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Gießener Aeitnng

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Druck ber Gießener Vcrlagctdruckcrci.

Nr. 4,

Telephon: 9fr. 362.

Samstag, .den 11. Januar 1913. Telephon Nr. 362. 0 q * Jahrg.

inne. Lose â 1M.

^P in Friedberg.

komitee.

n. Internationaler Krongreß für gettungs- wesen und Unfallverhütung und das Grubenrettungswesen.

Der 2. Internationale Kongreß für Rettungswesen und Unfallverhütung wird soeben in einem Einladungs­schreiben des Organisationsausschusses für die Zeit vom 9. bis 13. September 1913 nach Wien einberufen. Pro­tektor des Kongresses ist Erzherzog Leopold Salvator. Die Anregung zur Abhaltung eines internationalen Kon­gresses für Rettungswesen, der zum ersten Male in der Pfingstwoche des Jahres 1908 unter dem Protektorate des Prinzen Heinrich von Preußen in Frankfurt a.M. tagte, hat Deutschland gegeben.

Der Zweck dieser internationalen Beratungen ist in FrankfuA in hervorragendem Maße erreicht wor­den. Außer Deutschland waren 22 Staaten auf dem Kongreß vertreten und zwar Argentinien, Belgien, Bul­garien, China, Dänemark, Aegypten, England, Frank - reich, Griechenland, Japan, Italien, Niederlande, Nor­wegen, Oesterreich^Ungarn, Portugal, Rumänien, Ruß­land, Schweden, Schweiz, Serbien, Spanien und die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika. Die Zahl der Teilnehmer belief sich auf etwa 1000. Für die Ver - Handlungen des Wiener Kongresses sitid 10 verschiedene Abteilungen gebildet worden, von denen Abteilung 6, die sich mit dem Rettungswesen im Bergbau und verwandten Betrieben befaßt, namentlich in der Berg­werksindustrie besonderes Interesse finden wird.

In den letzten Jahren ist das Interesse für das Grubenrettungswesen ganz außerordentlich gewachsen. Die zunehmende Intensität des Bergbaubetriebes bei räumlicher Erweiterung der Grubenbetriebe und das Fort- schreitcn in größere Teufen hat das Bedürfnis nach Rettungsvorkehrungen und die Schwierigkeiten des Ret­tungsdienstes erheblich gesteigert. Aüs zahlreichen wich­tigen Bergbaubezirken ist über die Einrichtung von Ret- tungs zentralen berichtet worden, die im Falle eines Gru­benunglücks der schwer betroffenen Zeche zu Hilfe kom­men sollen. Auch die Behörden haben sich der Frage des Grubenrettüngchvesens angenommen und haben, teilweift mit Hilfe der Gesetzgebung oder, wie in Deutschland, durch die Vergpolizeiverordnung, Maß < nahmen zu ihrer Organisation getroffen.

In Deutschland hat man bet Beschaffung von Red' tung-apparaten schon seit einer Reihe von Jahren große Aufmerksanckeit gewidmet. Zahlreiche Bergwerksverwal- tunaen haben für ihre Gruben besondere RettuNgstrup- pen gebildet und in einigen Bergwerksbezirken wie im Ruhrrevier, oberschlesifchen-, niederschlesischen- und Aa­chener Revier sind Rettungszentralen geschaffen worden. Für den rheinisch-westfälischen Steinkohlenbezirk ist die

im Jahre 1910 vom Verein für die bergbaulichen In­teresses! gegründete Hauptstelle für das Grubenrettungs- rnci- non besonderer Bedeutung. Die Hauptaufgabe der Zentralstelle besteht in der Ueberwachung der In­standhaltung der Rettungsapparate auf den Gruben und der Ausbildung der Rettungsmannschaften. Unter den übrigen Aufgaben der Hauptstelle ist noch die Unter - fuebung, Prüfung und Begutachtung von Geräten und anderen Zweigen des Grubenrettungswesens hervorzu^ heben. Die starke Zunahme der für den Grubenrettungs­dienst ausgebildeten Mannschaften und der zur Verfüg­ung stehenden Rettungsapparate legt Zeugnis ab für die ernsten Bemühungen, das Grubenrettungswesen zu vervollkommnen. 'Während im Ruhrkohlenrevier bei Einrichtung der Rettungszentrale Anfang Oktober 1910 etwa 800 Rettungs/apparate und 2500 ausgebildete Mannschaften vorhanden waren, beträgt heute die Zahl der Rettungsapparate rund 1100 und die Zahl der ausgebildeten Rettungsmannschaften rund 4000; in einem Zeitraum von etwa 2 Jahren ist mithin eine Zu­nahme um etwa 300 Apparate und 1500 Mannschaf­te r zu verzeichnen.

