Einzelbild herunterladen
 

Gießener Jeitnng

Bezugspreis 25 Pfg. monatlich

vierteljährlich 75 Pfg., vorau-zahlbar, frei inS HauS. Abgeholt in unterer Expedition ober in den Zweig. cruSgabeftellen vierteljährtich 60 Pfg Erscheint Mittwochs und SawstagS. Redaktion: Geller-. weg 83. Für Aufbewahrung oder SHirfienbintg nicht verlangter Manuskripte wrrd mcht garantiert Verlag der Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Expedition: Seltersweg 85.

An$cigenprtis 15 psg.

die 44 mm breite Petitzeile für AuSwärlS 90 Pfg. Die 90 mm breite Reklame-Zeile 50 Pfennig Extrabeilagen werben nach Gewicht und Grätz*, berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung de- Zahlung-- ziele- (30 Taget, bei gerichtlicher Schreibung ober bei LonkurS in Wegiall. Playoorschrisicn ohneBerbmdlichteit. Dr»ck der Gießener VerlagSdrnckcrci, Albin Mein.

Nr. 52

telep hon: Nr. 362.

Samstag, den 28. Juni 1913.

Telephon Nr. 862.

25. Jahrg

errn Zeit ^z. dhlbachtal. izumStein. lieb

r

Me^lit. Rauch, Wiesbaden. deutscher w i Schloss, hen.

tspielaiHjcÄBa 1 an der Staut.

clever 5

<Sladl SVoisau.

Wissensch.^ iMkniit. rGenorrMr- QUSS) ODd^pllilh M ohne Einspr., 1 Isst, OllU»' j , Brosch. 3 ^' F [. 1.20. Sp*| Thisqueii'?. h 1 iss Heilvech 1 kfurta.MJ: 45, Köln a. BL ihausen 9. Berik ipzigerstrasse M |

Huf dem Wege zum friede».

An der Beilegung des Zwistes der Balkanstaaten wird fortgesetzt mit Hochdruck gearbeitet. Die Absichten des russischen Mirrilte'-L des Aeutzeren gehen in der Hauiptsache nunmehr dahin, zunächst wenigstens die vier Ministerpräsidenten des Balkanbundes zur Fahtt nach Petersburg zu veranlassen, um Einzelbesprechungen mit ihnen herbeizuführen und so eine Grundlage für die Vermittelung zu schaffen.

Eine für die gegenwärtige Lage überraschende Nach­richt, die, wenn sie sich als ttchtig erweisen sollte, nicht freudig genug begrüßt werden könne, bringt das Lon­doner halbamtlicheReutersche Bureau"; danachkann die Gefahr eines Krieges zwischen Bulgarien und Ser­bien jetzt als beseitigt angesehen werden." Es sei zwar noch keineswegs sicher, daß Serbien das Schiedsgencht des Kaisers von Rußland über die bestehenden Mein- ungsvierschiedenheilens bedingungslos annehme, jedoch seien hinreichend bestimmte Zusicherungen gegeben wor­den, so daß man dem Ausgang der bevorstehenden Ver- Handlimgen mit Zuversicht entgegensehen könne. Man habe Grund, zU glauben, daß Serbien ebenso wie Vul­kanen der Aufforderung Ruhlands nachkommen werde, seine Forderungen in einer besonderen Denkschrift dar­zulegen, wenn es dies nicht etwa schon getan habe.

Schließlich muß hier noch eine Stimme der halb - amtlichen WienerAllgem. Ztg." angefühtt werden, die die Stellung der Donaumonarchie zur gegenwärtigen Valkanlage, besonders hinsichtlich der Folgen eines russi­schen Schiedsspruches, erörtert. Das Blatt erklätt, Oe- jtcrreich-Ungarn habe den lebhaften Wunsch, daß der KorrfKft zwischen den Verbündeten endlich einmal ftied- Hd) beigelegt werde. Wie dieses Ziel erreicht werde, könne ihr gleichgültig sein; erst, wenn ein entgültiges Resultat an den Tag treten sollte, werde die Monarchie zur Teilung der von den Verbündeten eroberten Gebiete Stellung nehmen und prüfen, ob dadurch ihre Interes­sen nicht berührt würden; denn es sei selbstverständlich, daß.weber Vereinbarungen der Balkanstaaten unter­einander. noch ein auf Grund dieser Vereinbarungen ge­füllter Schiedsspruch irgendwelche verbindliche Kraft für Lesterreich-Ungarn besitze. Daher sei auch die Meldung, derzufolge der österreichisch-ungattsche Botschafter in Pe­tersburg mit Minister Ssasonow Besprechungen über die Frage der Teilung gepfDogen hätte, durchaus nicht stichhaltig.

vorbei, erklärt aber drohend, daß, falls Bulgarien einen Krieg hervorrufe, die griechische Flotte und das Heer bereit seien, sich der Provokatton entgegenzustellen.

