Kietzener Bettuna
I (Neueste Nachrichten) ^^^^*^ (Wiesteuer Tageblatt)
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Nr. 20.
Telep hon: Nr. 362.
Samstag, den 8. März 1913.
Telephon Nr. 862.
25. Iabrg.
Uom Balkan-Krieg.
Athen, 6. März. Gestern hat der allgemeine (Sturm aus Visani begonnen, dessen Batterien zum größten Teil zerstört wurden. Die Infanterie des linken Flügels eroberte Manoliassa. Nachmittags schwiegen die Geschütze von Bisani. Die Griechen eroberten ferner die Befestigung Hagios und Nicolaos, gleichzeitig rüdten die Griechen von Osten gegen Janina vor. Ba- sam ist gegenwärtig in Händen der Griechen. Die Ue- bergabe von Janina und 33 000 Mann Besatzung ist ersolat.
A t h e n, 6. März. Der griechische General Soutza ist mit 3 Eskadrons heute morgen um 9 Uhr in Janina eingezogen. In Bisoni ist s)ie hellenische Flagge gehißt worden.
Athen. Die Einnahme von Janina rief unbeschreibliche Begeisterung hervor. Mit besonderem Stolz betont man, daß die erste der drei großen türkischen Festungen von den Griechen erobert worden sei. Die türkische Besatzung von Janina wird als kriegsgefangen angesehen. Die Uebergabe der Waffen wird ab- leilungsweife erfolgen.
Die Beschießung von Adrianopel dauerte die letzten drei Tage fort, doch war sie heftiger nur am Montag.
Saloniki. Zwischen griechischen und bulgarischen Soldaten kam es in Tschayasi im Departement Feres aus unaufgeklärten Gründen zu blutigen Dämpfen, wobei im ganzen 45 Mann getötet und verwundet wurden.
Sofia. Hier macht sich seit einigen Wochen eine ungewöhnliche Geldnot fühlbar, die auch die kriegerischen Maßnahmen Bulgariens beeinflußt. Auch der lönigliche Hof leidet unter diesem Umstände.
Politische Rundschau Deutschland.
* Der Kaiser ist, im Automobil von Wilhelmshaven kommend, mit Gefolge in Bremen vor dem Rat- 'hause angekommen, wo er vom Senat, den Spitzen der Behörden und dem Offizierskorps empfangen würde. Er nahm an einem vom Senat gebotenen Frühstück
| teil. Von Bremen aus trat der Kaiser die Rückreise I nach Berlin an.
* Der Kaiser stattete dem Reichskanzler von Bethmann-Hollweg einen Besuch ab.
* Die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Luise nebst Gefolge sind von Gmunden wieder in Berlin eingetroffen.
* Berlin. Ter Prinzregent von Bayern ist mit Gemahlin hier eingetroffen.
* Der Reichskanzler empfing den bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Freiherrn v. Hertling.
* Berlin. Der konservative Reichslagsabgeordnete v. K a p h e n g st ist im 43. Lebensalter gestorben.
* Es verlautet in bestinformierten Kreisen, daß der Kronprinz zum Herbst dieses Jahres das Kommando des Kaiser Alerander-Garde-Grenadier- Regiments Nr. 1 in Berlin übernehmen wird.
* Im Seniorenkonvent des Reichsiages teilte der Präsident mit, daß der Reichskanzler ihm gegenüber die Hoffnung ausgesprochen habe, die Militär-Vorlage am 28. März dem Reichstage zugehen zu lassen. Die Vorlage soll für den 7. April aus die Tagesordnung gesetzt werden. Daß gleichzeitig die Deckungsvorlage an den Reichstag gelangen werde, darüber hat der Reichskanzler sich nicht geäußert. — Der Seniorenkonvent beschloß heute, die Osterferien am 8. März beginnen zu lassen. Diese sollen bis zum 2. April ; dauern. In dieser Woche soll nur noch der Kolonial - ' Etat beraten werden.