Auf dem Wiener Kongreß werden für die Aufga­ben und den Inhalt der Verhandlungen in Abteilung 6 felgende Anhaltspunkte dienen:

Die am häufigsten beim Bergbaubetriebe vor - kommenden Verletzungen. Unfallmeldedienst. Erste Hilfeleistung und ärztliche Versorgung. Art und Be­reitstellung von Verband- und Hilfsgeräten. Ver- bcndsstationen. Beförderung der Verletzten in der Grube und obertags. Hilssgeräte. Improvisationen. Rettungsdienst bei Erubenbränden, Gas- und Koh- lcnstaub-Erplos^nen, ferner beim Auftreten uNälem- barer Gase. Atmungsapparate (Rettungsapparate) nebst Zubehör, Einrichtung, Prüfung und Gebrauch. Wnderbelebungsapparate. Unterirdische Rettungskam­mern. Rettungsstationen. Uebungsräume. Organisa­tion des Rettungsdienstes. Auswahl und Ausbild­ung der Rettungsmannschaften. Wasser-, Schwimm­sand- und Schlammeinbrüche. Sicherung des Rück­zuges der Mannschaft. Telephonische oder telegra­phische Verbindung der Grubenräume mit den Tagan­lagen Dienstanweisungen für Rettungsmannschaften und die Arbeiterschaft. Grundsätze für Rettungsaktio­nen insbesondere bei Katastrophen. Gefahren bei Tunnel- und Laissonbau, die häufigsten Erkrankum gen, ihre VorbeugUngs- und Hilfsmittel. RettuNgs - dienst und Rettungsarbeiten bei Verschütteten. Lage und Lebensdauer von Verschütteten. Aussicht auf Rettung, Kennzeichen des eingetretenen Todes.

Hatten schon die Verhandlungen über das Rett­ungswesen im Bergbau in Frankfurt einen besonders starten Besuch aufzuweisen, so ist mit Sicherheit zu er-

warten, daß auch auf dem Wiener Kongreß sich eine große Anzahl von Fachleuten zusammenfinden wird, um die bisherigen Erfahrungen auf diesem Gebiet aus- zutouschen und Anregung zu weiterer erfolgreicher Ar­beit zu schöpfen.

Das große Interesse, das den Aufgaben des Kon­gresses von allen Seiten schon jetzt entgegengebracht wird, läßt darauf schließen, daß die Beteiligung auch in allen anderen Abteilungen eine sehr rege sein wird. Möge die Bereitwilligkeit weitester Kreise sich mit vol­ler Kraft und Arbettsfreudigkeit in den Dienst der ^Näch­stenliebe zu stellen, allen aus dem Kongreß vertretenen Kulturländern in immer steigendem Maße bis in die fernsten Zeiten beschienen sein.

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Das Glückskind.

Roman von Irene von Hellmuth.

(Nachdruck verboten.)

Der unvergleichlic^jchöne Pfingstsonntag blieb allen in angenehmer Erinnerung, und wie viele noch schönere Tage hatte er im Gefolge.

So oft Röschen auch ihr Lieblingsplätzchen im Walde auffucheu mochte, immer gesellte sich Dr. Mall­jar zu ihr. Im Anfang hielt sie es für Zufall, daß er gerade immer zu der Zeit in den Wald ging, wo sie träumend auf der alten, moosbewachsenen Bank saß. Denn daß der Mann stundenlang, ohne ungeduldig zu werden, hinter dem Vorhang stand und nach ihr aus­spähte, wußte sie ja nicht, wie sie auch nichts davon wußte, daß die Flamme verzehrender Leidenschaft in dem Herzen des stillen Gelehrten mächtig emporloder­te. Doch nach und nach begann in ihr eine Ahnung kommenden, unsagbaren Glückes aufzusteigen, die sich ihrem ganzen Wesen mitteilte.

