Metzener Jettitng
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Verlag der „(fliessen er Zeitung" G. m. b. H.
Druck der Gießener BerlagSdruckcrei.
Nr. 70.
Telephon: Nr. 362.
Samstag, den 31. August 1912.
Telephon Nr.: 862.
Zum Sedantage 1912.
Noch lebt die alte deutsche Rraft Und glüht in Lampfesleidenschaft Wie bei Bazeilles in Bayern. Noch klingt es fort von Haus zu Haus Und machtvoll in die Welt hinaus:
Wir wollen Sedan feiern!
Und wenn auch die Philister schreien Und ihre Friedenslitanein Wie alte Weiber leiern, Wir halten an dem Wahlspruch fest, Der hoch die Herzen schlagen läßt:
Wir wollen Sedan feiern!
Was unsere Väter einst vollbracht In heldenhafter blutiger Schlacht, Wir sollten es verschleiern?
Nein, unsre deutsche Jugend soll, Die Herzen von Vegeistrung voll, Alljährlich Sedan feiern!
Was tut’s, wie man im Westen denkt, Und ob dort unsre Feier kränkt;
Sie lauern gleich den Geiern Und feiern, wie es ihnen scheint. Uns hat der große Rrieg geeint, Wir wollen Sedan feiern!
, Louis Engelbrecht.
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Politische Rundschau.
Deutschland.
Das Befinden des Laisers hat sich wieder skirci! gebessert, daß der Monarch in seiner Vewegungs- piihcit nicht mehr behindert ist.
• Lassel, 30. Aug. Das Laiserpaar ". b? Prinzessin Viktoria Luise sind um 10% Uhr nach Lttlin abgereist.
• Berlin, 30. Aug. Das Laiserpaar die Prinzessin Viktoria Luise sind heute Nachmit- teg 5 Uhr 50 Min. im Sonderzug auf dem Potsdamer DliMhos eingetroffen. Der Laiser trug die Uniform bs Lonigsiäger zu Pferde mit den Generalsabzeichen. $m Empfange waren erschienen: das Lronprin- litii p a Q r mit den beiden ältesten Söhnen, Prinz kibl Friedrich und Prinz August Wilhelm mit ihren kmalstinnen, ferner die Prinzen Oskar und Joachim. MiNz Eitel Friedrich überreichte der Laiserin als Will- k'5imensgruß ein prachtvolles Rosenbukett.
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* Für die Reise des L a i s e r s in die Schweiz ist jetzt ein etwas gekürztes Programm festgesetzt worden, das in der Hauptsache dem militärischen Zweck der Reise, dem Manöverbesuch, Rechnung trägt unter Fortfall des Gebirgsaussluges. — In Interlaken und Luzern ist die Enttäuschung groß, weil beide Orte aus dein Retseprogramm Wegfällen.
* B e r l i n, 30. Aug. Auf Befehl des Laisers nehmen an der Herbstparade des Eardekorps und des 4. Armeekorps sechs Militärflieger teil.
* Der Reichskanzler begibt sich am 5. Sev- tember von Berchtesgaden nach Ungarisch-Hradisch, wo er bis Mitte September zu bleiben gedenkt.
* Berlin, 30. Aug. Der deutsche Geschäftsträger in Paris hinterlegte die Ratifikationsurkunde zu dem internationalen Uebereinkommen zur Bekämpfung des Mädchenhandels vom 4. Mai 1910 seitens des Reiches. Das Uebereinkommen tritt 6 Monate nach dem Tage der Hinterlegung, also mit dem 23. Februar 1913, in ' Lrast. Außer Deutschland ratifizierten Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Oesterreich-Ungarn, Rußland und Spanien das Uebereinkommen.
* B e r l i n, 30. Aug. Der australische Staatsmann Sir Charles Mackellar, der u. a. Präsident des „State Children Relief Board" in Sidney ist und sich mit großer Hingebung dem Studium der staatlichen Jugendfürsorge in Australien widmet, hält sich kurze Zeit in Berlin aus, um die hiesigen Jugendfürsorge-Einrichtungen kennen zu lernen. Ihm zu Ehren gab der Staatssekretär v. Liderlen-Wächter ein Frühstück.
* Dresden. Nach der Parade hat L ö n i g Friedrich August den deutschen L r 0 n - prinzen a la suite des 3. sächsischen Ulanen-Regi- mems Nr. 21 gestellt. Chef dieses Regimentes ist seit 7 Jahren der deutsche Laiser.
* München, 30. Aug. Der P r i n z r e g e n t lud den Reichskanzler ein, auf seiner Rückreise nach Schloß Linderhos zu kommen und einige Zeit der H 0 ch w i l d j a g d obzuliegen.
