Pfatter j ^Sli^ NM: ^4 '^bfa /
.ytVerb.
Empfehj
Bezugspreis 40 Pfg. monatlich
v erieljährlkch l/2ö Mk., vorausznhlbar, frei ins Haus. Ab^ehol t m linieret Ervedilion ober in den Hweiq» Ausgabestellen vieneljährlich 90 Psg. — (Erscheint Mittwochs und LamStagS. — Redaktion: Dellers, roeg 88. — Für Auibewahruna oder Rücksendung nicht DcrlHnpier ^anuffnate wird nicht garantiert.
Verlag der ,, Wiedener Zeitung" G. m. b. H.
una ^bandelt
n,
, «"itss „""Ove, *0|fstra<.,
61t Jahren eiE ^ ,eeA fuld;
Gießener Ieiiung
’^^^X^ I (bleueste Nachrichten) ^^^z^^ ((äi ebener Tageblatt)
Expedition: Seltersweg 83.
flnjeigenpreis 20 Pfg.
die 44 mm breite S n f era r e n je 1 1 e. — Tic 90 mm breite Zeile im Rckla »netcil 50 Psg. — (irirabetiagen werden nach Gewicht und Gröhe bexTcbnct. Raban kommt bei Ueberschrenung desZaylungS- zieles (30 Tagen bei gerichtlicher Beitreibung oder bei SoukurS in Wegsaü. Playvorscuristen obneBerbindlichleit.
Druck der (Eichener VcrlaqSdruckcrci.
Nr. 86
2. «Matt
Samsrag, den 26. Oktober 1912
Telephon Nr.: 362.
24. Sabra
Jü5g Die politischen Cieder und Sprüche .3 der Deutschen im mittelalter.
, Wag^- Von Dr. Lion Feuchtwange r-München.
■ Ul] Bi, Die kürzeren politischen Dichtungen des deutschen billig adM'- Mittelalters bezeichnet man gemeinhin nach dem oor= Hau. ' ^vjslichen Sammelwerk Rochus von Liliencrons als
^eovbsrii ^sterische Volkslieder. Daß indes diese Bezeichnung ubach/K, . öl Übermaßen schief ist, bemerkt schon Liliencron.
Er
—I [dneibt: „Ich habe mich — vielleicht verkehrter Weise — nid)! entschließen mögen, den einmal üblich gewordenen Rainen der historischen Lieder, obwohl er gleichmäßig in [einen beiden Teilen unzutreffend ist, gegen eine andere Lezeichnung zu vertauschen; richtiger hätte es heißen Iltissen: politische Volksdichtungen. Was nach abge - Hüssenem Verlauf zur Geschichte wird, das ist, wäh- \ ^^^ es geschieht und für diejenigen, unter denen und \ mit deren Mitwirkung es sich vollzieht, Politik. Zu den bestimmenden Eigentümlichkeiten unserer Dichtungen aber Eh-rt es eben, daß sie nicht, auf einen schon abge- ü ssenen Verlauf zurückblickend, geschichtliche Begebenheiten in objektiver Auffassung darstellen, sondern daß Rc in den noch fortdauernden Verlauf hineingehören, bcitz sie aus den Begebenheiten selbst als unmittelbare [jolqc hervorwachsen, und daß ihre nächste Absicht dahin gerichtet ist, auf den weiteren Gang der Dinge ein- pin irken, indem sie die Gemüter stimmen und die Gei- Per im Volk für eine bestimmte Auffassung der Sach- / lagt gewinnen." Sie sind mit anderen Worten durchaus journalistisch, ja, sie sind die wichtigsten journalisti- lAeii Denkmäler jener Epoche.
