Kretzener Jeitung
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Nr. 47
Telep hon: Nr. 362.
Mittwoch, den 11. Juni 1913.
Telephon 9)r. 862.
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Die Lage auf dem Balkan
litt infolge der noch immer nicht behobenen bulgarischen toabinettsfrifis sehr ernst. Bulgarien verlangt Won Serbien Räumung der unbestrittenen Gebiete südlich von der strittigen Zone. Deshalb wurde die in Naribrod geplante Zusammenkunft der Ministerpräsidenten der verbündeten Balkanstaaten auf unbestimmte (!) IjSeit verschoben. Die Großmächte, besonders Rußland And England, sind wohl fortgesetzt bestrebt, den Ausbruch der Feindseligkeiten zu verhindern; ob sie aber mit ihren eindringlichen Vorstellungen in Belgrad und So- ^fia etwas ausrichten werden, scheint bei der stetig wach- * senden Erbitterung der Bundesbrüder gegen Bulgarien siehr zweiselchaft. Das bisher neutral gebliebene Rumänien glaubt jetzt nicht mehr ruhig zusehen zu können; seine Regierung drückte, als sie den Großmächten ,Mt Annahme des Petersburger Protokolls notifizierte, He Absicht aus, in einem neuen Balkankonflikt nicht indifferent bleiben zu' wollen. Oesterreich scheint Mein in der ganzen Nachbarschaft des KochMtherdes H die Ruhe zu bewahren; denn am 8. Juni ordnete sein 1 Kaiser die dauernde Beurlaubung sämtlicher zum akti-
auf und mit
dem grünen Nasen errichtete Rednertribüne hinaus hielt, in seiner gewohnten roten Husarenuniform, weilschaUender Stimme eine kurze Ansprache:
„Ein Tag des Jubels für Deutschland ist ge -
kommen, ein Tag der Freude für unser ganzes Va-
terlaub, eifriger perkrast deutsche Reiches
Das deutsche Stadion ist erbaut als Stätte Wettkämpfe, berufen zur Förderung der Kör- und zur Stählung des Willens. Die ganze Sportgenossenschaft ist allezeit bereit für des Herrlichkeit. Wir huldigen Eurer Majestät
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" Den Dienist einberufenen Reservisten der Kriegsmarine
" WM an, ihre Rückoersetzung in das nichtaktive Verhältnis „ Whrfolgi in den nächsten Tagen.
■M Die Einweihung des Deutschen Stadion.
rem altbewährten _ . _ ,. , _ . , „ ,
F inschwan, blau. hrM.) Zu einer großen nationalen Kundgebung gestaltete * ” "â!^ am Sonntag im Grunc^vald bei Berlin die Weihe iLtadn- tai i>cs Deulscheu Stadions, mit der die Feierlichkeiien an= ^^^Lilihsich) des Regierungs-Jubiläums des kiMMmâ^K g (( e x § eingclcitet wurden. Dem genialen Erbauer, ^WMlMkeheimrat March, war es leider nicht vergönnt, den EiSi^g der Krönung seines idealsten Werkes zu schauen: ■---—"uneingeschränkt aber bleibt ihm der Ruhm übers Grab âlââ^a,^, dah er auf märkischem Sande eine Stätte ge- ens'e^^ ^1- bic ^ nad) P^nzip und Wirkung kühn
IS die Arenen des Altertums hcranstellcn kann. Lange 8 -»or Beginn der offiziellen Eröffnung war das Stadion, tern neSö von den Plätzen für die Deutsche Turnerschaft, âeise^in^â dicht gefüllt. Neben den 35 000 Besuchern des Fest- ’ Matzes selbst lagerten mindestens 15 000 Personen in der
Umgebung. — Bereits um 8 Uhr morgens begann der __________ «nmarfch' der verschiedenen Sportvereine, die in der Zahl «henken, r Im zirka 15 000 zunächst außerhalb des Stadions an "'" T-rgeschriebencn Plätzen ihre Aufstellung nahmen. Ee- ■,, 1 U[)r ^schienen, jubelnd begrüßt der Kaiser und sie Kaiserin. Der Ehrenpräsident des Deutschen Reichs- 1 NW rmschusses für olympische Spiele Staatsminister a D.
I. P o d bielski ging mühsam am Stock gestutzt die
,n tauschen um iurück, ohne Kürzte uiiiHn«'""*
n zu Schenin, .ufrleden sein!
y f Gewünscht. Art / bitten zu __1 durchstreich;
als dem Förderer des Sports und rufen begeistert aus: Der Kaiser Hurra!"
Die ganze Stadronversammlung erhob sich und stimmte dreimal begeistert in den Hurra-Ruf ein. — Nachdem das Hurra verklungen war, erhob sich im Westen eine dunkle Wolke. Zugleich ertönte von oben herab das dumpfe Motorknicrttern eines Doppelzweideckers. Weit voraus den zehntausend ausgelassenen Brieftauben zog der Aviatiker seine Kreise, um die geflügelten Voten, welche die Kunde von der Eröffnung des Stadions nach allen Richtungen der Windrose trugen, nicht zu stören.
Nun begann der jHaufttakt der ganzen Veranstaltung, die
Huldigung der Sportvereine vor dem Kaiser.
Ein Teil der Fahnen hatte schon vor Erscheinen des Kaiserpaares in der Arena Aufstellung genommen und ihre Träger hatten die Herrschaften durch gemeinsamen Vorschreiten und Flaggenschwenken begrüßt. Zu Beginn des Vorbeimarsches formierte sich zunächst die Deutsche Turnerschaft, die durch zirka 10 000 Mitglieder aUs allen Turnkreisen vertreten war und das deutsche Turnbundesbanner mit sich führten. Es folgte der deutsche Lawntennis-Bund mit zirka 400 Mitgliedern. Weiter traten an der Deutsche Schwimmverband und der Deutsche Reichsverband für Schwerathletik. Es folgte der Deutsche Radfahrerbund, der durch etwa 2000 Mitglieder aus sämtlichen 43 Gauen des Bundes vertreten war und besonders durch die Menge der mitgeführten Fahnen auffiel. Die Deutsche Spottbehörde für Athletik siel auf durch den buntfarbigen Dreh ihrer Mitglieder und das erakte Anrreten. Der Deutsche Futzballbund, gleichfalls in Sportkleidung, stellte zirka 4000 Teilnehmer. Die folgenden Vereine waren der Deutsche Eis- laus-Verband, der Deutsch-akademische Bund für Leibesübungen und der Deutsche Skiverband, dessen Mitglieder die langen Schneeschuhe geschultert trugen. Hier schob sich mit zirka 100 Bannern die Turnerische Deutsche Studentenschaft ein. Es war ein wunderbarer Anblick, als die helle Mittagssonne auf die buntfarbigen Peke- schen und die blitzenden Schläger fiel. Mit beinahe mi
litärischer Promptheit erscholl der dreimalige Heilruf der Chargierten, wofür der Kaiser durch besonderes Her- Dorlrctcn aus der Loge dankte. Einen besonders sympathischen Eindruck machte der Schluß des Festzuges: der Zungdeutschlandbund, vertreten durch alle einschlägigen Organisationen. Neben dem erwachsenen Schüler der höheren Lehranstalten marschierten da Dreikäsehochs von 5 Jahren, deren drollige Erscheinung mit dem weiten Pfadfinderhut stürmischen Beifall auslöste. Mit besonderem Beifall wurden auch begrüßt die jungen Turnerinnen, die, gleichmäßig in weiße Bluse und bimste Beinkleider gekleidet, in der Gruppe der Deutschen Turnerschaft marschierten.
Sportliche Vorführungen.
Nachdem der Festzug die Arena verlassen und die Festzugteilnehmer mit ihren Bannern die freigebliebenen Plätze des Rundbaues eingenommen hatten, begannen die sportlichen Vorführungen. Sie wurden eingeleitet von zwei zufammengestellten Kompagnien des Garde - korps, die im Laufschritt die Arena betraten und Vorführungen im Eskaladieren zeigten. Reihenweise wurde der Tiefsprung von 2,50 Metern, Kletterwände von 2 und 4 Metern, sowie im einsachen Sprung eine Hürde von 90 Zentimetern genommen. Als die beiden Kompagnien wieder im Laufschritt die Arena verließen, setzte minutenlanger stürmischer Beifall ein. Es folgte das Turnen in Freiübungen und an Geräten von jirfa 800 Frauen und Mädchen der Deutschen Turnerschaft, das besonders im Keulenschwingen ein sehr malerisches Bild bot. Der Zugendlauf der Turn- und Sportvereine Berlins und Umgegend, und zwar nur Mitglieder unter 18 Jahren, sah zirka 2000 junge Leute am Statt. Es folgte das Vereins-Mannschaftsradrennen des Deutschen Radfahrerbundes, für das sieben Vereine mit je sechs Fahrern Nennungen abgegeben hatten. Ziemlich leicht gewann der Berliner Radfahrer-Klub „Concordia", der von Anfang an eine führende Stellung eingenommen hatte. Danach marschierten in die Arena 50 Mann einer Musterriege des Reichsverbandes für Schwerathletik. Die Repräsentanten dieser Riege waren lediglich von der Firma Krupp-Essen gestellt worden. Es handelte sich auch um richtige „Kanonenmänner" und sie hantierten mit den 50-Pfund gewichten wie mit Gummibällen. Großen Beifall fand auch das Stafetten- und Mannschaftslaufen. Auf der westlichen Seite der Tribünen, auf der die bayerischen Landsleute Platz genommen hatten, erscholl stürmischer Beifall, als die Farben blau^-weiß durchs Band gingen. Nicht minder lebhaft war die Zustimmung der Zuschauer, als im 1500-Meter-Mann- jchaftslaufen die Stadtfarben Berlins weiß-rot durchs Band getragen wurden. Nunmehr kam die Deutsche Turnerschaft an die Reihe, die zunächst Freiübungen
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Die Nachbarn vom Heideland.
Roman von Lndwig Blümcke.
2g) (Nachdruck verboten.)
£„ redest, rote Du es verstehst/ knurrte Hinrich- km und atna, nachdem er Sttne noch in barschem Tone Noblen sür ein anständiges Frühstück zu sorgen, da- M der Herr Major einen guten Eindruck vom Eichhos
^ c^pr Ahlborn fand sich denn auch bald ein, zeigte nw Verständnis für die Landwirtschaft und meinte, der Nckbof befände sich tatsächlich in gutem Zustand. Man Mbstücktc und war guter Dinge.
»Ilm-Mier schrieb Hinrichsen am deS Maiors Rat- ..-»«4 Maa sofort an Nathan, und zwar keineswegs höflich.
«*WS&M ®n4iV@nd)c war abgemacht. Zum 1. Oktober sollte H^^ ^ Inhofe? non Ahlborn ba^clö *u_4 Prozent Zin-
ligenpreise M bekämen^ -^ ^^ und die beiden Feldpostkar- hie Hans bisher geschrieben, in treuliche Obhut ge- iXö gewiß schon hundertmal gelesen. So n= wie der schrieb und das ganze Kriegsleben schil- man konnte wirklich auf den Gedanken kommen, ■ niäsi ärger her als im Manöver. Wenn die Kimmen nur nicht so ganz anders berichteten! Ta- müßten die letzten Tage von Mars-la-tour, Grave- ' SS Bwnville usw. ja ein furchtbares Hinschlachten ml/Blutvergießen gewesen sein. Zum Sonntag traf wieder eine Feldpostkarte aus Frankreich ein. Hans berirfitete von einem kühnen Patrouillenritt.
Dann verging längere Zeit, ohne daß er irgend ein »erevszeichen- von sich gab. Vielleicht war manche 4 bei ™ v We auch verloren gegangen. Er lag nun vor Metz, sehr beschwerlichen Dienst und wenig Zett zum Treiben übrig. Hermine bekam freilich öfters wenig- id b^^ - ten3 eine kurze Nachricht, stets mit der Bitte, dieselbe
1 ,M nach dem Eichhof zu übermitteln. Doch das ge-
kWh sehr selten. , . ________ ^— _______
Ein nebeliger Semptembertag war es heute. Stine saß allein in der Stube und fühlte so eine Unruhe in sich, als erwarte sie etwas sehr Unerfreuliches. Das war nur zu natürlich, denn der Briefträger hatte ihr gesagt, es wäre ein großer Brief von Hans an Hermine angekommen gestern abend. Bei demselben hätte noch ein Blatt gelegen, das dem Vater gleich überbracht werden sollte. Da dieses nun niemand gebracht, weder gestern abend gleich, wie es sich gehört hätte, noch jetzt, wo es bald Mittag war, so befürchtete Stine eine traurige Nachricht. Hätte sie es dem alten Briefträger nicht versprechen müssen, nicht zu verraten, was er ausgeplaudert, dann würde sic natürlich längst zum Krug gelaufen sein. Doch so hieß es geduldig warten.
Aber jetzt taucht hinter der Scheune eine Mädchen- gestalt auf Es ist Hermine. Und ihr Gesicht ist heiter wie immer „Gottlob, cs. kann nichts Schlimmes mit dem Hans sein!" ruft Stine da aus, und ein Stein füllt ihr vom Herzeil. —
Aber welch eine urplötzliche Veränderung ist das! Wie Hermine eintritt, da ist ihr Gesicht verwandelt. Tränen füllen ihre Augen und sie scheint zu Tode betrübt. „Da nimm, lies selber!" ruft sie aus, und Groll und Zorn liegt in ihrer Stimme. „Warum mußte er mit ins Feld? Hätte er nicht reklamieren können, wie alle Vernünftigen ihm rieten? Ja, sieh mich nicht so geistreich an! Ich mciß wohl, daß Dir daS sehr nahe gehen wird. Wenn er überhaupt nochmal wiederkommt, humpelt er aus einem Stelzfuß umher,- auf einem Stelzfuß, hörst Du? Du kennst doch den alten Nasmuß, den sie Peter-Korporal nennen, gerade so wie der sieht er dann aus. Schrecklich ist das, ich habe als Kind vor Peter-Korporal mit dem Holzbein immer furchtbare Angst gehabt."
Stine war so vertieft in den von einem Kameraden des Schwerverwundeten geschriebenen Brief, daß sie kein Wort von Hermines Gerede hörte. Weitschwei-
fig und umständlich beschrieb der Ulan, daß der Unteroffizier Hinrichsen, den alle gleich lieb hatten im Regiment, bei einem Ausfallgefecht einen Schuß durch den rechten Oberschenkel und einen in die Brust bekommen hätte. Das Bein müßte höchstwahrscheinlich amputiert werden, wenn der Schwerverwundete überhaupt mit dem Leben davonkäme.
Tann war da noch ein Zettelchen, das des alten Hinrichsen Adresse trug und mit Bleistift beschrieben war. Hans selber hatte in kaum leserlicher Schrift einen Gruß darauf gekritzelt, einen Gruß an den Vater uns an seine treue Schwester Stine. Man konnte sehen, daß er noch mehr hatte schreiben wollen. Aber die Kraft mußte nicht gereicht haben. —
Mit zitternder Hand reichte Stine der andern den Brief wieder. Dann stürzte sie hinaus, um Hermine ihre Tränen, ihren Schmerz nicht sehen zu lassen. —
„Tas ist unverschämt, mich hier einfach so stehen zu lassen! Die will noch leugnen, daß sie in Hans verliebt ist? Mag sie ihn kriegen mit seinem Stelzfuß!" So räsonnierte Hermine und ging wieder.
Als Hinrichsen zum Mittag vom Feld kam und hörte, was passiert war, da schien er seinen Verstand gänzlich zu verlieren. Ter große, stärke Mann weinte und schluchzte wie ein kleines Kind und zeigte die größte Lust, sich auf den Weg zu seinem Sohn zu machen.
Er lief nach dem Krug, wollte den Brief selber lesen nnb- konnte nicht verstehen, daß Hermine und ihre Mutter so ruhig waren. Ta trat auch Thorö ein, der bereits alles wußte. Er heuchelte ausrichtig Teilnahme und suchte den Verzweifelten aus alle mögliche Weise zu trösten. Nein, der Müller konnte kein schlechter Mensch sein. Man hatte ihm entschieden Unrecht getan. Zu dieser Ueberzeugung kam Hinrichsen auch heute.
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