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Druck der (Siebener VerlagtbrurfcrcL

Nr. 4. (2. Blatt).

Samstag, den 13. Januar 1912.

Telephon: Nr. 36*2.

24. JahlP.

Die Reichstagsw^hlen am 12. Januar 1912.

Gießen, 12. Jan. 1912.

Ein kalter Vormittag. Nur ein paar Grad teilte freilich, aber ein schneidender Wind. Die armen Zettel- verteiler, die vor den Wahllokalen stehen, können einem leid tun. Es ist gewiß kein Vergnügen; Trost findet man nur in der Kameradschaft, denn der antisemitische Zettelverteiler spricht gemütlich mit dem sozialdemokrati­schen und dem fortschrittlichen. Verstohlen freist auch einmal im ^Dunkel des Haustores das Vierglas, und weiln der Sozi, um die erfrorenen Lebensgeister zu he­ben auf eine Viertelstunde verschwindet, übernimmt wohl auch der Liberale oder ein anderer seine Zettel.

â £2 Uhr kam mein Junge:Vater, wen hast du gewählt?junge, es ist doch geheime Wahl, das ann ich dir doch nicht sagen!"Schade, wir haben gesprochen ^ * °0" rociter ni$ts aIs DOn den Wahlen hnrrMu^r,^11^9^9 1,01 ^ in mancher Familie ge- hcrrscht Die Straßen waren belebter als sonst, aber es ^J * ^'9 seinen Pflichten nach. An den Anschlag- aulen allerdings Plakate, die den und jenen Kandida- lar CmPJi* Cn /s w°r dieses Mal für jeden Wähler Ilnr welkem «anbibaten er seine Stimme geben will

Das Wahlgeschast geht in aller Ruhe vor .ich. Ich fragte in verschiedenen Wahllokalen nach, und das Er­gebnis war überall dasselbe. Bis 1 Uhr mittags hab ten schon 40 Prozent der Wähler ihre Stimmen vbae- 9en- »Recht starke Beteiligung gegen sonst, wie? ißer werfe! eine ganze Menge Leute haben keine Ar­beit, da kommen s,e schon am Vormittag." Mag sein aber man hat sich allgemein aus starke Beteiligung ge- saßt gemacht. ö a b

. Hauptanisturm bringt natürlich, abgesehen von b°r Mittagspause, der Abend. Die Arbeiter machen sehr früh Feierabend und strömen zur Wahlurne. Da drängt es sich zeitweise, aber die Leute sind diszipliniert und es geht in Ordnung ab.

pie Vertrauensmänner der Parteien fitzen an einem Tisch in der Ecke undstreichen" in ihren Listen an da- mit die fleißigenSchlepper" in ihren Autos herumgon­deln und die Säumigen" heranholen können. Welch eine von Arbeit steckt in einer Neichstagswahl! Wie- mel Zahlungen, Summierungen, telephonische und tele­graphische Mitteilungen, welcher Ansturm von Depeschen bei den Kreisämtern, den Parteileitungen, bei den Reichsümtern, bei den Zeitungsredakttonen wenn das alles klappt, und das tut es sicher für gerechte Ansprüche so hat man wohl einigen Grund, auf die Fortschritte unserer Kultur auf diesem Gebiete stolz zu sein!

Die Wahl im Kreise Gießen-Grünberg-Nidda.

