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Gießener Jettnng

Bezugspreis 25 Pfg. monatlich

vierteljährlich 75 Psg., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition ober in den Zweig- auSgabestellen vierteljährlich 60 Psg. — Erscheint Mittwochs und Samstags. — Redaktion: Setters- weg 83. — Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

Verlag der „Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Expedition: Seltersweg 83.

Anzeigenpreis 20 Pig.

bte 44 mm breite Inseratenteile. — Die 90 mm breite Zeile im R e k l a in e l e i l 50 Psg. — Extrabeilagen werden nach Gewicht und Grütze berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschrcuung des Zahlung-. zieleS (30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Piapvorfchriften ohne Verbindlichkeit. Druck der Gießener Vcrlagsdruckcrci, Albin Klein.

Wie hergestellt

Nr. 10

Telep hon: Nr. 362.

Samstag, den 1. Februar 1913

Telephon Nr. 362.

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Zur Lage auf dem Balkan.

Die Antwortnote der Pforte wurde um 2^8 Uhr nachmittags von dem Minister des Aeu^ern dem Doyen des diplomatischen Korps, dem österreichische ungarischen Botschafter Pallavicini, überreicht. Ueber den Inhalt verlautet folgendes: Die Antwortnote schlägt eine Grenze vor, die Bulgarien das rechte Ufer der Maritza überläßt. Die ägäischenJnseln über­gibt die Pforte den Mächten, ausgenommen die Inseln, die die Dardanellen beherrschen. Die vier Inseln vor der Einfahrt in die Dardanellen müßten dec Türkei verbleiben. Was die anderen Inseln betreffe, so sei die Pforte bereit, ihnen Autonomie nach der Art von Libanon oder der Insel Samos zu gewähren. — Sie nimmt Kenntnis von den Zusagen dec Mächte, sie in der Entwicklung des Landes zu unterstützen. Zum Schluß kommt sie noch einmal auf die religiösen und geschicht­lichen Gründe zurück, welche die Türkei zwingen, den Teil von Adrianopel zu behalten, dec die den Musel­manen heiligen Orte enthält. Jedoch erklärt sie sich be­reit, die Befestigungen von Adrianopel zu schleifen.

Sofia. Das Armeehauptquanier ist angewiesen worden, den Waffenstillstand mit dem 30. Januar zu kündigen. General Sawoff richtete einen Tagesbefehl an die Armee, in dem es u. a. heißt: Bereitet Euch für neue Siege vor.

Sofia, 30. Jan. Die Verbündeten haben den Waffen still st and von heute 7 Uhr abends ab gekündigt, sodaß am 3. Februar, 7 Uhr abends, ^ie kriegerischen Aktionen wieder ausgenommen wer­den. Das Hauptquartier erließ den Befehl, daß die I fremden Militärattaches und die Kriegskorrespondercken auf dem Kriegsschauplatz nicht zugelassen werden.

Die Mächte setzen nun mit allem Nachdruck ihre Bemühungen, eine Vereinbarung zwischen der Türkei und den Balkanstaaten herbeizuführen, fort, und zwar Dicht nur in Konstantinopel, sondern auch bei den B a l- ran st aalen. Daher ist auch noch nicht unbedingt sicher, daß am Montag die Feindseligkeiten unter allen Umständen wieder ausgenommen werden müssen.

Wien, 31. Jan. Es verlautet, die Mächte woll- : ten den Balkanstaaten weitere Verhandlungen behufs Vermeidung des Wiederausbruchs des Krieges nahd- legen. Jedenfalls ist die Lokalisierung des Krieges ge­sichert.

Paris, 31. Jan. Der „Temps" meint, die Bal­kanlage berechtige angesichts der friedlichen Dispositio­nen der Mächte zu keiner Beunruhigung, dagegen berge der rumänisch-bulgarische Konflikt ernste Ge­fahren.

K o n st a n t i n o p e l, 31. Jan. Nach einer Mel­dung des Marineamis überfiel der Kreuzer „Hamidje"

bei der Insel Adropalia 4 griechisch e Kruppen schiffe, schoß drei in den Grund und zwang das vierte zum Aufkäufen. Der siegreiche Kreuzer wurde heimbe - rufen, um die Operationen bei Dallipoli zu unterstützen.