Saloniki, 25. Juni. Das bulgarische Haupt- quartier wurde nach DUbnibca verlegt. Der General - stab und die Oberkommandos der 7. Division, die sich bisher in Doirom befanden,, sind nach Sirumnitza ab­gegangen. Mit dem Generalstab zusammen sind zwei Bataillone des 14. Infanterie-Regiments nach Struim- nitza abmarschiert.

Aus Bukarest wird gemeldet, daß die ru­mänische Regierung, wenn alle Mittel, eine Kriegser­klärung zwischen den Balkanstaaten zu verhindern, er-

schöpft sein vornehmen ken werde, niens nicht sein werde.

werden, sofort die Mobilisierung der Armee und diese über die bulgarische Grenze schik- Man glaubt, daß dieser Entschluß Nuimä- ohne Wirkung aus die Haltung Bulgariens

Ein sich

, WM eiottM

Sofia, 27. Juni. Gestern ist hier die griechische Antwort aus die bulgarische Gegen-Aeußerung zur Frage der Abrüstung angelangt. Die griechische Note geht an bmt bulgarischen Vorschlag der gemischten Besatzung

Politische Rundschau.

Deutschland.

Kiel, 26. Juni. Der Kaiser nahm gestern nachmittag die Meldung des Oberpräsidenten v. Bülow entgegen. Er fuhr dann zu den Flaggschiffen des Ge­schwaders und stattete den Admiralen, darunter dem Großadmiral von Tirpitz und dem Flottenchef v. Jn- genohl, Besuche ab. Auf dem Flottenflaggschiff melde­ten sich beim Kaiser auch die bei der Kieler Woche am wesenden Militärattachees Englands, Frankreichs, Oester­reichs, Japans, Italiens und der Vereinigten Staaten, sowie der Nachfolger des bisherigen amerllanischen Ma- rineattachees. Gesandter v. Treutler traf in Vertretung des Auswärtigen Amtes bei dem Kaiser in Kiel ein.

* B r U n s b ü t t e l k o o g, 25. JUni. Während des gestrigen Regattadiners antwortete der Kaiser auf eine Ansprache des Bürgermeisters Dr. Schröder mit einem Trinkspruche, in dem er zunächst des dahinge­schiedenen Bürgermeisters Dr. Burchardt mit rühmlichen Worten gedachte und schließlich die Rede mit einem Hin­weis auf die Bedeutung des Wassersports mit den Wor­ten beendete: Mein Wunsch ist, daß die nächsten 25 Jahre dieselbe aufsteigende Kurve inne halten mögen. Das kann nur geschehen, wenn der Himmel es zu'läßt, daß wir Uns des Friedens erfreuen wie bisher. Ich trinke auf das Wohl der Stadt Hamburg und auf den Sport auf der Elbe.

Berlin. Der Herzog von Cumberland hat in den letzten Tagen in seinem Gmundener Schloß sämt­liche führenden Mitglieder der Welfenpattei empfangen.

Ueber die Beratungen zum W e h r b e i- t r a g hat nunmehr die Budgetkommission des Reichs -

tages einen Bericht von 168 Seiten im Druck veröffent­licht, dem einige Anlagen beigegeben sind. Diesen zu­folge ist der Ertrag des Wehrbeitrages nach den gefaß­ten Beschlüssen 1000 Millionen Mark, nämlich Wehrbei­trag aUs dem Vermögen 880 Millionen Matt, vom Ein­kommen 80 Millionen Mark, vom Vermögen derMtien- Eesellfchaften 40 Millionen Mark. Diese Zahlen wer­den im einzelnen belegt.

