Kretzener Jeitung
Bejugsprets 40 Pfg. monatlich
o kneljährllch 1,20 Tlf.. vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholr in unterer Erpcdüion oder in den Zweig- auSgabeftellen vierleljährlich 90 Pfg. — Erscheint Mittwochs und Samstags. — Redaktion: Setters- weg 83. — Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Verlag der „Wießcuer Zeitung" E. m. b. H.
Expedition: ScItersroeg 85.
anscigenprets 20 pfg.
die 44 mm breite Inf erat enzcile. — Die 90 mm breite Zeile im 9t c f l a m c t c i l 50 Pfg. — Ürtrabeilagen werden nach Gewcchi und Größe berechne:. Raball komm: bei Ucberschreinmg desZablungS» zieleS (30 Tageh bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriflen ohneBerbindlichlett.
Druck der Gießener Verlagsdruckcrci.
Nr. 76
Telep Hon: Sèr. 362.
Samstag, Den 21. -L-ePlember 1912.
Telephon Nr.: 862.
24. Iavrp
an
Kaisers
endet
Politische Rundschau
Deutschland.
Vorgestern mittag sind auf das Signal die strategischen Flottenmanöver
des b e -
worden. — Nach der Beendigung der Herbst-
Sie
Sie von
gen.
Manöver wird die Hochseeflotte, wie in den Vorjahren, eine andere Zusammensetzung erhalten. Die ältesten Heisse werden entfernt und durch moderne ersetzt. Im ganzen wird der Verband der Hochseeflotte mit Beginn Ks Winterhalbjahres 30 Schiffe (anstatt bisher 26), darunter 13 Dreadnoughts zählen.
• Dem Admiral von Holtzendorff wurde kt Schwarze Adlerorden verliehen, der Kontreadmiral Laos wurde zum Chef des Nordseegeschwaders und Äontrcabmiral Gras v. Spee zum Chef des Kreuzer- gtschwaders ernannt.
* Wilhelmshaven, 20. Sept. Heute mit- N 1% Uhr begann in der Offiziers-Speiseanstatt die Paradetasel für die Flotte, wozu über 300 Umladungen ergangen waren. Der Kaiser sah zwischen ton Großadmiral v. Köster, dem Fürsten zu Isenberg Md Admiral Müller rechts, Grotzadmiral v. Tirpitz, tot Admiralen Graf Baudissin und Eoerper links. Gegenüber von dem Kaiser sah Admiral von Holtzendorff, rechts von diesem folgten zunächst Prinz Eitel-Friedrich, Prinz Christian von Hessen-Philippsthal-Barchfeld, links Prinz Adalbert und Prinz Heinrich 37. von Reuß. — Äack 3 Uhr reiste der Kaiser im Sonderzug nach Wildpark ab.
* Prinz Heinrich hat am Dienstag I a - PL N mit siebentägigem Aufenthalt verlassen und kehrt i'i Bord des PäüMkreüzers „Scharnhorst" nach Tsiilg-
Stromdienst tätig. Die Kriegsschiffe und Kriegsfahr - zeuge haben vor kurzem die halbe Besatzung gewechselt und zum Teil Instandsetzungen vorgenommen. Der Tag der Abreife des Prinzen Heinrich von Tsingtau ist noch nicht endgültig festgesetzt. — Bei dieser Gelegen - heil dürften auch einige Zeilen über die Bedeutung Tsingtaus am Platze sein: Was jahrelangen Be- strebnngen unserer Regierung und des Handels nicht recht gelingen wollte, hat die große chinesische Revolution mit ihren Begleiterscheinungen bewirkt. Tsingtau hat für den chinesischen Außenhandel und für seinen Verkehr mit der Außenwelt eine Bedeutung gewonnen, die die besten Aussichten für die Zukunft erweckt und sich zu einer nie geahnten Gröhe entwickeln kann.
* Die Vertreter der Krelaschutzmächte sprachen am Freitag bei dem Staatssekretär des Auswärtigen Amtes in Berlin vor, um für Kreta die Z u st i m m u n g des Deutschen Reiches zu einem weiteren dreiprozentigen Aufschlag auf die Zölle zu erlangen, wobei die gegenwärtige kretensische Regierung die Garantie übernehmen soll, daß dieser Zuschlag ausschließlich zur Entwickelung des Landes verwandt werde.
* Der Strafprozeß gegen die sozialdemo -
dem Disziplinargerichtshos zu verantworten. Das Urteil lautete auf Dienstentlassung.
* B u d a p e st. Der oppositionelle Abgeordnete Desi beschuldigt den Ministerpräsidenten v. Lukacs, vier Millionen Staatsgelder zu Wahlzwecken unter-
schlagen zu haben.
Zwischen ungarischen Adge-
ordneten fanden gestern aus Anlatz der Schlägereien im Abgeordnetenhaus z-w e i Duelle statt.
D
e r
den.
England.
