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Verlag derGießener Zeitung" G. m. b. H.

Expedition: Leitersweg 83.

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Druck der Gießener Verlagsdruckerei.

M. 73

Telep hon: Nr. 362.

Mütwoch, den 11. September 1912.

Telephon Nr.: 862. 24. Jahra.

* Kaisermanöver in Sachsen

Der Kaiser ist mit Gefolge am Montag früh Ki Sunber^ug in Rosroig eingetroffen. Aus dem Bahn- t|of waren zur Begrüßung der König und der Rrom D; von Sachsen erschienen, ferner der Generalstabs - ijn r. Mottke. Der Kaiser und der König begrüßten M herzlichst und unterhielten sich längere Zeit. So- M! wurde mit 30 Automobilen die Fahrt ins Ma- niidpelänbe angetreten. Zur Erläuterung der allge- itner Kriegslage wird folgendes bekannt gegeben: ?tij jeder Seite der kämpfenden Parteien stehen Armeen. Stic handeln im Rahmen der Kriegslage der betref- j»ttn Heere, sind also nicht selbständig. Führer von Mi:' ist der sächsische Generaloberst Kriegsminister Frhr. P Hausen. Auf beiden Seiten sind höhere Kavallerie - Mnia.ndeure cingeieili; sie sind bestimmt, mehrere ^rolleriedivisionen einheitlich zu führen. Der Kriegs - Miüild für diese Heereskavallerie begann am 9. Sep- W.bcr Voraussichtlich geht eine starke rote Kavallerie m: der Gegend von Kalau gegen die Ebene zwischen Evigan und Dresden vor. Auf dieser Strecke sperren thue Reservelruppen. Diese handeln gemeinsam mit 1 )«n Motorbooten des Jachtklubs von Deutschland, die mit Scheinwerfern und Maschinengewehren ausgerüstet ^nd. Bei den beiderseitigen Aufklärungen wirken meh- n« Fliegerabteilungen zu je sechs Flugzeugen, sowie .Wcbiffc mit, bei BlauZ. 3", bei RotP. 3". Aus iier allgemeinen Lage entwickelt sich auf Grund von tklblndigungsergebnissen der beiderseitigen Heereskaval- I * den das eigentliche Kaisermanöver heraus. Für den Kaijcr ist ein Barackenlager bei Berntitz errichtet, zwi- 4tn Oschatz und Mügeln. Das Hauptquartier des Eifers besteht aus dem Kommandanten Generaloberst in Pleffen, den diensttuenden Generälen a la suite v. ßintarb und v. Ehelius und den Flügeladjutanten Derst von Kleist, Oberstleutnant v. Mutius, den Ma- 0M v. Dommes, Frhr. v. Holzing-Berstett und von Üprivi; außerdem dem Kaiserlich russischen General ) Io suite v. Tatischtscheff, attackiert der Person des Miers.

Der Kaiser sowie der König und der K r o n- p ri Ti 3 von Sachsen und das gesamte kaiserliche Haupl- V-ortier trafen gestern vormittag 9.35 Uhr, von Kos- ar^ kommend, in Meißen ein. An der alten Elbbrücke Me die gesamte Manöverleüung mit dem Prinzen Keldemar von Preußen und einer Anzahl Herren des Nvitrjachlklubs Aufstellung genommen. Eine große ^ilschenmenge begrüßte die Fürstlichkeiten auf das leb- y^stc. Der Autozug hielt hier etwa 10 Minuten.

Kaiser begrüßte die Herren des Motorjachtklubs uiD wohnte dann von der Elbbrücke aus der Durch -

Des Wilderers Rache.

Erzühluna aus dem bayrischen Hochland von Otto Lands mann.

(Nachdruck verboten.)

L

Es hatte die ganze Nacht geschneit, und eine dicke -verße Decke lag ausgebreitet über Berg und Tal, und obwohl es schon fast sechs Uhr morgens war, wollte tf doch noch immer nicht Tag werden. Rauh schnaubte dn starker Wind von Norden her und rüttelte in den Vaumkronen der mächtigen Tannen, die wie ein schüt- zmLer Baldachin das einsam gelegene Forsthaus um- Mossen, so daß sie unter der Last des gefrorenen khmees ächzten und krachten und chre Musik wie Gei- h^schauer Mang. - -

* Schon ward es im Forsthause lebendig. Auf der Vlmk vor dem Kachelofen sitzend, in welchem bereits ein lustiges Feuer prasselte, war Förster Lebrecht eben im Begriff, in seine hohen Jagdstiefel zu schlüpfen, tabei aus einer kurzen Pfeife, deren Kopf infolge -es langen Gebrauchs von unten bis oben kastanien­braunangeraucht" war, mächtige Rauchwolken ziehend, vächrenö die Försterin eine Tasie dampfenden Kaffees, tau sie inzwischen bereitet hatte, auf den Tisch stellte.

