Kietzener Jettung
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Druck der Eießcner PcrlagSdruckcrci.
J Dir. 99.
Telep hon: Nr. 362.
Mittwoch, den 11. Dezember 1912.
relephon Nr. 362.
24. Jahrg.
Uom Balkankrieg.
7 Konstantinopel. Auf Anregung Rußlands = B Englands beschloß die Pforte, für Anatolien und »k opotamien russische und englische Verwaltungsiw ? |tl:crcp zu entsenden, den dortigen Gemeinden das I pt einer beschränkten Selbstverwaltung zuzugestehen. ’ Ich sollen eine Anzahl Oesterreicher zu Ackerbau - Jn- dullcuren ernannt werden.
Wien. Die „Neue Freie Presse" erfährt von gut Entrichteter Seite, daß Rußland seine Stellungnahme bi den Balkanangelegenheilen nicht früher präzisieren Berbe, ehe der Frieden geschlossen sei. Rußland werde Labien in seinen Forderungen nach einem wirtschaft - foen Hafen an der Adria nach Möglichkeit unterstützen.
Wien. Einer im Auswärtigen Amt eingetroffe- S Meldung zufolge ist der mit der Untersuchung des es Prochaska betraute Konsul Edl in Prizrend ein- Mtrofsen.
Belgrad. Laut Beschluß des Kriegsministers Barbe eine verstärkte Bewachung der serbischen knicken und Vahnobjekte angeordnet.
Politische Rundschau.
Deutschland.
Die Erneuerung deö Dreibundes.
Nach amtlicher Berliner Mitteilung ist der zwischen Mi: Souveränen und den Regierungen von kentschland, Oesterreich-Ungarn und j IH i e n bestehende Bundesvertrag ohne jede Aender- j ing erneuert worden.
* Die Reichstagsabg. V i e 1 m e i) e r und B e h- Mtn 5 brachten im Reichstage folgende Anfrage (in. Gedenkt der Herr Reichskanzler Maßnahmen ge- fyn das Vordringen des amerikanischen Tabaktrustes in Deutschland zu treffen, um die deutsche Tabakindustrie, : loiuie die darin Beschäftigten gegen die Schädigungen j» schützen.
Rußland.
In Hoflreisen behauptet man, daß der Bruder des I Ken, Großfürst Michael, endgiltig auf seine Rechte Lus den Thron verzichtet. Als Grund dieser Hochleistung wird angeführt, daß der Großfürst sich »tigert, seine morganatische Ehe zu brechen, der kürzlich ein Sohn entsprossen ist.
Dar Glückskind.
Roman von Irene von Hellmuth.
(Nachdruck verboten.)
^AHa, — mir scheint — das ist schon die Wirkung meines gestrigen Versuches", murmelte er für sich. Es ästete ihm einige Mühe, seine Freude zu verbergen Md unbefangen zu scheinen. Etwas wie leises frohlocken klang doch noch in seiner Stimme mit, als er verwundert fragte: „Du warst heute schon aus, wie ich sehe, ich glaubte Dich noch in den Federn."
Die blauen Augen der Angeredeten hafteten am Boden, sie gab keine Antwort und Böhler fuhr fort: .Du siehst wirklich schlecht aus, Kind fehlt Dir etwav?
Er hätte gar zu gern näheres darüber erfahren, ob er mit seiner Vermutung das Nichtige getrosten, allein der bleiche Mund öffnete sich nicht,' die Lippen fest aufeinander gepreßt, verharrte Röschen einen Augenblick schweigend. Ein leises Kopfschütteln war Die ganze Antwort; doch ihm schien auch das zu genügen, er pfiff erst lustig vor sich hin, blinzelte dabei mit den 8ugen und flüsterte kaum vernehmlich: „Der Hieb sitzt. Darauf trat er, eine Operettenmelodie summeno, in feilt Zimmer. , .
Röschen hatte indeß vor der Tante noch ein pein- ftes Verhör zu bestehen. Das ungemein blaffe Nüsschen, die mechanischen Bewegungen des sonst so flmren Bübchens fielen Aurelia auf unb sie wollte burchaus Men, was geschehen war, da sie einen neuen Streich Hres Gatten ahnte, und doch nicht wußte, wo sie suchen sollte. .
^ „Sprich Dich aus, Röschen, sage mit," was Dir IM vielleicht kann ich Dir helfen/ bat sie. . . ^ Aber alles Zureden war vergebens, und seufzeno W Frau Aurelta ben Versuch äuf, etwas Moeigsamen Mäbchen herauszubringeff.
