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Hießener Jettung

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Verlag derGießener Zeitung" G. m. b. H.

Expedition : Seltersweg 83.

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Druck der Gießener VcrlagSdruckcrci.

Nr. 1

Telephon: Nr. 362.

Mittwoch, den 1. Januar 1913.

Telephon Nr. 362.

25. Jahrg

Zum Jahreswechsel.

Den Geist zu sammeln, eignet sich keine Zeit mehr als die Jahreswende. In dem Augenblicke, wo ein Jahr mit seinem ganzen Inhalt an Freuden und Lei- ben, an Mühen und Sorgen, an Errungenschaften mb Fehlschlägen im Strome der Ewigkeit versinkt und ein neues Jahr, noch in dichtem Nebel verhüllt, an der Zu­kunft Schwelle sich emporhebt, schaut der Geist, zur Sammlung gestimmt, auf das versinkende Jahr zurück,

um daraus das als Ergebnis zusammenzufassen, er in das neue Jahr hinübernehmen will, um es gesammelte Kraft für die Aufgaben und Arbeiten fommenben Zeit wirken zu lassen.

Reich an Kämpfen war das alte Jahr. Es gann mit den Reichstagswahlkämpfen, mit dem

was als der

be- Bal-

kankriege endete es. Anfang und Ende bieten Lehren, die Beherzigung für das neue Jahr und darüber hin­aus beanspruchen. Die Notwendigkeit der Sammlung der nationalen Kräfte zur Abwehr der inneren wie der äußeren Feinde lehren die Wahlkämpfe des vergange­nen Jahres und der Krieg, der Europa in den letzten Monaten erschüttert hat. Daß 110 Sozialdemokraten in den Reichstag ziehen konnten, daß seitdem die rote Flut höher schwillt und kraft ihres Wahlsieges die So- zialöcmokratie sich wie eine Großmacht gebärdet und Aufspielt, als ob sie über die künftige Gestaltung der Völkergeschicke das entscheidende Wort zu sprechen habe, ist die Wirkung der Uneinigkeit des deutschen Bürger- tums. Weil sich die nationalen Kräfte zur einheitlichen ^elämpfung der Sozialdemokratie nicht zu sammeln ver­mochten, sind die Feinde im Innern stärker denn je ge­worden.

Auch die von den äußeren Feinden drohende Ge­fahr würde gewachsen und vielleicht zum Kriege ge - führt haben, wenn ebenso ihnen gegenüber das Gebot der Sammlung der nationalen Kräfte nicht befolgt wor­den wäre. Der Valkankrieg hat einem, wie im Jahre zuvor die Marokkofrage, das deutsche Volk, das auf des Vaterlandes Boden steht, im einmütigen opferbereiten Willen zur höchsten Wehrhaftigkeit, zur Kriegsbereitschaft fest zusammengeschlossen. Dieser Wille für des Väter - langes Macht und Sicherheit muß noch so weit gestei­gert werden, daß er nicht mehr den inneren Feinden gegenüber versagt. Denn diese inneren Feindesind ja auch Feinde unserer Kriegsbereitschaft, gegen die sich nach wie vor, und zwar im letzten Jahre mit verdop­pelter Anstrengung, Krieg führen. Droht doch die So­zialdemokratie in ihrem Größenwahn mit Revolution, wenn Deutschland gezwungen sein sollte, seine Wehr - macht für seine Ehre, seine Größe, seine Zukunft ein- zusetzen. Durch unglückliche Kriege, die den nationalen Staaten den Untergang bereiten, hofft die Sozialdemo-

fratic den Umsturz herbeiführen zu können. Wie der Balkankrieg zeigi, werden aber unglückliche Kriege und der nationale Zusammenbruch nur durch dieZusammen- faffung und äußerste Anspannung der nationalen Wehr- kräftc abgewendet. Die Sozialdemokratie will ihre Schleckensherrschaft auf den Trümmern des Deutschen Reiches errichten, und darum bekriegt sie die starke deut­sche Wehrmacht, die allein dem Reiche Dasein und Größe sichelt. Wer daher die volle Kriegsbereitschaft will, muß den Kampfeswillen gegen die Sozialdemokratie be­tätigen. Die im kriegsfertigen Volksheere verkörperte Einigkeit der nationalen Kräfte bildet ein unüberwind­liches Bollwerk gegen die äußeren Feinde so lange, als sie es auch den inneren Feinden gegenüber bleibt.

