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Nr. 70
Telep hon: dir. 36*2.
Samstag, den 30. August 1913
Telephon dtr. 862.
25. Jadro
Weisung : und Land
ihrl. 2,10 ciefträger. W gegen nnig
Sedan.
Der größere Teil des Geschlechts von heute besteht aus Menschen, die vor 43 Jahren noch nicht geboren waren. Ihnen kann Sedan nicht ein Erlebnis sein, sondern nur ein Ereignis, ein weltgeschichtliches zwar, das al>cr der Vergangenheit angehört. Wollen sic sich einigermaßen vergegenwärtigen, was Sedan in jenen Sturr- den bedeutete, in denen es weltgeschichtlichen Inhalt und Klang erlangte, so müssen sie sich in die Seele derer verfemen, die Sedan erstritten und als Zeitgenossen erlebt haben. Die Erinnerung selbst an so Großes wie Sedan, das in Jahrhunderten einem Volke bloß einmal
so es behaupten ! Das war eine Mahnung, die an diesem Abende sich von selbst aus die Lippen legte. Auf ein kurzes, freies, von Lob und Dank überströmendes Gebet folgte Vaterunser und Segen, und hierauf erscholl aus beinahe 12 000 Kehlen und doch wie aus einem Munde ein gewaltiges, zum Abendhimmel emporsteigeu- des: „Nun danket alle Gott!" Wer es dort hat mitsingen dürfen, auf den Höhen hinter Givonne, der wird es sein Leben lang nicht vergessen, und ich bin seitdem
43 Jahre hindurch bis zum heutigen Tage beschicken worden. Wie er ins schier Unermeßliche fort gewirkt hat, das ist uns besonders in diesem Jahre des rückschauenden, Vergangenes und Erlebtes zusammenfassenden Ge
dächtnisses zum Bewußtsein gekommen.
Sedan -
: der neueste I deutschen mOiilpteda
lerstraße 8
i| ü'ieii wird, erblaßt allmählich; die für so Großes Em- Ißchänglichen können sic indes auffrischen, wenn sie die » Gefühle und Gedanken auf sich wirken lassen, die der
von hat, und lich hat
manchem, der längst des Königs Rock ausgezogen daraufhin angeredel worden, daß ihm diese Stunde der Dankgottesdienst am 2. September unv ergeh - geblieben sei." Ein Felddiakon, Dr. Karl Pitschker, die unmittelbaren Sedaneindrücke also geschildert:
fegen kann uns auch sürderhin nicht verloren gehen, wenn wir uns mit allen Kräften mühen, das Große, was wir von unseren Vätern ererbt haben, zu erwerbe n, um es wirklich zu besitzen; wenn wir in treuer, rast loser Arbeit, im Stilen derer, die sich zuerst den Sedansegen erkämpft haben, um diesen Segen ringen, also daß er auch uns, den Nachgeborenen, als ein neu verdientes uüd darum unverlierbares Besitztum zu eigen werden und bleiben muß.
Lind nick des Erfolges von Sedan unmittelbar ausge- :lost hat.
Zuerst und zu allermeist ist es der Gedanke an Lottes Führung gewesen, den Sedan vor 43 Jahren ^hcrvorgerufen hat. König Wilhelm von Preußen, der P erst berufen war, zu sagen, was Sedan bedeutete, hat e\ mit dem unvergeßlichen Worte ausgesprochen: „Welch eine Wendung durch Gottes Führung!" Wie sein König empfand Bismarck, als er am 3. September an seine Krau schrieb: „Es ist ein weltgeschichtliches Ereignis, ein Sieg, für den wir Gott dem Herrn in Demut danken I wollen, und der den Krieg entscheidet, wenn wir auch (enteren gegen das kaiserlose Frankreich noch fortführen
müssen." So unaussprechlich Großes über alles Er- worten und Enneffen hinaus war vor Sedan geschehen, DaR cs selbst die Sedausieger, welche alle ihre Kräfte . eingesetzt hatten, sich in Demut als die von Gott Ge- rten und Gesegneten fühlten. Daß der Name Sedan L fortab etwas Unvergleichliches künde, dessen ward sich v. Blumenthal, der spätere Generalfeldmarschall, be- I Mißt, als er unter dem 1. September in sein Tagebuch IM Worte verzeichnete: „Ein Ereignis, wie die Ge-
sânchte wohl kaum ein zweites auszuweisen hat."
Der bekannte evangelische Geistliche Bernhard Rogge hielt als Felddivisiünspfarrer am 2. September auf dem Schlachtfelde abends einen Gottesdienst ab, worüber er berichtet hat: „Dies ist unser, so laßt's uns halten und
ß" " .......... ——■
„Unsere damaligen Gefühle lassen sich nicht beschreiben, — so etwas muß man erlebt haben. Geweint, gelacht, geherzt, getanzt, gesungen, getrunken, Hurra geschrien — alles dies haben wir in einem Atem gemacht. Dieses Ereignis war ein zu unmittelbarer und deutlicher Fingerzeig Gottes, als das nicht auch dem Gedankenlosesten ein dankbares Gefühl und eine Ahnung der über den menschlichen Geschicken waltenden Gerechtigkeit übettom- men wäre."
Wie draußen im Felde von den Kriegern, wurde Sedan in der Heimat begrüßt. Als die wundersame Kunde: „Napoleon und seine Armee geschlagen und gefangen !" durch die deutschen Lande stog, da wurde die Seele des deutschen Volkes von einer so einigen Begeisterung bewegt, wie nie zuvor, und deutsche Vaterlandsliebe und deutscher Vaterlandsstolz erhoben sich zu einer Höhe ohne Gleichen. Wie sein greiser Heerführer gab Alldeutschland zuerst dem Allerhöchsten die Ehre. „Der
Politische Rundschau
Deutschland.
* Der Kaiser wird vom 16. September an längere Zeit in Cadinen Aufenthalt nehmen und zwar vor seiner Reise nach Dominien und Königsberg. Auch der Marienburg wird der Kaiser einen Besuch abftatten.
* Berlin. Der Kaiser hat am 23. ds. Mts. folgendes Telegramm an Kaiser Franz Josef gerichtet:
Mit herzlicher Teilnahme höre ich soeben, daß Vizeadmiral Graf LanjUs seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Ich betrauere mit Dir den Verlust dieses Offiziers, der Treue im Dienst bis 3am Tode bewies. Ich werde meiner warmen Teilnahme Ausdruck geben, inbem ich mich durch Major von Kageneck bei der Be-
Herr hat Großes an uns getan“, fang der Dichter, „Ehre und Vatersväter
sei Gott in der Höbe!" Was Vater
vergeblich ersehnt hatten, rückte das Sonnenlicht des Sedansieges in helle, greifbare Nähe. Was König Friedrich Wilhelm 4. von Preußen geweissagt hatte, daß „die deutsche Kaiserkrone nur aus dem Schlachtfelde errungen werden könnte", war durch Sedan erfüllt; dessen waren alle gewiß. Sedan gab die Losung: „Kaiser und Reich!"
Dem Segen Gottes hat Kaiser Wilhelm der Große Sedan zugeschrieben. Dieser Segen ist unserem Volke
erdigung vertreten lassen werde.
Wilhelm.
Darauf ist folgende Antwort des Kaisers Franz Josef einge-gangen:
Tiefbewegt ob der besonders teilnahmsvollen Worte, welche Du anläßlich des Ablebens des Vizeadmirals Grafen LanjUs an mich zu richten die Güte hattest und die mir und meiner Kriegsmarine angesichts des erlittenen schweren Verlustes einen wahrhaft wohltuenden Trost gewährten, bitte ich Dich, hierfür und für die Entsendung des Flügeladjutanten Grafen von Kageneck,
reicht! ff eg 83 on 362
Nach dem Sturm.
Erzählung von Erull Frank.
(Nachdruck verboten.)
Zum erstenmal spürte der alte Verwalter — der frei
kich noch gar iüd)t so all Oöden sich noch traute
war — daß auch in seinem Stimmen regten, daß dieses
Fräulein Benken ihm lieber geworden sei, als er selbst geglaubt hatte. Aber dann lächelte er über solche fugens llche Anwandlungen, wie er diese Gedanken nanmL Ars er schob die Bilder in Rahmen, die e^bei irgend einer Gelegenheit erworben und bis jetzt in einer Schublade des Schreibtisches ein verborgenes Dasein gefristet I hatten. Jetzt sollten sie wirken. Die Bilder sollten chn - tat seine Pflicht mahnen, die er freiwillig übernommen I v Atte, sie sollten ihn ermutigen, wenn er schwach werden h iDonter *
■ p"' Jatt èojfâ zögerte nicht lange, die Aufträge seines I Herrn auszuführen und die von ihm empfohlenen Pläne * zu realisieren. Das machte viel Arbeit, aber davor " scheute er nicht zurück. Und als dann nach einigen - Wochen ein dicker Brief aus Tatischan ankam, da war ex gar froh und glücklich. Denn in diesem Brief standen gar schöne Sachen. Da war Nummer eins ein langes Schreiben des Grafen, der sich sehr zufrieden mit den Erfolgen seines Verwalters erklärte. Nummer zwei war ein Brief von Jadwiga. Die berichtete gar viel schöne und lustige Neuigkeiten, und Jan Sojka lächelte ’ g erührt, während er den Brief las.
