Kretzener JeiLrtNg
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Druck der Gießener Verlag-druckerei.
Ajx 69. Telephon: 9lr. 362.
Mittwoch, den 27. August 1912.
Telephon 9k.: 362. 24. Jahrg.
Politische Rundschau
Deutschland.
' Die Erkrankung des Kaisers ist be- £ sicher behoben, sodaß die geplante Beteiligung I Monarchen an der Berliner Herbstparade und an , Schweizer Manövern nicht abgesagt zu Mn brauchte.
i • Kassel, 26. Aug. Der Kaiser verließ ge- n auf den Rat seines zweiten Leibarztes, Oberstabs- x Dr. Niedner nicht das Bett, um das Schnupfen - •her das bei ihm zum Ausbruch gekommen ist, wirk- isnrll zu bekämpfen. Der Erkältung hat sich ein Nel-Wfyeumatismus zugesellt, der es dem Monar- N vorläufig unmöglich macht, sich längere Zeit im mit! zu bewegen. Der Kaiser hat daher anordnen gin. den einzelnen Armeekorps mitzuteilen, daß er an Teilnahme der Parade bei Zeithain und Merseburg Hindert ist. Der Kaiser wird bis Donnerstag in Ähtlmshöhe bleiben und sich von dort direkt nach Kn begeben, um wenn irgend möglich, die Parade £ bas Garde-Korps und das 3. Armeekorps abzu- |nitn und mit der Kaiserin den großen Manöverfest- h« im Schloß zu Berlin beizuwohnen.
I ‘ Kassel, 26. Aug. Die beiden Aerzte, Leibel Dberstabsarzt Dr. Niedner und Generalarzt Mn; 3 u n d e r haben dem Kaiser nahelegen lk mit Rücksicht auf sein Befinden sich in der näch- N Zeit die allergrößte Ruhe auszuerlegen und vor «1 Dingen zu vermeiden, bei dem jetzigen ungünsti- n Wetter längere Zeit im Freien zu bleiben. Indessen ist es noch fraglich, ob es dem Kaiser mög- Hein wird, die Parade über das Gardekorps und iS 3. Korps auf dem Tempelhofer Felde persönlich jjmehmen. Die Kaiserin weilt ununterbrochen in ^Whe des Kaisers.
I • Dresden. Der Kaiser sandte an den Kö- dron Sachsen ein Telegramm, worin er seinem SBe= ^Nll Ausdruck verleiht, den Festlichkeiten in Sachse wegen seiner Erkrankung sernbleiben zu müssen, faltig hat der Kaiser den König gebeten, die Pa- k bei Zeithain selbst abhallen zu wollen. Die Ab- §;: des Kaisers hat in Dresden, wo der Monarch seit gehren nicht mehr gewesen ist, großes Bedauern Her- Drusen.
unter »vetiioen»
Roman von Karl Matthias.
(Nachdruck verboten.)
^Zarten wir es ab. Des Menschen Herz ist wanüel- Gott lenkt es nach seinem Entschluß, und wir in auf ihn. Mut und Vertrauen beseligen uns in her Weise, wir sind noch jung, wir können warten, wohl, Desiree, auf Wiedersehen! Mache Deinen ir glücklich. Er braucht Dich in seiner Herzensnacht r als ich. Leben Sie wohl!"
Ntt höflichem Gruß gegen Bourlier, der sich grol- abwandte, schritt Bourlier hinaus. Der Kutscher Ne Desirees Köfferchen in die Stube und bestieg Wrr seinen Bock. Desiree stand am Fenster, bis [»übemar abgefahren war; dann wandte sie sich zu Mm Vater.
; .Traure nicht. Papa," sagte sie mttleidig. „eS kommt wie es kommen soll. Ueber die Freude, daß wir SViedergefunden haben, können wir leicht alles an- D<rgeffen, was doch einmal nicht zr; ändern ist Du ^Mochtest es ja in Sedan, versuch es einmal hier. Noch nüd> ja bei Dir und will Dich pflegen und lieb haben, ^nnicb mein Herz dazu treibt."
XXVI.
D'as Zusammenleben mit seiner Tochter verfehlte Einfluß auf Bourlier's Stimmung nicht. Allen WslLen kam er näher,nur Waldemar blieb er fern,ab= er wollte sich der besseren Ueberzeugung nicht Mm. Der Geliebte Desirees war sirr ihn die Verkör- Mngg der deutschen Nation, die zu hassen seine Pflicht Mißmutig ging er ihm aus dem Wege, wenn seine Besuche machte, den^n Bourlier selbst dienstlichen Anstrich gab. Oie Wortplänkeleien Atün ausgehört, weil sie gegenstav Oslos geworden wa
* In Merseburg begannen mit dem Einzug des Kronprinzenpaares die diesjährigen Kaisermanöversestlichketten.
