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^r. 58.
Telephon: 9tr. 362.
Samstag, den 20. Juli 1912.
Telephon 9tr.: '«52.
24. Iahrg.
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Politische Rundschau.
Deutschland.
' Berlin, 19. Juli. Wie eine Berliner Korrespondenz wissen will, haben die Ausschreitungen der schweizerischen Soldaten bei dem Streik in Zürich die Befürchtung erweckt, daß beim Besuch Kaiser Wilhelms in der Schweiz die Sicherheit des Monarchen vielleicht nicht hinlänglich verbürgt sei. Es erscheint deshalb möglich, daß der Besuch im Hinblick aus diese Befürchtung eine gewisse Einschränkung erfährt.
* Die deutsche Kronprinzessin, die seit vorgestern mit ihren Kindern in dem mecklenburgischen Ost- seebade Heiligendamm weilt, wo auch ihr Bruder, der 6 r o ß h e r z o g von Mecklenburg-Schwerin, seit einiger Zeit sein Hoflager ausgeschlagen hat, machte gestern nachmittag in Begleitung des Großherzogs auf der alten Llaiserjacht „Komet" Segelkreuzfahrten, als die Hochseeflotte in Sicht kam. Die Jacht begleitete die Flotte eine Zeit lang und wollte in Heiligendamm die Gäste» wieder absetzen. Plötzlich kam ein starker Gewitter- st II r m auf, sodaß die Jacht zurückkehren und die Kronprinzessin und ihre Begleitung in Warnemünde an Land gehen mußten. Das auf der Mole zusammengeströmte Publikum brachte der Kronprinzessin und dem Groß- herzog lebhafte Huldigungen dar.
* Prinz Waldemar von Preußen traf aus Moskau in Petersburg ein und begab sich in das Minierpalais.
* Die verwitwete Großherzogin AugustaKa- r o l i n e von Mecklenburg-Strelitz, Prinzessin von Groh- britannien und Irland, vollendete am 19. Juli das 90. Lebensjahr.
• Staatssekretär Dr. Sols ist mit seiner Gemahlin in S w a k o p m u n d eingetroffen. Es wurde ihm ein herzlicher Empfang zuteil, die gesamte Bevölkerung hatte sich versammelt, um ihn zu begrüßen.
* Die bayerische Kammer der Abgeordneten lehnte mit großer Mehrheit den Gesetzentwurf betreffend den Beitritt Bayerns zur Lotteriegemeinschast mit Preußen und dem dazu gehörigen Staatsvettrag ab. Mit großer Mehrheit stimmte dagegen das Haus dem Ülusschußantrag zu, daß die Staatsregierung dem Landtag tunlichst bald eine Vorlage über die Einführung der bayerischen Landesklassenlotterie vorlege.
•
Frankreich.
* Paris, 19. Juli. In der Nähe von Eorsika ‘ ist der französische Torpedobootzerstörer „Kavalier" in- solge eines Zusammenstoßes entzweigeschnitten worden und der größte Teil der Mannschaft ist ertrunken.
— I ____
Unter Feinden.
'Roman von Karl Matthias.
(Nachdruck verboten.)
XX.
Herr Devereux in Sedan befand sich in großer Aufregung. Mit der Morgenpost war ein mit unbehilflichen Buchstaben geschriebener Brief an ihn gelangt, welcher alle seine Berechnungen und alle Mühe, die er sich um den Verkauf der Bazeiller Fabrik und der Villa gegeben hatte, über den Haufen warf. Durch das Ausbleiben der Briefe von Bordeaux hatte sich die Angelegenheit allerdings in die Länge gezogen, jetzt aber trat ein neuer Faktor zu Tage, der den Verkauf jener Grundstücke ohne neue Einwilligung unmöglich machte. Der Erbe des verschollenen Bourlier meldete sich in dem Griefe, der in Vadelincourt ans gegeben worden war. ^ »Bemühen Sie sich gütigst zu mir, Herr Notar, da ich außer Stande bin, zu Ihnen zu kommen," schrieb der Briefsteller. „Ich erfahre, daß Sie Fabrik und Villa vvckaufen wollen, die meinem Vater gehören. Gegen letzteres protestiere ich und muß Sie bitten, sich darüber mit mir ins Einvernehmen zu setzen. Sie finden mich, Weinberg Nr. 3. Ihr ergebener Olivier Bourlier."
Devereux nahm nochmals das Billet vom Tifch und hielt es an seine kurzsichtigen Augen.
Also Olivier lebte, Olivier der Totgeglaubte, der Tollkühne, der Franktireur-Oberst, der Patriot, um den I slch noch in Sedan ein förmlicher Sagenkreis gebildet hatte, und dazu noch in größter Nähe Sedans!
