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Wietzener Ieitnng

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Jnidjt verlangter Manuskr^le wird nicht garannert. , Verlag der ,,Wietzener Zeitung" G. m. b. H.

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2. Blatt

Samstag, den 12. Oktober 1912

Telephon 9h:: 36:

24. ^abru

" lllr IugenSpNege in der Industrie.

Der preußische Minister der geistlichen, Unterrichts- Medizinalangelegenheiten hat in dem bekannten Er- ^,j vom 13. Januar 1911 die Jugendpflege als eine ff wichtigsten Aufgaben der Gegenwart bezeichnet. Der hptll des Ministers an das Wohlwollen und die jtitdillige Mithilfe aller Vaterlandsfrennde in allen Silben und Klassen ist nicht ungehört verhallt. In Kenntnis der großen Bedeutung einer planmäßigen jigetibpsiege haben sich allenthalben staatliche und kom- «nale Behörden, geistliche und weltliche Vereine zu ge- «lilisrmer Arbeit zusammengesunden. Daß alle diese Endungen nicht ohne Ersolg bleiben werden, darf Mi ftwersichtlich hoffen, zumal es sich nicht darum han- M, an neues, bisher unbearbeitetes Gebiet sozialer- tyci! zu erschließen. Auch der Minister gab in seinem ' blak dem Wunsche Ausdruck, daß die warmherzige

. Me und opferwillige Begeisterung, die dem Werk der

» Jgen.bpflege von einzelnen Personen und zahlreichen Smigurtgen bisher schon zugewandt worden fei, ihr rffllHi bleiben möge. Es sei hier insbesondere der Mißleit unserer Frauenvereine gedacht, die sich um die Ingen bfürforge schon seit vielen Jahren unschätzbare kbitnfte erworben haben. Aber auch von anderer I^llt ist auf diesem Gebiete im Laufe der letzten Jahr- «hntc manches getan, wovon die Oeffentlichkeit wenig isühuen hat.

1 Nickt unangebracht dürfte es fein, einmal die von luvll großen industriellen Unternehmungen des rheinisch- mstsö'Iischen Jndustriebezirks unter Aufwendung nicht i«rhcbiid)cr Kosten geschaffenen Einrichtungen zu er- Wnen, die nicht nur den Arbeiterfamilien, sondern Wg, auch für die Allgemeinheit von großem Nutzen >. Da eine zusammensassende Uebersicht über die be- , iZHenhen Einrichtungen auf sämtlichen Werken nicht vor- W A lunben ist, beschränken wir uns auf die Wiedergabe I \ rii^ci Mitteilungen, die teils in den Geschäftsberichten l ki^lner größerer Gesellschaften, teils in den Jahresbe- iüierr der Bergrevierbeamten enthalten sind.

In den Berichten der Bergrevierbeamten des Ober- ngen! sMmlsbezirks Dortmund werden an vielen Stellen die den Werksverwalttingen eingerichteten Anstalten cr- ^^^R»l|ni, die der haus wirtschaftlichen Erziehung der weib­

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licken Angehörigen der Arbeiter dienen. Es kommen , hier hauptsächlich Haustzattungsschulen, Kochschulen und Handarbeitsschulen in Frage. Die Kosten werden in der Regel von den Werken allein bestritten; ein Teil der Zechen leistet zur Unterhaltung dieser Schulen nam­hafte Zuschüsse und stellt die erforderlichen Unterkunfts- räume zur Verfügung. Die Anstalten erfreuen sich, von ganz vereinzelten Ausnahmen abgesehen, eines regen Besuchs. Die Zeche Dahlbusch bei Rotthausen hat im Jahre 1910 eine Kochschule eingerichtet, die mit Geneh­migung der Kgl. Regierung an das öffentliche Volks­schulwesen der Bürgermeisterei Rotthausen derart ange­schlossen ist, daß der Kochschulunterricht als ein verbind­licher Unterrichtsgegenstand für die Mädchen des letzten Schuljahres anzusehen ist. Es war vorgesehen, in jedem Jahre 144 Mädchen aüszubilden. Im letzten Jahre war indes der Andrang derart stark, dah man sich veranlaßt sah, an 3 Nachmittagen von 48 Uhr Parallelkurse einzueichten.