Paris, 30. Ian. Der hier aus London einge­troffene bulgarische Finanzminister Theodorow er­klärte einem Redakteur des „Temps" unter anderem, Bulgarien werde die Forderung nach einer Kriegs­entschädigung aufrechterhalten. Es habe 25 000 Tote auf den Schlachtfeldern verloren und es werde da­durch allein 20 bis 30 Jahre 10 Millionen für Pen­sionen auszugeben haben. Bulgarien habe jetzt 550 000 Mann im Felde. (Diese Zahl scheint erheblich über­trieben.)

Konstantinopel. Das jungtürkische Komitee hat eine Proklamation veröffentlicht, in der die Bildung eines Komitees für die nationale Ver­teidigung angezeigt wird. In der Proklamation heißt es: Wir trafen endgültige Beschlüsse, die türkische Souveränität über Adrianopel und die Inseln sicher zu stellen, und in allen anderen von den Feinden be­setzten Orten unsere nationalen Rechte und Interessen soweit als möglich zu verteidigen. Wir rufen alle Tür-

vollständig vorbereitet. Dieselbe Zeitung schreibt da^u : Kommt ein Monopol und sollen 600 Millionen her - ausgewirtschaftet werden, so würde dies eine weitere Verteuerung des Sprits um 1 Mk. pro Liter bedingen.

Frankreich.

* Pari s, 29. Ian. Der ständige Ausbau der französischen Kriegsmarine und die Abnahme der Fi­schereibevölkerung an Frankreichs Küste, zwingt das Marineministerium zu einem ähnlichen Mittel zu greisen, wie es die Heeresverwaltung schon lange anwendet, nämlich farbige. Mannschaften auch zum Dienst in der französischen Flotte heranzuziehen. Sie sollen Verteuerung des Spiritus um 1 Mark pro Liter be­dingen.

ken zur

zu Hilfe und Rettung des

London.

werden jede Hand ergreifen, die sich Vaterlandes darbietet.

Die rumänische Note, die der Gesandte

Mischu dem bulgarischen Unterhändler Dr. Danew über­reicht hat, fordert von neuem Abtretung von Silistria.

Politische Rundschau

Deutschland.

* Sieuerpläne. Die glaubt mitteilen zu können, daß dem Verschlage beschäftigt, den kürzlich in einer Rede in seinem Verbesserung des Standes der

„Deutsche Tagesztg." sich die Regierung mit Graf Schwerin-Löwitz Wahlkreise über die Reichsfinanzen gemacht

hat. Graf Schwerin-Löwitz schlug vor, die Erträgnisse der Stempel- Steuern ganz dem Reiche zu überlas­sen, dagegen die Erträgnisse der Wertzuwachs- Steuer und der Reichserbschafts st euer den Einzelftaaten zll überweisen.

* In der Budgetkommission des Reichstages er­klärte Reichsschatzsekretär Kühn, auf den Ertrag von 20 Millionen der Fahrkarten st euer im Interesse der Allgemeinheit nicht verzichten zu lönnen. Vielleicht könne versucht werden, eine Reform herbeizuführen, die die Einnahmen nicht beeinträchtige.

* In einem Artikel der „Brennerei-Zeiluug" wird geschrieben: Viel früher, als man gemeinhin anzunsh- men pflegt, ist die Einführung eines Reichsspiri­tusmonopols nicht nur geplant, sondern bereits

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Zur Rhein-Nordsee -Kanalfrage.

