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Gießener Ieitnng
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Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.
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Nr. 2635.
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Nr. 7
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lit Hessische Keamtenbesoldungsvorlage üb die Wünsche der Dolksschullehrer.
Aus Finanzanwärterkceisen wird uns darüber fol- «dcs geschrieben (die Veröffentlichung geschieht unserer- ltSganz aus unparteiischer Voraussetzung):
Wie im verflossenen Jahre, so sind in den letzten MN von der hessischen Volksschullehrerschaft, insbe- ndere von deren Verbandsleitung, dem Vorstande des lndcSlehrervereins in einem großen Teil oer TageS- lsse Artikel lanciert worden, die alle mehr oder minder, meist in einseitiger Jnteressenverfechtung, herbe Kritik der Besoldungsvorlage übten. Durch ein gemein- ms Zusammengehen und eine äußerst rührige Agi- :ion bei den Landtagsabgeordneten, ermöglicht Zum il durch das große Maß ausgiebiger, freier, hierzu Mbarer Zeit und das in materiellen Fragen stets : geschlossene Auftreten der großen Zahl Volksschul- rer, die auch in politischer Hinsicht einen keineswegs ing zu veranschlagenden Faktor für die verschieden- 1 Parteigruppierungen bildet, ist wiederum erreicht iben, daß fast alle politischen Parteien — mit Ein- u6 der Sozialdemokratie — sich zum Sprachrohr der lksschullehrerwünsche machen wollen.
Die Herren Abgeordneten möchten sich doch dessen )ußt bleiben, daß eine „imposante Protest- oder Massensammlung" allein noch nicht beweisen kann, daß die lerlei und finanziell sehr bedeutungsvollen Wünsche Volksschullehcer Existenzberechtigung haben, sondern glich müssen sachliche, eingehend geprüfte Gründe den mpel dec Beweiskraft tragen und hierin fehlt es in em Falle bei rein objektiver Beurteilung sehr. Soll- Protest- oder Massenversammlungen an und für sich schlaggebcnd und zur Ueberzeugung von dem Recht Wünsche und Forderungen geeignet sein, dann würde nthalben eine Versammlung aller hessischer Staats- Anwärter, der nur mit Rücksicht auf die finanzielle e derselben und dem Mangel an Musenzeit Bedenken legen stehen, begreiflicher und berechtigter empfunden den können.
Zweck dieser Zeilen soll nun der sein, nicht künst- Gegensätze zwischen öffentlich Bediensteten hervor- ifen, die nach Ansicht dec gesamten Beamtenschaft Haus verwerflich und lediglich das Ansehen schädigen,
Expedition: Seltersweg 83.
Mittwoch, den 22. Januar 1913.
sondern in einer gewissen Notwehr auf die vielerlei Anzapfungen der V -L. in einer Sachlichkeit zu erörtern, ob die Wünsche der Letzteren auch sachkundiger Beur- teilung standhalten können.
Zunächst bedarf der Wunsch auf gehaltliche Gleichstellung mit den mittleren Beamten einiger Erörterung; hierbei sei vorausgeschickt, daß dieser Wunsch nur als ein vorläufig erreichbares Ziel der V.-L. aufzufassen ist, da in Wahrheit, allerdings auch wieder ohne jegliche Begründung, eine bedeutend höhere Gehaltsnorm mit dem Verlangen auf Einrangierung zwischen mittlere und höhere Beamte gefordert wird. Daß dem so ist, beweisen die wiederholten Ausführungen im „Hessischen Schulboten", die bis dato ohne Abänderung oder Berichtigung geblieben sind. An und für sich ist ein Vergleich, sowohl nach Vorbildung, wie nach Verantwortung und Arbeitsqualität des Volksschullehrerberufes mit dem eines öffentlichen Beamten ein Unding; so wenig sich zwei durchaus verschiedene Fakultäten, z. B. die jurb stische mit der philosophischen oder der theologischen, einander nach realen oder abstrakten Gesichtspunkten abwägen lassen, so wenig ist dies mit einem Vergleich zweier durchaus verschiedener Berufsarten möglich. Für diese Auffassung spricht auch die neuerliche Entschließung des allgemeinen Lehrervereines des Bezirkes Wiesbaden, der die seither geübte Taktik der Vergleichsziehung mit Staatsbeamten infolge Einsicht eines anderen richtigen Standpunktes aufgegeben hat und der darin gipfelt, daß die verschiedenartige soziale Stellung und die grundverschiedene Art der Berufstätigkeit, der Ausbildung, der Verantwortung usw. irgendwelche Vergleiche absolut unmöglich macht. Statt dessen vertritt