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Druck der Gießener Berlagsdruckerci.

Nr. 51. Telep hon: Nr. 362.

Mittwoch, den 26. Juni 1912.

Telephon Nr. : 362.

24. Zahr^.

Eine sachliche Keurleilung Per hessischen

Ktswdnngsoorlagtn und deren Aritik.*)

In den letzten Wochen sind von den hessischen Vollsschullehrern, insbesondere von deren Verbandslei- lung, dem Vorstande des Landeslehrervereins in fast -alle hessische und benachbarte preußische Tageszeitungen Artikel lanciert worden, die alle an der Besoldungs - Vorlage mehr oder minder herbe, einseitige Kritik üb­ten. Durch lebhafte Agitation, ermöglicht durch das große Maß ausgiebiger freier Zeit und das in mate­riellen Fragen stets geschlossene Auftreten der großen Zahl Volksschullehrer, die auch in politischer Hinsicht einen keineswegs gering zu veranschlagenden Faktor für die verschiedenen Parieigruppierungen bilden, ist erreicht worden, daß fast alle politischen Parteien notgedrun­gen sich zum Sprachrohr der Volksschullehrerwünsche ge­macht haben.

Zweck dieser Zeilen soll nun sein, in reiner Sach­lichkeit zu erörtern, ob tatsächlich die vielerlei Wün­sche der Volksschullehrer in ihrer Berechtigung sachkun­diger Beurteilung standhalten können; nach Ansicht ein­lichtsvoller. inparteiischer Beurteiler haben die Abge­ordneten bezw. die einzelnen Parteien infolge des steti­gen Dränens und Bittens die Lehrerwünsche ohne eine, dien Pu en gerechtwerdende Prüfung zu den ihrigen gemacht, 5 würde sonst ein derartiges Vorgehen nicht denkbar ,em können. Zunächst bedarf der Wunsch aus Meichst^! nng im Gehalte mit den mittleren Beamten, )er sachlich in keiner Weise begründet werden konnte, Ninge^nber Erörterung. Vorausgeschickt sei, daß dieser Wuus der Volksschullehrer nur als ein vorläufig cr- leichb Ziel aufgesaßt werden muß, wird doch in Wahrheit allerdings auch hier wieder ohne jegliche Be­gründung, eine bedeutend höhere Gehaltsskala mit dem Wunsche auf Einrangierung zwischen mittlere und höhere Beamte verlangt. Daß dem so ist, beweisen die wieder­holten Ausführungen imHessischen Schulboten", die Lis jetzt ohne Abänderung oder Berichtigung geblieben sind. An und für sich ist ein Vergleich, sowohl nach Vorbildung wie nach Verantwortung und Arbeitsqua- litât und -quantität, des Volksschullehrer-Berufes mit Lem eines öffentlichen Beamten ein Unding; so wenig sich zwei durchaus verschiedene Fakultäten z. V. die juristische mit der philosophischen, einander nach realen l

) Der Abdruck dieses Artikels erfolgt, ohne daß wir uns Lamit für oder gegen den Standpunkt des Artikekschreibers, einem Kinonzbeamten, wenden. Auch die Lehrerschaft möge uns diese Veröffentlichung nicht einseitig auslegen, sondern wir haben nach Nanz unparteiischen Gesichtspunkten der Bitte um Beröffent liÂunn Avneinot.

IBR"M"»Pt^WWWRi

Unter Feinden.

" \ Roman von Karl Matthias.

(Nachdruck verboten.)

T 1ES ist ein wertvoller Fund, der in meine Hand ^tL Jede Zeile dieses Schreibens klagt Sie an. Hier: ^RUN bin ich in Bordeaux, der Schwelle des Geheim- .«.* Allerdings von hier aus werden alle Rüstungen betrieben.Ich werde hier alles erfahren und Dir Be- Zricht erstatten." Nun, diesmal hoffe ich doch, einen Rie­gel vorzuschietzeu.Ich schwöre Dir, daß ich nicht ohne MHrichi zurückkehren werde." Ich fürchte, Sie werden kdar nicht zurückkehren, Mademoiselle.Denn ich bin Sm und werde alles auskundschasten, was uns zu wis­sen nottut!" Und was Sie auskundschasten, erfährt das -preußische Hauptquartier. He, so habw Sie sich die Sache gedacht, Abscheuliche? In welchem Verhältnis sichen Sie zu diesem Tyrolt?"