Die Sammlung der nationalen Kräfte zur Erhal­tung der deutschen Machtstellung vor Kriegsgefahr und zur Eindämmung der Umsturzbewegung ist des letzten Jahres doppelte Hauptlehre. Wird sie fortan ganz, nicht mehr bloß zur Hälfte, wie bisher, befolgt, so ge­währt der Rückblick auf 1912, der zur Verwirklichung des vollen, die nationale Leistungsfähigkeit erschöpfen­den Sammlungsgedankens mahnt, einen hoffnungsvol­len Ausblick auf 1913. Die Erkenntnis der Vergangen­heit ist der Schlüssel der Zukunft. Sammlung, die zu vcllenden der der Sozialdemokratie gegenüber begangene Hauptfehler des Jahres 1912 gebietet, sei also die Schlußrechnung an der Jahreswende, des Neujahres - tagcs Losung. Nicht die bloße Betrachtung, die bei der Vergangenheit verweilt, um nur der Erinnerung zu le­ben, sondern die Tat, die uns unsere Pflichten als Bür­ger des Vaterlandes erfüllen läßt, macht das Leben wertvoll und des Unvergänglichen teilhaftig.

v. Kiderlen Wächter t

Alfred v. Kiderlen-Wächter, der deutsche Staatssekre­tär des Auswärtigen Amtes, und wohl auch im höheren Grade der Leiter der auswärtigen Reichsangelegenhei­len als je ein Nachgeordneter Reichsbeamter vor ihm, ist am Montag morgen in seiner Württembergischen Hei­mat, in Stuttgart, unerwartet an Herzschwäche gestor­ben. Herrn v. Kiderlen-Wächter hat der Tod nach kur­zer. wenig beachteter Unpäßlichkeit auf Besuch bei seiner Schwester, Freifrau von Hemmingen, überrascht.

Herr v. Kiderlen-Wächter ist ohne rechten Abschluß eines Werkes gestorben. Und gerade jetzt, da seine gründlichen Valkankenntnisse schwer wogen und schwer zu ersetzen sein werden, da er dem Reiche in schwieriger Zeit die Wege hätte weisen können, mußte er sterben. Als Vermächtnis, sozusagen, hinterläßt er die Entrevue von Potsdam, deren günstige Folgen auf unser Ver­hältnis zu Rußland auch in der Gegenwart doch nicht

völlig zu verwischen waren. Ein Erfolg, der ihn über­lebt.

Alfred v. Kiderlen-Wächter war als Sohn des Hof-Kammerrates und Hofbankdirektors Robert Kider­len am 10. Juli 1852 in Stuttgart geboren. Er be­suchte hier das Gymnasium, machte den französischen Krieg 1870-71 als Freiwilliger mit, studierte darauf die Rechte, trat 1879 in das Auswärtige Amt ein, war 18811884 Sekretär an der Botschaft in St. Pe­tersburg, 18841886 in Paris und darauf Botschafts­rat in Konstantinopel. Mit dem Regierungsantrit Kai­ser Wilhelms 2. trat für ihn eine Wendung ein. Er würoe 1888 Vortragender Rat im Auswärtigen Amt. 1908 vertrat Kiderlen-Wächter vorübergehend den Staats­sekretär des Auswärtigen Amtes. Seit Ende Juni 1910 leitete er das Auswärtige Antt als Nachfolger des Frei- hcrrn v. Schön, der als Botschafter nach Paris ging.