Die kluge Försterin hatte längst, ehe Röschen selbst es wußte, wahrgenommen, wie es um ihren Liebling stand. Sie freute sich im Stillen, daß es so gekommen, denn nun brauchte man den Gedanken an eine Tren­nung, der immer von Zett zu Zeit wie ein Schreck­gespenst aufgetaucht war, nicht mehr zu fürchten.

Einigemale schon war Röschen in Begleitung des Onkels und der Tante Therese im Seeschlößchen ge­wesen Wie hatte sich dasselbe herausgeputzt, und noch immer war es dem Besitzer nicht schön genug. Die Zimmer, welche die unglückliche Adeline einst bewohn­te, waren freilich fast unverändert geblieben, aber da­für prangten die übrigen Gemächer in einer fast blen­denden Pracht. Alles, was Reichtum und Luxus zu er­sinnen vermag, war hier aufgcstapelt worden. Ueber 5pn fspinPH ^.p.e füßrte an Stelle der hölzernen

wackeligen Brücke, eine eiserne, und jenseits derselben hatte Dr. Malljar noch ein großes Stück Land ange­kauft, das zu einem herrlichen Garten umgewandelt worden war.

Er ließ ein Gewächshaus bauen, in dem fremd­ländische Pflanzen gezogen wurden, die dem eigens dazu augesteüter Gärtner zur Besorgung oblagen.

Derselbe erlebte freilich wenig Freude an seinen Pfleglingen, die man für schweres Geld überall her­kommen ließ. Denn kaum, daß eine zarte Blüte sich erschloß, wurde sie auch schon abgeschnitten und nach dem Forsthause geschickt.

Mit merkwürdiger Bereitwilligkeit erbot sich Le­brecht stets, den Gang dorthin zu machen: freilich kam dadurch manche Blume an die falsche Adresse. Rös­chen hatte auch wirklich so viel, daß es nichts schadete, wenn Kathi auch hie und da mal etwas erhielt.

Die beiden, Lebrecht und Kathi, waren überhaupt längst einig miteinander. Lebrecht hatte gar bald ver­gessen, daß es einmal eine Zeit gegeben, wo er die Wei­ber gehaßt, und sie „unnütze Geschöpfe" gescholten, denn Kathi, ja — das war allerdings eine Ausnahme. —

Nur darüber war Lebrecht sich nicht klar, wie er seinem Herren beibringen sollte, daß — nun, ja, — daß die Kathi und er zusammen heiraten wollten. Aber einmal rückte er doch mit der Sprache heraus. Als sein Herr mit den» vergnügten Gesicht, das er jetzt immer zeigte, eines Tages nach Hause kam, und, seinem treuen Diener lebhaft zunickend, sagte: „Schelte mich, Lebrecht, nenn mich einen Toren, meinetwegen, was Du willst, — ich — ich bin verliebt! — O niemals seit jener fürchterlichen Stunde, wo ich meine Braut in den Armen jenes Freundes, dem ich mein ganzes Ver­trauen geschenkt, erblicken mußte, habe ich geglaubt, daß es für mich noch ein Glück auf dieser Erde geben könnte, und nun lächelt es mir in seiner holdesten Ge­stalt. O wie schön, wie schön ist doch die Welt, Lebrecht,

Ein Krieg zwischen Bulgarien und Rumänien.

