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Nr. 16. 2. Blatt.
Samstag, den 22. Februar 1913.
Telephon Nr. 862.
25. Jahrg.
Rudolf Dietz.
Ein nassauischer Heimatdichter.
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Die vorzüglich redigierte „Allgemeine deutsche Leh- rerzenung" bringt in Nr. 7 des lausenden Jahrgangs aus der Feder ihres bekannten Schriftleiters Ernst Linde in Gotha eine eingehende Würdigung des beliebte!» Heimatdichters Rudolf Dietz in Wiesbaden, die wir mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers mit einigen Kürzungen nachstehend zum Abdruck bringen.
Rudolf Dietz ist ein echtes Nassauer Kind. Er ist geboren am 22. Februar 1863 zu Naurod bei Wies- bad.cn, wo sein Vater Lehrer war. Die Schönheit der Gegend erweckte schon früh in ihm die Liebe zur Natur und zur Heimat, und schon alsSeminarist 3U Ufingen begann er beiden dichterisch zu huldigen. Seine erste Anstellung erhielt er in Freiendiez bei Diez (er nannte sich damals scherzhaft Rudolf Dietz von Freiendiez bei Diez, was freilich feudal genug klang), und hier hat er sich durch fleißiges Streifen durch die gesegneten Gefilde der unteren Aar und die waldigen Täler der Lahn jene Liebe und jenes Verständnis für nassauische Volksart und Sitte angeeignet, welche auch seinen übermütigsten Schnurren immer noch einen gewissen ethnologischen Gehalt verleihen. Aber über dem frohen Wanderer und Volkspsychologen hat Dietz doch niemals den Lehrer vergessen. Er versteht es, einen herzlich-gemütlichen, hu- morvoll-ckinderfreundlichen Ton in seinem Schulzimmer
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anzuschlagen, und auch schriftstellerisch hat er der Schule zu dienen gewußt: sein Biblisches Geschichtenbüchlein ist schon in 35 000 Exemplaren verbreitet, Md seine Heimatkunde von Nassau, der Rheinprovinz und Westfalen erfreut sich ebenfalls der weitgehendsten Schätzung. Dietz hängt mit ganzem Herzen an seinem Berufe; davon legen zahlreiche Gedichte beredtes Zeugnis ab. Es finden sich darunter auch manche von einer solch fröhlich-kampflustigen Art, daß sie uns an den Eigenton der Muse des Münchener Dichters Ernst Weber erinnern. Dietz ist stolz darauf, ein Lehrer zu sein; aber dieser Stolz ist nicht etwa Eigendünkel, sondern das Bewüßt- fein. einem wichtigen und aufstrebenden Stande anzu- gelzören.
Schon lange war der Dichter über die Dreißig. Mancher Verein und mancher Verliebte sang seine Minnelieder fröhlich hinaus; doch der sie geschaffen, der schritt noch immer, von seinem schwarzen Pudel begleitet, als Hagestolz durchs Leben. Endlich aber fand and) er die Rechte! Denn daß sie's war, beweist nicht nur das Glück, welches das Heimwesen der beiden Gatten mit ihren vier netten Kindern (3 Jungen und 1 Mädchen) atmet, das beweist auch der neue Lieder - frühlmg, der sich nach seiner Verheiratung eingestellt, das beweist vor allem auch der Aufbruch eines neuen Dichterquells in ihm, eben des mundartlichen. Dietz hatte bis dahin nur hochdeutsche Gedichte veröffentlicht (.Tannenzweige" und „Neue Tannenzweige"). Da erschienen die ersten Heftchen seiner Sammlung „Nir for ungut* und fanden so starken Absatz, daß sie jetzt bereits in 7. Auflage vorliegen. Ihr folgten »Lustige Levi", dann „Siwwesache", dann „Deham 's deham' Den vorläufigen Schluß seines Schaffens bildet die Sammlung hochdeutscher Gedichte: „Flaaeolett u. Flamberg", die freilich den „TanneiHweigen" gegenüber einen gewaltigen Fortschritt darstellen. Die liebste von seinen mundartlichen Sammlungen — andere mögen andere vorziehen — ist mir die mit dem trauten Titel: „Deham is deham"! Wr sie hat er auch in E. J. Franken * bach einen Künstler gesunden, der mit seinem Stift köstlich charakteristische Gestalten und sümmungsvolle Szenenbilder zu schaffen verstanden hat.
