Gießener Jeiinng
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Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
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Nr. 8
Telep hon: Nr. 362.
Samstag, den 25. Januar 1913.
Telephon 9tr. 362.
25. Jahrg.
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Gin Umsturz in der Curkei.
Während allerseits — offiziell und offiziös — versichert wurde, der Friede sei beschlossen, die Türkei habe in die Abtretung Adrianopels bedingungslos eingewilligt, was auch seitens der Regierung bezw. des Kabi- nets Kiamil Paschas tatsächlich geschah, bereitete sich in aller Stille eine Gegenströmung, die mit einem solchen Friedensschluß nicht einverstanden, vor, die nun auch tatsächlich die Regierung gestürzt und eine neue an deren Stelle gesetzt hat.
Daß die Türkei den Friedensschluß infolge einer russischen Drohnote beschleunigt, ist bisher un- widerrufen geblieben.
Konstantinopel, 24. Jan. Die Jungtürken haben einen Staatsstreich unternommen. Der Großwesir Kiamil Pascha wurde von dem Revolutions-Komitee gezwungen, zurückzutreten. Mahmud Schewket Pascha, der ehemalige jungtürkische Kriegsminister, wurde zum Großwesir, Izzet Pascha zum Kriegsminister und Taalat Bey zum einstweiligen Minister des Innern ernannt. Der Staatsstreich ist durch eine Ue- berrumpelung durch Enver Bey und Schawid geglückt. Der Ministerrat, der gestern tagte, wurde durch die Demonstranten gesprengt. Talaat Bey erklärte, diese Bewegung bedeutet, daß wir die Rational-Ehre retten oder doch den Versuch unternehmen werden. Wir wollen keine Fortsetzung des Krieges, aber wir sind ent- schlofsen, Adrianopel zu erhalten. Das ist eine unerläßliche Bedingung. — Der bisherige Kriegsminister Rasim Pascha wurde durch einen unglücklichen Zu- sall erschossen.
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Auslöhnung in Papiergeld.
Die Auszahlung der Gehälter und Löhne an die Angestellten und Arbeiter in Papiergeld findet in der Industrie und im Handel immer mehr Anwendung. Auch die industriellen Interessenvertretungen haben sich wiederholt mit dieser Frage beschäftigt. Unter anderen find die Industriellen des Regierungsbezirks Köln bereits vor längerer Zeit einmütig zur Auslöhnung ihrer Arbeiter in Papiergeld übergegangen. Im rheinisch-westfälischen Jndustrtebezirk ist es bei einer Reihe von Hüttenwerken und Zechenverwaltungen gleichfalls Gebrauch, bei der ;
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Da» Glückskind.
' Roman von Irene von Hellmuth.
(Nachdruck verboten.)
XL
Frau Therese hatte alle Hände voll zu tun, um ihre selten benutzte Logierstube für die zu erwartenden Miste herzurtchten, zu backen, zu braten und zu kochen.
Dem jungen Mädchen war es gar nicht angenehm, daß der Vormund, der ihr noch ebenso unsympathisch war, wie tn früheren Jahren, sich hier, und zwar wie & in seinem Briefe ausdrücklich hieß, auf längere Zeit einquartieren wollte. Was gar sein Freund, Mfen Rost sich wohl erinnerte, dabei zu tun hatte, blieb ihr unerfindlich. Böhler schrieb zwar wäre ihnen hauptsächlich um Ruhe, gute, frische Saft und um Erholung von angestrengter Arbeit ja tun, allein in Röschens Herzen stieg nach und «ach eine Ahnung auf, daß da wohl ein anderer Grund maßgebend sein müßte. Aber welcher? Jeden- salls galt es, auf der Hut zu sein.
Es war ein selten schöner Herbsttag, als die beiden Freunde in dem gastlichen Forsthause anlangten. Die Anne schien so goldig warm vom klarblauen Himmel Hemieder, als wollte sie sich den Menschen noch einmal in ihrer ganzen Pracht entfalten, ehe sie ihre Herrschaft âat.
Winter zeigte sich als ein Mann von feinsten Manieren, der das Herz der Försterin sofort dadurch zu gewinnen wußte, daß er, von Frau Therese angefan- gen, das Haus, das Essen, die Gegend, kurz alles, worauf die gutmütige Frau so stolz war, mit wahrhaft begeisterten Worten pries.