£ Endlich hatte öieseS einen Entschluß sefaßt- r Fort — nur fort wollte sie, unb zwar so valo ar» ..
• Die Finanzlage des deutschen Reiches ist gut. Das vergangene Finanzjahr (1911) hat bei einer Gesamteinnahme von drei Milliarden Mark einen Ueberschuß von 390 Millionen ergeben. Das Jahr 1912 wird zwar die Höhe dieses Ueberschusses nicht annähernd erreichen, aber das liegt zum Teil darin begründet, daß ein wesentlicher Betrag des Ueber - schusses des laufenden Jahres vorweg genommen worden ist.
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Amerika.
* Washington, 6. Dez. In der Generalbot- schaft an den Kongreß drückt Präsident Tast die Absicht aus, die gesamte Tarifrevision der kommenden demokratischen Regierung zu überlassen. Er betont die Dringlichkeit der Währungsreform auf den von der Währungskommtssion empfohlenen Grundlinien und empfiehlt den Plan, jährlich zwei Schlachtschiffe zu bauen, wieder aufzunehmen mit dem Vorschlag, 1913 drei zu bauen, um das Manko dieses Jahres auszugleichen. Taf! erklärt weiter, daß der Protest Englands gegen die Panamalanal-Gesetzgebung eine gebührende Beachtung fände und daß man bemüht sei, eine befriedigende Schlichtung zu erzielen.
Hansa^und und Kaisers Kegierungsjubiläum.
Das Präsidium des Hansa-Bundes für Gewerbe, Handel und Industrie beabsichtigt, anläßlich des im Juni nächsten Jahres stattfindenden 25jährigen Regier- ungüikbilöums Seiner Majestät des Kaisers ein Werk unter dem Titel:
Die freiwilligen sozialen Fürsorge- und Wohlfahrlscinrich- j tungen in Industrie, Handel und Gewerbe im Teutschen Reiche
fjeraii^ugeben.
Dieses Werk soll in Wort und Bild verzeichnen, welche Wohlfahrtseinrichtungen neben den reinen Geld- ftif.nngen seitens der Finnen in Industrie, Handel und Gewerbe, sowie seitens der Angestellten-Organisationen für ihre Arbeiter und Mitglieder geschaffen worden sind. Es soll demgemäß einmal die Geschichte solcher Geld - Stiftungen und auf der anderen Seite eine möglichst rc:d) illustrierte Darstellung der einzelnen Fürsorge-Einrichtungen, wie Arbeiter- und Beamtenwohnhäuser, Kra.l- kenbauser, Gesellschaftschäuser, Bäder, Ruhejüle, Speise- säle. Erfrischungsräume für Angestellte und Arbeiter, Kinderheime, Bibliotheken und sonstige Fortbiloungsge- legcnheiten darbieten. Es soll ein Denkmal bilden der großartigen freiwilligen Fürsorge, welche Deutschlands
möglich' vielleicht würde ihr anderswo leichter, vielleicht gelang es ihr, das Leid zu vergessen, das wie eine Zentnerlast ihr Herz bedrückte.
Aber wohin? — Das war allerdings nicht leicht,' doch gleichviel, — hier fesselte sie nichts mehr und es mußte eine wahre Wohltat sein, andere Menschen zu seheu und neue Eindrücke zu empfangen. Tann brauchte sie auch nicht mehr im täglichen Verkehr mit dem verhaßten Vormund zu leben, niemand würde sie vermissen — niemand, als vielleicht die alte Marthe, der dann keiner den kleinsten Liebesdienst erwies.
Ganz eingenommen von ihrem Vorsatz trat Rosi etwas eilig bei Böhler ein, der nicht wenig verwundert war über dis seltene Vorkommnis. Sie hielt sich nicht lange mit unnützen Reden auf, sondern schoß direkt auf ihr Ziel los.
„Onkel," begann sie ohne Umschweife, „ich möchte fort von hier, und zwar sobald als möglich. Sie hatten Recht mit Ihrer neulichen Behauptung, daß mir die Luftveränderung not tut. Ich — ich fühle mich nicht wohl in der Stabt,' deshalb bitte ich Sie, doch noch heute an Ihre Verwandten zu schreiben, ob sie mich einige Zeit bei sich aufnehmen wollen."
Wiederum flog wie vorhin das triumphierende Lächeln über das Gesicht des aufhorchenden Mannes. O, da hatte man ja zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen,' öer Bruch mußte ein vollständiger sein, sonst ginge sie doch gewiß nicht fort.