Selten ist wohl das Ergebnis der Neichstagswahl in Gießen mit größerer Spannung erwartet worden als es diesmal geschah. Viel wurde darüber hin- und hergestritten, ob es dem Liberalismus durch seine Einig­ung gelingen werde, sich diesmal im Kamps mit der Rechten und der äußersten Linken zu behaupten. Die Pessimisten haben wieder einmal Recht behalten, wenn auch wohl niemand ein l o l ch e s Resultat erwartet hatte. Während im Vorjahre die Summe der für beide liberale Kandidaten abgegebenen Stimmen nur um 388 hinter der Zahl der antisemitischen zurückblieb, ist der Unterschied bei der gestrigen Wahl auf 2816 heraus­geschnellt. Statt 23 504 Stimmen der vorjährigen Hauptwahl wurden diesmal 24 696, also rund 1200 Stimmen mehr abgegeben. Dieser Zuwachs wird wohl zum allergrößten Tei! den Antisemiten zugesallen sein. Vergleicht man nun die Summe der im Vorjahre für beide liberale Kandidaten abgegebenen Stimmen mit der diesmal für den Einigungs kandidaten abgegebenen, so findet man, daß in sehr vielen Fällen die diesjährige Zahl hinter der vorjährigen zurückgeblieben ist. In einer Anzahl von ländlichen Bezirken ist die Anzahl der anti­semitischen Stimmen um genau den Betrag oder in noch höherem Grade gestiegen, den die liberalen eingebüht ha­ben, während das ist beachtenswert die S o - zialdemokraten in all diesen Fällen keinen Zuwachs, oft sogar nicht unbedeutende Einbußen cr= litten haben. Die Zahl dieserGisevius-Stimmen" be­läuft sich rund auf 700, rechnet man dazu die diesmal mehr abgegebenen Stimmen, so ergibt sich der Zuwachs der Antisemiten von rund 1800 Stimmen. Die Sozial­demokraten haben ihre Einbußen auf dem Lande durch den natürlichen Zuwachs in Gießen, Lollar und Wie se> ck fast ausgeglichen, sie blieben nur um 32 Stimmen hinter den Zahlen des Vorjahres zurück. Der Liberalismus dagegen büßte 600 Stimmen ein. Der erhoffte Zuwachs aus dem Lager der Nichtwähler

blieb aus. Dafür schwenkte ein Teil ins Antissmitenla- ger ab, das versiegelte die Niederlage. Jetzt weiß der Liberalismus ganz genau, wie stark sein Anhang ist. Es wird einer jahrelangen, mühevollen und zielbewuß­ten Arbeit bedürfen, wenn der Liberalismus beim näch­sten Mal eine andere Rolle spielen will. Jetzt wird sich auch erst zeigen müssen, ob die liberale Einigung von Dauer ist und ob die beiden Parteien, nicht nut in einem kurzen Wahlkampf, sondern auch in langjähriger Auf­klärungsarbeit Schulter an Schulter arbeiten können.

Das Ergebnis der Wahl im Wahlkreis Gießen GrünbergNidda zeigt mit aller Schärfe, daß ein der­artig zusammengesetzter Wahlkeeis wie unser der inten­sivsten, anhaltenden Bearbeitung schon Jahre vor dem Wahltag bedarf, wenn eine Partei in ihm erfolgreich sein oder gar einen gut verschanzten Gegner hinauswcr- sen will: Der gute Wille allein genügt da ebensowenig wie ein kurzer, mit noch so großem Elan aus geführter S,urmangriff; nur langwierige unermübKbc zähe Be­lagerung kann da die Eroberung bringen.

*

In der Stadt Gießen wurden 5495 Stimmen abgegeben, 324 mehr als im Vorjahre. Die Antisemi­ten erhielten davon den Bärenanteil von 324 Stimmen. Die Sozialdemokraten gewannen 153, während die Li­beralen 103 einbüßten.

Es wurden abgegeben im

1. Wahlbezirk. (Wahllokal: Altes Rathaus): Marktplatz, Kirchenplatz, Vurggraben, Auf der Bach, Lindenplatz, Lindengasse, Wetzsteingasse, Kirchstraße, Hundsgasse, Zozelsgasse, Dammstraße, Walltorstraße, Asterweg, Landgrafenstraße, Vraugasse. Beckmann 262, Erkelenz 246, Dr. Werner 44 Stimmen.

2. Wahlbezirk. (Wahllokal: Alte Gewerbeschule Asterweg 25): Marburgerstraße, Wiesecker Weg, Am Rodtberg, Nord-Anlage, Schottstraße, Steinstraße, Eder- straße, Weserstraße. Beckmann 183, Erkelenz 339, Dr. Werner 109 Stimmen.

3. Wahlbezirk. (Wahllokal: Schulhaus in der Neustadt): Gabelsbergerstraße, Hammstraße, Lahnstraße, NodHeimerstraße, An der Hardt, Krosdorfer Straße, Schützenstraße, Mühlstraße, Sandgasse, Tiesenweg, Neu­stadt, In Löbers Hof, Kornblumengasse, West-Anlage, Hinter der West-Anlage. Beckmann 280, Erkelenz 281, Dr. Werner 67 Stimmen.