Besonder? Anerkennung verdienen auch die Bestreb­ungen der Werksverwaltungen, den Kindern ihrer Ar- bciki eine etwa fehlende Fürsorge angedeihen zu lassen und tranken Kindern Erholung zu verschaffen. Die War­tung der nicht schulpflichtigen Kinder zwischen 3 und 6 i Jahren macht den Arbeiterfrauen erfahrungsgemäh be­sondere Miche. Das Zusammenwohnen der Arbeiter in | geschlossenen Kolonien bietet nun die Möglichkeit, die noch nicht schulpflichtigen Kinder gemeinsam unter Aus- stchi erfahrener Kindergärtnerinnen mit leichtem Anschau­ungsunterricht und Spielen zu beschäftigen. Die Gute- tz o s f n u n g s h ü 1 t e in Oberhausen hat 5 Kleinkin­derschulen eingerichtet, eine sechste ist im Bau begriffen. An der Spitze der Kleinkinderschulen und der mit ihnen räumlich verbundenen Handarbettsschulen steht eine Lei­terin, der 7 Lehrennnen und 3 Gehülfinnen unterstellt sind. Die Kleinkinderschulen, die z. ZI. von etwa 600 Kindern besucht werden, sind mit reichlichem Material für den Anschauungsunterricht und mit Spielgeräten u. Spielplätzen ausgestattet. Die Bergwerksgesellschaft H i- bernia hat im Bezirk Recklingshausen-Land 4 Klein­kinderschulen errichtet; die Unterhaltungskosten betrugen 1911 4300 Mk. (ausschließlich Zinsen). Die Harpe- : ner Bergbau- A.-G. erwähnt in ihrem letzten Ge- , schäftsbericht, daß Kleinkinderschulen verbunden mit Kran- i kenpslegestationen auf 8 Zechen der Gesellschaft einge- '

Blutbildend, Nervenstärkend, Appetitanregend.

Vorzüglich für die Atlgemeinernährung. speziell bei Nervosität u. in der Rekonvaleszenz

Bringt rosige Wangen und blühendes Aussehen.

Man achte auf das WortLECIFERRIM. Preis Mk. 3.. überall erhältlich. ..Galenns. Chemische Industrie. G. m. b. H . Frankfurt a. II.

richte! sind, die im Durchschnitt von 1020 Kindern be sucht wurden. Auch in den meisten Berichten der Berg- revierbeamten werden die aus den Zechen bestehenden Kleinlinderschulen erwähnt und mitgetctlt, daß die Schu len durchweg gut besucht wurden.

(Fortsetzung folgt.)

Oelchäniicb«.