Oesterreich.
* Wien. Der französische Botschafter Dumaine erschien im Ministerium des Auswärtigen und teilte im Auftrage der französischen Regierung mit, daß sie sich gern an dem vom Grasen Berchtold angeregten Meinungsaustausch beteiligen werde. Da nunmehr dir Kabinette aller europäischen Mächte zugestimmt haben, wird schon demnächst der Meinungsaustausch beginnen.
•
Schweiz.
* Das sozialistische Organ „Voir du peuple" in der Westschweiz meldet, daß die Schweizer Arbeiter- verbände und Syndikate vom Parteiausschuh ersucht wurden, gelegentlich des deutschen Kaiserbesuches eine Gegendemonstration einzuleiten.
•
Frankreich.
* Paris. Nach Pariser Blättern ist die Unterzeichnung des sranzösisch-spanischen Ueberein - kommens infolge eines Einspruchs ausgeschoben worden, der von Deutschland und England gegen die Zollabgrenzung zwischen dem spanischen und dem französischen Protektionsgebiete gerichtet worden ist.
Italien.
* Mailand. Aus Rom wird gemeldet, daß der Generalstab die Wiederaufnahme der Kriegstätigkeit in der Cyrenaika beschlossen habe und zwar unabhängig von dem geplanten Vormarsch in Tripolitanien.
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England.
• Die diesjährigen Manöver der englischen Earderegimenter mußten infolge heftiger andauernder Regengüsse eingestellt werden.
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Bulgarien.
* Sofia, 27. Aug. Der „Mir" schreibt: „Wenn es-richt gelingen sollte, durch ftiedliche Vermittelungen eine gerechte Verwaltung der europäischen Türkei herbei- zuführen, so wird sich die Austeilung der europäischen Besitzungen der Türkei als n o t w e n- d i g erweisen."
Marokko.
e Die Lage in Marokko ist überall ernst geworden. Die Vorgänge in der südmarokkanischen Haupt -
ren, nu^ av uuv zu spracy e*. «ein Mißfallen über den vertrauten Umgang der Liebesleute aus.
^Jch habe Desiree erlaubt,mtt unserer Wirtin, Frau Petzold, das Hoftheater zu besuchen, finde es aber sehr überflüssig, daß Sie sich an den Theaterabenden regelmäßig einstellen, Herr Leutnant. Sie kompromittieren damit mein Kind und sich selber, da Sie so frei vor aller Blicken mit der Tochter eines Franzosen verkehren. Sie werden Ihrer Karriere schaden, und ich kann Ihnen keinen Ersatz dafür bieten."
Waldemar hatte für diese Ausfälle nur ein Lächeln. Er plauderte ungestört mit Desiree fort, bis Herr Bourlier wütend das Zimmer verließ.
Wie sich Desiree an Frau Petzold angeschlosien hatte, so verkehrte Bourlier mit dem Wirte, welcher ihm als ein gebildeter, vielgereister Mann sehr lymphatisch war. Herr Petzold hatte längere Zeit in Paris gelebt, sprach gut französisch und war ein Bewunderer französischer Kunst und Gewerberätigkeit. Das schmeichelte Bourlier. urb er schwatzte mit dem Manne, ohne je den politischen Boden zu betreten. Er interessierte sich auch für das jetzige Schaffen Petzold's, der bei einem großen kartographischen Institut angestellt war. Als Soldat hatte er den Besitz guter Spezialkarten schätzen gelernt. Jetzt fing er wieder an, sich regelmäßig geistig zu bestätigen, und Desiree bemerkte mit großer Genugtuung, daß die aufregende Zeitungslektüre nicht mehr den Lebenszweck ihres Vaters bildete.
So verflosien die Tage in Ruhe ohne viel Abwechselung dahin. Bourlier verließ das Haus nie, Desiree kam oft in die Stadt, wo sich stets Waldemar zu ihr gesellte, doch war sie jederzeit in Gesellschaft der Frau Petzold. Zu dreien durchstreiften sie die Sammlungen, die Theater. Bissige Bemerkungen wurden sttllschwei- end in Kauf genommen, sonst war das Verhältnis zwischen Vater und Tochter das liebevollste .
