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ietzener Jettung
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Verlag der ».Gießener Zeitung" G. ■. b. H.
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Nr. 66
Telephon: Nr. 362.
Samstag, den 17. August 1912
Telephon Nr.: 362.
24. Jahrg
Politische Rundschau.
Deutschland.
* Zur Frühstückstafel beim Kaiser auf Wilhelms- Me waren geladen Fürst zu Solms-Braunsels und fr. Butler, Präsident der Colmnbicv-Universttät. — ter Kaiser wird im Herbst, vermutlich im Novem- kr, als Gast des regierenden Fürsten Adolf zu Schaum- ^^^urg-Llppe zur Jagd auf Hochwild nach Bückeburg
• Aus Anlaß des 50. Geburtstages des P r i n= Heinrich von Preußen hatten die öffent- AesohlmâlhkN wie auch viele private Gebäude in Kiel und Wat KAernsörde festlich geflaggt. Der Prinz verlebte den Tag ^ ^. ü Hemmelmark (Schleswig-Holstein). Dein Prinzen — - htiimch gingen anläßlich seines 50. Geburtstages zahl- —— "’ttiiht Glückwunschtelegramme zu, darunter vom Kai- ____ fr, vom Magistrat in Kiel. Die Feier wurde im eng- |tn Familienkreise abgehalten.
. * Der Staatssekretär des Auswärtigen v o n K i-
ßtkl e n- W ä ch 1 e r, der erst vor einigen Tagen von Mn gen, wo er zu mehrwöchiger Erholung geweilt Atte, nach Berlin zurückgekehrt war, hat die Reichs - ■uptftabt schon wieder verlassen und sich nach Berch- »gaden zu seinem dort den Sommerurlaub verlebenden Vorgänger, dem Pariser Botschafter Freiherr von — 6d) ö n, begeben. Von dort aüs wird der Staats - ___Bretär nach Gastein reisen und mit dem Reichs- —Ianzler konferieren. Diese Geschäftigkeit des Leiters \ ^ferer auswärtigen Politik wird lebhaft bemerkt, und \ Bon fragt angesichts ihrer: Was geht vor?
tatsächlichen Verhältnissen in Uebereinstimmung bringen mögen.
England.
• London. Die Königin ist nach Dover abgereist und inzwischen in Neustrelitz eingetroffen. — Der Premierminister der südafrikanischen Union, Botha, ist zum Ehrengeneral der britischen Armee ernannt worden.
Italien.
• Rom, 16. Aug. Der Zar hat durch seinen Flügeladjutanten dem italienischen Thronfolger, dem achtjährigen Prinzen Umberto, eine kostbare Sammlung russischer Spielzeuge überreichen lassen.
Amerika.
* M e r i k o. Die Aufständigen verüben in dem Staate Morelos die furchtbar sten Grausamkeiten. Den Personen, welche die Bewegungen der Aufständigen verraten, werdefn die Zungen ausgerissen, die Augen ausgebrannt und die Beine abgeschnitten. Die Bundestruppen stoßen überall auf enthauptete Leichen, die an Bäumen hängen. Die Grausamkeiten gegen die Amerikaner nehmen in bedenklichem Maße zu.
heften,
• Bei der neuen Reichsversicherungs- n ft a 11 für Angestellte wird eine ziemlich erhebliche ibl von Stellen für weibliche Angestellte geschaffen, ki voller Entwickelung des Dienstbetriebes rechnet man
zen liegt
her der
ke der neuen Anstalt mit 1500 Beamtenstellen. Wlden dann etwa 500 weibliche Angestellte in Herrn Versicherungszweig Beschäftigung finden, »gestellten der neuen Reichsversicherungsanstall Wt Reichsbeamte, sie werden mit Kündigung i|ne Pensionsberechtigung angestellt.
Es dem Die sind und
s Organ- nur
Oesterreich.
* Wien. Die „Neue Freie Presse" meldet, Kmister des Aeußern, Graf Berchtold habe
der die
Mative ergriffen, um einen Meinungsaustausch da- Vtr herbeizuführen, daß einerseits das gegenwärtige ,Qrt i f d) e Regime die Intereffen der anderen Bal- Zwölfer entsprechend berücksichtigen solle, andererseits Hi Balkanvölker ihre Postulate an die Pforte mit den
Unter Feinde«.
. '* Roman von Karl Matthias» (Nachdruck verboten.)
ES wäre töricht gewesen, die Heimreise auch nur um
«ren Tag auf-uschieben. Das ßatifr lag offen vor ihnen,
} Wt Eisenbahnzüge verkehrten regelmäßig bis zur \hM\ trenne, und da sich Desiree kräftig genug fühlte, nahm 'Lin st Abschied von der treuen Iosnes, und sie fuhren Ach dem interimistischen Bahnhof, der statt des gänzlich UÄI. zerstörten alten Bahnhofs in der Samoy-Borstadt er- Ö4o4ao T4#fc pâ HA *tiAf TtPhmPtt . hPtt StBef*
«Met war. Kietze ließ es sich nicht nehmen, den Schei- _ , Anden das letzte Lebewohl nachzuwinken. Er hatte sich i^ »sinnig gefreut, daß sein Brief den Herrn Leutnant ge- . io. toffen und hergebracht hatte. Und der Leutnant erwies _^^: M nicht undankbar und belohnte den wackeren Berliner
»it einer Handvoll harter Taler, welche damals in Or- ton 8 besseren Cours als die französischen Banknoten I hatten. Ueber Fonteinebleau, Chalons und Nancy geigten die Wiedervereinten, ohne Paris zu berühren, I rach Deutschland und fuhren mit Schnellzugseile Dresen, dem schönen Elb-Florenz zu.