* Der Prinzregent vonBayern äußerte, wie offiziös aus München gemeldet wird, sofort nach der Verkündigung des Gesetzes vom 19. Juni 1912, eine Aenderung des Strafgesetzbuches betreffend, den Wunsch, durch Gnadenerweis die Milderungen des Gesetzes auch denjenigen Personen zuteil werden zu lassen, die vor dem Inkrafttreten des Gesetzes verurteilt worden sind, ihre Strafe aber noch nicht verbüßt haben. Aus den jetzt erstatteten Bericht des Justizministers hin begnadigte der Prinzregent eine große Anzahl von Verurteilten. Manchen Verurteilten hat er die Strafe völlig erlassen, darunter Strafen bis zll 3 Monaten Gefängnis. Bei vielen Verurteilten hat er die Freiheils -
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uin imiiivrw&M.MW’r « uw—inywirmmw —was— ■———^ strafe erheblich gemindert, bei vielen die Gesängnisstrase in eine mäßige Geldstrafe umgcwandell. — Es wäre erfreulich, wenn andere Monarchen dem Beispiele des greifen bayerischen Regenten folgen würden.
* Helgoland, 30. Aug. Aus dem Dampfer „Cobra" traf gestern Prinz Luitpold von Bayern ein und besichtigte die neuen Hasenanlagen.
* Berlin, 30. Aug. Das Ergebnis der N a - tionalflu-gspende beträgt jetzt rund sechs Millionen Mark.
* Die Reichseinnahmen haben für die ersten vier Monate des Etatsjahres 1912 den Erwartungen nicht ganz entsprochen, sondern sind hinter diesen um den allerdings nur unerheblichen Betrag von 0,4 Millionen Mark zurückgeblieben. Die P 0 [t und Telegraphenverwaltung ist mit ihrer Einnahme von 258,4 Millionen Mark zurückgeblieben, die Reichs- eisenbahnverwaltung dagegen hat mit 48,9 Millionen Matt den Voranschlag um 1,7 Millionen Mark übertroffen.
* Einen häuslichen Lrach bei den G e - nossen hat es wieder einmal in Berlin gegeben. Die „unteren" Genossen, die in die Acsitationswirtschaft nicht so eingeweiht sind, waren darüber empört, daß sämtliche Demonstrationsredner bezahlt würden. Der Parteivorstand erklätte, wie die „Leipz. N. N." melden, ziemlich kleinmütig, es sei nicht möglich gewesen, bei großen Demonstrationen für alle Versammlungen Redner zu finden, die umsonst das Referat hielten.
•
Schweiz.
♦ Vern, 30. Aug. Der Bundespräsident F 0 r- r c r hat sich von seinem Eichtansall soweit e r H 0 11, daß er heute vormittag an einer Bundesratssitzung teilnehmen konnte. Voraussichtlich ist der Bundespräsident beim Eintreffen des Laisers in der Schweiz wieder vollständig hergestellt.
* In Interlaken, wo man bereits über 40 000 Francs für Dekorationen und Feuerwerk ausgegeben hat, hat man noch nicht alle Hoffnung ausgegeben. Man denkt daran, entweder direkt in Berlin oder durch Vermittelung des deutschen Gesandten Schritte zu tun, um vielleicht doch noch einen kurzen Besuch des Laisers in Interlaken zu erzielen.
* Oesterreich.
* Wien. Hier tritt mit großer Bestimmtheit das Gerücht auf, daß der Lönig von England im nächsten Frühjahr dem Laiser Franz Joseph in Wien einen Besuch abstatten wird.
♦ Wien. Ein Antrittsbesuch des Grasen Berchtold beim Lönig von Italien ist für dieses Jahr be- ■MgM?——Wi^^^^üW
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Unter Fei»»den.
Roman von Karl Matthias.
(Nachdruck verboten.)
-Keineswegs, Papa, nur ein flotter Erbe glaubte ich p sein, und Du warft ja tot, wenigstens wolltest Du j Mr gelten, da Du kein Lebenszeichen von Dir gabst. ! tle Konsequenzerr mußt Du also tragen."
Bourlier lehnte sich stöhnend in den Sessel zurück. 8s er trug schwer an den Folgen seiner Verbitterung.
Olivier betrachtete ihn mit spöttischer Miene.
„Darf ich jetzt Madelon herbeiholen, um sie Euch forzustellen?" fragte er frech.
„Ich kenne die Person und mag sie nicht sehen, • mtwortctc der Vater wütend. „Ich wollte, ich wäre 1 - Ä sr-esÄ «=««.- w»--»-. 1(0"»Genug"ich gehe auf mein Zimmer," faßte Sourliw, i sch erhebend. »Welche Räume hast Du für mich hernch- ^ ^ Das linke Eckzimmer und den roten Salon." *
„Um Gotteswillen, dort vflegte ich Waldemar, ktonnte ihm Desiree zu. „Papa weiß es und wird sich rÄ "ffw SÄ« «MM» 1” «'««-• ! Fxjse. ,Du magst im roten Salon Deinen Aufenthalt i Betonten," wo Dir nach Laurence's Angaben Papa 0
Mösch fluchen konnte." „ hPT
»Du bist ein Ungeheuer/ sagte Desiree, als sichSer Vater entfernt hatte und ne sich gleichfalls »uruazog. ,Wo ist der treue Laurence?" .
