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o erretjährtlch l^u Ttf., vurouszaktdar, frei ins Haus. • Bbfitholl in uiHercT ^rpebition ober in den Zweiq« aufcgabcft eilen merrcljäbrlich 90 Pfg — Erschein! Mittwochs und SamStags.— Redalnon: DelterS« l Qffl K3 — Kür Äuibemahrunn ober Rücksendung ; nick! veri^ngler Manuskripte wird nicht garantiert, «Verlag der ,»Gießener Zeitung" G. m. b. H.
Nr. 86. 1. Blatt.
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€in Balkan-Bund.
§ 1
feen Sasonow, der russische Minister des Aeuhern, ~ w kürzlich in Paris war, erzählte dort einem Mitar- § dtlitr des „Figaro", „daß Ruhland von den B ü n d- nisoh sichten und Verhandlungen der 4 Balkan- [inlat Kenntnis gehabt und sie gebilligt hat." 6m Balkanbund hätte es werden sollen mit Einschluß btt Türkei unter Führung Ruhlands mit der Spitze ge- 't'i Ce[terreid)^Ungarn.
Ueber die Entstehung des Balkanbundes werden irrt interessante Einzelheiten bekannt. Auch der Korn IMiiiopeler Korresponden, der „Franks. Ztg." teilt in «nein Briefe darüber folgendes mit:
In den ersten Septembertagen dieses Jahres kam Hila der Aegide des russischen Botschafters zu Paris JitDilsfi in der französischen Hauptstadt der Balkan - bub zustande. Die Annexion Bosniens und der Her- pfimna durch Oesterreich-Ungarn lieferte dafür den ^hiboden. Die Verhandlungen kamen später aus ein Bitt Gleis und nun sind die unbeabsichtigten Zustände Mi^lretcn. Tscharykow erreichte durch die Unerfahrenst der Jungtürken, denen seine entgegenkommende Art frr schmeichelte, viele schwerwiegende Vorteile. Mit fimlicher Freude wurde Serbien die Waffen- und 'HiiTintionseinfubr auf dem Wege über Saloniki und 'lHiil' gestattet. Die kurzsichtigen türkischen Politiker, nni gefangen in ihrem Stambulismus, glaubten, daß ^Waffen seien, die sich gegen Oesterreich-Ungarn keh-
Ttn 'würden. Auf dem Seewege gewährte man auch Aul garten allerhand Erleichterungen für Pulver- ru^ sonstige Kriegstransporte nach seinen Häfen im schwarzen Meere. Der Gedanke, dah diese Erleichter- mgciT sich eines Tages gegen b i c Türkei selbst äh würden, kam der Pforte nicht. Erst mit der Mioirrigen Aufrollung der Dardanellenfrage Ml langsam eine ernüchterte Stimmung ein. Sonder - ■kr ist, dah am aktivsten für die Verwirklichung des Mfsinbiinbcs der griechische Ministerpräsident V e- lif < 1 o s tätig war.
Uom Balkankrieg.
Der Konstantinopeler Sonderberichterstatter des „Mal'^ macht ausführliche Angaben über den türkischen Kriegsplan.
hs befestigte Lager von Adrianopel zählt 55 000 fomn, in Kirk Kiliffe stehen 25 000 Mann, D e- I r lila (südlich von Adrianopel) ist von 50 000 ^uu besetzt. Die Hauptmasse des türkischen .iteces steht bei L ü l e - B u r g a s an der Orientbahn. tos Kampffeld bildet ein Viereck, an dessen oberen
Expedition: Seltersroeg 85.