Das Zimmer war äußerst einfach eingerichtet, kivige Bilder, darunter ein Muttergottes- und ein khristusbild, schmückte die weißgetünchten Wände, kentwärts vom Ofen hingen an einer Hakenleiste zwei doppelläufige Jagdgewehre, unter deren Hähnen die toten Zündhütchen hervorlugten und bezeugten, daß die: beiden Waffen schußbereit waren, darüber der Hirschfänger, die Jagdtasche und der grüne F^sHut mit seinem unvermeidlichen Gemsbart. Vier stichle, wovon der eine ein breiter Lehnstuhl mit hohem Polster, in welchem der Förster von des Tages -asi wird Mühen auszuruhen pflegte, ein Eichenholztsich

fahrt der sechs stromaufwärts kommenden Motorboote bei. Darauf fuhr der Automobilzug in der Richtung nach Oschatz weiter. Zu einem Zusammentreffen be­trächtlicher Streitkräfte der beiden Parteien kam es ge­stern vormittag naturgemäß nicht, doch wurde das westliche Elbufer von Meißen bis Riesa von blauen Posten besetzt, die auf rote Kavalleriepatrouillen feuerten, die aus den Höhen des Westusers erschienen. Am Nach­mittag und Abend überschritten die roten Truppen an verschiedenen Punkten die Elbe. Die schwachen blauen Reserven am linksseitigen Ufer wurden verschiedentlich außer Gefecht gesetzt. Am späten Abend trat die Ar­tillerie in Tätigkeit. Auch die Flieger arbeiteten am Nachmittag. Der Kaiser war nachmittags im Gelände und gedachte, im Sonderzuge bei Riesa zu übernachten. Das Wetter ist besser.

Der Kronprinz und Prinz Kyrill von Bulgarien trafen zu den Kaisermanövern in Dres­den ein und nahmen im Kgl. Refidenzschlosse Wohnung. Es werden ferner erwartet der Großherzog von Baden, der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin, Prinz Fried­rich Leopold von Preußen, die Prinzen Ludwig und Leopold von Bayern, der Herzog von Sachsen - Ko- burg und der Erbprinz von Sachsen-Meiningen.

Politische Rundschau. Deutschland.

* Zum regierenden Bürgermeister von Ham­burg für den Nest des Jahres wurde Bürgermeister Dr, Schröder gewählt.

* Das auf den Vulkanwerften erbaute Linienschiff Friedrich der Große" fährt am 17 d. Mts. nach Eurhaven, um am 18. September die Probefahr­ten in der Nordsee auszunehmen. Die Uebersührung nach Wilhelmshaven erfolgt am 21. September.

Schweiz.

* Bern. Der deutsche Kaiser spendete für die Armen der Stadt 5000 Franken.

Belgien.

* Belgrad. Die hier herrschende ernste Stim­mung hat zugenommen. Es wird vielfach geglaubt, daß man am Vorabend eines Krieges stehe. Anderecheits kann festgestellt werden, daß' nur wenige Kreise wirklich kriegslustig sind und daß im allgemeinen die Hoffnung auf einen unblutigen Verlauf der augen­blicklichen Lage nicht aufgegeben wird, zumal Peters - burg jedenfalls den Frieden erhalten will.

tii schief ausgespreitzten Füßen und blankgescheuerter quadratförmiger Platte und ein dem Ofen geaenüber befindlicher Küchenschrank bUdeten das ganze Mobi­liar. Das alles war einfach, aber sauber gehalten und bewies, daß eine tüchtige Hausfrau hier schattete und waltete.

Als der Förster seine Stiefel angezogen hatte, stand er auf, nahm eins der Gewehre von der Wand und hängte es über die Schulter,- dann ging er auf den Tisch zu, griff nach der Tasie Kaffee und leerte sie in einem Zuge. Dann wandte er sich zum Gehen. Ein leiser Pfiff, und augenblicklich kam ein prächtiger schwarzer Wachtelhund auf seinen Herrn zugesprungen, diesem mit lautem Gebell seine Freude bekundend. Im gleichen Augenblick kam ein etwa zehnjähriges blondes Mädchen die Treppe herabgetrtppelt und warf sich ind ie Arme des Försters.

So früh gehst Du heute schvn wieder fort, Vater?" rief die Kleine, an seinem Halse hängend.Es ist ja kaum Tag, und es hat die ganze Nacht geschneit."

Es geht nicht anders, mein Kind," antwortete Lebrecht, die Liebkosungen seines Töchterchens er­widernd,ich muß fort, um den Wilddieben nach­zuspüren, das ist mein Handwerk."

Aber heute ist doch Sonntag."

Mein Beruf kennt keinen Sonntag, Renate, ich muß täglich auf meinem Posten sein.

Und nach einem Kuß auf den bärttgen Mund des Vaters huschte das Mädchen flink wie ein Reh wieder die Treppe hinauf.