Am 16. Januar hielt Ingenieur Rosemeyer- Köln in einer großen Versammlung, vor Vertretern des Magistrats, der Handelskammer, der Elektrotechnischen Gesellschaft, des Kölner Bezirksverein deutscher Inge­nieure, des Architekten- und Ingenieur-Verein für Rhein­land und Westfalen und des Vereins der Industriellen des Regierungsbezirks Köln einen Vortrag über sein Projekt eines „Rhein-See-Kanals von Köln bis Emden". Dasselbe Thema war erstmalig im November 1912 im Abgeordnetenhaus zu Berlin vor dem „Verein zur För­derung des Baues eines Großschiffahrtsweges vom Rhein zur deutschen Nordsee" eingehend behandelt. Ent­gegen dem bereits früher aufgestellten Projekte der Bau­räte Herzberg und Taaks, die den gleichen Kanal von Wesel abzweigen lassen, nimmt Rosemeyer seinen Auis- gangspunkt höher rheinaufwärts, und zwar bei W i e s- dorf unterhalb Kölns; dadurch erreicht er den Vorteil des natürlichen Wasserzuflusses und reduziert die Zahl der tn Betracht kommenden Schleusen auf drei. Außer­ordentlich glücklich ist die Idee durch das natürliche Ge­fälle elektrische Energie zu erzeugen, welche industrielle Verwertung sinder und gleichzeitig eine Rentabilität der ganzen Anlage sichert. Wichtig ist, daß sich auf dieser geplanten Wasserstraße mit 70 Meter Spiegelbreite und 8 Meter Tiefe der Verkehr von Seeschiffen mit 5—6000 Tonnen Ladefähigkeit bis nach Köln hinauf bewerk­stelligen lassen wird. Hierdurch ist die Möglichkeit ge­geben, den jetzt in Rotterdam sitzenden deutschen Ver­kehr auf deutschem Boden herüberzulenken und der deutschen Volkswirtschaft auf diese Weise enorme Beträge 3 u1 erhalten.

Für die Rheinhäsen Köln, Düsseldorf und Duis­burg weiß der Autor große Rhein-See-Hafenanlagen zu schaffen und die Städte Neuß, Krefeld und Wesel durch Zweig-Kanäle anzuschließen. In gleicher Weise plant

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D.^ Glückskind

Roman von Freue v o n H e l i m uth.

(Nachdruck verboten.)

Droben aber, am Fenster, lehnte ein totenbleiches - Mädchen, die Hände krampfhaft ineinanbergeschlungen, die Augen starr in die Weite gerichtet, unbeweglich und stumm. Erst als der Erzähler drunten sich zum Fort­gehen anschickte, und Kathi die Hand .reichte, — da kam Leben in die Gestalt, eilends flog sie die Treppe hinab und stand in der nächsten Minute vor Leberecht, der erstaunt das Mädchen anblickte, das mit fliegenden Haaren herzustürzte.

„Und hat Ihr Herr keine Zeile, — keinen einzigen s/letzten Gruß für mich zurückgelassen?" fragte Rös­chen mit erstickter Stimme .

„Nichts, — gar nichts, Fräulein, er hat überhaupt nicht von Ihnen gesprochen", — antwortete Leberecht finster und grollend. a e ,

„Das — das ist unmöglich, — das kann ja ntd)t sein er kann nicht so, ohne Abschied, fort sein, sehen ^ie, bitte, — doch noch einmal nach!"

„Das ist umsonst, Fräulein, er hat sich gar . niedergesetzt, als er heimkam, sondern ist sogleich av-

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Leberecht fühlte beim Anblick dieses totenbleichen, wankenden Mädchens seinen Groll etwas schwinoen, und fuhr in milderem Tone fort: „Könnten Sie uns nicht sagen,was vorgefallen ist, vielleicht ließe sich noch alles wieder zum besten wenden."

Röschen schüttelte traurig den Kopf. *W weiß von nichts, gewiß nicht." .

„Das mag der Teufel glauben?, brummte der ankere

Ros! wankte ins Haus. Die bebenden Glieder schienen den Dienst versagen zu wollen, ihre Hano suchte eine Stütze, sie griff in die Luft wie ein m.üd^s Kind «ud setzte sich am Fuße der Treppe nieder.

^n dieser Verfassung traf sie Am:er, der wohl er­kannte, daß hier etwas Besonderes vergefallen sein inußte.

