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Tritts bet Eienencr Berloosdenetcret. Albin Klein

Nr. 80

2. Blatt

'"RlR'ggiw'

Samstag, den 4. Oktober 1913

Telephon Str. 362.

25. Jahr^

Uebel reichung der Meisterbriefe 1913

am 28. September.

Am vergangenen Sonntag Vormittag sind 169 Handwerker und 12 Handwerkerinnen, welche sich in den letzten Monaten vor der Meisterprüsungskommission für die P"qvinz Oberhessen der praktischen und theoretischen Meisterprüfung unterzogen hatten und bestanden haben, in feierlicher Weise zu Meistern ernannt worden. Der Festakt sand in Anwesenheit zahlreicher Ehrengäste im Saal des Cafe Leib statt. Der Vorsitzende der Prüf- ungskommission, Baumeister Traber eröffnete die Feier burd) folgende Ansprache:

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Das 13. Mal seit Einführung der gesetzlichen Mei­sterprüfungen wiederholt sich die Feier; der Ueberreichung von Meisterbriefen im Handwerk. Gestatten Sie mir, Sie zu dieser Feier herzlich zu begrüßen und für Ihre Teilrmhme zu danken. Vor allem aber sage ich herz­lichen Dank für die Ehre, die der Prüfungskommission und den Kandidaten zuteil geworden ist, durch die Ge­genwart der Herren Ehrengäste. Besonders begrüße ich aber den Vertreter Großh. Staatsregierung, Herrn Ober- Regierungsrat Graefe.

Die hier versammelten Kandidatinnen und Kandi­daten, die in diesem Jahre die Meisterprüfung abge­legt und bestanden haben, werden die Ehre zu schätzen wissen, die ihnen durch die Gegenwart der Herren Eh­rengäste widerfahren ist, und sich später gewiß gern des Tages errnner.n, der ihnen gezeigt hat, welches In­teresse man an ihren Geschicken allgemein nimmt.

M. D. u. H. 1 Die Meisterprüfungen im Handwerk sind durch die Bestimmungen und Vorschris- ien in der Reichsgewerbeordnung gesetzliche Prüf­ungen geworden. Fragt man sich mm, warum ge­rade für das Handwerk eine solche reichsgesetzliche Fest­legung notwendig war, da doch alle anderen Arten von Reise- u. BefähiguNgsprüsungen nur auf dem zwang­losen m i n i st e r i e l lt n Verordnungswege ungeordnet worden sind oder werden!, so muß man zweifellos zu der Interpretation gelangen, daß die maß­gebenden Personen und Behörden s. Zt. befürchtet ha­ben mögen: im Handwerk würden nach der vorausge- gangenen zügellosen Freiheit in den Gewerbebetrieben, und der geringen Neigung: der Allgemeinheit zu zeigen, was der Einzelne zu leisten vermag niemals freiwillig weder Gesellen- noch Meisterprüfungen abgelegt werden, wenn eben nicht durch Einschränkung der bodenlosen Zustände ein bestimmter Zwang zur Ab­legung der Prüfungen gegeben sei. Wie sah es z. B. in jener Zeit mit der Aus- und Weiterbildung des Nach­wuchses im Handwerk aus, was hatten sich durch den einfachen Gewerbeschein für Eristenzen im Hand­werk aufgetan und breit gemacht! Viele davon wollten auch wohl alles missen und verstehen, aber leisten konn­ten nur Wenige etwas Tüchtiges.

M. D. u. H. ! Ueberblidt man dagegen die Zeit seit 1901, seit Durchführung der Bestimmungen der Reichsgewerbeordnung, so muß man zu der Ueberzeug­ung gelangen, daß doch sehr vieles besser geworden ist, wenn auch die Vorschriften dieses Gesetzes hie und da noch eine bessere Anpassung an die wirklichen Lebens­bedingungen im Handwerk erfordern. Betrachten wir zu allererst nur das Eine, das wichtigste Gebiet im Handwerk, die Erziehung des Nachwuchses, so muß sich auch der hartnäckigste Gegner der neuen Verhältnisse doch sagen: es ist entschieden besser geworden.

V i e l e der L e h r l i n g e in jener freiheitlichen Zeit, das heißt: wo man die Freiheit nicht zu meistern, nicht zu würdigen verstand, machten sich einfach zu Ge­sellen. ohne oftmals eine ordnungsgemäße Lehrzeit hin­ter sich zu haben; sie liefen eben ihren Lehrmeistern fort, weil sie genau wußten, daß dieser keine Zwangsmittel gegen sie anwenden konnte. Dann gab es auch skrup- pellose andere Handwerker, die einen solchen Menschen in Arbeit nahmen. Heute sind natürlich solche Erschein­ungen vollftändig ausgeschlossen. Was aber durch jene Zustände damals für die Idealisierung; für die Heb­ung der Handwerkskunst und des Standes selbst her­auskam, war herzlich wenig, denn dem Handwerker - stände drohte damals sogar der Verlust des allgemeinen Ansehens.