)( Der Haas-Apparat vor Gericht. Die Firma F. Menzel, Orthopädisches Jnstttut in Dres­den, Steuvestrahe, vertreibt den patentierten Haas-Ap­parat, der in tausenden von (Exemplaren von an Rück gratsverkrümmung Leidenden getragen wird. Der In­haber dieser Firma war nun beschuldigt, durch Inserate solche Leidende irregefübrt und in ihnen den Glauben erweckt zu haben, daß der bekannte Haas-Gerade-holter Apparat in allen Fällen Heilung erziele. Zu der vor bem Kol. Schöffengericht Leipzig unter Vorsitz von Amts­richter Dr. Kötz stattgesundenen Verhandlung war als Sachverständiger des Gerichts Medizinalrat Prof. Dr. Kölliker geladen. Die Anklage beschuldigten den Ve - klagten, durch eine Annonce in denLeipziger N. N." mit zwei Abbildungen, von denen die eine ein Kind mit stark verkrümmtem Rückgrat, die andere dasselbe Kind mit angelegtem Apparat darstellt, und in der von glänzenden Erfolgen" gesprochen wurde, die sächsijche Ministerialverordnung vom 14. Juli 1903, betr. Ankün­digung von Heilmitteln, übertreten zu haben. Aus der Vernehmung des Angeklagten ergab sich, daß in allen Fällen eine streng individuelle Behandlung aller Pa­tienten, die sich an ihn wenden, ausgeübt wird, sowie, daß jeder Apparat nach einem vom Körper des Lei­denden genommenen Gipsmodell besonders angefertigt wird. Der Angeklagte hatte einige hundert Patienten namhaft gemacht, die zu bestätigen bereit waren, daß sie weder durch die übersandten Prospekte, noch durch die mündliche Aufllärung über die Wirkungsmöglichkeit des Apparates irregeführt worden waren; ferner waren eine Menge Dankschreiben von mit dem Haas-Apparat behandelten Personen vorgelegt, die verlesen wurden, und die alle Besserung oder völlige Heilung seststellten. Das Gericht verzichtete auf die Vernehmung der Zeugen und das Urteil mehrerer Aerzte, die den Apparat entwe-

Das Glückskind.

Roman von Svene von Hellmuth.

(Nachdruck verboten.)

^ie deutete auf eine Gruppe von Menschen, die,

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8->E »gfföven^

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h *7 gM M aus Neugierde, teils aus Teilnahme einen ärm» X& üch gekleideten Mann umstanden, der, wie es schien, td « Ermattung oder Schwäche auf einen Haufen Schnee Ueber gefunden war. Es mochte ein Hausierer fein, uarigftcnß berechtigte ein neben ihm stehendes, viel* , kx* Hvlütztes schwarzes Lederköfferchen zu dieser Annahme. 1 RlßU^ ^ «uf dem Boden'verstreut lagen verschiedene Pa- Or«, anscheinend Lose, hie jedenfalls dem Manne auS

. belief, i ck! Hand geglitten waren. > .<-_ 5-^ ^ ,< -

' * An dem Augenblick, als Tante Aurelia mit Rös- ^n herzutrat, kehrte dem armen Bedaucrrrswerten die vcflmmng zurück. Sein erster Blick galt den am Bo- * , und mit dem Rufe:

^-* oqmuiuHw o«iu^ ^vm Mim *u< s\^Mi tat verstreut liegenden Papieren, !Wr>: M Gott, ach Gott, meine Lose

«Ty

_____ Lose, auch das noch," Èe er den wertvollen Besitz eiligst zusammenraffen, iUefin er taumelte und fiel kraftlos zurück, stöhnend

W« jammernd.

»Beruhigt Euch, armer Mann," meinte einer der Vmstehènden mitleidig, es soll keines verloren gehen."

»Euch ist gewiß unwohl?" fragte ein anderer, »Ihr sehtt so krank und elend aus."

»Ich habe heute noch keinen Bissen gegessen, Herr, iahler wurde mir vorhin so schwach, daß ich nicht weiter lonmte, dazu die Kälte," klagte der Aermste traurig.

w 180^ *

»Nun lauf ich fek heute früh ununterbrochen von -Ms zu Haus, ohne auch nur einen Pfennig verdient ft haben. Niemand will kaufen von mir, und zu Hause k warten sieben hungrige Kinder und ein armes, kran- kess Weib sehnsüchtig auf mich. Nun muß ich wieder M leeren Händen heim und sagen, ich habe nichts, Ä gar nichts verdient, kann Euch deshalb kein Brot

Mitüriugeu. Das Klagen und Weinen zerreißt mir baß Herz, es ist zu viel, zu viel, o arme, arme Kinder."

Der Mann im zerlumpten Kittel hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und große Zähren rannen ihm in den struppigen, ergrauenden Bart.