Slawa wußte bei weitem nicht so viel zu erzählen. Das Schreiben war ihr noch ein wenig sauer. Das k onnte man ihren eckigen Schriftzügen anmerken. Auf I Ker zweiten Seite befand sich auch ein Klecks, und Jan Sojka konnte sich das trübe Gesicht Slawas wohl vor- süellen, als sie diesen Verstoß gegen die Regeln der Aef- Hf begangen hatte. Auch Slawa erzählte von den schönen Geschenken, von Großmama und Großpapa, die gar
lieb und gut waren. Zuletzt schrieb sie: „Wenn Dein Jan nach Hause kommt, dann grüße ihn schön."
Das freute nun den Verwaller ganz gewaltig. Ebenso erfreuten ihn auch die wenigen Zellen seiner Freundin Fräulein Benken, die als Postskriptum zu Slawas Brief einen herzlichen Gruß anfügte. Sie gebrauchte dazu eine ganze Sette. „Wir freuen uns alle, bald wieder nach Krzemien zurücÜehren zu können. So schön es hier auch ist, so haben wir Krzemien doch nicht Mgessen, und wir plaudern gar oft mit den Kindern von Ihnen, lieber Herr Sojka. So schrieb Fräulein Sentern
Aber der Sommer ging hin, der kleine Jan kam aus Lemberg in die Ferien, und er war arg enttäuscht, als er die kleinen Comtessen nicht antraf. Jetzt machten chm die Ferien nur noch halbe Freude. Sonst, ja, da war noch Vergnügen dabei! Er war zwar fünf Jahre älter als Jadwiga und acht Jahre cllter als Slawa, aber das hatte ihre Harmonie nicht iw geringsten beeinträchtigt. Dieses Mal aber tonnte Jan Sojka junior sehen, wie er sich selbst die Zeit vertrieb. Seine lustigen Freundinnen halfen chm nicht, höchstens kamen sie ihm in der Erinnerung zu Hilfe. So ging das die ersten Ferientage. Dann aber ging der aufgeweckte Knabe, der zur großen Freude seines Vaters immer Primus seiner Klasse war, auf Entdeckungen aus. Einige alte Bücher reizten ihn. Da war auch eine Beschreibung der drei Reiche der Natur, und Jan Sojka erwählte das Pflanzenreich und studierte in diesen einsamen Tagen gar eifrig das Buch, noch eifriger die Natur selbst, und seinem Herzen ging zum erstenmal ein Ahnen von chren wunderbaren, mannigfaltigen Schönheiten auf, eine tiefe Liebe zur Natur kam damals über chn, und er blieb dieser-Liebe treu sein Leben lang.
Nach langer Pause kam aus Tatischan neue Nachricht. Ter Graf schrieb geschäftlich, die Kinder herzig und Fräulein Beulen marschierte wieder am Schluß.
Jadwiga berichtete vom lustigen Leben in Tatischan, wo augenblicklich viele Gäste weilten, unter anderem auch eine Tante aus Deutschland, die gar lieb mit ihnen sei, und die häufig mit Papa Billard spiele.
Fräulein Benken erzählte, daß zu ihrem großen Leidwesen der Besuch länger dauern würde, als ursprünglich geplant war. Der Graf habe sich entschlossen, sie mit den Kindern auch während des Winters in Tatischan zurückzulassen. Was er eigentlich in dieser Zett anfangen wolle, sei ihr natürlich unbekannt.
Jan Sojka war arg enttäuscht. Also auch im Winter sollte er einsam sein! Und er hatte sich so sehr darauf gefreut, die Dämmerstunden zu verplaudern, wie voriges Jahr.
Der Herbst kam ins Land, der räumte gar rasch unter den Schönheiten des Sommers auf, rüttelte an allem, schüttelte dürres Laub herab, knickte, was morsch und müde war und sang mit düsteren Melodien die Erde in Schlaf. An einem dieser Tage wars. In Strömen rann der Regen zur Erde nieder und bildete Pfützen und Bächlein. Da rückte ein großer Reisewagen in den Krzemiener Park ein, rollte am Verwaltershaus vorbei — doch das war leer und die wehenden Tüchlein aus dem Wagen fanden keine Beachtung. Weiter gings bis vor das Schloß. Eine ganze Gesellschaft kam nach und nach aus dem Wagen heraus, und den vier Pferden dauerte die Pause fast zu lange. Erst sprang Graf Warminski heraus und fast gleichzeitig sah man etwas Zappeliges, in Tücher Gehülltes, und das war natürlich Jadwiga, die an dieser Reise trotz des schändlich schlechten Wetters eine gewaltige Freude hatte. Die übrigen Insassen folgten nach und nach: der junge Fürst Demeter Bogdan, Fräulein Benken und Slawa. Der Aufenthalt im Freien war nichts weniger als angenehmrasch eilten die Ankömmlinge ins Schloß.
(Fortsetzung folgt.)