Wichtiger sogar als die großen Reimchroniken. Obgleich nämlich auch diese aus dem Tag geboren und Er den Tag bestimmt waren, so schränkte doch ihr Um= ng, ihre Umständlichkeit und ihre Gelahrtheit den Effekt lud die Popularität dieser Machwerke ein. Anders die Hirzen politischen Dicktungen. Die konnten sich viel leich- J kr einbürgern. Oft waren sie zum Singen bestimmt, Re gingen von Mund zu Mund, flatterten über weite
Extra t
üvW unM, -M 15,85®H WeB :br E1
W
Wer L und L
Gebiete und übten so tiefe politische Wirkungen aus, jaß man ihre Bedeutung füglich mit der Jmportanz kr heutigen politischen Tagespresse vergleichen kann. Als gar die Erfindung des Drucks die Verbreitung der politischen Lieder durch Flugblätter ermöglichte, stieg ihre Bedeutung ins Ungemessene.
Zahlreiche Zeugnisse belegen den Einfluß dieser Lieder. Wenn auf eine Schlacht oder sonst auf einzelne Ereignisse Lieder gesungen wurden, dann konstatieren bies die Chronisten gern als eine Sache von Belang, kor allem die Lüneburger Chronik legt Gewicht auf solcke Feststellungen, aber auch sonst findet sich oft ein i ^artiger Vermerk Zum Jahre 1336 berichtet Justin- jf? Chronik, die Berner hätten einem neuen Krieg ohne
fojorgnis entgegengesehen, nachdem sie die meisten tolöfjer umher zerstört, „als dann das an etlichen lie- Itvii gesungen ward, die den Herren mit wol gefielent". lind über den alten Züricher Krieg (1443—46) berich-
Id Tschudi: „Es wurden auch diser Zeit mengelei Lied- ; Ek ze Rapperschwil und ze Zürich denen von Schwitz ' jungen, daruß vil Widerwillens entstund, und man i inen andere Lieder Hinwider fang, und halff ic ein
6*!
S'E
Hfl
$o<6 das andere meren." Vom Schwabenkrieg (1499) »triftet Anselm: „Hant sich erhoben ohn Zweifel vom Hasser alles Friedens, dem Tuefel selbs erdachte schänd- slhe unmenschliche Schmähwort Lieder und Wucken." Uno aud) Lenz klagt in seiner Reimchronik des Schwa- btnkriegs, von den Liedern, die man den Eidgenossen pr Schmach weit und breit im Elsaß und in Schwaben, sang, habe sich viel Jammer, Krieg, Brand und Tottschlag erhoben. Auch der Ausbruch des Markgrasen- krie^gs 1449=50 wurde vor allem durch Hetzlieder her = bei^eführt, ebenso der Krieg zwischen Herzog Wilhelm uni. den thüringischen Vitztumen 1452. Der in der Auszählung von Nebensächlichem gewiß sehr sparsame Acmeas Sylvus berichtet über den Ausstand der Wiener >mu 1452: „Viri, matronae, pueri innuptaeque puellae vcvusi Caesaris carmina cantant.“ Nach der Eroberung
Konstantinopels durch die Türken bediente man sich offiziöser Reichspoeten, um das Volk aufzustacheln. Ost ließen es sich die Fürsten schwere Geldopser kosten, einen gegnerischen Poeten auf ihre Seite zu ziehen. So läßt sich etwa der Meistersinger Rosenblüt, 1459 ein erbitterter Feind der Fürsten, erkaufen, 1460 pathetische Loblieder auf die Bekämpften zu dichten. Für die Verbreitung dieser Lieder im Volk spricht auch ihre lange Nach- wirkung. Ein inhaltlich und formal ganz reizloses Lied über den Seeräuber Claus Störtebeker aus dem Jahr 1402 wurde etwa auf Rügen bis ins 18. Jahrhundert, in Friesland noch im 19. gesungen.