„Es freut mich, daß Du mir recht gibst, Röschen," sagte Böhler gemessen, „ich habe immer nur Dein Bestes im Auge unb werde sogleich an meinen lieben Förster- Onkel schreiben. Ich zweifle keinen Augenblick, daß derselbe gern meine 8Me erfüllen wird, wie ich auch sicher vorausseHe, daß Ä Dir dort gefällt. Ich selbst war früher öfters Gast in dem reizenden Forsthause, und die
Handel, Gewerbe und Industrie namentlich in dem letzten Vierteljahrhundert der Regierung Seiner Majestät des Kaisers ihren Arbeitern und Eingestellten geboten haben. Es wird aber auch geeignet sein, als willkommenes Ouellenwerk zu dienen und schließlich soll es die Oeffentlichkeit und alle daran interessierten Instanzen über diese Gebiete ausreichend informieren.
Der Hansabund hat geglaubt, daß das Regier - untzsjnbiläum Seiner Majestät des Kaisers besonders dafür geeignet sei, zu zeigen, wie groß der Gedanke der freiwilligen Fürsorge in Industrie, Handel und Gewerbe jederzeit lebendig gewesen ist und wieviel auf bem Gebiete der Selbsthilfe weiterhin in den Kreisen der Angestellten und ihrer Organisationen geschehen ist.
Das Werk soll in vornehmes Ausstattung erscheinen. Ein Eremplar dieses Werkes soll Seiner Majestät dem Kaiser unterbreitet und an die Staatsregierungen, die Bundessürsten, die bundesstaatlichen und provinzialen Regierungen, sowie an die Regierungen der größeren ausländischen Staaten, an sämtliche Handelskammern und die Bibliotheken der Handelshochschulen und größeren Handelsschulen und an die volkswirtschaftlichen Seminare gesandt werden, desgleichen an die Presse zur eingehenden Würdigung. Die übrigen Eremplare der Auslage werden in den Buchhandel gegeben.
. Präsidium:
Geheimer Justizrat Professor Dr. R esser, Vorsitzender des Präsidiums des Hansabundes.
Ehrcnobermcister Richt, Präsident des Hansa-Bundes.
Dr. Steche, Leipzig, Hirth, Jugenieur, Eauuftatt, Witthoeffl, Jamburg,
i. Fa. Arnold Otto Meyer. Vizepräsidenten des Hansa-Bundes.
Geschäftsführung:
Assessor Dr. Klceseld Legattonsrat Freiherr v. Nichthosev.
Beirat:
Dr. Slresemann, Dresden, Obermeister Kniest, Kassel, Mitglieder des Direktoriums des Hansabundes.
Rheumatische Schmerzen.Reissen.
HeXenSChUSS. In Apotheken Flasche M 1,30.
Er wollte noch mehr sagen, doch das Mädchen schnitt den Redestrom kurz ab: „Es ist schon gut, Onkel. Bitte, schreibet! Sie nur sofort, ich sehne mich so sehr von hier fort, nach einer anderen Luft."
IV. " ’
Es war fünf Tage später. Auf der breiten Chauffee, die zu beiden Seiten mit hohen Pappelbäumen eingefaßt war, fuhr ein offener Schlttten, wie man ihn öfters auf dem Lande anztttreffen pflegt, in langsamem Tempo dahin. Bon ferne schimmerten schon die Lichter des Stationsgebäudes wie glühende Punkte durch die hereinbrechende Nacht. Die volle Mondscheibe stand am Himmel und breitete ihren silbernen Schein über das herrliche Landschaftsbild. Links und rechts der Straßen erhoben sich ansehnliche Berge, von dunklen, alten Fichten gekrönt, deren wettausgeslreckte breite Aeste sich unter der furchtbaren Schneelast bogen.
Vor den korbähnlichen Schlitten war ein anschei
nend sehr widerspenstiges Pferd gespannt, denn von Zeit zu Zeit blieb es stehen und war weder durch Hiebe noch durch Zureden zum Weitergehen zu bewegen.
Tas Gefährt wurde von einem älteren Herrn in grüner Weiümannöjoppe gelenkt. Haar und Bart w ren leicht ergraut, aber aus den Augen leuchtete es saft jugendlich, und aus den Zurufen, die er gelegentlich atzt das eigensinnige Pferd richtete, konnte man schließe« daß der Mann sehr viel Geduld besaß. I
„dèa, nun noch ein Stückchen, alter Hans, dann sin» wir da," klang es ermunternd in gutmütigem Ton. M ließ die Peiffche spielend auf dem glänzenden RÄck^) des Tieres tanzen: „Geh doch, mein Brauner, geh do«^ wir kommen sonst nicht vorwärts!" rief er wiederr^L doch der Braune stand wie angewachsen UW W nicht vom Flecke. ' x