Er ist mein Verlobter," entgegnete Desiree mit »Festigkeit.

Ein Seufzer schlug an ihr Ohr. Sie wandte sich um erblickte den Grafen, welcher aus der Fensternische «treten war. Erbleichend senkte sie den Blick zu Boden.

Wie Sie sind verlobt mit einem Prufsien, verlobt .M dem Willen Ihres Vaters, der gleichfalls nach Bor- iLeaux kam?" fragte de Soumis.Dann haben wir ja noch mehr Spione in der Stadt?"

Desiree nahm allen Mut zusammen. Der Graf hatte Men zugehört. Jetztmutzte er die ganze Wahrheit er- ifahren, sollte auch seine Zune. iss ertötet, jeme Eigen- auf das Empfindlichste i ^t werden.

Tyrolt war als Direktor im Geschäfte meines Va- iters tätig. Wir verlobten uns in Friedenszeit mit fei* mein Willen, als jener aber zur feindlichen Armee zu- Wit mußte, trennte 6er Vater unseren Bund. Der tZaler steht mit Herrn Tyrolt in gar keiner Beziehung,

Punktes, daß die verschiedenartige soziale Stellung und die grundverschiedene Art der Berusstätigkeit, der Aus­bildung u. s. f. irgendwelche Vergleiche unmöglich ma­chen muß, ausgegeben hat. Statt dessen hat die­ser Lehrerverein in viel zweckmäßigerer Weise die An­sicht vertreten, daß von jetzt an bei Anstrebung von Ve- soldungserhöhungen nur noch Vergleiche mit akademisch gebildeten Lehrern in entsprechender, der höheren Fach­bildung der Letzteren Rechnung tragender Verhältnis - form stattfinden sollen. Eine gehaltliche Gleichstellung der hessischen Volksschullehrer mit solchen mittleren Be­amten, die ihre Schulbildung auf höheren Lehranstalten erworben, ist auch solange nicht durchführbar, als nicht die vielerlei Privilegien und Vorteile, welche gegenwär­tig bei den Volksschullehrern konstatierbar, der Beam­tenschaft aber fehlen, verschwinden. Hierbei ist in erster Linie zu erwähnen, daß die Polksschullehrer bedeutend früher, bereits mit dem 25. Lebensjahr definitiv ange­stellt werden (bei Beamten tritt diese erst im 35.40. Lebensjahre ein), des weiteren, daß die Vordienstzeit bereits von der ersten dienstlichen Verwendung nach be­standener Schluhprüfung, also durchschnittlich vom 21. Jahre ab, den Volksschullehrern gerechnet wird, wäh­rend bei den Beamten in dieser Hinsicht keinerlei Be­rechnung eintritt, ferner, daß dem Volksschullehrer nicht allein tagtäglich im Verhältnis genommen, eine bedeu­tend kürzere Dienstzeit zugute kommt, sondern auch im Jahre eine bedeutend reichlichere Erholungsmöglichkeit von nahezu einem Vierteljahre Ferien als wichtiger Faktor anzuschlagen ist, dem ein Erholungs - urlaub von 13 Wochen der mittleren Beamten gegenübersteht. Die letztgenannten Unterschiede lassen sich weder nach qualitativer noch nach quantitativer Arbeits­leistung rechtfertigen, sondern haben ihre Begründ,»ng lediglich in anderen Fragen, hauptsächlich in dem Er- Holungsbedürfnis der Schuljugend. Die Erlaubnis (be­ziehungsweise das Nichtverbot) zu vielerlei recht ein­träglicher Nebenbeschäftigung und die Ermöglichung hierzu durch die verfügbare freie Zeit ist ein weiteres Glied der verschiedenen, nicht wegzuleugnenden Vorteile, die insgesamt den Volksschullehrerberuf und die peku­niäre Dotierung desselben nicht allein günstiger wie den der mittleren, sondern sogar eines größeren Teiles der höheren Beamten erscheinen lassen. Die so hohen Aus­bildungskosten zu den mittleren und den höheren Be­amtenstellen werden von den Volksschullehrern gleich wie die so überaus ungünstige soziale Lage sämtlicher An­wärter zu diesen Stellen gar zu leicht übersehen. Wei­tere Streife der Bevölkerung, nicht allein die gesamte Be­amtenschaft sämtlicher Bundesstaaten und des Reiches, sehen allmählich auch ein, daß das stetige Vorwärts - drängen der Volksschullehrer nach mateneiien Gesichts­punkten und zumeist mit geringer Rücksichtnahme aus die Staats- und ^ommunalsinanzen eine zu impulsive

