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Druck der Michener Vcrlage<druckcrci.

Rr. 55.

Telephon: Nr. 362.

Mittwoch, den 10. Juli 1912.

Telephon SLr.: 362. 24. Jahrg.

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Sozialdcinokraiiscbe Praktiken

Eine bemerkenswerte Klage wurde dieser Tage vor dem Schöffengericht in Bochum verhandelt. Die könig­liche Staatsanwaltschaft in Bochum hatte gegen den Re­dakteur der sozialdemokratischenBergarbeiter-Zeitung" Strafantrag wegen Beleidigung zweier Zechenverwalt­ungen gestellt. Die Beleidigung wurde darin erblickt, bah zwei von den in Frage kommenden Verwaltungen geforderte Berichtigungen mit dem Zusatz veröffentlicht waren:Berichtigungen brauchen nicht wahr zu sein; die Richtigkeit ihrer tatsächlichen Angaben ist nicht zu prüfen." (Entscheidungen des Oberlandesgerichts Bres­lau, der Amtsgerichte Darmstadt, Heiligenstadt usw.) Zn einem der berichtigten Artikel, der sich gegen die Ver­waltung der Zeche Zollern bei Dortmund richtete, war behauptet worden, daß die Verwaltung durch fal­sche Betriebsmatznahmen mehrere Unfälle, u. a. zwei tödliche, verschuldet habe. Aus der Berichtigung ging klar hervor, datz die Angaben, worauf sich diese schwere Anschuldigung stützte, unzutreffend waren. Der Ange­klagte machte auch nicht einmal den Versuch, den Nach­weis für die Richtigkeit seiner Behauptungen zu erbrin­gen. Dabei war eine in dieser Sache schon vor mehreren Wochen angesetzte Verhandlung aus Antrag des Ange­klagten nur deshalb verschoben worden, damit er Ge­legenheit habe, den Wahrheitsbeweis antreten zu kön- nen. Aehnlich lag der Fall bei der zweiten Klagesache wegen Beleidigung des verantwortlichen Belriebsfüh- rers der ZecheConstantin der Grotze" bei Bochum. Das Gericht war denn auch der Ansicht, datz eine schwere Beleidigung vorliege. Die Art der Veröffentlichung der Berichtigung könne nur dahin verstanden werden, datz der Angeklagte die Berichtigenden habe kränken und ihnen den Vorwurf machen wollen, sie seien sich der Unwehr­heil ihrer Angaben bewußt gewesen, hätten aber trotz­dem auf Grund des § 11 des Pretzgesetzes die Auf­nahme in die Zeitung durchgesetzt. Der Redakteur wurde zu insgesamt 400 Mark Geldstrafe, ersatzweise 40 Tage Gefängnis und zur Tragung der Kosten verurteilt. Auch das Landgericht in Essen hat vor einiger Zeit den Redakteur eines sozialdemokratischen Blattes auf An­trag des Kgl. Polizeipräsidenten von Essen wegen eines ähnlichen Zusatzes zu einer Berichtigung zu einer Geld- strase verurteilt. Man kann diese Entscheidungen nur mit Genugtuung begrüßen. Privatbeleidigungsklagen gegen sozialdemokratische Redakteure sind bekanntlich durch die sogenannten Unpsändbarkeitsver- träge, die von den sozialdemokratischen Zeitungen I mit ihren Redakteuren abgeschlossen werden in der Ab­sicht, Beleidigungsklagen zu verhindern, sehr erschwert. (Das Gehalt über 125 Mk. monatlich wird in diesen Verträgen den Frauen der Redakteure zugesichert.) Zwar hat das Landgericht in Bochum jüngst einen derartigen

Unter Feinde«.

' Roman von Karl Matthias.

, v. (Nachdruck verboten.)

»Das Geld dürfen Sie nicht behalten!" fuhr De- Ce auf.Ich bin wohlhabend genug, um meine Pen- t bezahlen zu können." - ^, ^.

