Der Einsiedler.
Der Einsiedler. — Madrider Momentbilder.
Der Einsiedler.
(Aie „Eden-Farm" hatte auch Heuer, dank ihres para- diesischen Namens und der lobpreisenden Inserate ihre alte Anziehungskraft ausgeübt und eine kleine Kolonie von maroden Sommerfrischlern! dorthin gelockt.
Zu den diesjährigen Opferlämmern zählte unter anderen ein junges, noch in den Flitterwochen befindliches Ehepaar; ein Bostoner Wardpolitiker nebst Frau; zwei spiritistisch angehauchte reifere Jungfrauen; ein rundlicher Ladenbesitzer mit ebensolcher Gattin und zwei pausbäckigen Knaben; ein vierblättriges Kleeblatt von hübschen Schullehrerinnen und ein ernster, schweigsamer jüngerer Mann, der keinerlei Anschluß suchte und deshalb den Beinamen „Einsiedler" erhielt.
Die kleine Gesellschaft hatte sich fast gleichzeitig, unmittelbar nach den ersten paar heißen Tagen, die der abnorm-kühlen Regenzeit gefolgt waren, zusammengefunden, und wie dies unter Leidensgenossen so geht, war man bald miteinander bekannt geworden.
Und alle schimpften über den Eigentümer Brown, der die personifizierte Gleichmut war unb genau so tat, als ob kein Tüpfelchen von all' den Genüssen fehlte, die er den armen Städtern vorgegaukelt hatte. Schüchterne Versuche, ihn auf vorhandene Klüngel oder Unzuträglichkeiten aufmerksam zu machen, schlugen regelmäßig fehl, da er sich schwerhörig stellte und nicht zu verstehen schien, um was es sich handele. Dagegen konnte er den Umstand nicht oft genug erwähnen, daß der „Einsiedler" seine Villeggiatura so reizend befunden habe, daß er bereits zum zweiten Male sein Gast sei.
Das Frühstück nahm jeder ein, wenn es ihm gerade konvenierte, da das harmonische Summen der Moskitos, das Ouaken der Frösche, das Krähen der Hähne, das Geschnatter der Gänse und Brüllen des Rindviehs die Nachtruhe des einen mehr, als diejenige des andern störten. Zur Hauptmahlzeit dagegen versammelte man sich in der besten Stube des baufälligen Farmhauses an langgestreckter Tafel, zu Häupten welcher Brown stehend tranchierte und das Ganze leitete, während seine Frau und Tochter servierten.
Zur Ausstattung des Gemaches gehörte unter -anderem auch ein großer Bauer mit ruppigem, grünem Papagei, der zwischen den beiden Frontfenstern stand. Der Sprachschatz des letzteren hatte sich seither, wie allgemein angenommen wurde, auf „Papa", „Mama" und „Lizzie" beschränkt. Groß war deshalb das Erstaunen aller, als der kluge Vogel eines Abends, sobald man sich zu Tische gesetzt hatte, ganz vernehmlich rief: „Nanu, schon wieder Limabohnen mit ranzigem Speck zum Mittagessen."
Einen Augenblick herrschte Totenstille; bann aber lief ein Kichern über die Tafelrunde, das allmählich in lautem Gelächter ausklang, in welches alle, mit alleiniger Ausnahme des verblüfften Farmers, mit einstimmten. Die allgemeine Heiterkeit und Aeberraschung nahmen aber noch zu, als der verschmitzt blinzelnde Missetäter gleich darauf eine ganze Reihe anderer Sotisen hinzufügte, wie z. B.: „Unb das nennt der alte Knicker gutes Essen." — „And für den Fraß berechnet er zwölf Dollars pro Woche!" — „Für Stadtleute ist natürlich »Ales gut genug’" - „Wenn er ja einmal ein Huhn opfert, ist's so alt wie Methusalem!" „Anstatt „Eden-Farm" sollte er die gottverlassene Einsiedelei „Hungerford" taufen!"