VT' aber bttr th» treu geblieben und werde bleiben bis zum letzten Hauch."

,r^ ist ungeheuer poetisch, mein Fr5'V sagte spötttsu) der Kommissar,entlastet Sie aber vHmt im Ge­ringsten. Wer weiß, ob das alles, was Sie jagen, nicht anmutige Fabeln sind?"

Ich bitte um Entschuldigung, Herr de Soumis, daß ich in die Verhandlung eingreife," sprach Graf d'Alin- court hervortretend,mein Zeugnis kann aber hier von Gewicht sein. Die Angaben, welche Fräulein Bourlier machte, beruhen ganz und gar auf Wahrheit. Ich kenne den deutschen Offizier und den Vater der Dame persön­lich. Ich finde auch die betreffenden Stellen in dem Briefe ganz unverfänglich, wenn man nicht gewaltsam nach einer Deutung sucht!"

Sie meinen, Herr Graf?" fragte Soumis mit ver­wundert aufgerissenen Augen und bestürztem Gesichts- ausdruck.

Alles, was das Fräulein hier ausgesagt, ist mir bereits auf bem Schiffe mitgeteilt, ihre Verlobung, ihre Zuneigung zu dem Offizier, ihre Absicht, den Vater zu suchen, der, wie ich annehme, Soldat geworden ist. Ja, mein Herr Generalkommissar, eine braver Soldat ist dieser Patriot geworden, kein Spion. Schlagen Sie ein­mal die Listen nach, Sie werden den Namen finden."

Wie ist der Name Ihres Vaters?" fragte de Sou­mis ganz verdutzt.

Jean Bourlier."

Der Name kommt mir bekannt vor, warten Sie einmal. Ist das nicht der Herr, den mir Trepillon brachte? Ein Kaufmann? Kennen Sie Trepillon?"

Nein, der Name ist mir unbekannt."

Es war ein guter Freund aus Sedan, früher bei den Hundertvierern. Er wurde Oberst der Zweihun­dertvierer, welche in Orleans stehen. Ich habe das Ver­zeichnis der Offiziere, sehen wir einmal/' _ _

Form angenommen hat. Besonders setzten die annrah- ungsvollen, überhebenden Artikel in Nr. 28 nnd 29 des Hess. Schulboten" (Jahrgang 1911) allen bisher ge­hörten Forderungen die Krone auf und zeigten recht deutlich, wie weit sich Idealismus und Materialismus freundschaftlich paaren können und wie weit Verirrun­gen von Staatsbürgerpslichten hinsichtlich der gesunden Einordnung in die Gesellschaftsordnung möglich. Hier­bei sei gestattet, die Worte einer wissenschastlichen Auto­rität (Pros. Dr. Runke) zu zitieren, die gelegentlich einer Tagung der Vereinigung deutscher Wirtschastsresormer gefallen sind und darin gipfeln,daß die Ausbildung der Volksschullehrer zu sehr in städtischem Sinn erfolge und ein Ueberhebungsgefühl über die ländliche Bevöl­kerung dadurch Hervorrufe, weiter, daß es dem Volks- schnllehrer nur am baren Gelde liege. Diese so geistigen Richtlinien könnten eine geeignete Erziehung der länd­lichen Jilgend nicht ermöglichen u. s. s."