„Aber welch' entsetzliche Handschrift hat er sich im Hxil angewöhnt," brummte der Advokat, die Schriftzuge betrachtend, „sollte hier am Ende eine Täuschung vor- Riegen? Ich werde der Sache auf den Grund gehen. Oesahr kann auf alle Fälle nicht dabei sein, und eine j Kahrt in der irischen Winterluft wird mir gut Lun." i
England.
* London, 19. Juli. Bei Lloyds hat das Versicherungsgeschäft gegen A u s b r u ch eines Krieges einen auffälligen Aufschwung genommen. Beträchtliche Versicherungen wurden abgeschlossen: zu sechs Guineen für 100 auf 12 Monate gegen das Risiko eines Krieges zwischen Deutschland, England und Frankreich. — Im Unlerhause werden 99 000 Psd. Sterling für die Vermehrung des Mannschaftsbestandes und 1500 für Schiffsbaulen 296 000, für Schiffsmaschinen 315 000, für Geschütze 54 000, für Munition und Torpedos 97 000, für Anschaffung von Luftschiffen 20 000 Pfund Sterling gefordert.
* London, 19. Juli. Als der Minister des Innern Mac Kenna gestern in Caerleon in der Grafschaft Monmouthshire den Grundsteins einer neuen Schule legte, sprang eine Stimmrechtlerin von hinten auf ihn zu, ergriff ihn beim Rockkragen und schüttelte ihn heftig. Die Angreiferin wurde der Polizei übergeben.
* D u b l i n, 19. Juli. Während der Premier» minister, der gestern abend hier eintraf, von der Menge freudig begrüßt durch die Straßen fuhr, warf eine Frau ein Beil gegen den Wagen. Nach einem Bericht verfehlte das Veil das Ziel, nach einem anderen wurde Mr. Redmond über dem Auge verletzt. — Am Schluß einer Vorstellung im Varieteetheater, in dem Premierminister Asquith heute sprechen wollte, warf eine Frau aus einer Loge einen brennenden mit Del getränkten Stuhl ins Orchester, der den Vorhang der Loge in Brand setzte. Die Frau entkam. Unter den Zuschauern brach eine große Panik aus, die sich erst legte, als das Theaterpersonal den Brand gelöscht hatte.
* Dublin, 19. Juli. Die Polizei verhaftete 8 Anhängerinnen des Frauenstimmrechts, die an den gestrigen Vorfällen beteiligt waren. In ihren Wohnungen fand man Schießpulver, Petroleum und andere entzündliche Stoffe.
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Schweden.
* V a l e st r a n d, 18. Juli. Der Kirfer arbeitete heute früh allein und machte vormittags einen Spaziergang an Land. Am Nachmittag erfolgte die Fahrt mit dem „Sleipner" nach F r a m n ä s, wo im Jahre 1913 die Aufstellung der Frithjof-Statue statt- findet.
Türkei.
* Konstantinopel, 19. Juli, Heute früh 1% Uhr griffen a ch 1 italienische Torpedoboote die Dar-
Der alte Herr nahm einen Mietwagen und fuhr nach Vadelincourt. Im Dorfe angekommen, stellte er fein Fuhrwerk beim Wirt zur Turteltaube ein und begab sich wohlgemut auf den Weinberg Nr. 3. Man zeigte ihm den Weg nur mürrisch und mit argwöhnischem Gesicht. Endlich erbot sich ein junger Mensch in grüner Bluse, ihn zu führen und schritt, mit einem dicken Knüttel bewaffnet, voraus.
Es ging tüchtig bergan. Herr Devereux schnaufte gewaltig beim Steigen. Endlich kam das Ziel ihres Marsches in Sicht, ein einsames Winzerhaus zwischen Trümmern und Haufen von Stecken. Die Hütte war sorgsam verschlossen, die Fensterläden zugezogen. Nur ein dünner Rauch, welcher aus der Esse aufstteg, die gewissermaßen an das Häuschen angeklebt war, verriet, daß hier Menschen lebten.
Der Bursche pochte mit dem Knüttel an den Fensterladen.
Eine Klappe öffnete sich und ein Frauenkopf mit krausem, schwarzen Haar und braunem Gesicht guckte heraus.
„Was bringst Du, Pierre Pie?"
„Einen Herrn aus Sedan. Er wünscht den Mann zu sprechen."
„Heißt er Devereux?" fragte die Frau.
„Ja, so heiße ich!" rief der Advokat. „Devereux, Notar der Republik."
„Tann werde ich öffnen," sagte die Braune und schloß die Klappe.
„Tas ist Euer Glück," meinte Pierre Pie mürrisch. „Weshalb glaubt Ihr wohl, daß ich diesen Prügel mü= genommen habe?"
„Um Dich darauf zu stützen."