^ Sie zog das Portemonnaie aus der Tasche und ent­nahm diesem fünf Goldstücke, welche sie der Alten zu- Mob.Versprechen Sie mir, dem Grafen den Louisdor önrückzu geben. . v. ... _, ^. «^Gewiß, darauf küKen Sie sich verlassen," beteuerte die Josnes. Mein Gott, ich wußte ja nicht aber daß Oie gar so empfindlich sind. Können Sie denn den Herrn Major nicht leiden?" ,^^^* ;.^

Nein!"

Nun, ich hätte auf das Gegenteil geschworen. Aber essen Sie doch. Oder wünschen Sie etwas anderes? Fleisch, Backwerk, Tee?"

Nichts, nichts, nur Ruhe!"

Gerade wie der Kapitän, dem das Bildchen drüben unter dem Spiegel gehört."

Das Bild, ganz richtig, ich hielt es vorhin in der Hand." sprach Desiree.

Es stellt die verstorbene Frau des Herrn Kapitäns vor," schwatzte die Alte.Er mag sie wohl sehr geliebt haben. Stundenlang saß er da und guckte das Bildchen an. Es mutz eine schöne Frau gewesen sein. Wissen Sie auch, Fräulein, daß Sie mit ihr Ähnlichkeit haben?"

Torheit. Sie täuscht die Einbildung."

Nein, gewiß nicht. Sie fiel mir gleich auf. Sehen Sie selbst."

Sid ging, um das Bildchen zu holen. Aber bevor sie es ergreifen konnte, klang draußen die Türe.

Ter Graf! Gottlob," rief Desiree und wollte hm- auseileu.

Vertrag für nichtig erklärt, da er gegen die guten Sil ten verstoße. Indes ist es zweifelhaft, ob andere Ge­richte stets in gleichem Sinne entscheiden werden, da das Reichsgericht früher in einem Urteil ausgesprochen hat, daß nach den jetzt bestehenden Gesetzen diese Ver- 1 träge, die jeder Moral geradezu ins Gesicht schlagen, als rechtsgültig angesehen werden müßten. Wenn es nun den sozialdemokratischen Zeitungen auch noch ge= stützet wäre, den in diesen Blättern Angegriffenen das Recht der Entgegnung auf unberechtigte Anschuldigun­gen dadurch illusorisch zu machen, daß sie den Berich­tigenden ungestraft bewußte Unwahrheiten vorwerfen, so wäre damit den sozialdemokratischen Verhetzungen Tür und Tor geöffnet.

Politische Rundschau.

Deutschland.

* Berlin, 9. Juli. Heute Mittag wird der Kaiser nach den vorläufigen Dispositionen um 1.20 Uhr nach Swinemünde abreisen, um von dort die Nord - landreise anzutreten. An Stelle des diensttuenden Flü­gel-Adjutanten, Kapitän zur See von Bülow, geht der diensttuende Flügel-Adjutant Oberst von Kleist mit.

* Marienbad, 8. Juli. Prinz Adalbert von Preußen, der vorgestern zum Kurgebrauch in Marien - bad eingetroffen ist, erwartet in drei Wochen den Be­such seiner Mutter, der deutschen Kaiserin und seiner i Schwester, der Prinzessin Viktoria Luise.

Prinz Waldemar von Preußen hat Tsingtau verlassen, um über Hungschan, Tsincmfu, Ventschoufu, Tientsin und Peking die Heimreise über Sibirien anzutreten. Prinz Waldemar hat unter der sachkundigen Führung unseres Gouverneurs einen um­fassenden Einblick in das gesamte öffentliche Leben des Schutzgebietes gewonnen, unsere wirtschaftlichen und kul­turellen Bestrebungen kennen gelernt und die Ueberzeug­ung gewonnen, daß unser schönes Tsingtau zu einem machtvollen Hort des Deutschtums im fernen Osten em­porgewachsen ist.

* Grotzherzog Friedrich 2. von Baden voll­endete gestern sein 55. Lebensjahr.

* Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, v. K i d e r l e n - W ä ch t e r, der sich zurzeit in Kiffin- gen zur Badekur aushält, feiert heute seinen 60. Ge­burtstag.

* Der frühere Oberbürgermeister von Berlin und spätere preußische Finanzminister Artur H o b r e ch 1 ist im Alter von 88 Jahren gestorben.

* DemReichs-Anzeiger" zufolge schließt der Reichshaushalt für das Rechnungsjahr 1911

Nun, bleiben Sie, ich gehe schon selbst," sagte die Fosnes, die junge Dame mit listigem Lächeln betrach­tend.Und die will den Herrn Offizier nicht lieben," dachte sie.

Inzwischen klopfte es bereits an die Zimmertüre, und bevor die Wirtin öffnen konnte, trat ein Sergeant- major der Mobilgarde ein.

- -Pardon, ich habe es eilig," sprach er, die Mütze lüftend.Ein Schreiben an den Grafen d'Alincourt, Oberstleutnant beim Stabe des siebzehnten Armee­korps. Er soll hier im Quartier liegen."

Der Graf wohnt nicht in diesem Hause," sagte Desiree. -

.Hm. Der Sanitätsleutnant Pres gab mir doch an wo kann ich den Herrn Oberstleutnant finden?"

Wir erwarten ihn allerdings," mischte sich die Wirtin hinein.Er kommt ganz sicher hierher, wenn auch nicht gleich."

So will ich den Brief hier lassen," entschied sich der Unteroffizier,das gnädige Fräulein wird mir eine Bescheinigung geben!"

Ich? Nein, wenden Sie sich an Frau Josnes, wenn sie's übernehmen will."

Die Alte," brummte der Sergeantmajor übelge­launt.M.r soll's recht sein. Sie stehen für die richtige

Besorgung." , _

O mit Freuden, lieber Herr," versicherte die Wir­tin und unterschrieb den Schein.

Der Mann trollte ohne Abschied davon. Tie trotzige Antwort der Dame hatte ihn beleidigt. Frau Josnes stellte den Brief gegen den Spiegel, daß er in die Au­gen fallen mutzte, um nicht vergeßen zu werden, dann begann sie den Tisch abzuräumen.

Gewiß ein Befehl vom Kommando," plauderte sie. O, ich kenne das. Wenn solche dicken Depeschen kom- mcH gehen die Herren, um nicht wiede-'n-kekucn." ~

X vH ree antwortete nicht, aber die Worie der Wir­

nach dem Endabschluß der Reichshauptkasse mit einem Gesamtüberschuh von 249 131 174,91 Mk. ab.

* Der russische Ministerpräsident Kokow­zew hat sich in bemerkenswerter Weise über die Be­gegnung von Baltisch-Port ausgesprochen. Er habe bei der Kaiserbegegnung durch viermalige längere Unterred­ung mit Kaiser Wilhelm und durch vielfachen Mein - ungsaustausch mit dem Reichskanzler v. Bethmann Holl­weg die Ueberzeugung von der berechtigten Friedens - liebe und der großen Freundschaft des deutschen Staats­oberhauptes für Ruhland, sowie von der Offenheit und Ehrlichkeit der deutschen Politik gewonnen. Die persön­liche Annäherung der Monarchen und der Staatsmän­ner beider Reiche, sowie die erschöpfenden Aussprachen haben, sagte der Ministerpräsident, nicht vorübergehend, sondern dauernd zur Festigung des gegensei­tigen Vertrauens und der achtungsvollen Freund - schaft geführt. Kaiser Wilhelm verließ Baltisch -i Port mit höchster Befriedigung über alle empfangenen Ein­drücke und ebenso gab der Zar seinem Vertrauen auf dir Freundschaft des deutschen Kaisers überzeugenden Ausdruck. Ministerpräsident Kokowzew ist von der Persönlichkeit des deutschen Kaisers entzückt, dem er I Vielseitigkeit der Interessen, Gründlichkeit des Wissens auf allen Gebieten des Staatslebens und eine mächtige Initiative nachrühmt. Die Besprechungen in Baltisch - Port sanden zum größten Teil in deutscher Sprache statt.