Die nassauische Mundart macht ja dem Fremden bei der ersten Bekanntschaft einige Schwierigkeiten. Man muß lange raten, ehe man dahinter kommt, daß „Gewirrs" gleich Gewitter ist und daß „Eich sin" „Ich bin" heißt. Dann aber findet man sich plötzlich heimisch in ihr und lieft sie wie das Hochdeutsche. Der nichtnassau- ische Käufer braucht sich also durch dieses Bedenken nicht akschrecken zu lassen. In den Geist der Mundart und zugleich in den Geist der Dietzschen Muse führt am besten, das Mdmungsgedichl ein:
Deham is deham!
Ich waaß e kl aa' Ländche, un des leit hinnerm Maa', un do bridt mer sich's Händche, un mer duht nit vill saa'.
! Un ba kinn ich jed' Pädche, un ich kinn jeden Baam,
un do kinnt mich jed' Mädche — jo deham is deham!
Ich waaß e klaa' Wäldche, was mer links liehe läßt, un dann kimmt e klaa' Feldche, un dann kimmt e klaa' Nest.
Un e Nos bliht am Heckche, un mir is wie im Draam, un do läut' e klaa' Gleckche — jo deham is deham!
Ich waaß e klaa' Hittche,
un e Gärtche is draa'
un do wuhM mei' Margrittche, un do wuhnt's ganz allaa'.
Un ich waaß e klaa' Mindche, des mich kißt' wie ich kam, un do saß ich manch Stindche — jo deham is deham!
So lieblich, niedlich, friedlich, neckisch, herzig und kindlick/froh ist der Dichter in seinen besten Dialektge- bichkn; und man muß sagen, daß der eigenartige trauliche Klang der nassauischen Mundart wie gemacht ist für solche Stoffe.
Sehr drollig hat der Dichter „uns' Moddersprooch" in Schutz genommen gegen die Vorwürfe eines Ostpreußen, sie wäre grob und rauh.
Dem hunn eich ausdrücklich dann Hor gemacht, deß e jeder verstiht, was mir schwetze.
Es klingt allerdings jo nit mädchehaft zart, nit jungfräulich un aach nit bräutlich; mir schwetze uff altfränkisch, haab'biche Art, mir redde stets däftig un deutlich.
Wie der Schnawwel uns wächst, jo des ist ganz im iwrige sin mir nit dösig; (gewiß,
was ihwes e pfiffiger Nassauer is, der redd aach geläufig französisch.
Denn:
Unkel, Schawellche un Duttmeemsschoos, als duschur noch waaß eich so Name, un Renneklodde un Zwiwwelsoos — is des kaa' Französisch, ihr Dame?
In der Tat ist das dortige Volksdeutsch reich mit französischem Einschlag durchsetzt, — was ja bei der Nähe der Grenze und der Geschichte des Herzogtums Nassau kein Wunder ist!
Wie eng unseres Dietz' Muse mit der Volksseele verwandt ist und wie sie von daher ihre beste Kraft bezieht, beweist das folgende reizende
Schlofliedche.
Heio, Heio Mansche, im Wald, da stiht e Huusche, des Hot e Dach vo' Küche uff, vo' Schokolad' en Schornsle druff, schlos Kinnche schlos!
Heio, Heio, Kinnche, beim Häusche stiht a Minnche, des Hot e silwern Reckelche aa', do hinkt e goldern Gleckelche dra', schlof Kinnche schlos!
Heio, Heio, Herzche,
des Minnche Hot e Scherzche
voll rot un weiße Zuckerstei', die werfts mei'm Kind ins Bettche nei', schlof Kinnche schlof!
Heio, Heio, Liebche, jetzt schläft mei' herzig Biebche.
Jetzt lacht's! E goldig Jngelche
spült met ’m Rose Ringelche, schlof Kinnche schlof!
Ich finde: Dieses Kinderlieb ist geradezu klastisch in seiner kindlichen Einfalt und seinem sllberhellen Elok- kenklang; das dürste mir in keinem nassauischen Lesebuch fehlen!