„Fehlgeschlagen! Um Euch damit das Fell zu gerben, wenn Jbr ein Spion gewesen wäret, wie sie hier herum un^ v tten Patrioten suchen und diese den - Pruffieus i
I danellen an. Die türkischen Festungswette schlugen ' den Angriff erfolgreich ab. Dabei sind zwei italienische Boote gesunken und die übrigen sechs beschädigt worden.
* Konstantinopel, 19. Juli. Tewsik Pascha hat sich aus abermalige dringende Vorstellungen mit Rücksicht auf das Bombardement der Dardanellen bereit erklärt, das neue Kabinett zu bilden.
* Konstantinopel, 19. Juli. Hier geht das noch unbestätigte Gerücht herum, daß die italienische Flotte heute morgen die Dardanellen wieder angriff. Die Beschießung der Dardanellen dauert noch fort. Die Befestigungen werden heldenhaft verteidigt.
* F e z, 18. Juli. Das ganze D u k k a l a - G e- b i e 1 zwischen Marrakesch, Mazagan, Asemmur und Amerrebia befindet sich in Aufruhr.
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Japan.
* Aus Tokio und gleichlautend auch aus P e- t e r s b u r g kommen private, aber doch zuverlässige Nachrichten, daß Ruhland und Japan einen Vertrag unterzeichnet haben, der fast als ein Bündnis der beiden Länder anzusehen ist. Der Vertrag gibt Japan volle Aktionsfreiheit in der Süd-Manschurei, während Rußland seine Vorrechte in der Mongolei aufrecht erhält. England soll nach der Mitteilung des „New-?)ott Herald" seine Zustimmung zu dem Vertrag gegeben haben, wofür ihm volle Rechte in Tibet zugesichert werden. Wie weit das letztere richtig ist — der Vertrag käme dann einer beginnenden Aufteilung Chinas gleich — bleibt abzuwatten.
Amerika.
* New- Port. Blättermeldungen aus Washington werden die Unionftaaten die kritische Auslegung des Hay-Pauncefote-Vertrages annehmen, wonach amerikanische wie fremde Schiffe die gleichen Gebühren zu zahlen haben.
Angriffe der soffaldemokratischen Presse auf den Kohlenbergbau.
Aus dem rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk wird uns geschrieben:
Wenn bei eintretender Besserung der Wittschafts - läge die in Zeiten ungünstiger Konjunktur ermäßigten Kohlenpreise wieder heraufgesetzt werden, so pflegen die sozialdemokratischen Zeitungen diese ganz natürliche und berechtigte Maßnahme bei ihren Angriffen auf die Zechenbesitzer guszunutzen und als eine Ausplünderung
„Dann danke ich Dir für die Begleitung," sprach Devereux unbehaglich. „Was bin ich Dir schuldig?"
„Nicht einen Centime," erwiderte der tückische Bursche. „Daß ich Euch führte, geschah der hübschen Madelon zu Liebe."
Er polterte den Berg hinunter. Madelon, welche die Tür öffnete, rief ihm „Schön Dank!" nach.
Devereux betrachtete die Person mit großem In» tereffe. Sie war in der Tat eine hübsche Erscheinung. Er folgte der kokett hintänzelnden Frau. Gleich zur Rechten öffnete sie eine Türe. In der halbdunklen Stube auf einem alten Lehnstuhl, den rechten Arm in Bandagen, saß Olivier, der Exleutnant Bourlier.
„Sie leben also wirklich, das ist wie ein Wunder!" rief Devereux freudig aus. „Ich beglückwünsche Sie und drücke Ihnen meine herzliche Befriedigung aus. Aber sagen Sie nur, wie das geschehen konnte, trotzdem man Sie —"
„Allgemein tot glaubte," führte Olivier die Rede j-ines Gastes fort, indem er ihn an seiner Seite zum Niedersetzen einlud. „Es geschah durch einen Irrtum, den meine schlaue Madelon absichtlich erregte. Als die Preußen abzogen, nachdem sie unsere Fabrik in Trümmer gelegt hatten, schlich sich dieses treue Wesen auf den Hof, um nach mir zu forschen. Sie fand mich sehr bald, aber in welchem Zustande! Die Schufte hatten mich aus dem dritten Stockwerk hinausgestürzt, und ich lag mit zerbrochenem Bein und Arm, mit eingeknickten Rippen regungslos ba; aber ich lag auf einem Haufen von Samtlumpen, welchen man auf dem Hofe beim Aufräumen der Lagerkeller zusammengeworfen hatte. Das war mein Glück gewesen, denn auf dem Pflaster des Hofes wäre ich gänzlich zerschmettert worden, auch schützten mich die weichen Hadern vor den Geschossen der Gewehre und die Kanonen bestrichen den Boden nicht.
(Fortsetzung folgt.)