Siegener Bett mist
I (Neueste Nachrichten) ^mg^ (Gießener Tageblatt)
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Druck der Gießener Verlag-druckerei, Albin Klein.
Verlag der „Gießener Zeitung" in Gießen.
Nr. 83. Telephon Nr. 1362.
Samstag, den 19. August 1922,
Lelep h on Nr. 1 t62.
35. Jahrg.
Die Persönlichkeit im Wahlkampf.
DaS neue Retchstagswahlgesctz, daS jetzt dem Reichs- rat zugegangen ist, beschränkt sich auf die Bildung des WahlkxetSverbandeS Berlin und eine Reihe mehr technischer Einzelheiten. ES muß aber bei dieser Gelegenheit die Frage aufgeworfen werden, ob nicht das bisherige provisorische Retchswahlgesctz vom 27. April 1920 einer umfassenderen Nachplüsung unterzogen werden muß. Beizuvehalten sind die Grundlagen des bisherigen Utr biltnlswahlrtchtl, das automatische System, wonach auf je 60 000 Stimmen ein Abgeordneter entfällt, und die Aufrechnung aller Reststimmen durch das ganze Reich hindurch. Aber in der praktischen Autgruattung des Systems treten von Wahl zu Wahl deutlicher Mängel hervor, denen ohne Aenderung dcs Grundcharakters des Gesetzes abgeholfen werben kann.
Die jetzigen sogenannten Wahlkreise sind für die Bearbeitung viel zu groß. Sie umfassen halbe oder ganze Provinzen und Länder, und es ist den Kandida ten dadurch eine Arbeitslast zugemutet, die sie einfach nicht bewältigen können. Es ist ihnen unmöglich, auf die kleineren Plätze, namentlich auf das platte Land zu kommen; sie arbeiten extensiv, nicht aber intensiv, sie lernen Land und Leute nicht kennen; und diese Art dec Wahl begünstigt in unerfreulicher Weise die mit allgemeinen Redensarten arbeitende Agitation.
Das jetzige System geht von dec Voraussetzung aus, daß das ganze riesige Gebiet eines solchen „Wahlkreises" mit seinen Hunderttausenden von Stimmmen als ein einheitliches Ganze zu betrachten sei, und daß dah.r die vielen von der Partei auf einmal aufzustcllcndcn Kandidaten für das ganze Gebiet zu gelten hätten. Was war die Folge davon? Alle einzelnen Gegenden der Wahlkreise, alle BerufSgrvppen meldete ihre Ansprüche auf Kandidaturen an und drohten den Parteileitungen mit Sabotage, falls sie nicht berücksichtigt werden würden. Der kleine Lokal- und BcxussegoiSmuS schlug hohe Willen. Auf die Kandidatenliste kamen Persönlichkeiten, die alS Etnzelb Werbc nie aufgestellt worden wären, die aber in der großen Lifte, an 5. oder 8. Stelle, mit durchgcschleppt wurden. Politischen Persönlichkeiten, na. mentüch hoffnungsvollem Nachwuchs, der aber keine berufnen oder lokalen Beziehungen hatte, wurde cs immer schwerer, zu aussichtsvollen Kandidaturen zu gelangen. Die Gefahr wuchs, daß gerade in einem Zeitalter, in dlm die ©taatßfoubiieittät vom Volke und durch die Volkswahl in hoh-m Maße vom Reichstage auSgeübt wird, das Reichsparlament ein Saal der Mit* telmdtllgkeiten wurde und sich im Laufe einer längeren Sitzungsperiode infolge des Nachrückens der auf dec Ltste sehenden Kandidaten mehr und mehr von dem Ideal entfernte, daS die Weimarer Verfassung gesetzt hat. Diese gefahrdrohende Entwicklung aber scheint eine unentcinn bare Folge dcs ungeteilten Wahlkreises und dec dadurch bedingten langen Liste von Kandidaten zu sein.