' 2 o n b o n, 19. Sept. Die englischen M a n ö= sind gestern plötzlich abgebrochen wor- Der Grund soll darin zu suchen sein, datz die
Truppen infolge des ausgezeichneten Aufklärungsdienstes der Flugzeuge ihre Stellungen nicht zu halten vermochten.
) A nWKTfl ^ ^"^ wo die Ankunft am Sonntag erwartet wird. A 1 1 Geschwaderches hat bereits mit Der Zusammenzieh-
H u W des Kreuzergeschwaders in der Kiautschoubucht be-
'bklNtchsMster, & chev erM - M leaMUt«^!
r als der Prinz als Eeneralinspekteur der Marine
Broschüre WB» !M Besichtigung braucht. Es ist das erste Mal, ReferenM | ' -aß der höchste Seeoffizier ein Geschwader im Auslande
Mnen, soweit es für den Strom- und RüftenbienH im Zangtsetal, in Südchina und im Tschiiigols entbehrlich ijl. Die Seestreitkräfte bleiben nur so lange vor Tsing-
---- ^^ in Augenschein nimmt. Der Panzerkreuzer „Gneisenau" ^^^^M^ tos von Nagasaki in Tsingtau ein, „Emden" von Schang- jer-Offertel I»> ^ ^Luchs" von Kobe, „Takuz von Nagasaki und „S. jnin z?(1 Wl ^' von Tschifu. Mit dem Prinzen trifft außerdem
W r 1 1 Babn^ .Scharnhorst" der kleine Kreuzer „Leipzig" in Tsingtau atfLtä^ Das Schwesterschiff „Nürnberg" ankert noch in der
p Ltr.o^ ZLngtsemündung. Die Kanonenboote „Iltis" und „Ia- lins.KLMe^ weilen in den nahen japanischen Gewässern. Nur
Sie kleinen Flußkanonenboote „Vaterland", „Otter" und ■— I Tsingtau" und das Kanonenboot „Tiger" sind im
kratischen Landlagsabgeordneten Leinert wegen der Vorgänge ordnetenhause am 9. Mai wird vor der ersten Strafkammer des 1, zur Verhandlung kommen.
Borchardt und im preußischen Abge- am nächsten Montag Berliner Landgerichts
Frankreich.
* Paris. Der ehemalige Deputierte Andre V e r 1 e l o 1, Urheber des Projektes einer von Algerien durch die Sahara nach Südafrika führenden Eisenbahnlinie, teilte einem Berichterstatter mit, daß die Mitglieder der Studienkommission ihre Vorarbeiten zur Tracierung der Bahn in Algerien und in der Sahara beendet hätten. Das Projekt sei nunmehr so weit gediehen, daß die Verbindungslinie in Angriff genommen werden könne.
* Die angestellten Ermittelungen haben die Möglichkeit ergeben, das bei Helgoland gesunkene Torpedoboot „G. 171“ zu heben. Das Reichsmarineamt hat den nordischen Vergungsverein mit dieser Arbeit be= iraui.
Schweiz.
W^T TW. -— "T^ *
* Die Interparlamentarische Konferenz, die zurzeit in Gens tagt, hat ein V e r b o 1 des Luftkrieges ausgesprochen. Das ist nichts Auffälliges, weil die Mitglieder dieser Körperschaft alle überzeugte Wellfriedensleute sind, die den Krieg überhaupt mit einem Federstrich abschaffen möchten. Es entbehrt jedoch nicht der Pikanterie, daß der französische Friedensapostel Graf d'Estournelles de Constant diesen Antrag energisch bekämpfte, während die Vertreter aller anderen Länder, auch die Deutschlands und Englands, das Verbot befürworteten.
Ungarn.
* O f e n p e st, 20. Sept. Heute hatte sich der Polizist B o l y a k wegen Gehorsamsverweigerung vor
«^
Rußland.
* Petersburg, 20. Sept. Einer Meldung der „Nowoje Wremja" zufolge, wird der russische
— . ck| AAc^ MMMMMC AWM^IMfc yiwM^, Ävk ML>ie^/Ä* ^è^
j&HT ^a^vâ ANkOV^* ß\
I
â -^5
Des Wilderers Rache.
Erzählung aus dem bayrischen Hochland von Otto Landsmann.
SN Kakao
^ 160
' 200
^ ' 940
■
(Nachdruck verboten.)
Mißmutig schlug er den Weg nach Tölz ein. Als er hier seine amtlichen Angelegenheiten erledigt batte, benutzte er die Gelegenheit, seiner Frau und seinem Töchterchen kleine Angebinde zu kaufen,' dann machte er sich auf den Heimweg.
Das Mittagessen beimpfte bereits auf dem Tisch, als er zu Hause ankam.
„Himmel, was ist Dir denn geschehen, Vater?" rief Renata, als sie die Blutstropfen sah, welche langsam vom rechter: Ohr des Försters herabträufelten.
„Hat nichts zu bedeuten, mein Kind," arttwortete er, das Mädchen in die Arme schließend, aber viel fehlte nicht, und Du hättest keinen Vater mehr." Und er begann zu erzählen, was wir bereits wissen.