Berlin. Zu den neuen Steuervorlagen sind im Reichstag nicht weniger als 111 Petitionen einge­gangen.

Die zwischen dem Deutschen Reich und Bulgarien am 29. September 1911 abgeschlossenen Rechtsvetträge wurden am 24. Juni ratifiziert und aUs- getauscht, nämlich ein Konsularvettrag, ein Vertrag über Rechtsschutz und Rechtshilfe in bürgerlichen Angelegen - heilen und ein Aüslieferungsvertrag.

Gegen die Aufhebung d ft s Reichs- wertzuwachssteUergesetzes richtete der Vor­stand des preußischen Städtetages eine Eingabe an das Reichsschatzamt, in der er dringend bittet,von jeder Maßregel Abstand zu nehmen, die die Finanzen der Städte schädigt", und beantragt, falls das Reichswett- zuwachssteuergesetz aufgehoben wird, die benachteiligten Gemeinden in vollem Umfang zU entschädigen, etwa durch Ueberweisungen aus dem Ertrage der Reichsver­mögenszuwachssteuer.

* Berlin. Die, sozialdemokratische Fraktion wählte in ihrer letzten Sitzung an Stelle des verstorbe­nen Genossen Kaden, Ledebour in den Frccktions-Vor- stand.

* Zwischen den Vertretern der Nationalliberalen Pattei, der Fottschttttlichen Volfspartei und der Sozial­demokratischen Pottei in Baden ist ein Abkommen da­rüber zustande gekommen, daß bei den im Herbst 1913 stattfindenden Landtagswahien zur Abwehr einer droh­enden klerikal-konffervaliven Mehrheit rein Erohabkom- men für den zweiten Wahlgang abgeschlossen werden mutz.

Schweiz.

* Vern. Die vom schweizerischen Bundesrat an die europäischen Staaten gerichtete Anfrage wegen Ver­anstaltung einer neuen Konferenz über den internationa­len Arbetterschutz wurde von den meisten Regierungen zustimmend beantwortet.

Holland.

* Bei den Stichwahlen für die holländische Zweite Kammer wurden gewählt: 1 Katholik, 1 Antirevolutio­när, 2 Christlich-Historische, 21 Liberale, 5 Demokraten,

beK» eilt Verbindl. Da

M-

IbeSÄ offenen «^ *

D

Die Nachbarn vom Heideland

Roman von Ludwig BUrmcke.

35)

(Nachdruck verboten.)

JS^

Thorö stieß mit ihm an und trank. Es war nichts Auffälliges zu konstatieren. Johannsen mutzte also recht gehabt haben. Aber, noch sind nicht zwei Mi­nuten verstrichen, da verdreht der Müller plötzlich die Augen, wird totenblaß und greift an seine Kehle, als wollte er sich von einer unsichtbaren Hand, die ihm die­selbe zuschnürt, befreien. Dann stürzt er hinaus wie ein Wahnsininiger, schreit und lamentiert, daß es un­heimlich über die Heide schallt. Auch Hendrik empfindet heftige Magenschmerzen und hat das Ge-fühl, als würge ihn jemand. Jetzt wälzt Thorö sich in furchtbaren Kräm­pfen am Boden. Sein Gesicht ist gräßlich verzerrt, die Schmerzen müssen unerträglich sein.

Während Johannsen entsetzt und ratlos die Hände ringt, und der Fischer davonläuft, um Hilfe zu holen, krächzt Hendrik mit teuflischer Schadenfreude:Das wolltest Du mir antun, Du Schurke, aber meine Klug» heit hat mich gerettet, Du mußtest Dein Gift selber trinken."

Da stößt der Vergiftete einen Fluch aus, und seine Schmerzen scheinen an Heftigkeit noch zuzunehmen.

Der Eichhofer, Lorenzen und Lehrer Holm sind die ersten, die da herbeieilen.

Helft mir, ich ersticke, es brennt wie höllisches Feuer in mir!" stöhnt Thorö.Ich will alles einge- stehen und gutmachen, wenn Ihr mir helft. O, es ist in mir alles zerschnitten und zerrissen."