, „Auf der Straße. Er war mrr zu treu. Jetzt kann ^' tat Tyri.lt etwas für ihn tun, wie er ®e^a(5' ^ ^^ Mi ch dem Alten öen gebühenden Lohn für Verrat un H,tä9k®tioi.J,: | ^g^oute, Sie Bayern hätten Dich bei jenem Ban- *vwS.
wollte, die Bayern hätten Dich bei jenem Ban-
bttenstreich mit den Uellrigen dingfest gemacht. Verdient hast Du es schon lange."
Olivier lachte und wandte seiner Schwester den Rütten, welche, da sich kein weiblicher Dienstbote zeigte, allein zu ihren früheren Zimmern hinaufstteg.
Abends sechs Uhr rief man zum Diner. Desiree war bei ihrem Vater gewesen. Als sie in den Speisesalon eintraten, fanden sie Olivier vor, der Madelon Pu- marquet am Arm führte. Er war entschlossen, der letzteren den ersten Platz im Hause zu erhalten, mochte daraus entstehen, was da wollte.
Aber der Streit, den er erwartete, blieb aus. Bourlier begrüßte die junge Frau, welche ihm und Desiree aufdringlich vorgestellt wurde, mit Würde. Deyree nahm mit einem Platze neben chrem Vater vorlieb, Madelon machte die Honneurs.
Plötzlich fragte Bourlier, dem die Rachsucht aus den Augen blißtzte:
„Haben Sie Ihren Gatten Jose Pumarquet schon gesehen, Dtadame? Ich traf chn in Sedan, er wollte Sie hier besuchen." „
Madelon ließ die Gabel aus der Hgnö fallen und ftteb, einer Ohnmacht "nahe, das Glas um.
„Pumarquet — mein Mann — er ist tot," stotterte sie.
„Bewahre Gott," sagte Bourlier mit sichtlicher Befriedigung, „er lebt und ist voller Sehnsucht, Sie wreder- zusehen, Vtadame. Wir saßen zusammen in den Kasematten von Dresden, dort hat er mir genug von seiner Liebe zu Ihnen erzählt." w .
Madelon sprang auf. Eine gräßliche Angst iprach sich in ihren Blicken aus, bleich wankte sie aus dem ^e^aé sollst Du mir büßen, Papa," zischte Olivier, chr folgend, während der Alte befriedigt feine Mahlzeit fvrtsetzte und lachend sprach:
„Das ist meine Taktik, mir Ueberlajttge vom Hatie
zu schaffen. Darf ich noch um etwas Rostbeef bitten, Desiree. Es ist ausgezeichnet."
Madelon floh aus dem Hause und verbarg sich vor ihrem Gatten, dessen Rache sie fürchtete. Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn aber verschlechterte sich von Tag zu Tag. Ersterer hatte große Mühe, seine verwirrten Gelöverhältnisse wieder in Ordnung 38 bringen. Sein Anwalt Deveraux ging ihm gar nicht zur Hand, sondern suchte, Olivier zu Liebe, allerlei Fehlbeträge zu verschleiern. Olivier lehnte jede Rechnungs^ legung ab. Er war wenig zu Hause und kam nur, um Zwist und Streit zu erneuern.
In dieser unerquicklichen Lage fand Bourlier eine angenehme Zerstreuung durch die Korrespondenz mit Herrn Petzold in Dresden. Die Männer fetzten nach Uebereinkunft ihren freundschaftlichen Verkehr fort. Petzold arbeitete an einer Karte des Sedaner Schlachtfeldes. Bourlier lieferte ihm gern aufklärende Notizen, Situattonsberichte, topographische Beschreibungen und sandte ihm auch eine Karte der unmittelbaren Umgebung.
Einige Tage später feierte Desiree ihren Geburtstag. Bourlier hatte nach seiner Rückkunft in die Heimat allen tyreunben und Bekannten in Sedan Visite gemacht. Zu dem Familienfeste schickte er Einladungen aus.
„Aber keine Katze kam," wie Olivier höhnisch bemerkte. Man entschuldigte sich kaum. Bourlier war außer sich, Desiree weinte, aber Olivier ging triumphierend umher.
„Wir sind beliebt geworden in der Stadt," sagte er. „Tu verstehst Dich zu isolieren, Papa. Nur Deiner Gäste wegen brauchtest Du Madelon nicht durch eine Flunkerei aus dem Hause zu treiben."
^Fortsetzung folgt)