Samstag. Den 26. Oktober 1912.
beiden Ecken, der östlichen von Kirk Kilisse und der westlichen von Adrianopel, der Kampf im Gange ist. Die beiden südlichen Ecken, Lüle-Burgas östlich und Demo- tika westlich, sind bestimmt, dem Anprall der Bulgaren bett entschiedensten Widerstand entgegenzusetzen und sie, wie die Türken hoffen, zu zermalmen. Höchstbesehlendec sämtlicher Streitkräfte ist Abdullah Pascha. Erster Vorsteher seines Generalstabes ist Dschevad Bey, zweiter Vorsteher Ali Risa Pascha. Den Serben und Bulgaren in der Gegend von Uesküb und Kröprülü stehen 100 000 Mann unter dem Befehl des andern Ali Risa Pascha, den Montenegrinern 60 000 Mann unter Mahmud Schefket Pascha, den Griechen 30 000 Mann unter Hassall Tadslin gegenüber und 30 000 Mann unter Sekki Pascha stehen bei Demirhissar nördlich von Serres. von wo sie Sofia bedrohen. Urheber dieses Feld- zug^planes ist der Vorsteher im großen türkischen Ge- neralftabe Perlew Bey.
Die Schlacht bei Kirk Kiliffe.
Stara Z a g o r a, 25. Okl. Nunmehr wird der Fall Kir Kilisses offiziell bestätigt. Der Ori fiel gestern 11 Uhr vormittags. Die Türken zogen sich anscheinend in der Richtung nach Buuar-Hissar zurück. Sie ließen eine Schnellfeuer-Batterie und 14 Munitionswagen zurück. Früh morgens waren ihnen bereits 3 Werke und 2 Anschluß-Batterien genommen. Die Vulgaren haben sich dem eigentlichen Festungsgürtel von Adrianopel bis auf 5 bis 8 Kilometer genähert und befestigen ihre Positionen. Die türkischen Abteilungen, die, wie gestern gemeldet, einen Ausfall in nordöstlicher Richtung machten und hierbei fast ausgerieben wurden, liehen 12 Geschütze und 18 Mumtionswagen in den Händen der Shigaren. Die Kolonne, die von Tschirnowe her aus bem Marsche war, konnte direkt zum Angriff auf Kir- Kittsse angesetzt werden.
Die Bulgaren haben nach einem Telegramm des „V. T." aufs neue Marasch westlich von Adrianopel angegriffen. Der Sturm der bulgarischen Truppen auf die Befestigungen von Marasch ist einstweilen abgeschlagen worden.
Ueber den Kampf bei Kirk Kilisse wird gemeldet. Die Bulgaren haben mit ungeheurer Todesverachtung die türkischen Außenwerke ge- stürmi. Unter den Klängen des Slivini'tzamarsches ging ein bulgarisches Infanterie-Regiment nach dem andern mit gefälltem Bajonett zum Sturm auf die Hügelkette vor, die Kirk Kilisse im Norden vorgelagert ist. Nach stundenlangem Ringen gelang es den bulgarischen Sti'imlolonncn unter ungeheuren Verlusten auf dem Kamm der Hügelkette festen Fuß zu fassen. Der Besitz dieser Hügelkette sichert den bulgarischen Anmarsch von
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24. Jahr»!.
Norden und das Hinzuziehen großer Truppenmassen gegen die türkischen Stellungen. Die Bulgaren geben selbst zu, daß ihre Verluste sehr bedeutend sind. 2000 Tote und 5000 Verwundete sollen das Schlachtfeld bedeckt haben. Auch die im Tale der Maritza vorbringen» den Bulgaren sollen bisher außerordentlich starke Verluste erlitten haben. König Ferdinand ist in der vergangenen Nacht bis in die Feuerlinie vorgedrungen I und wurde überall von den Truppen mit Hochrufen empfangen.
Konstantinopel, 25. Oki. Nach einem Telegramm aus Adrianopel sollen die Türken in den Kämpfen bei Kirk Kilisse und Adrianopel ungefähr 1 6 0 0 0 Mann verloren haben.