Da jeder dieser Personal-Injurien eine Lachsalve folgte, und Ebenezer wie versteinert dastand und den Verräter, den er an seinem Busen genährt, anstarrte, machte seine resolute Gattin der peinlichen Szene ein Ende, indem sie das Bauer aufnahm und hinaustrug; doch noch in der Tür schrie der Vogel: „And du willst Köchin sein! Ei, mit deinem Pudding könnte man ja einem Rhinozeros den Gd;â= del einschlagen!" - „Mir unbegreiflich," meinte Ebenezer nachdenklich, nachdem die Ruhe wieder hergestellt war, „wo der Racker auf einmal den Redefluß her hat; irgendwer muß ihm den Blödsinn eingepaukt haben!" —
Das nächstfolgende Mittagsmahl sollte indessen eine noch größere Überraschung bringen, und diesmal war Ebenezer nicht allein das Opfer. Die Limabohnen mit Speck waren zwar als Hauptgericht vom Menu verschwunden, um einer ähnlichen Delikatesse Platz zu machen, und auch der Papagei trauerte außer Hörweite in einer Dachkammer, aber mitten im schönsten Schnabulieren rief plötzlich eine näselnde Aan- kecstimme aus dem altmodischen offenen Kamin: „Good
Lord, wie der Dicke da wieder einhaut! And seine Alte und die Göhren nicht minder! Die hungrige Bande würde ich noch nicht für fünfzig Dollars pro Woche füttern."
Der beleidigte pater familias, der im Gegenteil samt den Seinen ein mäßiger Esser war, wurde bei diesen Worten rot wie ein Puter und schien einem Schlaganfall nahe, während seine Gattin, einen Bissen auf die Gabel gespießt, mit offenem Munde entsetzt in den Kamin starrte, als gewahre sie ein Gespenst darin. Sind) die übrige Tischgesellschaft war offenbar mehr betroffen, als be= luftigt und wartete schweigend der Dinge, die da kommen sollten, als der Farmer zögernd näher trat, um den Störenfried ausfindig zu machen. Doch Nacht und Grauen nur herrschten in dem Kamin, von einem lebenden Wesen war seltsamer Weise keine Spur zu entdecken. Nichtsdestoweniger fuhr dieselbe Stimme, sobald er sich kopfschüttelnd abgewandt, fort: „Es ist eine Schmach, man glaubt gerade, die Städter gingen nur aufs Land, um die armen Farmers an den Bettelstab zu bringen! — Sie sind ja schlimmer wie Heuschrecken; kein Wunder, daß Ebenezer vor jeder Mahlzeit betet, daß keiner zuviel essen möge.
Eine Farmer-Schutzgesellschaft tut dringend not. Für den Rindoiehschutz ist natürlich längst gesorgt, nur die armen Farmers sind noch immer vogelfrei." Dabei ernst zu bleiben, war nicht gut möglich, und obgleich manchem die Sache nicht ganz geheuer vorkam, wurden auch diese Auslassungen, ähnlich wie diejenigen des Papagei's, mit fröhlichem Gelächter interpoliert. Ebenezer war wie vor den Kopf geschlagen und unschlüssig, was unter den Am- ständen zu tun sei. Seine Gattin dagegen, Schlimmes befürchtend, warf sich wiederum in die Bresche; d. h. sie nahm kurzer Hand ein Sophakissen und stopfte es mit nerviger Hand in die nach oben führende Kaminöffnung. Aber noch war das diese Tat lohnende Bravo nicht ganz verklungen, als dieselbe näselnde Stimme höhnisch unterm Tisch hervorlachte: „haha, so leicht bin ich nicht zu ban= neu! Denn, damit ihr's nur wißt: ich bin der Geist eines unglücklichen Sommergastes, der an dieser Stätte vor fünf Jahren mit Saubohnen zu Tode gefüttert wurde, resp, an akuter Magenentzündung verstarb und nun keine Ruhe im Grabe findet." Wie auf Kommando fuhren bei diesen Worten alle, mit einer e inzigen Ausnahme, von den Stühlen auf, die Damen mit Zetermordio, als sei eine Maus unter dem» Tische. Die Ausnahme bildete 'auch diesmal der Einsiedler, der in aller Seelenruhe weiter aß, während die Beherzten behutsam die Zipfel des Tischtuches lüfteten und nach dem spitzfindigen Geist oder einer Öffnung im Fußboden, durch welche er gesprochen haben könnte, Amschau hielten. Ersterer empfand indessen ein menschliches Rühren, denn gleich darauf rief er unterm Sopha hervor: „Na, na, so sehr braucht ihr nicht zu erschrecken — ich kann Euch ja beim besten Willen nichts anhaben! And verhungern sollt Ihr meinetwegen auch nicht; also macht Euch wieder an die Rüben mit Schweinefleisch. - Schluß!"
Trotz dieser beruhigenden Erklärung war jedoch den meisten der Appetit vergangen.