* Die aus Anlaß der Jahrhundertfeier bei der Kgl. Münze in Auftrag gegebenen Erinnerungsmünzen werden nicht am offiziellen Festtage, dem 10. März, sondern erst am 14. März ausgegeben werden. Im ganzen werden für 6 Millionen Mark derartige Erinnerungsmünzen geprägt, von denen drei Millionen Mark als Dreimark- und 3 Millionen Mark als Zweimarkstücke hergestellt werden. Die Geldstücke werden allmählich im Laufe des Jahres ausgegeben, da der volle Betrag noch nicht zur Ausprägung gelangt ist. 2c. Die Ausgabe der Erinnerungsmünzen zum 2 5= jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers wird zur Zeit des Jubiläums erfolgen. Es werden gleich - falls 6 Millionen Mark solcher Münzen geprägt. Zur gleichen Zeit sollen auch die übrigen Zwei- und Dreimarkstücke mit dem neuen Bildnisse des Kaisers au>sge-
I geben werden. Im ganzen werden von diesen Silber- ! münzen, die nicht zur Jubiläumsfeier geprägt werden,
8 Millionen Mark geprägt.
* Berlin. Am 5. März fand in Berlin im „Hansa-Restaurant" eine Versammlung statt, in der Reichstagsabgeordneter Dr. Werne r-G i e ß e n über das Thema sprach: „Unser Volk in höchster Gefahr, dringende Notwendigkeit gemeinsamer Arbeit der deutschvöllischen Vereine". Im Anschluss daran janb die Beratung eines Planes über eine großzügige Aufklärung des Volkes statt.
* Das württembergische Kultusministerium hat für das Negierungsjubiläum des Kaisers und für den Gedächtnistag der Befreiungskriege für [ämt - liche höhere Schulen und Volksschulen, sowie Lehrer- bildungs- und Erziehungsanstalten Schulfeiern mit schulfreiem Tag angeordnet. — Die Feiern zum Andenken an die Befreiungskriege werden für die Truppen des 14. Armeekorps und für die badischen Militärvereine am 18. Oktober [tattfinben. Am 10.März werden Paraden in den einzelnen Garnisonen abgehalten und die militärischen Gebäude beflaggt werden.
* Charlottenburg. Als Nachfolger des verstorbenen Oberbürgermeisters Schustehrns wird der jetzige Oberbürgermeister von Breslau, früher zweiter Charlottenburger Bürgermeister Matting, Oberbürgermeister Körte-Königsberg i. Pr. und Oberbürgermeister Nive-Halle a. S>, der Schwiegersohn des verstorbenen Berliner Oberbürgermeisters Dr. Kirschner genannt.
Italien.
* R o m, 4. März. Der neuernannte deutsche Botschafter von Flotow ist hier eingetroffen.
Wichtig für Asthmatiker.
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Die Nachbarn vom Heideland.
Roman von Ludwig Blümcke.
(Nachdruck verboten.)
1. Auf Pfingsturlaub.
Wie eine Ooase mitten in der Wüste lag Peter Lo- reuzens Bauernhof da mit seinen Obstbäumen, der ur- rlten Linde, dem von Schilf und Rohr umrauschten Teich md dem sauberen Gemüsegarten, in dem auf wohlgepflegten Rabatten bunte Blumenpracht wohltuende Ab- lvechselung in das Einerlei von Kohl und Rüben brachte. Rdtgsum dehnte sich meilenweit eine öde Heidelandschaft lms. Man sah weder Hügel noch Baum, noch Strauch, lwr Heidekraut, Buchweizenfelder, ein paar Tonnen kümmerliches Saatland, eine magere Wiese und weite Nächen Torfmoor. --
Das Moor und der Garten ernährten Peter Lorenzen. In diesem schaltete und waltete als unumschränkte Herrscherin seine Tochter Ernestine, und in jenem quälte er sich nun schon ein Menschenalter lang in saurer, saurer Arbeit jahraus, jahrein, ohne einen Schritt weiter ge- lommen zu sein. Sein Sohn Ewald, ein rüstiger Bur- fche von zweiundzwanzig Jahren, half ihm tatkräftig Mb besorgte daneben auch noch die Ackerwirtschaft. Die Dier mageren Kühe und was sonst noch an Haustieren Mb Geflügel da war, versah ein uraltes, taubes Groß- Mtterlein, das eigentlich in gar keiner verwandtschaft- -Men Beziehung zu Lorenzens stand, aber doch von Illen mit Großmutter angeredet wurde und auch für alle Mütterlich sorgte, trotz ihrer achtzig Jahre. Sie war nor zehn Jahren, als man die Bäuerin zur ewigen Ruhe getragen, hierher gekommen, weil sie es für nötig hielt, hatte zu trösten verstanden, wie niemand anders, und hatte der kleinen Stine Herz erobert, daß diese um keinen Mis fortan ohne sie hätte sein mögen.---
^ Es war um die Zeit, als auf dem Moorhof die
Apfelbäume zu blühen und in der Linde am Teich die Drosseln zu schlagen pflegten. — Und heute verkündeten die Glocken vom Dorfkirchlein den Tag des Herrn, einen Tag der Ruhe nach harter Wochenarbeit. Ach, wie sehnte man sich immer nach dem Sonntag, wie tat seine Stille so wohl! Da saß dann die ganze Familie um den einsamen Tisch unter einem der A^selbäume, dessen dichtes Gezweig ein schützendes Dach bot, und suchte die Sorgen des Alltags zu vergessen.