Der Mailänder Korrespondent desEche de Paris" meldet seinem Blatte, daß ihm eine hervorragende po­litische Persönlichkeit erklärt habe, daß das direkte Er­gebnis der Kaiser-Zusammenkunft in Baltisch-Port höchst wahrscheinlich eine europäische Konferenz sein wird.

* Das Wahlabkommen, das zwischen den beiden liberalen Parteien in Württemberg, der Fortschrittlichen Volkspariei und den Nationalliberalen, getroffen worden ist, wird nunmehr im Wortlaut veröffentlicht. E^ erstreckt sich auf 66 Wahlbezirke. In 35 Bezirken werden die Kandida­ten der Fortschrittlichen Volkspartei von den National - ! liberalen unterstützt und in 31 Bezirken werden natio- 1 nalliberale Kandidaten aufgestellt, für die auch die ! Volkspartei eintritt. Die beiden Parteien werden ihre besonderen Kandidaten nachdrücklich unterstützen, keine I der beiden Parteien wird ein Abkommen mit einer an- I dern Partei treffen. Die Entschließung der beiden Par- ! teien gilt für die von ihnen aufgestellten Kandidaten im : ersten und zweiten Wahlgange. Zieht eine der beiden I Parteien nach dem ersten Wahlgange ihren Kandidaten

1 zurück oder wird die Kandidatur von ihr nicht in der Absicht der Durchsetzung des eigenen Kandidaten auf -

tin fielen ihr schwer auf das Herz. War das wirklich ein Abberufungsbefehl? Wenn er fort mußte, wer stand ihr dann fernerhin hilfreich zur Seite?

Während die Alte ein- und ausging, saß jene in tiefem Sinnen mit halbgeschloffenen Augen. Das Licht der Lampe blendete sie.

Das Fräulein ist müde, eS sollte sich zu BM gen," sprach die Josnes nach langem Stillschweigens kW nur durch den Sturm auf der Gaffe und das KnisteW des erlöschenden Kaminfeuers unterbrochen wirrte? Lassen Sie uns schlafen gehen. Im Schlafe vergitztz man allen Kummer und edr nächste Tag kommt schneller heran." '

Desiree leistete keinen Widerstand. Sie ließ sich aus- kleiden und zudecken. Sie war zu müde, selbst etwas zu tun. Allmählich kam der Schlummer über sie, aber in ihm hörte die Apathie der Seele auf und die des Körpers begann gegen ihren Willen. Wie gefeffelt, unfähig sich zu bewegen, lag sie da und glaubte zu hören und zu se­hen. Tas Bild unter dem Spiegel beschäftigte sie. Es kam ihr vor, als löse sich die weißgekleidete Gestalt von dem Papier und wachse und belme sich, bis sie den Fuß­boden erreichte. Und diese Gestalt trat aus sie zu und legte die Hand in die ihrige. Aber die Hand war eisig kalt und das Gesicht, welches sie mit toten Augen an­blickte, war ihr eigenes Gesichtz nur älter, blässer und trauriger. Als die Schläferin zu ihr sprechen wollte, flatterte jene nach allen Richtungen auseinander, schwebte wie ein Nebel längs der Decke hin und zog dann, sich senkend, durch den Kansin ins Freie. Tann öffnete sich leise die Türe. Ein MLNN trat in das Zim­mer. Er war in grauer Uniform und trug ein Osfi- zierskäppi. Ter Mann suchte etwas auf der Kommode. Endlich hob er das Bild empor. Aber die Gestalt daraus war verwisch - Seufzend ließ er izton fallen und schritt nacü ? - ür. Da ersann sich die Schläferin, wo

sie ign geigen hatte. '^oilh folgt.)