4. Wahlbezirk. (Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 7): Marktstraße, Weltergasse, Nittergasse, Settersweg, Johannesstraße, Kreuzplatz, Kaplansgasse, Katharinengasse, Mäusburg, Wagengasse, Kanzleiberg, Plockstraße, Maigasse, Schanzenstraße, Gr'abenstraße, Neuenweg. Beckmann 193, Erkelenz 277, Dr. Werner 67 Stimmen.

5. Wahlbezirk. (Wahllokal: Franksurterstraße 20, Eisenbahnverkehrsamt): Hosmannstraße, Friedrich­straße, Crednerstraße, Glaubrechtstraße, Wetzlarer Weg, Hillebrandstraße, Am Steeg, Buchnerstraße, Mittelweg, An den Bahnhöfen, Bahnhofstraße, Löwengasse, Wol­kengasse. Beckmann 183, Erkelenz 339, Dr. Werner 109 Stimmen.

6. Wahlbezirk. (Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 11): Weidengasse, Erlengasse, Diezstrahe, Neuen-Väue, Gartenstraße, Bergstraße Nr. 11 bis 22, Gutenbergstraße, Löberstraße, Süd-Anlage, Sonnen­straße, Schulstraße, Dreihäusergasse, Brandgasse, Brand­platz, Landgraf-Philipp-Platz, Schloßgasse, Kaplanei - gasse, Teufelslustgärtchen, Goeihestraße. Beckmann 152, Erkelenz 280, Dr. Werner 67 S.immen.

7. Wahlbezirk. (Wahllokal: Franksurterstraße 36, Hotel Prinz Heinrich): Leihgesterner Weg, Erdsau- terweg, Bergwerk, Frankfurterstraße, Klinikstraße, Bud­de-Straße, Wilhelmstraße, Ebelstraße, Wilsonstraße. Beckmann 153, Erkelenz 309, Dr. Werner 105 Stimmen.

8. Wa'hl bezirk. (Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 12): Am Niegelpfad, Schifsenberger Weg, Hessenstraße, Gemarkung Schissenberg, Liebigstrahe, Lud­wigstraße, Alicestraße, Bismarckstraße, Keplerstraße. Beckmann 148, Erkelenz 361, Dr. Werner 109 Stimmen.

9. Wahlbezirk. (Wahllokal: Bürgermeisterei, Zimmer Nr. 15): Noonstraße, Großer Steinweg, Kai­ser-Allee Nr. 1 bis 10, Moltkestraße, Ost-Anlage, Wie- senstraße, Senckenbergstraße, Licherstraße, Landmann - straße, Am Nahrungsberg, Bleichstraße, Lonystraße, * Henselstraße, Zeughauskaserne. Beckmann 117, Erkelenz ! 301, Dr. Werner 75 Stimmen.

10. Wahlbezirk. (Wahllokal: Bürgermeisterei Zimmer Nr. 8): Ludwigsplatz, Bergstraße Nr. 1 bis 9, Stephanstraße, Bruchstraße, Kaiser-Allee Nr. 12 bis 122, Eichgärten, Eichweg, Wolsstraße, Neue Kaserne' Beckmann 116, Erkelenz 181, Dr. Werner 66 Stimmen.

* * *

Die Wahlen im Großherzogtum Hessen.

Alsfeld- Lauterbach-Schotten: Bindewald (D.S.) 6174, Heck (Natl.) 3214, Möbus (F. V.) 2799, Vet­ters (S.) 3029; Stichwahl zwischen Bindewald u. Heck. Friedberg- Büdingen, (bisher Busold, Soz.). Stichwahl zwischen Busold (Soz.) und Strack (Natl.). D a r m st a d t (bisher Ntl.). Quessel (S.) 18 323, Nsann (Ntl.) 11 169, Strecker (F.) 7268 Stimmen. Stichwahl: Quessel-Osann.

Bensheim- Erbach (bisher Ntl.). Nippel C.- S.) 4766, Hasenzahl (S.) 7664, Sauer (F.)3419, Scior (Ntl.) 4166 Stimmen. Stichwahl: Hasenzahl-Nippel.