dieser Lehrerverein in viel Zweckmäßigerer Weise die Ansicht, daß von jetzt an nur noch Vergleiche mit akademisch gebildeten Lehrern in entsprechender, der höheren Fachbildung der letzteren Rechnung tragender Verhältnisform stattfinden sollen. Eine gehaltliche Gleichstellung der hessischen Volksschullehrer mit solchen mittleren Beamten, die ihre Schulbildung auf höheren Anstalten erwerben müssen, ist, ohne das in der Hauptsache ausschlaggebende Gebiet der Ausbildung, Verantwortung usw. weiter Zu berühren, schon um deswillen und solange nicht durchführbar, als nicht die vielerlei Privilegien und Vorteile, welche gegenwärtig bei den Volksschullehrern in so beredtem Maße konstatterbar, der Beamtenschaft aber ;
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gänzlich fehlen, verschwinden. Hierbei ist in erster Linie zu erwähnen, daß die V 'L. bedeutend früher, bereits mit dem 25. Lebensjahre im Durchschnitt definitiv angestellt werden (bei den mittleren Beamten tritt die Anstellung erst im 35. bis 40. Lebensjahre ein und diese sich nur noch verschlimmernde Tatsache sei hauptsächlich im Hinblick auf die nicht zutreffende, auf der Protestversammlung der Lehrer gefallen und auf gebrauchte Behauptung der AnstellungSmögltchkcit im 32. Lebensjahre besonders hervorgehoben), des weiteren, daß die Verdienstzeit mit ihrem wesentlichen, finanziellen Effekt der V.-L. von der ersten dienstlichen Verwendung an gerechnet wird, während den Beamten trotz der langen Anwärterzeit keinerlei Anrechnung zuteil wird. Ferner fd betont, daß dem V.-L nicht allein tagtäglich, im Verhältnis genommen, eine bedeutend kürzere Dienstzeit obliegt, sondern auch im Jahre eine bedeutend reichlichere und sehr hoch bemessene Erholungsmöglichkeit von nahezu einem Vierteljahre Ferien als wichtiger Faktor anzuschlagen ist, dem ein Erholungsurlaub von nur 1—3 Wochen der mittleren Beamten gegenübersteht. Die letztgenannten Unterschied: lassen sich weder nach qualitativer noch nach quantitativer Arbeitsleistung rechtfertigen, sondern haben ihre Begründung in anderen Fragen; hauptsächlich in dem Echolungsbedücfnis der Schuljugend. Die Erlaubnis (bezw. das Nichtverbot) zu vielerlei recht einträglicher Nebenbeschäftigung und die Ermöglichung hierzu durch die verfügbare freie Zeit ist ein weiteres Glied der verschiedenen, nicht wegzuleugnenden Vorteile, die insgesamt den Volksschullehrerberuf und dessen pekuniäre Dotierung nicht allein günstiger wie den der mittleren, sondern sogar eines größeren Teiles der höheren Beamten erscheinen lassen. Die so hohen AuSbildungSkosten zu den mittleren und den höheren Beamtenklassen werden von den V.-L. gleich wie die so überaus ungünstige Lage dec Anwärter zu diesen Stellen mit ihrer um 10 bis 15 Jahren längeren Wartezeit vor der Anstellung gar zu leicht, ob mit Absicht mag dahingestellt bleiben, übersehen.
Daß die Ausbildungskosten der mittleren Beamten, die höheren Schulbesuch und Erlangung der Reife für Prima neben einer 3—4 jährigen, unentgeltlich vor der Staatsprüfung abzulegenden praktischen Ausbildungszeit Nachweisen müssen, naturgemäß höhere sind wie bei den V.-L., die Schulgeldbefceiung genießen und für
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Das Glückskind.
Roman von Irene von Hellmuth.
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Etwa um dieselbe Zeit war es, als Herr Arthur Ler in seinem Arbeitszimmer satz und rechnete. Er t sich viel verändert in den letzten Jahren. Das un- «me Gesicht zeigte noch dieselben scharfen Züge, Ens, daß die Linien um Mund und Augen sich Petwas verschärft hatten. Die kleinen, verschmitzt » wruhig blickenden Augen lagen noch tiefer als ft in den Höhlen, und der gelbliche Teint ließ ihn herein mit den dünnen, spärlichen Haaren älter er- üien, als er war.
Im Hause ging ebenfalls noch alles den gewohnten «g. £■
Rie ging das Ehepaar zusammen aus, nur selten, die beiden ein paar Worte mit einander wechselten. Jedes lebte für sich, seinen eigenen Passionen und b tabereien. Böhler faß oft bis zum grauenden Mor- rm Spieltisch, und suchte die verlorenen Summen :öW! hereinzubringen. Oft auch hatte er Glück, und gmann das Doppelte seines letzten Verlustes; doch mjo schnell verlor er auch alles wieder.
