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(Siebener Tageblatt)

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Nr. 86

I******

2. Blatt

Samstag, den 25. Oktober 1913.

Telephon Nr. 862.

25. Jahrg

Urbeitettürsorge.

Einen eigenartigen Versuch auf dem Gebiete der Arbeiterfürsorge hat vor einigen Jahren die Harpener Ber.gbalEktien-Gesellschaft, bekanntlich eines der größten Merke im rheinisch-westfälischen Industriebezirk, unter­nommen. Um für ihre Arbeiter gutes und billiges Fleisch unabhängig vom ^Marktpreise zu beschaffen, ent­schloß sich die Gesellschaft, die Viehzucht selbst in die Hand 311 nehmen und erwarb zu diesem Zwecke in Geeste bei Meppen ein Heidegelände. Di? Besitzung umfaßt einschließlich einer größeren Pachtstäche reichlich 1000 Hektar und ist heute fast vollständig kultiviert. Wo noch vor wenigen Jahren öde Heide ertraglos dalag, sind jetzt fruchtbare Wiesen und Weiden, Noggen- und Kartoffel- ja sogar Gemüsefelder. Die Einrichtung des Gutes hat etwa 2 Millionen Mark erfordert, für leben­des Inventar und Betriebskapital ist eine weitere Mil­lion angelegt. Die in den Geschäftsberichten der Gesell­schaft ver.öffentlichten Mitteilungen über die Entwicklung des Unternehmens lauten recht befriedigend. Die Zucht und Mast von Schweinen haben sich im letzten Jahre erfreulich weiter entwickelt und die Produkte errangen auf den Aufstellungen in Berlin und Straßburg meh­rere erste Preise. Ende des Jahres 1912 lagen auf Mast 3168 Tiere, während der Zuchtschweinebestand auf 979 Sauen, 36 Eber, 1196..Ferkel und 1228 Läufer - schweine angewachsen ist, so daß im ganzen 6608 Stück Schweine vorhanden waren. Geschlachtet wurden im ver­gangenen Jahre 8951 Tiere, während 474 Tiere, teils als Zuchtschweine, verkauft wurden. An die Arbeiter, sind für rund 850 000 Mk. Fleisch- und Wurstwaren zu billigen Preisen geliefert worden. Die zum Frisch^er - kauf geeigneten Teile werden 5- und 10-Pfundweise in Schachteln verpackt und gehen in Kühlwagen nach den Zechen, die übrigen Teile gehen in die Wurstfabrik, werden hier verarbeitet bezw. geräuchert und mit dem Frischfleisch an die Zechen verwandt. Die Fleischwaren werden den Arbeitern etwa 25 Prozent unter Laden - preis geliefert. Neu gebaut wurde im verflossenen Ge­schäftsjahre ein großer Kornboden, in dessen Er.dgeschoh Näume' zur Unterbringung landwirtschaftlicher Maschi­nen, sowie Stellmacher-, Schlosser- und Schmiedewerk - stätten untergebracht sind. Ferner ist in diesem Gebäude ein Saatzuchttaboratorium eingerichtet, sowie eine große Tro-cknungsanlage für Getreide ausgestellt. Wetter wur­den 12 Arbeit er Wohnungen und 3 Zuchtställe mit Woh­nungen sowie eine Neihe von Unterschlupsen und Fut­terplätzen neu gebaut. Das Unternehmen der §ar= Dcner Gesellschaft ist für die Lebenshaltung der Beleg- chaften von großem Nutzen. Abgesehen von dem geld- ichen Vorteil ist es in hygienischer Hinsicht von Bedeu­tung, daß die Leute stets tadelloses frisches Fleisch er­halten. Auf den gesamten Bergwerksanlagen der Ge­sellschaft betrug die Zahl der Belegschaften 1912-13 im Jahresdurchschnitt 30 556 Mann (27 504 im Vorjahre).

Aus Stadt und Land.

Zur Tuberkulosebekämpfung.