Das gesamte Handwerk hat es daher jenen ein­sichtsvollen gesetzgebenden Männern zu verdanken, daß es seine in früheren Zeiten doch so hoch entwickelte Kul­tur und Anerkennung nicht vollends ganz verlor und nicht zur Kaste der einfachen Handlanger herabsank.

Ich freue mich, heute konstatieren zu können, daß ich bei der Durchführung der Prüfungen sehr häufig bei den allen tüchtigen Meistern einer Befriedigung begegne. Ganz besonders möchte ich heute den Frauen und Her­ren Prüsungsmeistern den verdienten Dank nicht ver­sagen, daß sie mit Lust und Liebe an der Neuordnung der Verhältnisse mit arbeiten und bemüht sind, nur gute Arbeiten bei den Prüfungen anzuerkennen.

Wenn schon diese Prüfungen keine Sicherheit dafür bieten können, daß nunmehr keinerlei Auswüchse oder Benachteiligungen im handwerklichen Geschäftsverkehr Vor­kommen möchten, so beachte man, daß es immer und allerwege Menschen mit wenig entwickelten Ehrbegriffen geben wird. Solche Glieder aber zu erziehen, ist eben zunächst Sache des betreffenden Standes selbst.

Die abgelegte Prüfung hat aber vor allem anderen doch den Nachweis erbracht, daß der in die Reihen sei­ner Kollegen einir,elende Nachwuchs als gleichwertig an­gesehen wird, und ihm daraus die Vorteile der Gesetz­gebung die immerhin beachtenswert sind rc. zugute kommen.

Eine jede Prüfung mag eine solche ablegen wer und aus welchem Stande ist und bleibt doch in er­ster Linie eine rein persönliche Angelegenheit; eine Be­friedigung darüber, in die Reihen seiner Kollegen sich eingestellt zu wissen. Daß dadurch in gewissen Richt­ungen auch ein Vorsprung gegenüber, dem Nichtgeprüs- ten erwachsen kann, ist selbstredend ganz natürlich. Die Gegner dieser Prüfungen sind nicht ernst zu nehmen; sie befürchten vielleicht eine solche Prüfung nicht bestehen

zu können, oder sie möchten den

Meisterbrief als [oge=

nannten Blankowechsel angesehen wissen, mit dem ihnen alle wirtschaftlichen Vorteile von selbst zu'sließen müß­ten. Diese Gegner vergessen aber, daß allein die Intel­ligenz und eine gute Schulung die Gefährnisse im ge­schäftlichen Leben ohne wesentlichen Schaden zu um­schiffen vermag. Diese Intelligenz und gute Schulung soll eben die Prüfung erbringen.

Dieses erforderliche Wissen verweist uns aber auf ein anderes Gebiet, dessen Notwendigkeit das Handwerk endlich r e st l 0 s anzuerkennen sich mehr und mehr bemühen muß. Es ist dies das Gebiet der h a n d- werkstheoxetischen Ausbildung des Nachwuch­ses.

Die Handwerksmeister insbesondere die Elten der Lehrlinge müssen stets darauf bedacht sein, daß schon dem Lehrling Gelegenheit gegeben werden m u' ß, sich durch eine gründliche systematische Ausbildung mit dem nötigen sachtechnischen und kaufmänni­schen Wissen vertraut machen zu können. Eine kurz vor der Prüfung etwa auf wenige Wochen ausgedehnte trillartige Vorbereitung, ich meine hier speziell den rein Handwerkslechnischen Teil, halte ich nur für einen Not­behelf, nicht aber für ein genügendes Fundament, aus dem weiter gebaut, weiter gearbeitet werden könnte. Eine kurze Auffrischung alles vorher sachgemäß Erlernten vor der Prüfung will ich natürlich nicht verwerfen, denn da­durch wird selbstredend FragT und Antwort in einer für die Beteiligten ungewohnten Prüfung erleichtert.

Der junge hessische Handwerker kann aber, nicht

Klage darüber führen, daß

ihm zu einer guten und

gründlichen Fachausbildung die Gelegenheit fehle. Wir- haben in Hessen eine grobe Zahl von gewerblich-techni­schen Lehranstalten, die alle ihre Aufgabe in der gründ­liches Ausbildung des Handwerks suchen. An diesen Lehranstalten, die unter der Kontrolle der, Großberzogl. Zentralstelle für die Gewerbe und dem Gr. Ministerium des Innern stehen, wird der junge Handwerker nach jeder Richtung theoretisch in Verbindung mit der praktischen Lehre für seine spätere Zukunft sachge­mäß ausgebildet.

Leider werden diese Gelegenheiten immer noch nicht allgemein gewürdigt; man kann sich sehr oft, zu einer gediegenen theoretischen Ausbildung nicht aufschwingen; man meint wohl auch: es genüge, wenn man nur vrak- tisch etwas Tüchtiges leiste. Die Einsicht kommt dann leider oft erst zu spät. Wer heute seinen Standpunkt

behaupten will, der muß burd) sachliche und allgemeine Kenntnisse so gerüstet sein, daß er von den Schwalik - ungen im Geschäftsverkehr nicht sogleich in die Tiefe ge­zogen werden kann.