„Ich hab' Dir's ja gleich gesagt," rief rief seine Fr«zu, nachdem er se^n Zusammentreffen ^nit dem Wilderer erzählt, Dich vor dem Roten in acht zu nehmen, denlt dieser verwegene Mensch schreckt vor nichts zurück, um seinen Zweck zu erreichen. Es war sicher seine Absicht, Dich zu töten, damit Du nicht als Ankläger gegen ihn auftr-eten könntest. Sum Glück hat er schlecht gezielt,- aber hüt Dich von jetzt an noch mehr vor ihm, ein andersmal wird er besser treffen. O, wenn Tu müßtest, welche Sorge um Dich mich täglich verzehrt, Denn Du im Revier bist, wohin ich in Gedanken Dir folge! Mir ist da immer, als brächten sie Dich daher wie den Vater. Es wäre mein Tod, wenn ich Dich blutend auf einer Tragbahre liegend sehen müßte!"
Bei diesen Worten ullteriuchte die arme Frau mit Tränen in den Augen die Verletzung ihres Mannes und stellte zu ihrem Troste fest, daß dieselbe nur in einer leichten Hautabschürfung am oberen Teil der linken Ohrmuschel bestand. Sie wusch die Wunde aus und klebte ein Pflaster darauf. Inzwischen hatte die kleine Familie am Tische Platz genommen, und die Mahlzeit nahm trotz des vormittäglichen Vorfalles einen fröhlichen Verlauf. In einer Ecke beim Ofen sitzend, rauchte Lebrecyt sodann seine Pfeife, dabei Renata auf den Knieir haltend. Tie Kleine unterhielt sich damit, die farbigen Bänder, welche ihr der Vater mitgebracht hatte, in ihre goldblonden Haare zu flechten. Dieser sah ihr zu, und ein stolzes Lächeln spielte dabei um seine Lippen. Während dieser Zeit oblag die Mutter den häuslichen Arbeiten, als plötzlich an der Tür angeklopft wurde.
„Das ist gewiß der Pate!" rief Renata, hüpfte von dem Schoße des Vaters und lief der Tür zu. Auf der Schwelle erschien der Gendarmeriekommandant.
„Ah, grüß Dich Gott. Nettchen!" rief der Ein- tretenbe, nahm das kleine Mädchen in seine Arme und küßte es mehrmals. „Ist Dein Vater da?"
„Ja, Pate," antwortete die Kleine, „gehen Sie nur hinein."
Kommandant Hilpert, Renatas Pate, war ein schon ziemlich bejahrter Mann, der im deutsch-französischen 5^ieg als Soldat gegen den Feind geL”- ^H hatte. Er war ein Regimentskamerad des alten hard, Lebrechts Schwiegervater, gewesen, und bei Förster hatte alle Wünsche des alten Gendarmen damit gekrönt, daß er ihn bat, der Taufpate Renatas zu werden. Hilpert hatte seinen Täufling von Herzen lieb und suchte ihm Freude zu bereiten, wie er nur konnte.
Ehe der Kommandant eintrat, streifte er an der
steinernen Stufe vor der Tür den Schnee von den Stiefeln, und nachdem er sein Gewehr in eine Ecke
gelehnt hatte, ging er auf ihm die Hand.
„Nun, wie es scheint, auf Dich abgesehen," sagte
den Förster zu und reichte
haben es jetzt die Wilderer er lachend. „Wie ich gehört
habe, hat der rote Peter heute früh auf Dich geschossen wie auf einen Rehbock. Hättest Du doch besser gezielt! Dann wäre dem Kerl das Davonlaufen schon vergangen. Gib acht, daß Tu das nächste Mal nicht wieder fehlst,- der Halunke ist geschwinder als Du,- übrigens hast Tu das Recht, ihn ohne weiteres ntederzuschietzen, wenn Tu ihn antriffst. Tust Du das nicht, kann es Dir noch schlimm ergehen."
„Sei unbesorgt, mein lieber Kommandant, morgen schon ziehe ich gegen ihn ins Feld, und wehe ihm, wenn er sich blicken läßt!"
„Weißt Du denn auch, wo er sich aufhält?"
„Genau nicht, aber mit ein wenig (Geduld und mit Hilfe der Nase meines Hundes werde ich ihm schon auf die Spur kommen."
„Ein Unglück wäre es wahrhaftig nicht, wenn es Tir gelänge, ihm eine Kugel auf den Pelz zu brennen, dem schlauen Fuchs. Er ist derselbe Lump wie sein Vater, der zur Genüge bewies, was ihm ein Menschenleben galt, und wie ihm, so ist auch dem Sohn an einem solchen nichts gelegen, wenn es gilt, seinen Zweck zu erreichen. Ich wünsche Dir Glück für morgen," fügte der Kommandant hinzu und ging wieder seines Weges, denn er war Knf einer Patrouille begriffen, die ihn am ForKhause vorbeigeführt hatte.
Fortsetzung folgt.)