Der elegante sehr gut aussehende Mann versicherte noch niemals in seinem Leben ein so schmackhaft zubereitetes Essen gekostet zu haben, einem Grafen könnte es nicht besser schmecken als ihm. Das traulich blin-
Entlöhnung der Belegschaften in weitestem Umfange Papiergeld und Silber zu verwenden. Die Firma Friedr. Krupp, A.-G. hat letzthin den ältesten der Kaufmannschaft Berlin auf eine Anfrage über ihre Erfahrung mit dec Auslöhnung in Papiergeld mitgeteilt, daß sie schon seit Jahren im volkswirtschaftlichen Interesse bemüht sei, bei den Gehalts- und Lohnzahlungen mög' lichst viel Papiergeld zu verwenden. Während die Gehälter dec Beamten nur bis höchstens 4°/0 in Hartgeld gezahlt werden, beträgt bei den Löhnen der Arbeiter der Anteil des Hartgeldes nur noch etwa 20%. Die Zahlung ist von jeher in unverschlossenen Tüten erfolgt; die Prüfung des Inhaltes der Lohntüten ist durch die Verwendung von Papiergeld nicht erschwert worden. Auch der Verein für die bergbaulichen Interessen im Oberbergamtsbezirk Dortmund zu Essen hat in seiner letzten Vorstandssitzung einstimmig beschlossen, den Vcr- einsmitgliedern eindringlich zu empfehlen, bei den Gehalts- und Abschlagszahlungen sowohl, wie namentlich auch bei den Hauptlohnzahlungen die Verwendung von Doppelkronen und Kronen soweit wie irgend möglich einzuschränken und einen möglichst umfangreichen Gebrauch von Banknoten und Kassenscheinen zu machen. Diese Entschließung war, wie es in dem Rundschreiben an die Veceinsmitglieder heißt, von der Erwägung getragen, daß für eine Einschränkung des Goldumlaufes, wie sie von der Reichsbankverwaltung schon seit längerem angestrebt wird, überaus wichtige finanzpolitische und volkswirtschaftliche Interessen sprechen. Eine umfangreichere Verwendung von Banknoten habe notwendigerweise einen Rückfluß von Gold zur Reichsbank und damit eine Stärkung ihres Goldbestandes zur Folge. Wie nun die Stärkung des Goldbestandes einerseits die Reichsbank in die Lage versetzt, den Papiecumlauf zu steigern und damit dem Verkehr die Erleichterungen zu schaffen, nach denen sich namentlich in Zeiten angespannter wirtschaftlicher Tätigkeit ein vermehrtes Bedürfnis geltend macht, so wirke andererseits eine Stärkung des Goldbestandes auch in günstigem Zinne auf die Höhe des Diskontsatzes ein. Ein niedriger Diskontsatz sei aber für Industrie, Handel, Gewerbe und Landwirtschaft von hervorragender Bedeutung und dre Vereins- Mitglieder handelten im eigensten Interesse, wenn sie ihrerseits zur Stärkung des Goldbestandes der Reichsbank beitragen, indem sie den Umlauf an Noten und Silber fördern helfen.
Ein alter an die Jungen.
Von Dr. F. Goetz.
Der Leib wird alt, der Geist bleibt jung, Belebt durch die Erinnerung.
Der dies schreibt, ist mit Gottes Hilse 86 Jahre alt geworden und Ihr werdet fragen, was will der alte Weikiopf unter uns? Run, was er will? Er will Euch sagen, wie er alt geworden ist und sich in das Alter hinein ein Stück Jugend bewahrt hat, das noch heute, wenn die Sonne halbwegs scheint, mit der Jugend singen und springen kann ! Ich hatte einen Irefi- liehen Vater, der sagte:
„Die Zeit überfurcht des Menschen Gestalt, Doch übers Herz hat sie keine Gewalt!"
Und in mein erstes Stammbuch schrieb er mir:
„Geh' immer grad aus durch das ganze Leben, Blick weder rechts noch links, der Weg ist weit ! Und will dein Geist einst von der Erde schweben, Dann gradaus in den Himmel und zur Ewigkeit!" Das letztere mad/ ich nun freilich noch nicht mit, weil ich für jung und alt noch manche Pflicht zu erfüllen habe — z. B., Euch was zu erzählen, aber giab^ aus bin ich immer marschiert! — In unserem prächtigen großen Garten stand aufgebaut ein Reck unb ein Barren, und zum Springen, Spielen, Werfern und Laufen war herrlicher Platz. Meine älteren Brüder turnten mit ihren Freunden und wir jüngeren waren mit unseren Freunden, die in unser Paradies zum Besuch kamen, wie versessen darauf, es auch zu tun. Und wir brauchten Kräfte, denn in unserer Leipziger Gerbergasse wvbnten recht böse Buben, die uns unsere Jugend - freude nicht gönnten, so eine Art kleine Socis! Große Schlachten auf einem freien Platze neben unserem Garten wurden angesetzt, kamen aber selten zum Austrage, weil die Feinde sich immer vor einem Hinterhalt Erwachsener fürchteten, sie zogen es daher vor, mich, den Jüngsten, auf dem Wege zur Schule einzeln durchzu- ^^H^^. Dadurch lernte ich aber auch mich meiner Haut zu wehren, und wie ich älter wurde und selbst zu denken anfing, war ich zwar kein Engel, aber was ich von trefflichen Eltern, von wackeren Lehrern, aus guten Büchern und aus dem Leben gelernt, das stand vor
! meiner Seele: „du mußt ein strammer Kerl werden, mußt im Leben und Beruf Tüchtiges lernen und leisten, du muht deine Mitmenschen nicht verhauen, sondern für sie arbeiten, du mußt den Grundsatz sesthalten:
„Dein höchstes Glück, o Menschenkind, O, glaub' es doch mit Nichten, Daß es erfüllte Wünsche sind, Es sind erfüllte Pflichten!"