Großmutter war in ihrem Element, sie durfte ununterbrochen erzählen, schaurige Geschichten und lustige aus alten Zeiten. Lorenzen, ein schweigsamer Mann, dessen Nacken die schwere Arbeit vor der Zeit gebeugt hat und dessen Haar die Sorgen früh gebleicht, saß da mit seinem Pfeiflein, schaute den Tabakswolken nach und über sein eisengraues, verwittertes Antlitz, das man so selten lachen sah, huschte etwas wie ein Sonnenblick durch Aprilwolken. Stine, ein hochaufgeschossenes, noch etwas zu schlankes Jüngferlein vom kaum siebzehn Lenzen, war ganz Ohr, und ihre großen, klugen Augen wandten keinen Blick von den Lippen der Erzählerin. Ihr Kindergemüt glaubte noch an alles, was die Alte da berichtete und selber für lautere Wahrheit hielt, die Geschichte vom Junker Johann mit dem Gesicht im Nacken, vom Schulzen Bergmann, der um Mitternacht einen Sarg über dem Schornstein gesehen und seinem Nachbarn den sicheren Tod prophezeit, von der alten Sieverten, die den Bauern das Vieh verhext, und was es noch alles mehr war.
Ewald, der heute in seinem Sonntagsstaat, den blauen, eingewebten Rock und den blank gewichsten Stiefeln, gar nicht übel ausschaute — er war ein schön gewachsener junger Mann mit frischem, braunem Gesicht, klaren, grauen Augen und hoher Denkerstirn — hörte nur mit halbem Ohr hin und ließ, wie so gern zu Feierstunden, seine Gedanken in weiter Ferne, in fremden Landen spazieren gehen.
^Jn dem Krauskopf steckt etwas besonderes!" hatte der Lehrer Holm früher so oft von ihm gesagt und immer lebhaft bedauert, daß er ihm nicht Privatunterricht geben durfte. Was half es? Er mußte von seinem achten Lebensjahre an auf dem Moorhof arbeiten wie ein Knecht, die bittere Notwendigkeit verlangte es. Mit seinem zwanzigsten Jahr hatte er noch keine Eisenbahn gesehen, überhaupt noch herzlich wenig von der weiten Welt. Wie gern wäre er zum Militär gegangen, weit fort, wie Hans Heinrichsen, sein bester Freund, aber er war ja hier auf dem Moorhof unentbehrlich. Darum kam er durch Reklamation frei. Der Vater litt oft monatelang an Rheumatismus, den er sich beim Torfstechen im kalten Wasser geholt. Da mußte er denn alles allein besorgen, und darum war er vom Soldatenstand, den er über alles schätzte, losgekommen.---
„Siehste, Nachbar Hinrichsen!" ruft Lorenzen jetzt aus, die Pfeife aus dem Munde reißend und sich hastig erhebend, um den alten Freund von Eichhof, der an seinen Acker grenzt, zu begrüßen. —
Ein Mann von riesenhafter Gestalt mit tief auf die Brust herabwallendem rotblonden Vottbart und ein Paar blauen, funkelnden Augen, so recht eine Germanengestalt, taucht hinter den Syringenbüschen auf und kommt elastischen Schrittes näher, schon von weitem allen einen guten Tag wünschend. —
Der Mann sieht nicht aus wie die Bauern dieser armen Heidegegend, er hat so etwas Stolzes, so etwas von einem Herrn in seiner ganzen Erscheinung, daß man ihn, ginge er etwas vornehmer gekleidet, weit eher für einen Edelmann halten könnte. — Und dabei stand es um den (' Hof nicht besser als um den Moorhof. — Jm Schweiße .nies Angesichtes verdiente dessen Besitzer auch nur gerade das liebe tägliche Brot. Ersparnisse hatte er ebenfalls nicht machen können.
(Fortsetzung folgt.)