Bourlier wäre ganz zufrieden in seiner Abgeschie- Jen^ett gewesen, wenn ihn das Ausbleiben Waldemars richt beunruhigt hätte. An Desirees Wiederfinden j tachje er nicht. Er zähtte sie zu den Toten,- aber er 1 Achtete für die Sicherhett des Sohnes, über dessen Ge- , ^' kitstreiche ihm Devereux Aufklärung gegeben hatte.
Täglich fragte er den Feldwebel oder Herrn von Winigerode, welche abwechselnd kamen, um sich von sei- A ton Vorhandensein zu überzeugen, ob und wann der LV Svunmandant zurückkehren würde, ja, er fragte gerade- il ob sich dieser nach Sedan begeben habe. Er sielte A,^, ordentlich Sehnsucht, das ihm verhaßte Gesicht zu sehen, ihm fehlte jemand, an dem er feine Unzufriedenheit aus- ^M fet konnte. Sein Chauvinismus sagte ihm, daß er W^! Lm Grund dazu habe. Die Südarmee Franherchs, bei
Marokko.
• Muley Iussus ist zum Sultan ausge- rufen worden. Die Proklamation fand um 9 Uhr vormittags statt. Der General Moinier selbst und seine
Offiziere halten für die Nachfolge Muley Hafids den
früheren Sultan A b d u l A s i s für geeigneter als
seinen Bruder Muley Jussuf. Verschiedene Stämme hätten schon versprochen, den Sultan Abdul Asis zu
unterstützen.
Die Beschießung Agadiers
hat den Vormarsch El H a i b a s nach Norden nicht verhindert, sondern beschleunigt. El Haiba befindet sich auf dem Nordabhang des Atlat bei Imintanut und rückt gegen Marrakesch vor. Da Frankreich an die Stelle der bestehenden Machsen-Autorität nichts gesetzt hat, jo ist seine Ausrufung als Sultan in Marrakesch möglich. Angesichts dieser von -Frankreich verschuldeten Lage nennt die Depeche Marocaine das Verbleiben der deutschen Kolonie in Marrakesch bedauernswert.
Türkei.
• Die Sanierung der Türkei wünscht Wiener Meldungen zufolge der österreichisch-ungarische Minister des Auswärtigen Graf Berchtold mit Hilfe der europäischen Großmächte dadurch herbeizuführen, daß er die türkische Regierung veranlaßt, allen Nationalitäten des osmanischen Reiches eine gleichberechtigte Stellung einzuräumen. Das gegenwärtige Kabinett Ghazi Mukhtar Pascha ist zu einer solchen Dezentralisation bereit, während bekanntlich die Iungtür- ken, so lange sie in der Macht saßen, das entgegenge- setzle Ziel, die straffe Zentralisierung unter osmanischer Vorherrschaft verfolgten.
Rote Pharisäer.
* Der „Köln. Ztg." wird unter der Ueberschrift: »Note Pharisäer" aus dem Industriegebiet geschrieben: „Die Presse der Genossen hat sich gewaltig aufgeregt, weil nach ihrer Ansicht nach der ersten Mitteilung von einer Erplosion aus der Z e ch e Lothringen, woraus sich die erst allmählich festgestellte Größe des Unglücks im ersten Augenblick gar nicht ersehen lietz, nicht sofort in Essen alle Festlichkeiten ausgehoben wurden. Diese Presse, die sich in diesen Tagen so unsäglich blamiert hat und zum Gespött der eigenen Leser und Genossen geworden ist, sprach mit Entrüstung davon, daß man in Essen rücksichtslos die Ruhe der Opfer auf der Zeche Lothringen störe; ein paar Kilometer von der Unglücksstätte habe man muntere Weisen gespielt und weiter getafelt, jubiliert und musiziert. Es kam ja alles anders. Was haben aber die Genossen selbst getan? Am Sonntag feierten an verschiedenen Orten die sozialdemokratischen Gewerkschaften ihr Sommerfest. Unter den Klängen munterer Weisen zogen sie durch die Straßen, und dann wurde tagelang getrunken, jubiliert und musiziert, sogar am Montag, als 100 Bergleute in Gerthe unter einer riesigen Trauerkundgebung aller Bevölkerungs - kreise zu Grabe geleitet wurden. Das „Düsseldorfer Ee- nosscnblatt" schrieb gestern: „Heute, am zweiten Festtag (Montag nachmittag und abend), ladet die Festkommis- sion nochmals alle, groß und klein, zum Festplatz ein. Was gestern an fröhlichem Spiel und Treiben im Freien (wegen schlechten Wetters) unterbleiben mutzte, soll nun heute nachgeholt werden. Den Beschluß des Festes wird ein großes Feuerwerk bilden. Darum nochmals: alle hinaus zum Festplatz!" Mehr als 15 000 «Genossen und Angehörige haben sich an dem Festzug beteiligt und 2 Tage lang musiziert und jubiliert. Auch in Hörde und in Werden haben die Genossen am Sonntag geräusch - volle Gewerkschaftsseste gefeiert. Wer hat nun die Ruhe der Opfer auf der Zeche Lothringen gestört?"