* Die planmäßige Bekämpfung der Tuberkulose in einer stark verseuchten hessischen Landgemeinde. Von Geh. Ne­gierungsrat Dr. jur. und Dr. med. h. c. Dietz, Vor­sitzender des Vorstandes der Landesversicher.ungsanstalt Grohh. Hessen und des Heilstättenvereins für das Eroß- herzogtum Hessen. Die Dietz'sche Schrift beansprucht be­sondere Beachtung deswegen, weil in ihr das Vorgehen (n der praktischen Bekämpfung der Tuberkulose in einer Gemeinde geschildert wird, das wohl in seiner Plan - Mäßigkeit bis jetzt noch nirgends durchgeführt worden ist. Der Verfasser hat sich durch die starke Verbreitung der Trcherkulose in dem kleinen hessischen Dörfchen Heu­bach i. Odenwald, von dessen 1100 Einwohnern zur Zeit nicht weniger wie 122 , zusammen jährlich rund 19 000 Mk. Invalidenrente erhalten, veranlaßt gesehen, die gesamten wirtschaftlichen und gesundheitlichen Ver­hältnisse Heubachs genau sestzustellen und zu prüfen. Die Ergebnisse dieser eingehenden Feststellungen sind in

jn Tuben 60 u lOOP^ , Meine Tube 20 Pfg.

- - -Ja allen M>otfieAen-

. 1 2 -jenen u- Parfümerien.

Der Schrift in der sorgfältigsten und übersichtlichsten Weise zusammcngestettt. Interessant ist, wie der Ver­fasser die Bevölkerungsbewegung in Heubach in den letz- !en Jahrzehnten, insbesondere aber seit 1903, ferner die Berufs- und Wohnungsverhältnisse der Einwohner ^eiik bachs ermittelt und schildert. Die zum Teil traurigen Wohnungsverhältnisse in Heubach werden bind, düngen, die der Verfasser wirkungsvoll dem Teri cttrge- fügt hat, veranschaulicht. Was aber der Schrift einen besonderen Wert verleiht, ist, wie gesagt, die Schilder­ung der wohl in ihrer Art einzig dastehenden, auf die Initiative des Verfassers zurnckzusührenden Sanierung einer an Tuberlose verseuchten Gemeinde. Er ist nach einem wo^/l durchdachten Plan vorgegangen. Zunächst hat er eine zweite geschulte Schwester, die sich lediglich der Tuberkulosefürsorge zu widmen hat, angestellt. Ein großer Teil der, Bevölkerung Heubachs wurde einer ärzt­lichen Untersuchung unterzogen. Bei 400 Kindern im Alter bis zu 16 Jahren wurde die Pirquetprobe vor­genommen, wobei sich ergab, daß von diesen im Durch­schnitt 44,2 Prozent (8,9 im Alter, von 16 Jahren bis 75 Prozent im Alter von 1416 Jahren) positiv reagierten. Die eigentlichen Panierungsmahnahmen ha­ben bei den Kindern eingesetzt und zwar durch Verab­reichung eines Milchsrühstücks an etwa 150 Schulkinder, zu welchem Zwecke in dem Schulhause eine Milchküche eingerichtet worden ist. Bei besonders schwächlichen Kin­dern wird der Milch ein Nährpräparat zu-gesetzt. Der Körper und Zahnpflege der Schulkinder wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Auch müssen die Kinder am Vor- und Nachmittage unter Leitung der Lehrer Atem­übungen machen. Ferner werden den Kindern, die aus die Pirquetprobe positiv reagiert haben, wöchentlich 3 Solbäder verabreicht. An zwei Tagen in der Woche stehen die Bäder auch der übrigen Bevölkerung zur Ver­fügung. Für Wohnungshygiene wird nach Möglichkeit gesorgt, und in Familien, in denen es an Betten fehlt, werden solche beschafft. Im ganzen sind bis jetzt 21 Betten angeschafft worden. Ganz besondere Sorgfalt wird der Wäschereinigung gewidmet. Eine Anzahl Per­sonen sind in Lungenheilstätten und Jnvalidenheimen untergebracht, Kinder in Kinderheilstätten und in Sool- bäder verschickt worden. Die Kosten der getroffenen, an­fangs 1913 begonnenen Sanierungsmahnahmen betaut len sich bis jetzt auf rund 20 000 Mk. Hier alle die einzelnen Sanierungsbestrebungen des Näheren erörtern, würde über den Nahmen einer Besprechung der Schrift hinausgehen. Zusammengefaßt sind die Wege, die der Verfasser bei Sanierung Heubachs in der Hauptsache eingeschlagen hat, folgende: Wohnungsfürsorge, Be­kämpfung des Alkoholmißbrauchs, Bäder, Milchfrühstück für die Schuljugend, Zahnpflege, Fürsorge sür die heil­baren und unheilbaren Tuberkulösen, Desinfektion u. a. Mit wenig Ausnahmen werden die Sanierungseinrich­tungen benutzt unds deren Zweckmäßigkeit anerkannt. Die günstigen Wirkungen treten besonders bei der Schul- lugend schon jetzt hervor, dauernde Erfolge werden al­lerdings erst nach jahrelanger planmäßiger Weiterarbeit sichtbar werden.