Kiderlen hing an seiner schwäbischen Heimat mit großer Liebe. Wenn er sich von den Geschäften frei machen konnte, reiste er fast stets nach Stuttgart und verbrachte den Urlaub im Hause seiner Schwester, der verw-tweten Freifrau von Gemmingen, an der er mit geschwisterlicher Treue hing. Obwohl ihm also die sei­nen Empfindungen edler Liebe nicht fremd waren, ist er doch Junggeselle geblieben.

Die Beerdiguilg findet in Stuttgart Donners­tag nachmittag 3 Uhr auf dem Pragfriedhof statt. Zur Beisetzung trifft der Reichskanzler von Bethmanw-Holl- weg ein.

Stuttgart, 30. Dez. Im Trauerhaufe sind 3aHrrid)e Beileidskundgebungen von Fürsten und Re­gierungen eingetroffen. Das Beileidstelegramm des Kaisers an die Schwester des Staatssekretärs, Frei­frau v Gemmingen-Guttenberg, hat folgenden Wort - laut:

Die Nachricht von dem raschen und unerwarte­ten Hinscheiden Ihres Bruders erfüllt mich mit 1 i e- f e r T r a u e r und trifft mich schwer. Ich beklage den Tod eines der bebeuteübften Männer, von dessen Wirken für das Reich so viel zu hoffen blieb. Gott tröste Sie über den Verlust eines geliebten Bruders. W. I. R."

Die Nachricht von dein Hinscheiden des Staats ­sekretärs v Kiderlen hat in allen ausländischen politi­schen Kreisen aufrichtige und schmerzliche Teilnahme her- Toruaufen Alle Blätter widmen dem Staatssekretär «»S in baun sie seines kraftvollen, zrelbewuhlen

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Das Glückskind.

Roman von Irene von Hellmuth.

(Nachdruck verboten.)

An Rosi's Seite ging der Förster, ebenfalls im Sonntagsstaat; den grünen Jägerhut trug er in der Hand, um die reine, köstliche Luft um die Stirne spielen zu lassen. Kein Mensch war froher als er, daß endlich die angebrochenen Festtage der Scheueret und Putzerei zu Hause ein Ende machten.

Die ganze Woche hatte es gedauert und ihn oft genug fast zur Verzweiflung gebracht, so daß er, kaum nach Hause gekommen, sofort wieder nach dem Hute griff und dem recht imgemütlicben Heim den Rücken kehrte.

Kein Wunder auch! Der Scheuerbesen ging durch alle Zimmer: er verschonte nicht das kleinste Winkel­chen, so daß fast alles aus dem gewohnten Geleise kam, bis endlich am Pfingstsamstag die alte Ordnung und Gemütlichkeit wieder hergestellt war.

Das ganze Haus, vom Dachboden bis zum Keller blinkte jetzt in Sauberkeit wie ein Schmuckkästchen, mit seinen blendend weißen, frisch gewaschenen Vor­hängen, und den blitzenden Fensterscheiben.

Zufrieden mit ihrem Werk, durchwanderte Frau Therese noch einmal alle die traulichen Gemächer. Im Garten schnitt sie dann große Büschel blühenden Flie­ders ab, dessen Duft sich mit dem des eben auâ dem Ofen kommenden Pfingst^uchens vermischte. Ter Flur war mit reinem weißen Sand bestreut worden, und vor der ^ür hatte man ein paar Maibäume aufgepflanzt.

Rosi hatte tüchtig mitgeholfen, alles festlich zu schmücken, dafür wurde sie heute morgen von der treu sorgenden Försterin mit dem neuen Staat beschenkt, der gariz heimlich nach einem alten Kleide ange^ Jfgt worden war, und zu des Mädchens großem Jude ;e angegossen paßte. Mit Freudentränen fiel- .t benn auch der glücklich lächelttdert Tante Therese und

dem vergnügt schmunzelnden Onkel um den Hals und die beiden Alten blickten mit berechtigtem Stolze auf das wunderliebliche Kind.