Es ist taktisch durchaus richtig gewesen, daß die hessische Regierung unter Beachtung der finanziellen Lei­stungsfähigkeit des Landes in der Besoldungsvorlage die Gehalte der Volksschullehrer denen der einzelnen Bun­desstaaten gegenüberstellte analog dem Verfahren bei den Gehaltsnormen der Beamten. Wenn auch die an­fänglichen Vergütungssätze der Volksschullehrer in Hessen etwas niedriger stehen wie in manchen anderen Staa­ten, so findet dies doch wiederum seinen Ausgleich da­rin, daß in fast allen anderen Bundesstaaten von grö­ßerer Bedeutung die Anstellungsmöglichkeiten der Volks­schullehrer schlechter wie in Hessen sind, teilweise die An­stellung 34 Jahre später wie in Hessen erfolgt und auch die Aufrückringsquoten und die Endgehalte durch­weg in diesen Staaten niedriger wie in Hessen sind. Keine andere Staatsdienergruppe hat im Lause von 2 Dezennien derartige Erhöhungen in pekuniärer Hinsicht errungen, wie im Verhältnis genommen die Volks - schullehrer; das soviel umstrittene Wohnungsgeld stand letzteren bereits eine Reihe von Jahren mit pensions - fähiger Anrechnung zu und ist es deshalb durchaus ver­ständlich, wenn die hessische Regierung die Vorlage in dieser Form in aller Sachlichkeit ausarbeitete.

Bei dieser Gelegenheit sei gestattet, die Herren Ab­geordneten als Vertreter aller Bevölkerungsklassen, also auch der Nichtlehver, daraus aufmerksam zu ma­chen, daß eine wärmere Fürsprache zur Behebung der trostlosen Lage aller Dienstanwärter, besonders der un­teren und mittleren Dienststellen eine weit dringendere Aufgabe sein dürfte, als die prüfungslos übernommene und eingehend skizzierte. Jeglicher sozialen Fürsorge in der langen Anwärterzeit vom 1525 Jahren bar, ohne feste sichere Stellung, dabei aber Dienste von anerkannt wertvollster, denen der Festbesoldeten oft gleichwertiger Bedeutung verrichtend, ist es durchaus und mit allem Ernste wünschenswert, wenn eine Vergütungserhöhung

Er suchte in den Akten. Endlich suchte er einen Pack von Ranglisten hervor.

Hier ist es," sagte er.Hören Sie einmal: 15. Armeekorps, General d'Aurelles de Palladine. 1. Divi­sion Martin de Passieret. 2 Brigade Bertrand. 204. Re­giment Trepillon, Oberst. 1. Kompanie Kapitän Robert Bizet (Nevers). 2. Kompanie Jean Bourlier (Sedan), Kapitän."

Das ist mein Vater!" rief Desiree glückstrahlend.

Der Gesuchte," bestätigte der Graf.Aber, wie konnte der Kaufmann eine Kapitänstelle erhalten?"

Trepillon stand für ihn ein," antwortete Soumis etwas befangen.Uebrigens hat seine Persönlichkett der Erfolg für ihn gesprochen. Die Zweihundertvierer haben Artenay gehalten und die Bayern zweimal ge­schlagen."

Also ist Herr Bourlier ein Held," sagte der Graf, die Hand Desiree's ergreifend,nun wissen Sie, wo Sie Ihren Vater finden. Und Sic, Herr Generalkommissar werden wohl zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß die Tochter des Kapitäns der republikanischen Armee unmöglich eine Spionin sein kann und Ihre Entschul­digung wegen der Verhaftung wohl verdient."

Sobald ich wirklich davon überzeugt sein werde, bin ich bereit zu jeder Genugtuung," meinte Soumis unbehaglich.Indes will ich auf Grund Ihrer Für­sprache das Fräulein freigeben, unter der Bedingung, daß es mit dem nächsten belgischen Schiff Stadt und Hafen Bordeaux verläßt."

Ich bitte Sie, Herr Generalkommissar, das ist un­möglich," fiel Desiree flehend ein.Ich muß meinen Vater suchen."

Und wenn ich's auch erlaubte es ist unmöglich, daß Sie zu ihm gelangen. Orleans ist K-riegsschanplatz. Tie Zweihnndertvierer stehen dicht vor dem Feinde."

(Fortsetzung folgt.)