Eiterarifebes.

? Chronisch kalte Füße, Wesen, Wir­kung, Verhütung und Heilung. Von Dr. Orlob und Dr. Walser (Mk. 0.30). 7. Aufb. Hofverlag von Edmund Demme, Leipzig. Zur Heilung bezieh­ungsweise Verhütung des immer eine mehr oder min­der allgemeine Gesundheitsstörung anzeigenden Uebels genügt nicht die Anwendung bloßer äußerer Mittel, es treten vielmehr, wie uns das Büchlein lehrt, eine grö­ßere Anzahl verschiedener Faktoren in die Erscheinung, welche kennen zu lernen jedermann bestrebt sein muß, der mit diesem folgenschweren Leiden zu kämpfen hat, um es in zweckentsprechender Weise beseitigen zu können.

? Das Grammophon a l s Lebensret­ter. In dem Landhause einer Baronin in der Nähe von Paris, so berichtet das bekannte Familien - JournalDas Buch für Alle", wurde vor einiger Zeit ein Einbruch verübt. Nach dem Bericht, den die Baronin der Polizei erstattete, erwachte sie etwa gegen Mitternacht durch ein leises Geräusch im Nebenzimmer, und als sie horchte, vernahm sie ein Scharren und Krat­zen, wie wenn irgend jemand etwas gewaltsam erbräche. Zu ihrem Entsetzen drang auch durch die Türspalte Licht. Vorsichtig erhob sie sich von ihrem Bett und er­spähte, wie zwei Männer eifrig bemüht waren, ihren

Schreibtisch, der viele Wertpapiere und Schmuck ent hielt, zu öffnen. Beide Männer waren mit Revolvern versehen, und ihrer ganzen Erscheinung nach zu urteilen, durften sie wohl zu allein entschlossen sein. Die Baro inn war vor Schreck halb ohnmächtig, und 311 ihrem Entsetzen siel ihr ein, daß sie mittels der Glocke nur thr^ Kammermädchen, aber, weder den Kittscher nod) den Diener erreichen könne. Hätte sie Alarm geschlagen, so tonnte das ihr sicherer Tod sein. Jn ihrer Verzweiflung geriet sie auf einen höchst merkwürdigen Ausweg. Sie hatte nänilid) in ihrem Zimmer ein großes Gramms Phon stehen, aus dem an Demselben Abend die wun derbare Stimme Carusos mit beinahe natürlicher Stärke gesungen hatte. Vorsichtig schlich sie sich zum Apparat, zog die Kurbel auf, und sie hatte sich nicht verrechnet: Iau*m scholl die mächtige Stimme des Tenors aus dem Apparat laut und schallend in die Nacht Hinalks, als die Verbrecher,, die in ihrem Schrecken den Unterfdjicb zwischen künstlichem und natürlichem SUange nicht er kannten, alles stehen und liegen ließen, um das Weite zu suchen. Ja, der Schrecken der überraschten Einbre­cher, war so groß, daß sie sogar einen Teil ihrer Werk zeuge und einen Hut zurückließen, Dinge, die der Poli­zei die Auffindung der Täter binnen 3 Tagen ermög­lichten.