Ein Settenstück zu dem vorigen ist das folgenbe reizende Famttienbild, in dem ein »echter, schmerzlich milder Humor die seelenvollen Augen aufschläg,:
E Lied vo' der Lied.
Wie eich mei' Ann geheurat hunn, des wor e selig Zeit;
zu alle O'schlrh alle Stunn wor gern se do bereit.
E vollgerittelt Maß vo' Lieb
mer do beschiede wor. —
Eich Hampel dacht, deß des su blieb e Sticker suffzig Johr
Do koom mei' Rolf als Eppeldieb uns in die Eh' gehippt un hot mer vo' dem Mäßche Lieb e Vertelche gestrippt.
»No", doocht eich, „sei zefridde nur;
dreiviertel giht ja aach!"
Doch knapps vergung d'r do e Johr, mei' Paul im Bettche lag.
Do Halts, waaß Gott, schunt halb geschlaa', eich wor bedeppert ganz. —
E Jährche druff, was sull mer saa', da koom der Spitzbub Hans.
A a' Vertelche, des blieb mer noch, gemesse schlech, un knapps. —
Eich simeliert do manche Woch
un rief dann lout: „Eich hab's!"
E Mädche hunn eich do bestellt. —
Kaum broochts die Amm errei', do sinn eich d'r vom Sitz geschnellt un krisch: „Des do is mei' !"
Fest bin eich's an e Kerdelche, mir iffes, macht kaa' Bosse! —
Mei' Gretel un mei’ Vertelche hot se mer do geloste!
Wünschen wir dem glücklichen Gatten und Familienvater, daß ihm sein Viertelchen Weibesliebe, sein Grerelche und seine drei Spitzbuben bis an sein selig Ende gelassen werden!
Daß ihm unter solchen Umständen das folgende spruchartige Scherzgedicht mit dem köstlichen Kehreim (Gehst du in die Hütte!) nicht aus eigenen Familien- erf errungen erwachsen sein kann, ist begreiflich; es bietet aber eine treffliche Regel und Richtschnur für unser Verhalten in allen Widerwärtigkeiten des Lebenskrieges:
Eihste in die Hilt!
Willste mol bei's Fritzche, un es gauzi sei' Spitzche, reißt bahl ab die Kitt, därfst'n nor nit Hage, duhst ganz aa’fad) sage:
Eihste in die Hitt !
Duht bei’ Nochber schenne
un dich Blottkopp nenne, schennste widder nit;
stickst die Hänn in Seckel,
sähst nor: Schlechter Deckel —
Gihste in die Hitt!
Kreischt noachts bei’ Xanthippe, duht em Bett raus Hippe, sähste nor: Ich bitt !
Brauchste lang ze schelle, duhst dich nor verkette —
Gihste in die Hitt!
Wahrhaftig, keine schlechte praktische Philosophie!
Und nun noch eine Schnurre von der Art, die bei Dietz am meisten vertreten ist; die Anekdote Mit witziger Schlußpointe. Wir wählen eine, deren Stoff dem Sckulleben entnommen ist:
W 0 riM e sich versteckelthot.
Der Lähre daht de Haane Kinn
Vom Saul emol verzehle, wie se uff Mizpa gange sinn un daht'n zum Kenig wehle.
Wie dann der Saul vo' „unsre Leit" gesucht ward in alle Ecke, weil e sich aus Bescheideheit daht hinnersch Holz verstecke.
Der Lähre steht: „Sagt, ob ihr's wißt, warum e fortlief! — Male!"
Die Male saat: „E glâabt, e mißt
e Fäßche Bier bezahle!"
Unseres Dietz Humor ist immer harinlos und gutmütig; selbst wo die „Breiße" oder die „Jirre" aufgezogen werden, da geschieht das doch in einer so wenig verletzenden Weise, daß die Gehänselten zweifellos selbst mitlachen müssen. Und dann haben die Sammlungen unseres Dichters noch einen großen Vorzug: Sie sind durchaus sittenrein und frei von jeder Frivolität; man kann alles daraus im Familienkreise vorlesen.
Linde.