der er gedient hatte, in Trümmer geschlagen, Bourbaki trotz Gartbaldanern uns toller Renommage aufs äußerste bedrängt, die Nordarmee vernichtet, die Festungen alle, alle erobert und König WUHelm in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen, das machte den alten Freischärler rasend vor Zorn. Heftig warf er die friedlichen Bücher, die ihm Waldemar überlassen, beiseite und vertiefte sich in die französischen Zeitungen, auf alles scheltend, was die Weltlage mit sich brachte.
„Man sollte Ihnen die aufregende Lektüre ent-ie- hen," sagte Winigerode, den er eines Tages in ein politisches Gespräch verstricken wollte. „Es taugt nichts für so nervöse Männer wie Sie, sich über etwas zu ärgern, das man nicht ändern kann."
„O, wäre ich an der Spitze meiner Kompanie, meines Bataillons geblieben!" rief Bourlier zornig, „die Bayern hätten nicht so leichtes Spiel gehabt."
„Ihre Tapferkeit in Ehren," entgegnete der Offizier lächelnd, „darum fällt Paris doch, und der deutsche Kaiser zieht durch den Triumphbogen in die WeUstadt ein."
„Das geschieht nie, nie, eher bleibt die Sonne stehen!"
„Die Sonne von Metz, Sedan, Orleans und St. Quentin? Sie hat auf alle Niederlagen Frankreichs niedergeschaut und ging um keine Sekunde später unter, als im Kalender vorgeschrieben war," lachte der Offizier.
„Es ist nicht edel, Herr Leutnant, mich so zu demütigen," knurrte der Alte.
„Warum fangen Sie an? Da muß man Ihnen schon die Wahrheit sagen. Nun, ich werde Sie nicht lange mehr ärgern. Herr Tyrolt ist angekommen und wird es sich gewiß nicht nehmeir lassen, seinen Schwiegervater selbst zu inspizieren."
Bourlier schnitt eine Grimasse. Das Wort Schwiegervater ärgerte ihn, aber die Ankunft Waidemars machte ihm Freude. Trotzdem heuchelte er Gleichgültigkeit. —. - .^•^^t/ ~l "ll»»i*«*»««**»ll*<'>lfefe***-1«^^
„So," sagte er, „meinetwegen konnte der Herr tu Frankreich bleiben, am besten sechs Fuß tief unter der Erde."
„Pah," meine Winigerode, „baS ist Ihnen nicht Ernst. Sie können die Zeit nicht erwarten, ihn wieder- zusehen, und mit Recht, denn er hat Ihnen viel Gutes erwiesen. Dies schöne Quartier, die gute Verpflegung, alles haben Sie ihm zu verdanken, und nun bringt er Ihnen sogar noch etwas mit — eine Ueberraschung."
„arm? Was denn? Ich habe ihn nicht beauftragt* „Glaub' schon, aber Augen werden Sie machen und ihm um den Hals fallen."
„Unsinn," sagte Bourlier rauh. „Das passiert nicht, selbst wenn er — aber das ist ja nicht möglich, denn Desiree ist tot, tot."
Trotz dieser Ueberzeugung tat Bourlier in der sorgenden Nacht kein Auge zu. Seine Wirtsleute hörten ihn unablässig hin- und herschreiten und mit sich selbst sprechen.
In früher Morgenstunde fuhr Waldemar vor dem Hause in einem geschlossenen Wagen vor, stieg aus und trat in Bourliers Zimmer. Seine Brust schmückte das eiserne Kreuz. Er hatte den Orden bei seinem Eintreffen vorgefunden. Der Empfang desselben auf der Kom- mandantur hatte ihn aufgehalten, so daß er erst am nächsten Tage bei Bourlier vorsprechen konnte.
Das wär's, was Winigerode mit der Ueberraschung gemeint hatte.
Bourlier sah das Kreuz auf den ersten Blick. Er kannte auch die Bedeutung desselben. Höhnisch blickte er Tyrolt von der Sette an, erhob sich schwerfällig von seinem Sitze und blieb salutierend stehen.
„Ich melde mich zur Stelle, Herr Leutnant," sprach er, als ob dieser täglich bei ihm erschienen wäre. Der Exkapitän liebte es, bei jeder Gelegenheit den Untergebenen herauszukehren.
- ----— - (Fortsetzung folgt.), ^r^ <ju