Warum kommt man nicht auf die einfache Idee, diese großen Wahlkreise zwar an sich zu belassen, wie sie sind, aber sie zum Zwecke des Wählens tn kleine Stücke zu zerlegen, in denen dann immer nur ein Kandidat dec verschiedenen Parteien kandidiert? Die Verhältniswahl bedingt als solche große Wahlkreise; benn nur in solchen kann sich der verhältnismäßige Anteil dec Parteien vernünftig auSwirken. Die Verhältniswahl bedingt aber nicht, daß dieses große Stimmgebiet als ein unteilbares Ganzes betrachtet und behandelt wird; man kann es für die Zwecke der Wahl in Stücke zerlegen und dann für die Ausrechnung des Wahlresultats diese Stücke wieder zusammenfügcn Die Kandidatenhäufung auf einer und derselben Ltste führt zu ungesunden und auf die Dauer unerträglichen Verhältnissen. Die ersten Leute auf der Liste sind unter allen Umständen gewählt, selbst wenn ihnen wcite Kreise der Wählerschaft der eigenen Partei fremd oder gar ablehnend gegenübccstehen; was später kommt, ist Ballast, und die Wähler fühlen sich verspottet, wenn an diesen Stellen jemand stcht, für den sie sich mit Wucht einsetzcn möchten, dec aber nach Lage der Dinge doch nie gewählt sein kann. Du dem jetzigen System liegt daher ein undemokratischer Zug
Man kann aber die volle Demokratie Herstellen, wenn man den grossen Wahlkreis in kleine handliche Glnxelstlmmbezlrke Zerlegt und jedem dieser Bezirke nur einen Kandidaten gibt. Die Stimmen atlec Kandidaten der Partei in den vcrschict enen Bezirken werden dann Zusammengezählt, durch die automatische Z'ffec — also jetzt 60 000, diese Ziffer könnte wohl bleiben — geteilt, und die dann der Partei zustehend.n Mandate fallen an diejenigen Bewerber, die für ihre Pa ' . „ '-
bezirken am besten abgeschnitbn haben. .Der Bewerber mit den meisten Stimmen unter den Bewerbern seiner eigenen Partei erhält das erste dec Partei zufallende Mandat usw. Stirbt ein Abgenordneter im Laufe der Sitzungsperiode, so rückt derjenige Kandidat nach, der mit seiner Stlmmcnzahl an dec nächsten, biShec noch nicht berücksichtigten Stelle steht. Glaubt eine Partei, daß sie M'hc Kandidaten braucht, als im Wahlkreis Stimmbczirkc vorhanden sind, so bleibt es ihr unbenommen, neben den einzelnen Bewerbern noch eine weitere Liste aufzustellcn.
Im Wesen bleibt es also ebenso wie beim bisherigen System: eine Partei stellte im Wahlkreis eine Liste von 10 Personen auf, die angeblich die Kandidaten des ganzen Wah-kceifes waren; jetzt soll dieselbe Partei, wenn sie will, ebenfalls z hn Kandidaten für denselben Wahlkreis bringen, nur mit dem Unterschied, daß jeder einzelne dieser zehn sein besonderes Arbeitsgebiet für sich hat und nur dort für sich — und damit gleichzeitig für, die Gesamtpartei — Stimmen wirbt. Eine Partei, die infolge ihrer Größe glaubt, eine Liste mit 15 Kandidaten bringen zu müssen, besetzt nunmehr die zehn Einzel- stellen ebenfalls mit je einem Kandidaten und bringt darüber^hinauS noch eine kleine Liste von fünf Persönlichkeiten.
Also in der Theorie dasselbe — im Effekt ein gewaltiger Unterschied! Denn die Persönlichkeiten in den Einzelstimmbezirken müssen nun wirklich ^wieder — Persönlichkeiten sein; sie sind mehr oder minder auf sich selbst gestellt, sie haben die Grundsätze dec Partei im Wahlkampfe zu vertr-.tcn, sie haben die Angriffe dec Gegner abzuwehren. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß die Parteien unter diesen Umstanden gezwungen sind, ihre wirklich führenden Persönlichkeiten — aller Berufe und aller Gegenden — als Bewerber: in den Einzelb.» zicken aufzustellcn. Diese Männer und Frauen können intensiv arbeiten, sie können sich unter Umständen mit eigener Kraft ein Mandat zimmern und damit zugleich der Gcsamtp.artei nutzen
Wir glauben, daß cs Sache aller Parteien wäre, in der Frage dcs endgültigen Wahlrechts voranzugchen und sich für Gcundsätze zu erklären, die sich ungefähr in der Richtlinie bet obigen Darlegungen bewegen. Wir fürchten auch, daß ein Fortbestehen des jetzigen Systems mit seinen langen Kandidatenlisten einer allmählichen, aber stetigen Zunahme der Wahlmüdigkeit führt. Dec Wähler will bei der Ausübung feines höchsten StaatS- bürgecrechts nicht eine Liste, sondern eine Persönlichkeit.
Hessen als künftiger Kriegsschauplatz.
Main? In jedem Heft der „Revue Miletaire Francaise", der „Revue d'Jnfantecte", der „Revue d'Ac- tillerie" und anderer ähnlicher Zeitschriften werden die Ergebnisse des großen Krieges besprochen und ausgewertet. Ein besonders deutliches Beispiel der neuen französischen Militäc-Schriftstellerei enthält ein Aufsatz in der „Revue Militaire Francaise" vom 1. März 1922, eine „Studie über ein System der Artillerie" des Oberst- leutnant Muffel, der sich mit den Erfahrungen des Weltkrieges in Bezug auf die Verwendung dec verschiedensten artilleristischen Systeme beschäftigt und zu einem auch für Deutschland interessanten Ergebnis kommt. Muflrl gelangt zu dem Schluffe, daß die französische Artillerie noch dreierlei Ergänzungen nötig habe: Eine Begleitartillerie, ein langes Geschütz und eine leichte Feldhaubitz^. Die Notwendigkeit diesec leichten Feld- haubitze wird damit begründet, daß der nächste Krieg, den Frankreich zu führen habe, voraussichtlich Hessen, die Pfalz, den Caunus, den Odenwald, den Kunsrück und die Ardennen zum Schauplatz haben werde, und daß daS heutige französische 75 - Millimeter - Geschütz wegen seiner zu großen Rasanz für diese Kampfgelände nicht geeignet sei; die gestreckte Flugbahn wü.de es nicht er Tauben, hinter die stärker geböschten Anhöhen zu fassen, die in jener Gegend häufig sind und sogar erh-bliche^ Steilabfälle aufwcisen.
