: „Werte", bei denen das Papier der Schuldverschreibung zu mancher Zeit das Wertvollste war.

■ Es liegt auf der Hand, daß hier Aenderungen eintreten müssen und daß diese Schäden vergolten werden müssen, wollen wir nicht aus der Reihe der Kulturstaaten schwinden. In jener Zeit des Unwertes aller Obligationen, der dadurch herbeigeführt wurde, daß jeder diese Stücke gegen Aktien tauschen wollte und der Rent­ner zum Lebensunterhalt seinen Besitz für ein Dutterbrod ver­kaufen mußte, wäre es bei gutem Willen dem Staat möglich ge­wesen, im Wege des Kaufes die Kriegsanleihen für einen Pfen­nig pro 100 Mark teilweise aufzukaufen und so der Spekulation einen Riegel vorzuschicbcn. Es ist unverständlich, warum da­mals der Finanzminister nicht Kaufaufträge an die Börsen ge­

langen ließ.

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