Indessen hatten die Wettereignisse einen überra-
stabt Marrakesch, in welcher der erbitterte Franzosenseind und Gegensultan El Hiba die unbeschränkte Herrschaft ausübt, haben in Paris eine große Erregung hervor- gerufen. El Hiba hält mit seinen 6000 Mann gut bewaffneter und ausgebildeter Truppen die 4 in Marra- kesch zurückgebliebenen Franzosen als Geiseln. Der Fezer Generalresident Liautey wagt daher auch nicht, Truppen gegen den Mächtigen zu entsenden, aus Furcht, ihr Erscheinen könnte die Ermordung der vier Gefangenen zur Folge haben. Mit den ihm zur Verfügung [legem den Truppen kann Liautey auch so wie so nicht an einen Feldzug gegen den Sultan des Südens denken. Es wird der französischen Regierung daher nichts anderes übrig bleiben, als sehr bald weitere erhebliche Verstärkungen nach Marokko zu entsenden.
•
Rutzland.
* Petersburg. Der Minister des Aeußern, Saffenow, tritt seine Reise nach England am 18. September an. Auf der Rückreise wird Sassenow einige Tage in Paris und einen oder zwei Tage in Berlin verweilen.
* Petersburg, 27. Aug. Prinz Heinrich von Preußen passierte auf seiner Reise nach Japan heute Irkutsk.
Türkei.
* Konstantinopel, 27. Aug. In einer sehr energischen Note verlangte der türkische Geschäfts - träger in Cetinje die Demobilisation der montenegrinischen Armee. Die Montenegriner griffen die Ortschaft Podrakie an, wo sich ein heftiges Feuergefecht entwickelte. Der Kampf dauert noch an.
Amerika.
* Roosevelt wurde erneut beschuldigt, zur Durchführung seiner Wahlkampagne von Trust Bestech- ungsgelder angenommen zu haben.
Der Wert der fran;öslsch-russtschen Marinekouvention.
Seit Wochen bewegt die französisch-russische Marinekonvention die deutsche, wie die ausländische Presse. Der Besuch des französischen Ministerpräsidenten Poin- caree am Zarenhose sollte die in Paris bei der Anwesenheit der russischen Admiralsstab- und General - stabschess in die Wege geleiteten Verhandlungen zum Abschluß bringen, und alle Welt beschäftigte sich mit der Frage, ob der Vertrag eine bestimmte Spitze gegen
ichend schnellen Verlauf genommen. Mtt dem schon lange erwarteten Fall von Paris am 29. Januar waren die Bedingungen zum Frieden gegeben, und als während des Waffenstillstandes am 2. Februar die von diesem ausgeschlossene Südarmee der Franzosen in einer Stärke von 80 000 Mann über die Schweizer Grenze gedrängt worden war, hörte der französische Widerstand auf, und die Diplomaten begannen zu ordnen, was die Soldaten erworben hatten. Am 26. Februar 1871 erfolgte der Friedensschluß. Frankreich trat Elsaß und Lothringen ab, übernahm die Zahlung von fünf Milliarden Franken als Kriegsentschädigung und fügte sich in die demütigende Bedingung, daß 30 000 Mann deutscher Truppen in das eroberte Paris einrücken sollten.
Am ersten März zog der neue deutsche Kaiser bei dem Arc de Triomphe in Paris ein. Zehn Tage später wurden die ersten französischen Gefangenen nach ihrem Vaterlande zurückgeschickt. Aus allen Gauen und Festungen Deutschlands wälzte sich eine neue Invasion dem kriegsentvölkerten Lande zu, diesmal eine friedliche. Väter, Söhne, Ehemänner und Ledige, denen keine Träne natgeweirl worden war, kehrten zurück und wurden, obwohl sie nicht mit Lorbeeren gekrönt waren, mit offenen Armen empfangen; nur an einer Stelle harrte des Zurückkehrenden Lieblosigkeit und Enttäuschung.
Olivier saß wieder im Hause des Vaters, der, wie er mit Schrecken erfahren hatte, keineswegs gestorben, sondern mit Desiree zusammen in Dresden, wenn auch in milder Kriegsgefangenschaft, lebte. Wohl oder übel mußte er sich auf das /'Gliche Eintreffen des Totgeglaubten gefaßt nrachen, _ ^t Mißmut sah er der Abrechnung mit ihm entgegen, _ i Habe er in sorgloser Verschwendung vergeudet harre.
/ f (Fortsetzung folgt.)