? Q ule n 1 i n - M a h l a U's grauer T a - s ch e n f a h r p l a n'für Winter 1913-14 ist im Ver­lage von Mahlau u. Waldschmidt Frankfurt a. M., Gr. EallUsstrahe 3, in der bekannten reichhaltigen und gediegenen Ausstattung zum Preise von 30 Psg. er schienen.

? W u v 1 t b t 1 III U 11 il u u II bei G i t C n n - uNg d è r Krankheiten und der Voraus­sage des Krankheitsverlaufes aus dem Urin wissen muß. Neu bearbeitet von Dr. med. Meyer, prakt. Arzt. (0,60) 5. Auflage. Hof-Verlag v. Edmund Demme, Leipzig. Wie man diese Untersuch­ung vorzunehmen hat, lehrt das Büchlein, dessen Lek­türe empfohlen werden kann.

? N 0 m, die Stadt der Nosen, über deren antifi Erinnerungsstätten alljährlich Tausende von Fremdet wandern und buntestes, kosmopolitisches Leben um fid verbreiten dies Nom der Gegensätze schildert A. v 0 r G l e i ch e n - N u ß w u r m, ein Urenkel Schillers, ü seinem neuen WerkeSaisonschluß" (Verlag von Gebr Enoch, Hamburg). Man findet den feinen durchgeistig len Stil des Kulturhistorikers mit der sicheren Techni Des Nomanschriststellers vereint.

? Erinnerungsschrist zur Hundert^ j a h r f e i e r 18131913. Herausgegeben von dem he sifchen Volksschriftenverein. Dieses Schristchen verdien in ganz Hessen weiteste Verbreitung. Hauptlehrer Nr! in Darmstadt schreibt über dasselbe: Der noch jung« aber sehr rührige Hessische Volksschriftenverein bietet ml ter obigem Titel der Jugend unseres Hessenlandes ein Festgabe zur Erinnerung an die große Zeit vor lOl Jahren dar, die allenthalben da, wo die edlen Negui gen des Herzens noch nicht durch die krasse Selbstsuck erstickt sind, sondern man noch Ideale kennt und si auch unserer lieben Jugend erhalten wissen will, wo bi Pulse freudiger schlagen bei dem Klange des Wortt! Vaterland" und wo man noch begeistert mit einstimm! wenn es klingt:Deutschland, Deutschland über allesl gerne ausgenommen werden wird. Zuerst führt uns b1 bekannte Jugendschriftsteller Gg. LangDas glorreic Jahr 1813" vor. Meisterhaft hat er es verstanden, d Jugend in schlichter einfacher Sprache die Zeit d Schmach und bei; Erhebung zu schildern und die Hz den jener Zeit an unserem geistigen Auge vorüberziehz zu lassen. Eine nicht minder willkommene Gabe i Nheinhessen unter der Fremdherrschaft" von Heinr^ Bechtolsheimer. War es doch gerade die unsei dr,ei Provinzen, die durch ihre Lage westlich des Nhei am meisten Drangsale zu erleiden hatte. Wir sehen h! und fühlen es mit, was die Nheinhessen unter J französischen Gewaltherrschaft zu leiden hatten und kh nen es verstehen, daß auch sie, wie von einem dän nischen Drucke befreit, aufatmeten, als der große V kerfrühling ihnen die Befreiung vom welschen I brachte. Einen Augenzeugen der Schlacht bei Leip^ läßt schließlich Dr. ' K. Essehborn in seiner W bettuna der Erinnerungen von Christian Frey zur! reden. ' Frey hat als Offizier im 1. Bataillon des beff. Leibgarderegiments die gewaltige B°l!er^chlach I Seiten Napoleons mitgemacht, gier wohnen wir a1