Welch hohe Bedeutung die Zeit diesen Liedern beimast, geht am besten aus den Belohnungen und den Strafen hervor, die die Dichter empfingen. Ein Hans von Westernach, der in der Schlacht von Seckenheim (1462) gefangen wurde, durste hoffen, durch ein Lied auf den Sieger sich die Freilassung zu ersingen. Ein Hans vom Hof hingegen, der im Bamberger Jmmuni- tätenstrett 1435 ein Lied gegen die geisttichen Herrn sang, scheint für sein Gedicht gehängt worden zu sein. Sicher ist, daß der Has. Sänger des Bischofs Johannes von Würzburg (1455—66), nach des Bischofs Tod um feiner Spottverse willen von dem aufgebrachten Iarchagel gelyncht wurde. Lorenz Fries berichtet darüber in der „Geschichte der Bischöfe zu Wirtzburg": „Bischof Iohannes hatte unter anderen seinen Dienern auch einen leibknecht Haaß genannt, einen Burger zu Wirtzburg, der konte wohl singen, und was in der gantzen stabt geschah, klein und groß, das erfuhr bischoff Johannes durch diesen Haasen: doch wolle man sagen, daß er nicht allwege die Wahrheit fürbrächte, sondern vielmahl mit dem seinen zumischete, nachdem er einem günstig oder feind war, dadurch mancher unschuldiger geschmitzl und dagegen mancher schuldiger ungeftrafft bliebe. Dero- wegen ihn fast jedermann abhold und Hatz trug. Er war auch sehr prächtig stoltz und üppig und was er fürnahm, das unterstund er hindurch zu bringen, darum er auch von männiglich gefo:rd)t war. Alsbald aber der bischoff Johannes mit tob verschied, ward er von dem Hofgesind gefangen herab in die stadt geante wortet, und bald darnach gebunden im Mayn geworf- sen und ersäufst. Das war sein verdienter lohn, und soll dieser Haaß . . . einem jeden Hofgesinde beispiel und erempel geben, daß sie sich des gemeinen sprich - Worts „lieber kittel reiß nicht, Herrndienste sterben nicht" erinnern und bey den lebendigen Herrn also halten, daß sie sich bei den künffttgen, wo es sich aus ordnung got- tes also zutragen würde, keiner verschuldeten Ungnade noch anderer beschwerden besorgen dürfsten." Es gibt auch einen bissigen Spruch vom Hasen, der in 203 Versen das schlimme Ende und die Höllenfahrt des Sängers meldet. — 1445 verbot Philipp der Gute von Burgund, als er den Parteihader der Hoeken und Kab- bliaus zu unterdrücken trachtete, das Singen oder Her- saaen beleidigender Lieder und Gedichte. Zum Jahre 1457 erzählt Eschenloer, zu Breslau habe der Rat vergebens versucht, den von der katholischen Geistlichkeit angeregten Schmähgedichten gegen Podiebrad Einhalt zu tun; „ie mehr und mehr erhuben sich neue Gesenge und Gedichte in den Kretschamheusern und die Prediger dabei helfende, daß kein Ratman noch kein weiser Man darwider mehr reden durfte." Zum Jahr 1488 erzählt das Braunschweiger „Schichtbok", daß Ludeke Holland und seine Gesellschaft, die das Regiment in Braunschweig an sich gerissen, eine eifrige Untersuchung angestellt wegen eines „schanfernollekens", d. h. Spottgedichts. Und als im Jahr 1493 in Würzburg ein fliegendes Blatt mit einem Spruch gegen den Herzog von Sachsen verbrein) wurde, ließ der Bischof die Verkäuferin, ein Mädchen aus Bamberg, greifen und die noch vorhandenen Ercmplare verbrennen; auch wandte er sich an den Bisch ef Veit von Bamberg um Bestrafung des Druckers. Der Herzog von Sachsen gab sich aber damit nicht zufrieden. Am 17. Mai 1494 erhob er harte Klage zum König Marimilian, Bischof und Kapitel von Würzburg hätten einen Schmähspruch gegen ihn öffentlich verkaufen und im ganzen Reich verbretten lassen; unter den
Kapitelherren seien die Dichter zu finden; die Majestät möge dieselben an einen Ort bringen lassen, darin sie recht dichten lernten. Bischof und Kapitel wurden dann auch zur Rechenschaft gezogen. Unterm 25. Juni ent - schuldigten sie sich: die strengste Untersuchung, 311 der auch die abwesenden Domherren beigezogen worden seien, habe nur die völlige Unschuld ihrer aller ergeben; um die Bestrafung des Druckers habe man den Bischof von Bamberg sogleich ersucht. Der Drucker, Meister
Sporer vermutlich, scheint denn auch infolge dieser gelegenheit Bamberg verlassen zu haben. — Auch leiblich der Niclashäuser Wallfahrt 1476 galten die dem Hirten Böhm, einem religiösen Schwärmer,
An- an- von und
seinen Anhängern gedichteten und gesungenen Lieder als ein Haiwtmittel der sektiererischen Erregung, und weltliche und geistliche Behörden suchten diese Lieder durch Verbote zu unterdrücken. — In einem Ausschreiben des Königs Wladislaus an die Zittauer, d. b. Ofen 29. Noo. 1496 heißt es: „Auch kommt glaubwürdig an Uns, wie ihr denen von Görlitz wie auch Uns zu Schimpf aber neue Lieder lichten und fingen, auch durch die ewren und in ewrer Stadt viel Schmach zufügen laßt; wo ihr nicht davon abstehet, werdet ihr Uns bewegen, andere Befehle abzufertigen."