O f f o n b a ch - Dieburg (bisher Ulrich, Soz.). Ul­rich (Soz.) 24 123, Brank (Natl.) 8489, Nessel (Ztr.) 6882, Carnier (F. V.) 3020, Dern (W. Vgg.) 1361. Ulrich gewählt.

Mainz (bisher David, Soz.). David (Sozdem.) 17 028, Molthan (Ztr.) 8921, Keller (Natl.) 7060. Da­vid gewählt.

Bingen- Alzey (bisher Z.). Korell (F.) 9303, Becker (Nl.-Z.) 10 871, Adelung (S.) 2349 Stimmen. Stichwahl Korell-Becker.

Worms (bisher Ntl.). v. Heyl 10 297, Uebel (Z.) 6095, Becker (F.) 4930, Engelmann (F.) 6410 Stimmen. Einige Orte fehlen noch, voraussichtliche Stichwahl: Heyl-Engelmann.

In der Stadt Worms stimmten von über 9000 Wählern etwa 7000 ab. v. Heyl (914.) 3138, Becker (F.) 1416 Engelmann (S.) 2145, Uebel (Z.) 660. v. Heyl verliert gegen die Wahl 1907 in der Stadt Worms über 1400, Stimmen.

*

Kreis Wetzlar-Altenkirchen.

Behrens, Generalsekretär (Christlich-Sozial) 13091 St.

vom Rath, Landtagsabg. (Natl.) . . . 5316 Kremser, Gew erkschaftssekretär (Soz.) . . 4470 Schloßmann, Professor (F. Volksp.) . . 3648

Schindler, Landwirt (Kons.).....2129

In den der hessichen Grenze nahegelegenen Orte wurde in folgender Weise gewählt:

Behrens

Kremser

v. Rath

Schindler Schloftmann

Gleiberg

67

3

1

3

Dorlar

54

45

20

9

11

Dornholzhausen Hohensolms

59

8

8

9

11

41

11

27

10

8

Krumbach

19

29

8

11

Lützellinden

139

28

7

11

43

Hörnsheim

70

2

14

_ 31

17

Fellingshausen

36

94

50

3

16

Vetzberg

2

52

4

1

18

Odenhausen

27

36

9

2

23

13

Launsbach

110

30

1

Hochelheim

126

11

29

6

21

Königsberg

16

26

18

8

8

Dutenhofen

153

50

21

2

40

Wihmar

3

145

21

5

103

Gr.-Rechtenbach

83

14

35

6

12

Kinzenbach

55

53

8

27

6

Münchholzhausen

34

43

27

2

31

48

Krofdorf

14

249

44

30

Frankenbach

62

20

1

9

Rodheim a. d. B. 84 148

Die Wahlen in

13 1

H effen-Naffa u.

61

Dillenburg (bisher Christl.-Soz.). Burckhardt (C.-S.) 10197, Lohmann (Nl.) 5611, Fresenius (F.) 4720, Maroke (S.) 2630 Stimmen. Stichwahl zwischen Burckhardt und Lohmann.

Marburg (bisher DS.). Gerlach (Dem.) 5459, Nupp (DS.) 5423, Bredt (Np.) 3029, Diehl (Soz.) 986, Böckel 2344 Stimmen. Ein paar Orte sehlen noch. Also Stichwahl zwischen Gerlach und Nupp.

H ö ch st - Homburg (bisher Soz.). Stichwahl zwi­schen Sozialdemokrat und Zentrum.

W i e s b a d e n-Nheingau (bisher S.). Sturm (F.) 8798, Bartling (Nl.) 10 298, Lehmann (S.) 15 207, v. Klöden (Mv.) 7080, Klingender 468, Wilhelmi (K.) 559 Stimmen. Stichwahl zwischen Bartling und Leh­mann.

Hanau- Gelnhausen (bisher S.). Wohlsarth (N.) 12 559, Reinhardt (K.) 4237, Geiß (Z.) 4280, Hoch (S.) 21 885. Hoch ist gewählt. Ein Bockenheimer Be­zirk steht noch aus, ändert aber an der Sache nichts.

Kassel (bisher DS.). Schroeder (N.) 13 234, ! Lattmann (DS.) 9532, Hüttmann (S.) 21 781, Breit-