Das Kapital war bedenklich zusammen geschmolzen, machte die gewagtesten Spekulationen, um wieder einem gewissen Wohlstand zu gelangen, — verge- sr, es ging bergab, unaufhaltsam, rastlos.
Mit Schaudern dachte er daran, was dann werden wenn das Wenige noch aufgezehrt sein würde, I doch konnte er sich nicht entschließen, das einzig tSge Mittel, die Arbeit, zu ergreifen. Zu lange schon et er sich dem Müsiggang hingegeben, um jetzt noch regelmäßiges, geordnetes Leben beginnen zu kön- ♦ Dazu war es bereits zu spät, er mußte schon sehen.
.* Arbeit durchzuhelfen. - -—'----
Daran, daß man ihn zwingen könnte, an Röschen eine für seine Verhältnisse horrende Summe Geldes auszubezahlen, sobald das Mädchen sich verheiraten wurde, dachte er nur mit einem verächtlichen Lächeln. Mochte sie sich doch das Geld holen, wo sie wollte,- wo nichts ist, — da hat selbst der Kaiser das Recht verloren.
Freilich würde es dann offenbar werden, wie es um ihn stand. — Hm, das war allerdings unangenehm, — sehr unangenehm, denn sowohl der Welt, als auch seiner Frau gegenüber hatte er es verstanden, den Schein der Wohlhabenheit aufrecht zu halten. Er ging stets sehr elegant gekleidet, trug goldene Uhr mit ebensolcher Kette feine Wäsche, Sonntags beim Frühschoppen weiße Weste, und einen glänzenden, immer wieder aufgebügelten Zylinder. So konnte es nicht fehlen, daß die Menschen, die ja stets nur nach dem Schein urteilen, ihn zu den Reichen zählten. — . > ^ ^ ^^
Er war in der Stadt gut angesehen, wenn auch hie und da einer munkelte, daß es mit ihm nicht so gut stand, wie, er glauben machen wollte, diese Ansicht traf mau ja doch nur vereinzelt an.
Böhler rechnete eben nach, was er gestern gewonnen hatte, als ihn ein leises Klopfen in dieser Arbeit störte. Auf fein in unwilligem Tone gerufenes „Herein" trat ein Dienstmann ins Zimmer, der einen schweren Korb trug, aus dem ein Dutzend Champagnerflaschen ihre silbernen Hälse streckten.
Verwundert blickte Böhler den Mann in blauer Bluse an, der jetzt aus seiner Tasche ein weißes Kuvert hervorzog und dieses hinüberreichend, mit der anderen Hand auf den Korb deutete: „Das hier soll ich mitsamt dem Briefe hier abgeben", sagte er, und blieb in Erwartung eines guten Trinkgeldes an der Tür stehen.
Böhlers Stirne verfinsterte sich. Er hatte zwar eine bedeutende Vorliebe für Sekt, allein schon längere
Zeit mußte er sich diesen Genuß aus Rücksicht für seinen Geldbeutel versagen.
„Nehmen Sie den Korb gefälligst wieder mit, grollte er finster, „ich habe weder Sekt bestellt, noch Lust, solchen zu bezahlen; es muß hier ein Irrtum vorliegen".
„Das kann nicht gut möglich sein," meinte der andere trocken. „Sie sind doch Herr Arthur Böhler, Marttstraße 14» Bitte, lesen Sie selbst, hier ist die Adresse."
Damit reichte er einen abgerissenen Fetzen hin, auf dem allerdings genau Straße und Hausnummer verzeichnet war. O c p x _
„Dennoch müssen Sie den Korb wieder fortnehmen, ich bestehe daraus", fuhr Böhler heftig den Mann an.
„Aber fo lesen Sie doch erst den Brief, die Sache muß sich ja aufklären, Herr Böhler."
„Es wird nichts als die Rechnung fein; doch warten Sie einen Augenblick."
Er riß das Kuvert ab und las:
„Mein lieber alter Freund und Kamerad!
Du wirst allerdings über meine Sendung, mit deren Annahme Du mir eine herzliche Freude bereiten würdest, etwas erstaunt sein. Doch vor allem möchte ich die Bitte an Dich richten: Latz den alten Streit, der uns jahrelang trennte, endlich ruhen, und laß uns wieder werden, was wir ehemals waren: treue Freunde.
Ich habe Wichtiges mit Dir zu besprechen und werde mir, wenn Du gestattest, erlauben, Dich heute oder morgen, oder wann Du Zeit hast, zu besuchen. Ich denke mir, daß es sich bei einem Glase Deiner ehemaligen „Lieblings-Marke" angenehmer plaudern läßt, und harre Deiner Antwort als Dein aufrich-
tider Freund
Georg Winter, Bergstraße 8. (Fortsetzung folgt.)