Was Hinrichsen in seinem Doktorbuch als Gegen- g-ift für Arsenik findet, das läßt sich nicht in der Eile amftreiben. Der Knecht vom Krug war sofort zu Dok­tor Schröder gefahren. Eine Stunde später brachte man Ä vor Schmerz und Ermattung ohnmächtig gewor-

denen Müller in seine Wohnung und berichtete seiner Gatttn, was geschehen war. Hermine fiel jetzt eine schwierige, ihr recht widerwärtige Aufgabe zu. Der Arzt hatte ihr, nachdem er kräftige Gegenmittel angewendet, anbefohlen, seine Verordnungen strengstens zu befol­gen und den Fransen Tag und Nacht auss sorgfältigste zu verpflegen. Nur so wäre die Möglichkeit, ihn noch einmal gesund zu kriegen, nicht gänzlich ausgeschlossen. Es wäre ihre heilige Pflicht, allen Vergnügungen in dieser Zett zu entsagen und ganz für den kranken Mann zu leben. Nicht einen halben Tag hielt Hermine das aus. Es fehlte ihrem Herzen eben jeglicher Funke von wahrer Liebe. Trotzdem Thorö es durchaus nicht wollte, mußte eine Pflegerin aus Flensburg ihn versehen.

Der Lumpenhendrik war nach acht Tagen vollkom­men wieder hergesteltt. Doch sollte er sich desien nicht lange freuen, denn, als er daS Zimmer zum erstenmal verließ, da wurde er verhaftet. Zunächst in der Ver- gtftungssache vernommen, gestand er, daß er durch wie­derholte Erpressungen 300 Taler von Thorö erhalten. Was er damals an jenem Tezemberabend im Buschwerk der Sandgrube gesehen und gehört gab er nach einigem Zögern ganz genau an.

Als Thorö auf seinem Schmerzenslager nun eben­falls verhört wurde, da stellte sich die Richtigkeit von Hendriks Angaben heraus, und damit war der Beweis erbracht, daß Ewald Lorenzen nur in der Notwehr ge­handelt, somit also für unschuldig gelten mußte.

Der Lumpenheudrik wurde wegen einer Reihe von Schwindeleien zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die er in Schleswig verbüßen sollte. Da ihm das ge­wohnte Maß an Alkohol hier natürlich nicht gewährt wurde, so verfiel er nach wenigen Tagen in Säufer- - Wahnsinn, tobte und lärmte fürchterlich, suchte sich sewer t zu erdrosseln und starb schietzlich nach einigen Wochen in diesem Delirium. Das war das Ende dieses allbe- '

kannten Schwindlers, von dem noch nach Jahrzehnten die unglaublichsten Geschichten in den schleswig- holstei­nischen Landen erzählt wurden. Den Müller Thorö hatte der Tod noch immer nicht von seinen Qualen er­löst. Brennender Durst, ständige Schmerzen, ein un­sagbares Angst- und Beklemmungsgefühl verließen ihn nicht. Sein Körper verdorrte geradezu wie eine Pflanze in der Wüste. Das Leben, das er so sehr geliebt und in so vollen Zügen genossen, konnte ihm auch nicht das mindeste mehr bieten.

Ich entsinne mich aus meiner Kindheit der bibli­schen Geschichte vom reichen Manne und vom armen Lazarus," sagte er eines Tages zu Lehrer Holm, der ihn aus christlicher Nächstenliebe häufiger besuchte.Ge­radeso wie dem reichen Manne, der in seinen Höllen­qualen nach einem Tropfen Wasser lechzte, geht es mir."

Niemand konnte sehnlicher wünschen, daß der Tod ihn erlöste, als Hermine. Wie Dr. Schröder ihr heute zu verstehen gab, daß bei des Kranken zäher Natur die­ses Leben der Qual noch Monate währen könnte, da machte sie sich eines Tages mit einer ansehnlichen Bar­summe und ihrem ganzen Staat auf die Reise nach Hamburg, um dort in Saus und Braus zu leben. Sie fühlte sich hier bei ihrem Gatten vollkommen überflüssige

Das hatte zur Folge, daß Thorö, außer sich über diese Lieblosigkeit, den Rest seines Vermögens in seinem Testament Leuten vermachte, die wahrlich nicht daran gedacht hatten. Sogar der Lehrer Holm wurde mit einigen hundert Talern bedacht. Endlich nach dreimonat­lichen Qualen wurde der Kranke von seinen Schmerzen erlöst. ,

(Fortsetzung folgt.)

3

brau'1