Er versuchte, durch liebreiches Sprechen und Zu­reden sie zur Mitteilung zu bewegen, allein sie würdig­te ihn gar keiner Antwort. Hätte sie nur eine Ahnung gestabt wie das zusammenhiil-, dann wäre ihr wohler gewesen aber so, — umsonst war alles Grübeln, nichts, rein gar nichts wollte ihr einfallen, was diese plötzluhe Abreisc bedeuten mochte. Tagelang wartete sie nun auf Nachricht, die doch kommen muß.e, — aber nicht das Geringste ließ der vielleicht schon in weiter Ferne Weilende von sich hören. Da erwachte der Stolz, der unbändige, tief beleidigte Müdchenstolz, der ihr schon von jeher eigen gewesen.

„Welches Recht habe ich denn an diesen Mann, warum gräme ich mich denn eigentlich um einen, der mit mir gespielt, mein törichtes Herz mit süßem Blick und Schmeichelwort umgarnt hat, und nun, weil es ihm vielleicht zu langweilig wurde, sich andere Kurzweil sucht. Wenn es ihm ernst gewesen wäre mit seiner Liebe, hätte er dann nicht längst davon gesprochen und um mich geworben?"

So redete sich Röschen immer tiefer in ihren einge­bildeten Zorn hinein und versuchte, wieder heiter, wie ehedem zu erscheinen. Doch es ging nicht.

In solchen Momenten, wo sie sich das Bild des ernsten Mannes vergegenwärtige, wie seine Augen leuchteten, wenn er von ferne ihrer ansichtig wurde, wie er so gütig und ihr gegenüber trotz feines Reich­tums und trotz seines reichen Wissens stets bescheiden, fast demütig erschien, und niemanden fühlen ließ, daß er durch seine hohe Bildung und seinen Schatz an Kennt­nissen allen weit überlegen war, wie auch sein ganzes Wesen eine hohe Begeisterung für alles Gute und Schöne verriet, dann kehrte auch die heiße Sehnsucht nach dem Fernen zurück, aber meistens wurde das alles

schnell wieder verdrängt durch andere, zornige Ge­danken. Sie wollte nicht mehr an ihn denken und zwang sich zur Heiterkeit, und dann erschien sie hinreißend, und Winter fand das Mädchen begehrenswerter als je.

Er häufte es mit Aufmerksamkeiten und vermochte doch nichts damit auszurichten.

Nach vierzehntägigem Aufenthalt mußten die Freunde wieder an die Heimat denken.

In all dieser Zett hatte Röschen die Sorge um den geliebten Bruder fast vergessen. Er schrieb einen recht traurigen Brief, wie seine Gläubiger ihn fast zum Wahnsinn brächten mit ihrem Drängen und Mahnen, und wie die Sorge ihm keine Stunde der Ruhe ließ.

Die ganze fürchterliche Lage kam dem armen, ge­quälten Mädchen nu wiederum zum Bewußtsein.

Waldemar, — freilich, was sollte aus dem werden, wenn alle Aussicht auf eine baldige Verheiratung ihrer­seits schwand? Nur dadurch konnte jener gerettet wer­den. Denn daß Bößler, der darauf brannte, sie mit fei­nem Freund Winter vermählt zu sehen, vorher keinen Pfennig Herausgaben würde, war doch klar. Gleich­wohl, der Versuch mußte noch einmal, zum letzten Male gemacht werden.

Aber ob Röschen auch bat und flehte, Böhler lach­te sie aus.

„Die Rettung Deines Bruders liegt einzig in Dei­ner Hand", sagte er. „Du kannst ihm helfen, indem Du Winter heiratest."

Er hatte wohl erkannt, daß auf diesem Wege am ehesten etwas.bei dem störrischen Mäckchen zu erreichen war, und benutzte diese Gelegenheit, um es möglichst zu zwingen, auf seine Pläne einzugehen. Doch hütete er sich wohl, gegen den Freund etwas laut werden zu lassen. Denn wenn derselbe erfuhr, daß Röschen fest und sicher auf das ersprochene Kapital rechnete, um da­mit dem Bruder aufzuhelfen, so zog er sich am Ende im entscheidenden Augenblick noch zurück. (Forts. folat.)