Die Forderung einer erheblichen Gebietsabtretung, die Rumänien an Bulgarien gerichtet hat, und der be­sondere Grad von Vorbereitungen für den Ernstfall, die durch die militärischen Stellen in Bukarest getroffen sind, lassen die Möglichkeit eines Waffenganges dec Rumänen gegen die Vulgaren nicht von der Hand weisen. Ein höherer österreichischer Offizier, dessen Standort nahe an der rumänischen Grenze liegt, gibt dazu die folgende interessante Schilderung:

Die zahlreichen Soldaten rumänischer Herkunft in Oesterreich-Ungarn gehören zu den besten und treuesten des Habsburgerreiches und — zu den feschesten. Sie haben im Revolutionsjahre 1849 auch unter den schwie­rigsten Verhältnissen sich bestens als treu kaiserlich be­währt. Sie sind ungemein abgehärtet und namentlich in Rumänien selbst recht enthaltsam von geistigen Ge - tränke". Das Auftreten des rumänischen Soldaten ist stramm Ihre Tapferkeit haben die Rumänen bei Plewna bewiesen. Sie sind außerordentlich zähe Käm­pfer und selbst bei den Manövern weichen sie nur mit Ingrimm auf Befehl der Schiedsrichter. Wie sich ein Krieg zwischen den beiden Donauuachbarn gestalten würde, ist schwer vorauszusagen. Beide Königreiche, von deutschen Fürsten zur Blüte gebracht, sind vorzüg­lich organisiert. Ein großer Vorteil für die Rumänen bietet das südlich der Donau belegene und ihnen ge­hörende Dobrudscha-Plateau, das ein Einfallstor gegen Bulgarien bildet. Rumänien besitzt auf der Donau und auf dem Meere eine kleine Flottille. Der U e b e r g a n g aus der Walachei nach Bulgarien ist insofern er­schwert, als das bulgarische Ufer bedeutend höher, zum Teil recht bergig ist. An der Donau gibt es keine Fest- unaen mehr, dagegen ist Bukarest hochmodern befestigt. Sämtliche rumänischen Donaustationen sind vor weni­gen Jahren mit langen Kaimauern dergestalt versehen worden, daß aus den Eisenbahnwaggons sofort an

— nun mußt Du dich auch bekehren laßen. Ich glaube Du hast Talent, und wirft einen ganz respektablen Ehemann abgeben."

Da hielt der Angeredete den richtigen Zeitpunkt für gekommen. , t „

„Ich, ich bin schon bekehrt von meiner Weiberhasse­rei, — war es schon früher als Sie. Na, ja, ich hielt das Ganze ja längst für 'nen Unsinn, aber Sie wollten doch nichts von den Weibern hören, und so schwieg ich still."

„Seht doch, wer hätte das gedacht, — also auch Du mein Brutus", lächelte Malljar gütig, „und den Namen Deiner Auserwählten, willst Du ihn mir nennen?"

„'S ist die Kathi, des Försters Magd, ein hübsches, braves Mädel."

„Ja, siehst Dm" sagte der Doktor, „kein Mensch ent­geht seinem Schicksal", und reichte Lebrecht treuherzig die Hand.

Doktor Malljar glaubte in gewissen Stunden, mit Bestimmtheit voraussetzen zu dürfen, daß er wieder ge­liebt wurde, und doch hielt ihn eine unerklärliche Scheu, ein Etwas, von dem er sich selbst nicht Rechenschaft zu geben vermochte, immer wieder davon ab, die über sein ganzes zukünftiges Lebensglück entscheidende Frage an Röschen zu stellen. Bei dem Gedanken, daß sie „nein" sagen könnte, fühlte der stille Gelehrte das Blut siedend heiß zum Herzen strömen, und eine fieberhafte Angst, der er vergebens Herr zu werden suchte, bemächtigte sich seiner. Wenn er sich dann in solchen Tagen selbst­quälerischer Unruhe vor Augen führte, daß er mit seinen 38 Jahren doch eigentlich nicht mehr zu den Jungen gehörte, und daß sein Aeußeres keineswegs da­zu angetan war, ein junges, kaum 19jähriges Mädchen zu blenden, wenn er gar daran dachte, wie eben jenes Mädchen, als es ihn zum ersten Male erblickte, in jähem Schrecken, mit allen Zeichen des Entsetzens vor ihm geflohen war, — dann sank der Mut des Aermsten so vollständig, daß er nichr selten den Entschluß faßte, wieder in die Welt hinauszuwandern. (Forts, folgt.)