Der Fall von Kirk Kilisse wurde durch einen Nachtangriff vorbereitet, der die Bulgaren zu Herren der Stellungen nördlich und nordösllich der Stadt machte. Die Bulgaren brachten auf den Höhen sofort Artillerie in Stellung und beim Morgengrauen begann das Bombardement der Stadt, die in kurzer Zeit in Brand geschossen wurde. Gleichzeitig setzte sich die bulgarische Infanterie auf der ganzen Front von Demirdscha auf der Straße Mali-Tirnovo-Kirk Kilisse über Karakotsch und Raklica östlich von Petra zum Angriff auf Kirk Kilisse in Bewegung, während eine wei- ,ere Kolonne östlich über die Höhen von Jundala gegen die Straße nach Bunar Hisar vorstieß. In den Weinbergen im Norden von Kirk Kilisse entspannen sich zwischen den angreifenden Bulgaren und den Türken furchtbare Nahkämpse. Die Bulgaren wurden wiederholt zurückgeworfen, setzten aber immer wieder zum Sturm an.
Von türkischer kompetenter Seite wird erklärt, daß der Räumung von Kirk Kilisse durch die türkischen Truppen keine weitere Bedeutung beigemessen werden dürfe, da die türkischen Truppen in Kirk Kilisse nur die Ausgabe hatten, die weiter südlich stattsindende Konzentrierung der türkischen I Truppen zu decken. Dies sei auch vollständig gelungen. Der Fall von Kirk Kilisse habe 5 bis 6 Tage gedauert und während dieser Zeit sei es gelungen, die türkische Hauptmacht südlich von Kirk Kilisse um ungefähr 100 000 Mann zu verstärken.
Varna, 25. Okt. Gestern um 3 Uhr nachmittags begann ein großer türkischer Kreuzer die Batterie von Eurinograd zu beschießen. Das Feuer wurde von der i Batterie erwidert. Der Kreuzer mußte sich zurückziehen und dampfte in der Richtung nach Baltschik nordwärts wctter.
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Das Glückskind.
Roman von Irene von Hellmuth.
8) (Nachdruck verboten.)
,.Na, sorge Dich nicht, ich werd's schon machen." — Damit ließ er die besorgte Gattin in banger Angst zurück und ging, ein Liedchen trällernd, davon.
Und Jahre gingen und kamen.
Aus dem braunlockigen, hübschen Röschen, dem der I Name „Das Glückskind" verblieben, war eine junge I Dame geworden, wenigstens den Jahren nach. Ihrer i Besinnung nach aber war sie nid) ein Kind. ein lächeln-
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i>es, übermütiges. sorglos heil e l es Gcschöpschen, das i einen wahrhast herzergnickenücn Anblick tot in seiner kn »spenden, jungfräulichen Schönheit. Silberhell er- j (lang das Lachen des Holden Mädchens, das ianncn= Mank und zierlich emporrouchS, eine rechte Angen- j weite für jeden, der mit ihr in Berührung kam.
Es gab wohl auch keinen, der diesem Liebreiz widcr- I skamd, nur für Arm. Böhler war Röschen stets ein Gegenstand des Hasses, ja, je lieblicher sich ba^ junge p Ntadchen entfaltete, desto mehr batzte er es.
Doch niemand, am allerwenigsten Röschen selbst, ahmte etwas davon. War Böhler doch nach außen hin ßess der zuvorkommende aufmerksame Kavalier, dem keiiner seine schlimmen Eigenschaften anmerftc.
Seine Frau betrachtete er stets nur als lästige Zugabe ihres Geldes, und doch vermutete alle Welt in ihm tat zärtlichen Gatten, so daß Aurelia vielfach beneidet wmbe» Die letztere batte sich daran gewöhnt, von ihrem Mann, den sie aus tiefstem Herzen verabscheute, seit sie ■ ditt niedrige Gesinnung dieses herzlosen Egoisten er- tmnt hatte, nicht beamtet zu werden, und ging daher Aren eigenen Weg.