Aufs tiefste ergriffen von solchem Elend, das hier so sichtlich zutage trat, umstanden alle eine Weile den hef­tig schluchzenden Alten.

»Ihr sollt heute nicht ohne Brot heimkehren," sagte ein Mann in Arbetterkleidung. Indem er sich an die anderen wandte, fuhr er fort: »Wir wollen dem Unglücklichen seine Waren abkaufen, jeder trage nach seinen Kräften zur Linderung dieser Not bei."

z Ein anderer hatte bereits die sämtlichen Lose vom Boden aufgelesen und hielt sie den übrigen Umstehen­den entgegen, indem er lachend jedem zurief: »Lauter Treffer, meine Herrschaften, lauter Treffer, wer kaust? Wer hat noch Lust? Hier tut man ein gutes Werk."

»Wir wollen auch so einen Treffer haben, aber den Haupttresfer, Röschen, Du ziehst für mich ein Los," sagte Tante Aurelia heiter. Als das Kind ihr daS aus- gewählte Papier übergab, legte sie lächelnd ein blankes Zweimarkstück in die kleine Hand. Röschen brachte es eilig dem glückstrahlenden Mann, besten Schmerz sich rasch in Freudentränen aufgelöst hatte.

Im Stu war auch alles andere verkauft, was vor­her niemand haben wollte, Hosenträger, Portemonnaies, Knöpfe, aller mögliche Kram wurde versteigert und mit guten Preisen bezahlt.

»Noch kann ich es gar nicht fasten," jubette der Arme, dessen Schwäche wie weggeblasen war, in der Freude schien er sich gar nicht mehr kranz zu fühlen.

»Nun freut Euch, Kinder!" schrie er, als könnten die Angerufeneu ihn hören, »nun bin ich reich und bringe Brot zum Sattesten. Bergelts Euch Gott tausend und tausend Mal, ihr guten Lerne!"

Glückselig trottete er gleich darauf mit seinem lee­

re» Köfferchen von bannen. Alle aber fühlten eine 1 u,je Genugtuung im Herzen ob des gelungenen guten Werkes.

Etwa drei Wochen mochten seitdem vergangen sei», als eines Tages Aurelia zu Machilde ins Zimm« stürzte, ein Zettungsblatt in der hochgehobenen Han» schwingend.

Die gute Tante befand sich offenbar im Zustand, höchster Erregung. Sie sah aus, als ob sie nicht recht bei Verstand wäre, und schrie chrer sie erstaunt und faffungslos anstarrenden Schwägerin zu:

M$Uf mir, Mathilde, daß ich nicht verrückt werdet O Gott, ist es denn wirklich wahr, ist es keine Täuschur^ meiner Sinne,--ich--ich kann nicht mehr lesen, mir flirmnerts vor den Augen sieh' her, Mathilde, hier und sage mir dann, was da steht, ich kann es noch nicA glauben!"

Erschöpft hielt Aurelia inne, indes Mathilde die bezeichnete Stelle las:

»Den Haupttreffer der Kirchenbau-Lotterie zu G ... gewinnt Los Nr. 135 692*--

Noch erregter als vorher wurde Aurelia und Ma­thilde war tatsächlich im Zweifel, ob jene bei Sinnen sei oder nicht.

»Aber sage doch endlich, was bedeutet dies alles?"

»Was das bedeutet, Mathilde?" schrie Aurelia, »das bedeutet, daß ich ich den Haupttreffer gewonnen habe, o Himmel, 60 000 Mark, welche Summe!"

Jubelnd eilte sie hinweg ins Nebenzimmer, wo Röschen, ruhig spielend, bei ihren Puppen saß, riß das Krnd, das gar nicht wußte, wie ihm geschah, stürmisch empor, nahm es in die Arme, indem sie es mit Küssen fast erstickte, und trug die Kleine in das Zimmer der Mutter.

(Fortsetzung folgt.)