Bin ich's denn, bin ich's denn wirklich?" ju­belte das Mädchen, vor dem Spiegel immer wieder den Hut aufprobierend, so daß fast die Zeit zum Kirchgänge versäumt wurde.

Gern wäre heute auch Frau Therese mitgegangen, allein das nächste Kirchdorf lag über eine Stunde weit entfernt, man brauchte also den ganzen Vormittag, bis man wieder nach Hause kam, und der Festbraten durfte doch ebenfalls nicht vernachlässigt werden. So entschloß sie sich, zu Hause zu bleiben.

Als Röschen mit ihrem Begleiter durch das Dorf dem Gotteshause zuschritt, erregten die beiden das Auf­sehen der ländlichen Bewohner. Frauen und Mädchen, nicht selten einige junge, stramme Bauernbürschen, blickten dem Paare, das nach allen Seiten freundlich grüßend seinen Weg verfolgte, mit unverhohlener Be­wunderung nach.

Nach beendigtem Gottesdienst ging es wieder durch die vor der Kirche versammelte, geputzte Menge, die das schöne Mädchen neugierig anstarrte, als sähe sie dieses heute zum ersten Male, und doch war Röschen schon oft hier gewesen, so daß man sie gar wohl kannte.

Unter lebhaftem Geplauder wurde der Heimweg zurückgelegt. Die Sonne bräunt jetzt heiß hernieder, die blauen Glockenblumen zu beiden Seiten des Weges senkten wie müde die zarten Köpfchen, selbst das Jubi­lieren der Vögel war verstummt.

Nahe der Steinbank, wo Röschen so gerne saß, kam ihnen Waldmann, des Försters Jagdhund, mit freudigem Gebell entgegengesprungen, und blickte mit den kleinen Augen bald das junge Mädchen, bald seinen Herrn an, als wollte er fragen, ob er recht getan.

Der Förster lobte das schöne Tier, indem er lieb­

kosend das glänzende Fell streichelte; der Hund gab durch Schweifwedeln zu erkennen, daß er seinen Gebieter verstand.

Rosi ließ sich ermüdet auf ihrem Lieblingsplatz nieder, und den Kopf an einen Baum lehnend, begann sie bittend:Laß mich ein wenig hier ausruhen, Onkel. Ich komme bald nach. Bis zum Mittagessen ist fast noch eine Stunde, also noch viel Zeit."

Ich weiß schon, Du kannst hier nicht vorübergehen, ohne zu rasten; bleib nur nicht zu lange, Kind, ich gehe derweilen heim, und sehe, was es Gutes zu essen gibt."

Damit wollte er weiter gehen, doch Röschen rief ihm nach:Hast Du nichts go t Onkel, ist der neue Besitzer des Schlößchens dritte schon eingetroffen?"

Ich weiß nichts davon, Rosi."

Wäre wohl neugierig, wie er aussieht,- vielleicht jagt er mich hier fort, wenn er mich sieht,- jedenfalls ist es ihm nicht angenehm, wenn jemand seine Einsam­keit stört, soll ja ein gar scheuer Vogel sein."--

Aber doch ein herzensguter Mensch, wie sein Diener mir neulich versicherte; na, wir werden ja sehen, also abwarten!"

Der Alte nickte seinem Liebling noch einm.ck zu, dann verfolgte er langsam seinen Weg weiter, während Waldmann, der, wie der Förster stets sagte, Röschen tief in seinHundeherz" eingeschlossen hatte, bei dem jungen Mädchen zurückblieb und den mächtigen Kopf in dessen Schoß legte.

Eine ganze Weile saßen sie still, als Röschens Blick zufällig auf die vom Turme des Schlosses wehende Fahne fiel:Aha, der Herr Doktor Gerhard Mallj ar scheint also doch schon da zu sein, oder zum mindesten bald erwartet zu werden." murmelte das Mädchen.

Der Strohhut lag auf der Bank, Röschen hatte ihn der Hitze wegen abgenommen. (Fortsetzung folgt.)