Bei dieser Gefährlichkeit der politischen „Tichterey" nimmt es nicht wunder, wenn 1492 der Herold Hans Schneider von Augsburg, „der küniglichen Majestät (Marimilians) sprecher", also klagt:
„Man spricht mir oft umb dichten zu ich soll mich brauchen spät) und fru, daß ich die newen leuf betracht.
Ich pesorg ich würd barumb veracht Dann niemand will für gut mer han
Zeit
Die vor wo und daß
straf, die man hat etwan tan: Zeiten borsten d' Herold [trafen, trew und warheit woll entschlafen wenn dte Heupier meil entfiengen, sie die rechten straß nit giengen,
so schneit man in die tischtuch ab, das minbert in der eren hab. Sol man jez solich zipfel schneiden, so mutz sich menges tischtuch leiden, doch wil ieder der besser sein!"
Bei der Bedeutung, die dem politischen Lied jener eignete, läßt sich denken, datz sein Stoffgebiet ein
außerordentlich großes war. Es ist sicher, daß ein großer Teil dieser Dichtungen unterging, sowie die besungenen Ereignisse aus dem Denken des Volkes schwanden; viele auch sind nur verstümmelt erhalten, und oft setzte man, wenn das besungene Ereignis verblaßte, allgemeinere Ausdrücke an Stelle der besonderen und verwirrte die Beziehungen. Dennoch läßt sich aus dem erhaltenen Material das Stoffgebiet der politischen Volksdichtung mit ziemlicher Sicherheit bestimmen.
Man fang politische Lieder überall in deutschen Landen. von der ungarischen Grenze bis zur burgundischen, vom Trentino bis zu den friesischen Inseln. Wo Fürsten herrschten, war die Produktion naturgemäß nicht so groß wie in den freien Städten und aus dem Boden der Eidgenossenschaft, denn die minder strenge Zensur und das stärkere politische Interesse in den demo - kratischen Gemeinwesen förderte die politische Dichtung außerordentlich; vor allem in der Schweiz entstanden sehr zahlreiche derartige Lieder, die aus das rege Interesse breiter Volksschichten an staatlichen Dingen zurückzuführen sind.
Allgemeine Richtlinien dafür, was die Wahl des Stoffes beeinflußte, lassen sich schwer ausweisen. Ob ein Ereignis politisch bedeutungsvoll war oder nicht, kümmerte die Sänger wenig. Auch die charakteristischen Werte einer prominenten Persönlichkeit wußte man nur selten zu ersassen und zu gestalten. Johann von Lu- remburg-Böhmen ist in keinem dieser Lieder erwähnt, an dem komplizierten Geniehertum Kaiser Sigmunds ging die nüchterne Zeit achtlos vorbei, und nirgends in den Liedern über die burgundischen Händel findet sich Verständnis für die Größe Karls des Kühnen. Nur die
bringt neues Leben für Geschwächte und Gebrechliche.
Erneuert das Blut, kräftigt Körper, Nerven und Geist, bringt gesunde, frische Farbe und neue Febensenergie.
Sehr wohlschmeckend. Preis M. 3.—, überall erhältlich. „Galenus66 Chemische Industrie, G. m. b. H . Frankfurt a. H.