Das alles aber kann man nur, wenn man an Leib und Seele gesund ist, seine Kräfte für die Arbeit des Lebens stählt und wenn man ein frisches, frohes Herz im Leibe hat ! Und in jener Zeit erwachte überall der
lende Haus, den reizenden Garten, den Wald, und was sich seinen Blicken bot, fand Winter geradezu unvergleichlich schön.
Mit sichtlichem Wohlbehagen hörte Therese diese Lobpreisungen an; alles, was nur in Küche und Keller immer aufzutreiben war, wurde herbeigeschleppt und den Gästen zur Verfügung gestellt. Winter hatte sehr bald herausgefunden, wie ihn sein Lob bei der Hausfrau in Gunst setzte, und er bemühte sich sortwährend, etwas neues zu entdecken. Sein Enthusiasmus kannte gar keine Grenzen. Der schlaue Menschenkenner kalkulierte nicht schlecht. Wenn er die Alte für sich gewann, so würde diese eine mächtige Bundesgenossin sein, wenn Röschen sich etwa weigern sollte, seine Werbung anzu- nehmen. Denn das junge Mädchen begegnete ihm zwar nicht unfreundlich, aber doch lag in dem ganzen Wesen tEsselben eine gewisse Zurückhaltung,' fast wie Scheu kam es ihm vor, und wenn er es hie und da wagte, die kleine Hand zu erfaßen, so wurde ihm dieselbe sofort hastig entzogen. Er mußte seiner hell entflammten Leidenschaft großen Zwang antun, und es kostete ihn große Ueberwindung, nicht schon am dritten Tage seiner Ankunst um das Mädchen zu werben und diesem seine heiße Liebe zu gestehen. Doch Böhler hielt dies nicht für geraten.
„Du wirst sehen," mahnte er den verliebten Freund, „daß Du alles verdirbst, wenn Du so ungestüm bist. Laß der Kleinen doch Zeit, sich an Dich zu gewöhnen, dann ist der Erfolg sicherer."
„Und glaubst Du an einen solchen?" fragte der andere.
„Weshalb denn nicht, was könnte das Mädel wohl an Dir auszusetzen haben? Ein Mann von solchem Ansehen, in geachteter, sicherer Stellung, in den besten Jahren, ich sage Dir, die Finger wird sie sich ablecken, wenn ihr das alles erst zum Verständnis kommt, aber
— gut Ding will Weile haben, übereile nichts und fu. , meinem Rat." —
„Ja, aber ich möchte den guten Leuten nicht so lange zur Last fallen,- wenn ich nur wüßte, wie ich mich einigermaßen revanchieren könnte, ich bin ihnen doch eigentlich ein Fremder."
„Ach was, siehst Du denn nicht, daß die Alte be* reits Feuer und Flamme für Dich ist, Du hast sie doK»; ständig auf Deiner Seite; ich wette, sie ließe Dich überhaupt jetzt noch nicht fort."
In dieser Zeit ließ Winter aus der Stadt verschiedene Stoffe zur Auswahl kommen und beschenkte die überglückliche Försterin mit einem geschmackvollen neuen Kleide. Wie gern hätte er auch Röschen ein Geschenk gemacht, doch er fürchtete, daß das stolze Mädchen nichts von ihm annehmen würde; so unterblieb es vorläufig noch.
Wenn er es einmal wagte, der Geliebten einen flehenden, um Liebe bittenden Blick zuzuwerfen, wandte sie entrüstet das Auge zu Boden und entfernte sich gleich ganz. Winter stampfte oft zornig mit dem Fuße, wenn er mit Böhler allein war, weil dieser ihm immer noch Geduld predigte, und die letztere Eigenschaft mangelte dem verliebten Manne vollständig.
Doch schwur er hoch und heilig, das Mädchen erringen zu wollen um jeden Preis, und nicht ohne dasselbe nach der Stadt zurückzukehren.
Der Förster allein verhielt sich in diesen Tagen schweigsamer als sonst. Der kluge Alte durchschaute vom ersten Augenblick an die Absicht der beiden Freunde, doch sprach er zu niemanden davon, beobachtete aber insgeheim das Tun und Treiben seiner Gäste.
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