Mit Bangen wurde dem nächsten Mittagsmahl entgegengesehen, denn jeder hatte eine Vorahnung, daß abermals eine unangenehme Störung bevorstände. Selbst der erfreuliche Amstand, daß die herbe Kritik des Geistes Ebenezer veranlaßt hatte, ein Spanferkel zu opfern, vermochte nicht dieselbe zu verscheuchen. Doch selbst diese schwere Sühne schien den Geist nicht beschwichtigt zu haben, denn sobald Brown seufzend den ersten Einschnitt gemacht hatte, näselte es aus dem Innern heraus: „Pfui, schäm' dich, Ebenezer, du hast ja das Allerkleinste von den sieben ausgewählt — das reicht ja gar nicht herum für all, die Vielfraße!" Erschrocken prallte Brown zurück und auch der Gäste bemächtigte sich dieselbe Aufregung wie Tags zuvor. Doch während die übrigen resigniert die Servietten weglcgten, ihre soeben noch verlangenden Blicke nach dem knusperigen Ferkel ins Gegenteil umschlugen, erhob sich der „Einsiedler", schritt gravitätisch auf den Farmer zu, nahm ihm die Tranchirutensilien aus der Hand und begann das verwunschene Tierchen kunstgerecht zu zerlegen. Teils ermutigt, teils beschämt durch sein entschlossenes Vorgehen, wären nun Einzelne geneigt gewesen, das Mahl fortzusetzen, wie er selber dies tat, nachdem er mit dem Tranchieren zu Ende war, aber die Lust dazu verging ihnen, als der Geist noch während dieser Arbeit be
gann, auch sie in unbarmherzigster Weise durchzuhecheln. Am schlimmsten kamen dabei die Schullehrerinnen und , das junge Ehepaar weg, doch auch Ebenezer konnte sich nicht über Vernachlässigung beklagen. Das Ende vom Liede war, daß an jenem Abend in sämtlichen Gastzimmern des baufälligen Farmhauses eifrig gepackt wurde und die ganze Tischgesellschaft sich am nächsten Morgen verabschiedete. Nur der „Einsiedler" blieb zurück. Das heißt vorläufig, denn gegen Abend fuhr ein Buggy vor, und auch er kam reisefertig die Treppe herab. „Wie, Sie wollen uns auch verlassen? Ich glaubte doch, es habe Ihnen verflossenes Jahr so gut hier gefallen, daß Sie uns wieder beehrten," sagte Ebenezer trübselig. „Gott bewahre, nichts weniger als das — eine scheußlichere Wüstenei ist ja gar nicht denkbar!" erwiderte der Scheidende
Madrider Momentbilder.
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ine Fundgrube für das Studium des sozialen Lebens Mit dem einfachen, bescheidenen Publikum dieser Li- der spanischen Hauptstadt bildet der Verkehr auf den nien steht der Luxus und die Eleganz der Herrschaften im verschiedenen Linien der „Elektrischen", die Madrid nach starken Gegensatz, die die Wagen benutzen, die von der allen Richtungen durchkreuzen. „Sage mir, in welchen ------Ä— **----1----- “--------
Straßenbahnwagen du einsteigst, und ich sage dir, wer du bist.“« Man braucht nur des Morgens auf der Puerta del Sol die Ankunft der ersten Wagen aus dem Salamanca Viertel zu beobachten, um ohne weiteres zu begreifen, daß sie aus einer von reichen Familien bewohnten Gegend kommen, die an gutes Leben gewöhnt sind, wie die riesigen Linkaufskörbe der aussteigenden Kö- ____ _____ _________________
chinnen beweisen, deren Körperfülle andrerseits dartut, die Rede; alle scheinen sich zu kennen; hi übertriebener daß das Verschlucken fetter Bissen und das Perspeisen Höflichkeit bezahlt man sich gegenseitig die Fahrkarten; ge=
kräftiger Gerichte gegen Blutarmut und andere Gebresten fällig räumt man sich die beiden Sitzplätze ein; der Wagen ist
tausendmal wirksamer ist als alle Apothekermittel und von einem starken Parfümerieduft erfüllt, und am Ende
Badekuren. Diese Königinnen der Küche werden auf der Strecke findet der Beamte meist einige sechsknöpfige
dem Marktplatz von den Händlern nur mit „Asted" - c
Euer Gnaden — ange-
redet, zumAnterschied von den sonstigen Küchenfeen, den„Mencgildas",dienur mit einem lumpigen Pesetas erscheinen und daher geduzt werden. An allen Verkaufsständen genießen erstere den hohen Kredit, den das Geklingel dergroßen Silber- duros verleiht, Am das Herz einer dieser Herrscherinnen des Kochtopfes zu gewinnen, mu^ der Bewerber, sofern er zum Zivil gehört, schon einen guten Cordoveser Hut auf- und feine Stiefel anhaben, das Haar nach Toreroart nach vorne
gekämmt tragen und nie um ein paar Witze ver° ' legen sein. Militärs muffen mindestens die Anteroffizierstressen be= fitzen und der Artillerie oder Gendarmerie angehören. „Viele verheiraten sich," wie es in den Zcitungsankündiq ungen der Vermittler heißt.