Der Ohrt der ßandwerksarbeli
Von Reichskunstwart Dr. Edwin Reds lob.
Gute Arbeit wird nur geleistet, wo Wissen und Können sich die Wage halten. Sobald das Wissen gegen
über dem Können einseitig wte„t, tritt eine Stagnierung ein. Dieser Gefahr ist daS 19. Jahrhundert vielfach unterlegen. Man verlor das Verständnis für das Entstehen der Dinge und kümmerte sich nur um ihre äußere Erscheinung. ES kam beispielsweise bei einem Schrank weniger auf die Qualität und werkgercchte Behandlung des Materials an, als vielmehr darauf, daß sein Zierrat historischen Sentimentalitäten oder dec Sucht zu modischen Neuerungen gehörig Rechnung trug. Dec Ent- wurfszeichnec wurde über den Meister gesetzt. — Unter dieser ästhetisierenden Einstellung, welche bte letzten und feinsten Fragen des Geschmacks vorwitzig an den Anfang stellte, hatte vor allem der Handwerker zu leiden. Statt Arbeit zu würdigen, die auf der gediegenen Grundlage technischen Könnens zu höchster Durchbildung und Vollendung gelangt, wollte das Publikum Schnörkel und Beiwerk.
Heute hat sich eine Aenderung durchgesctzt. Wir sehnen uns wieder nach handfestem Können und begreifen, daß nicht das „Was" der Ornamentik, sondern.das „Wie" der Arbeit den Wert eines Stückes ausmacht. Auch sieht man ein, daß auch dem Großbetrieb Meister- arbeit nötig ist, weil dec Handwerker als Hüter und Entwikler von Können und Materialkcnntnis der beste Lehxer des Nachwuchses ist. Man begreift auch, daß man erfolgreich nur da typisieren und normieren kann, wo die experimentelle Arbeit des erfahrenen Handwerkers borauß^gofigen ist. Man begreift also, daß die Echal- tuug bet Tradition und damit die Erziehung eines ge- funden Nachwuchses davon abhängt, ob sich das Handwerk -wieder zu künstlerischer Gesinnung durchrtngt. Es will scheinen, als ob wir aus der Periode heraus wären, in der das Handwerk sich genötigt sah, die Industrie zu unterbieten. Das Handwerk muß bewußt nach Höchstleistung streben, denn infolge der Erfahrungen bet letzten Jahre bringt im Publikum die Einsicht durch, ^daß ein handgearbeitetes Stück bereits prinzipiell mehr wert ist als ein Massenartikel. Nicht zuletzt «rbreitete die Auffassung der Künstler sowie die Tätigkeit der Sammlec und Forscher ein neues Verständnis für die geheimnisvolle Kcaft des handgefertigten Stückes wie für das Geheimnis der Lebenswärme, die nur aus bet Hand, nicht aber aus der Maschine zum Menschen zu strömen vermag. DaS Streben der kommenden Zeit geht daher nicht nach einer Vermengung von Industrie und Handwerk, es geht nach klarer Scheidung. Norm und Typus sind die Forderungen, die wir an die Industrie stellen. Höchste Wertsteigcrung des Materials, Beseelung und inneres L^ben aber werden mehr als je vom Handwerker erwartet.
Diese Gesundung führt gleichzeitig zu einer Abrech, nung mit den Verfallserscheinungen des Handwelks. Vor allem warnt sie jeden Meister davor, mehr Verkäufec als Gestalter sein zu wollen und die Verbindung mit dem Künstler und dessen schöpferischem Willen nur als Festdckoration, nicht aber als ernste Verpflichtung aufzufassen. Wir brauchen die Abkehr des Handwerkers von dec materiellen Auffassung, die ihn seine Arbeitsmethoden zu sehc auf Verkauf einstellen und damit zum kleinen Zwischenhändler werden ließ. Wir brauchen Handwerker, die bewußt und stolz das Können ihres Volkes in festen Händen über die Krisen der Zeit hinüberretten, Männer also, die ihren Arbettsbetrieb nicht als Laden, sondern als Werstatt auffassen, und die darum ein Recht haben, sich „Meister" zu nennen.
Verantwortlich: Albin Klein. Gießen.
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