Voller Zärtlichkett und Stolz blickte der Förster seinem Töchterchen nach. Er hatte aber auch allen Grund, stolz zu sein. Stark und schön gewachsen für ihre zehn Jahre, berechtigte Renate zu den schönsten Hoffnungen. Das edle Oval ihres Gesichts und die großen schwarzen Augen darin, über denen sich prächtige Brauen und eine intelligente Stirn wölbten, sowie die allerliebsten

England.

* London. Zum Gedächtnis des Begründers der Heilsarmee wird sein Sohn und 9iachsolger General Bramwell Booth mit einem Kostenauswande von vier Millionen Mark ein I n st i 1 u 1 gründen, das zur vollständigeren Ausbildung der Heilsarmee-Offiziere aller Länder dienen soll.

Schweden.

* Stockholm, 10. Sept. Wie heute Aiittag burd; Extrablätter in der Stadt bekannt gemacht wurde, sinü die Befehle zu der Probemobilmachung Schwedens herausgekommen. Die Mobilmachung trifft zunächst nur den nördlichen Teil des Landes, Süd- und Mittelschweden werden voraussichtlich nach voll- cnbetei Ernte mobil gemacht werden.

Japan.

* Tokio, 10. Sept. Prinz Heinrich ist an Bord des KreuzersScharnhorst" in Yokohama eingetroffen. Er wurde vom deutschen Botschafter, den Mitgliedern der Botschaft und den dem Prinzen Hein­rich attackierten Herren empfangen, die ihn zum Son­derzug nach Tokio geleiteten. Aus dem Shimbashibahn- Hofe in Tokio wurde der Prinz Heinrich bei seinem Eintreffen vom Kaiser, der kaiserlichen Familie und den japanischen Würdenträgern bewillkommnet. Nach j dem Abschreiten der Ehrenfront wurde Prinz Heinrich ! in feierlichem Zuge zum Kasumi Gaseki-Palast geleitet, wo er Wohnung nahm. Nach der Ankunft des Prin­zen Heinrich im Kasumi Gaseki-Palast überreichte Fürst Katsura dem Prinzen die Kette des Ehrysante- men - Ordens. Der Empfang des Prinzen durch den Kaiser findet morgen vormittag statt.

China.

* Schanghai, 9. Sept. Die Mongolen bringen weiter vor und bedrohen mit 100 000 Mann die Mandschurei. Juanschikai schuf den neuen Rang ! eines Feldmarschalls und verlieh ihm dem Vize­präsidenten Liyuenbung, dem Kriegsminister Tuanchi- jui und Huangesing.

Die Hosialdemokratie und das Grubenunglück auf Zeche Lothringen.

Ebenso wie bei dem Unglück aus Grube R a d b o d sind auch jetzt wieder geschäftige Hände dabei, ein dich­tes Lügengewebe um die Vorgänge zu spinnen, die zu der unglückseligen Katastrophe aus der Zeche Loth­ringen Anlaß gegeben haben. E"st Andeutungen,

Grübchen, die sich in ihren Wangen gebildet hatte«, machten sie zu einer entzückenden Erscheinung. Mtt ihre- äußeren Vorzügen verband sie einen äußerst Neben-- würdigen Charakter. Jederzeit voller Lust und Lachen, war sie der aufhetternde Engel der kleinen Häuslichkett. War der Vater in übler Laune, was bei ihm stets die Folge der Unannehmlichkeiten seines Berufs zu sein pflegte, dann legte Renate schmeichelnd die Hand um seinen Hals und sagte:Väterchen, Du darfst nicht trau­rig sein, ich will Dir Dein Liedchen singen." Und sie sang dann allemal das schöne Lied:

Der Wald ist wohl mein Leben, mein liebster Aufenthatt, D^s Herzens bange Sorgen verscheucht der junge Mor-, gen

Im frischen grünen Wald.

Und wenn die Bergesgipfel die Sonne golden matt, Befreit von jedem Leide ruf' ick- heller Freude:

O trauter grüner Wald:

Mein Lieben und mein Leo / 'r der grüne Wald. Das möge Gott gewähren, daß u . ihn kann versehren

Den frischen, grünen Wald.

Und darüber vergaß der Vater stets seinen Kummer. Mein Weg führ^ mich heute auf die Beurerwand (Benediktenwand), wo jetzt derrote Pete^ sein Un­wesen treibt," sagte der Förster, als er sich von seiner Gattin verabschiedete.Der Kerl bläst in acht Tagen mehr Rehböcken das Lebenslicht aus als zwanzig Jäger in einem Monat. Ich muß ihn endlich einmal auf der Tat ertappen, es ist schon viel zu lange, daß er unge­straft dem Wilde nachstellt."

Nimm Dich in acht vor dem Roten, ich bitte Dich! Was würde mit mir und Renate werden, wenn dir e'u Unglück zustieße!"

(Fortsetzung folgt), ~