Amyekehrt entladen die ersten Wagen, die von der Fuentecrlla kommen, eine Schar Tagelöhner mit kleinen armseligen Blechgeschirren, die sich neben den erwähnten Riesenkörben seltsam genug ausnehmen. Es handelt sich um die Straßenbahn, die an der Kapelle der Virgen de la Paloma vorbei über die Plaza de la Cebada durch das Toledotor nach Carabanchel führt, also die alten, aber vielen sympathischen Volksviertel durchschneidet mit ihren zahllosen kurzen und engen Gassen, wo die Klassen wohnen, die nur ihr tägliches Brot im schweiß ihres Angesichts verdienen.
Die Lcibcskadron vor dem Königlichen Palast.
Eine andere Linie, die mit der vorigen den Wettbewerb in der Volkstümlichkeit aufnimmt, ist die nach der Plaza del Progeso. Sie wird von Cigarrcras, von kleinen Modistinnen, Plätterinnen und Wäscherinnen der La- vapies-, der Magdalena- und Embajadoresstraße viel benutzt und — auch von solchen, die gern einmal ein hübsches, frisches Gesicht sehen wollen!
barsch. „Ich kam eigens wieder, um Ihnen die Saison zu verderben, zur Strafe dafür, daß Sie mich durch Ihre verlogenen Reklamen reinfallen neßen." — „Was Sie nicht sagen!" preßte der biedere Landmann höchlichst und unangenehm überrascht hervor. — „Jawohl; und überdies habe ich heute morgen Nachricht von einem abgeschlossenen Engagement für Atlantic City erhalten." - „Ach so, sommerlicher Schmierenkomödiant!" lächelte giftig Ebenezer. — „Nein, aber eminenter — Bauchredner !" näselte der andere mit der Stimme des Geistes, seine Handtasche in das Gefährt werfend, und während der kutschierende Negerjunge auf seine Rosiante einhieb, ging dem Besitzer der Edenfarm plötzlich eine ganze Aurora Borealis auf.
Carrera be San Ieronimo nach den vornehmeren Straßen der nördlichen Stadtgegend fahren und die wegen ihres roten Anstrichs die „Krebse" heißen. Feierlich dreinschauende Herren im Zylinder, seiderauschende Senoras, moderne Reform-Jungfrauen, untadelig gekleidete „Pollos"; der Vorschrift entsprechend wird nicht geraucht; man spuckt auch nicht aus; es ist nur von Abendgesellschaften und Ballfesten, vom Theater und von der Mode
Handschuhe und das ein oder andere Billetdour, das einer der Senoritas aus der
Tasche gerutscht ist oder vielleicht auch — einer Mama. Die Liebe nimmt es in Spanien nicht so genau!
Die Linie nach dem Hippodrom sieht im allgemeinen wenige Herren, aber diese wenigen sehen ganz so aus, als ob sie mit siebenstelligen Zahlen rechneten. Desto mehr Gouvernanten, Kindermädchen und Ammen beherbergen die Wagen, Man hört englisch, französisch, deutsch und spanisch durcheinanderplappern. Der Rückweg vom Hippodrom zur Stadt wird dann zu Fuß gemacht oder umgekehrt. Auch Kutscher, Lakaien und Kammerdiener der Insassen jener prächtigen Paläste, die die Castellana
zu beiden Seiten einfassen, benutzen diese Strecke. Hier findet der Beamte nachher keine verlorenen Liebesbriefe, höchstens eine — Kinderwindel!
Eine andere „typische" Linie ist die nach den VentaS. wo die Octroischmuqgler hausen, die Lebensmittel billig zu haben sind und zahlreiche Merenderos mit ihren Orgeln die unteren Klassen zu einem vergnügten Nachmittag oder Abend einladen. Die Fahrgäste zeigen meist Humor ober auch oft etwas zu viel junior, je nachdem sie sich auf der Hin- ober Rückfahrt befinden.
Die Nlänner in
um die Lenden flachen Hut der kleid, Haar und die altspanische
2!och fehlen zehn Minuten bis zum Beginn des Schauspiels. Aber das gewaltige Rund des Zuschauerraumes, das über 14 000 Menschen zu fassen vermag, ist schon bis auf den letzten Platz gefüllt. Anten das Volk, weiten, bauschigen Hosen, die rote Schärpe geschlungen, auf dem Kopfe den breiten Caballeros. Die Frauen im hellen Fest- Brust mit Rosen geschmückt, als Kopfputz Mantilla. Viele haben sehr edel ge-