^hiaiigv iiitiid.) wurde mc üqv uueuonch schwer, und es kostete ihr viele heiße Tränen, allein tuns half das alles, es mutzte eben ertragen werden.
Unzählige Male hatte Böhler es verstecht, seine Frau dahin zu bringen daß sie den ausgestellten Schein von Röschens Mutter ourütfverlange, allein weder durch Drohungen, noch durch Schmeicheleien vermochte er etwas auszurichten, — sic blieb bei ihrem „Nein", und er gab es schließlich auf, in Aurelia zu dringen, und verlegte seine Ausmerkwmkeit auf Röschen selbst. Arg- ivöLnifd) beobachtete er alle ihre Schritte, er sann und grübelte Tag und Nacht, nüc es wohl anzustcllen wäre, das Dsäöchcn von jedem Verkehr mit jungen Herren fernzuhalten. Er b: uto deshalb lebhaft in ihre Mutter, das Riädchcn eine Ordettssch-'oester, eine barmherzige i kranke uns leg er in werden zu lassen, und schilderte der- i selben den Segen eines solchen Beruses.
Alle n die Mutter wollte durchaus keinen Zwang auf ihr Kind auSüben, und meinte, daß Röschen hier allein zu crlic eiben habe, nur wenn ihr freier Ent- schluß eilte solche Wahl träfe, würde sie gern und freudig ihre Einwilligung geben. }
„Setten Sie sich doch das sonnig-heitere Geschöpf, das den ganzen Taa singt wie eine Lerche, einmal genau an und sagen Sie selbst, ob sich das für den von Jhu n gewellten Scruf eignesagte Frau Mathilde, als V .er immer wieder auf seinen Liebliirgsplan zu sprechen kann
„Wohl, das gestehe ich gerne zu, es ist ein schöner, segensreicher Beruf," fuhr sie fort, „aber man muß vor allen Dingen richtig dazu beanlagt sein, man muß den Drang dazu im eigenen Herzen fühlen, sonst bringt es weder Glück fü1* sich selbst, noch für andere."
Mathilde war weit entfernt, den wahren Grund 1 Böhlers zu ahnen, da er stets ben väterlichen Berater
herausrehrte, ander-uetts aber auch, weil er oft davon sprach, was er mit feinem Kapital schon für schönen Gewinn erzielt habe, und weil sie ihren Schwager deshalb für sehr reich hielt, und keine Sorge hegte, daß er das für Röschen ausgemachte Kapital nicht leicht herauszahlen könne.
Indessen hatte die himmelhochjanchzende wonnige erste Liebe, dieses auf Erden gesandte Gottesgeschenk — Einzug in Röschens reines Herz gehalten.
Frau Mathilde träufelte seit einigen Tagen, so daß des besorgte Töchterchen einen Arzt zu Rate zog.
Dieser, ein erst seit kurzem in der Stadt ansässiger, junger Mann, fand das lebhafte Wohlgefallen an dem herzigen, süßen Geschöps. Er kam, da er noch keine große Praxis besaß, oft sogar zweimal des Tages, a\. .^ Uch, um nach der Patientin, — die anscheinend nur einen starken Sr^üfatanO hatte, — zu sehen, Röschen aber merkte gar bald, daß sich die Aufmerksamkeit des hübschen Arztes mehr auf sie, als auf die Mutter bezog. Zarte Röte huschte jedes Mal über das schelmische Gesichtchen, wenn sie den elastischen Schritt draußen auf der Treppe hörte.
Der junge Doktor drückte ihr immer so warm und herzlich die Hand, — seine Augen, die sich so tief in die ihrigen senkten, redeten eine Sprache, die dem unerfahrener! Mädchen so süß dünkte, wie nichts anderes in der Welt.
Weiter hatte sie keine Beweise seiner Zuneigung, und doch wußte und fühlte sie deutlich, daß er ihr eines Tages etwas sagen würde, was das Herz mit ungeahnter Wonne und Seligkeit erfüllen mutzte.