Neben diesen ^Notwendigkeiten ist aber auch in Handwerkskreisen durch gegenseitige Allf- Körung dahin zu wirken, daß die Neidwirtschaft Einzelner, gegenüber den Beritfskollegen tunlichst rmler- bunben wird. Einer kann doch nichtAlles" haben! Die Anderen wollen doch auch leben ! Der G r u n b = s a tz:Leben und leben lassen" muß für die Beteilig­ten zu einem Evangelium werden. Ich will nicht in Abrede stellen, daß es Schwierigkeiten machen mag, aber die ehrlich denkenden und ehrlich handelnden Hand - werksmeister müssen versuchen, solche schädliche Elemente nach und nach doch zur Vernunft zu bringen. Am be­sten wird es wohl zu erreichen sein, wenn die gleichen Berufskollegen sich fest zusammenschließen. Die in Gie­ßen gebildete Handwerker-Zentrale müßte eben zu die­sem Zwecke eifriger benutzt werden.

All'^ diese M a h n u n g e n und Hinweise, deren man noch weit mehr aufstellen könnte, möchte ich heute insbesondere an [iie liebe Kandidatinnen und Kan­didaten gerichtet wissen, damit jie als junger Meister ­nachwuchs in Ihren Kreisen mit dazu beitragen können, die angebeuteten Schäden im Handwerk tunlichst zu be­seitigen. Der junge Anfänger ist wie mir nicht [cl= ! ten mitgeteilt mlrb sehr oft bestrebt, um jeden Preis nur Arbeit zu bekommen, selbst aus die Gefahr hin, daß er nichts verdient. Er bedenkt dabei aber nicht, daß er dadurrh nicht allein seine Berufskollegen schädigt, son­dern sich selbst, durch ein solches Gebühren dem Ruine naheführt. Weiter bestärkt er in Laienkreisen und wohl ard) an anderen Stellen die Ansicht: der Meister mit , hol cren, aber reellen und sachgemäßen Forderungen be- ai splucht zu viel für seine Leistungen. Darun, daß Schleuderpreise keine gute Arbeit bringen können, wird in Laienkreisen meist nicht gedacht.

Unsere Staatsregierung und ihre ausführenden Be­amten sind seit Jahren hemüht, auf dem wichtigsten Ge­biete des Handwerks der Arbeilsvergebung den gerechten Wünschen des Handwerks enlgegen zu kommen. Wenn dabei manche Wünsche unerfüllt bleiben, so liegt Mes' daran, daß es immer noch skrupellose Handwerker gibt, die durch schlechte und falsche Berechnungen Preis- forberuTtgen stellen, die das Ansehen und das Vertrauen zu den ehrlich und gichtig handelnden Meister unter­graben. Den arbeitsvergebenden Behörden mag es bei solchen Erscheinungen oft recht schwer ums Herz sein, das Richtige zu' treffen.

Auch unser erhabener kunstsinniger Landesfürft be­müht sich um die Hebung der Handwerkskunst, und zeigt immer neue Wege, ober sucht durch allerlei Anregungen und Aufträge dem Wiedercrusblühn des Handwerkes zu nützen. Ihm muß in Hessen das Handwerk ganz be­sonders dankbar sein.

Lassen Sie uns deshalb die heutige Feier dazu benutzen, den Gefühlen der Dankbarkeit und hohen Ver­ehrung Ausdruck zu geben in dem Rufe:

Sr. Kgl. Hoheit, unser allverehrter Großherzog Ernst Ludwig Hoch, Hoch, Hoch!

der

M. D. u. H. ! Aus dem geschäftlichen Teile

diesmaligen Meisterprüfungen möchte ich Ihnen nur kurz folgendes noch mitteilen:

. Zur Prüfung hatten sich 182 Kandidaten aus 35 verschiedenen Handwerksberufen gemeldet. Ihr Wohnsitz verteilt sich auf 68 Orte in Oberhessen.

Die Prüfung haben bestanden 168 Kandida­ten. Die Hauptanzahl stellte diesmal Gießen mit 49 und Vilbel mit 21 Kandidaten; wohingegen Alsfeld, Nidda, Büdingen sehr schwach, und Friedberg gar nicht

vertreten ist.

Außerdem für die nächste ten angemeldet

will ich noch bemerken, daß sich bereits Prüfung eine größere Anzahl Candida- Haben, um die Zulassung 3m; Prüfung

noch ohne den Nachweis der abgelegten Gesellenprüfung zu erlangen.

Und nun Sie meine werten Kandidatinnen und Kandidaten wenn wir Ihnen heute durch Ueber - reichung des Meisterbriefes den Meistertitel in Ihren Handwerken zusprechen, so möchte ich vorher im Namen der Prüfungskommission dem Wunsche Ausdruck geben: