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lr. 97
Telep Hon: Nr. 362.
Mittwoch, den 4. Dezemver 1912
Telephon 9h:. 362.
24. Iahn,
M Reichskanzler über die äußere Politik.
^MMeichslanzler v. Bethmann Hollweg führte am im Reichstage aus: Bei einer jung ter Lage sind es die Ereignisse auf de n Bal- zurzeit so ziemlich liniere ganze Aufmerksamkeit I luriid) nehmen. Im Laufe des Jahres hatte sich I limmung zwischen der Türkei unb ben Ballan - IPoularde1 ^ zugespitzt, daß der Ausbruch des Konfliktes 16.75 mehr zu verhindern war, trotz des eifrigen Be 1 15 der Mächte, den Frieden zu erhalten. Als wir
' lamps als unvermeidlich ansahen, haben wir vor
ebn. Jad daraus hingewirkt, ihn zu lokalisieren. Von den HTiblir1 n:lcn am Balkan werden wir zwar nicht unmittci ^^•ciübrt, immerhin sind wir berechtigt, gleich den Mächten an der Neuregelung der Dinge, die ol^ des jetzigen Krieges sein wird, mitzuwirken ; aa der ökonomischen G e st a l 1 u n g der J irn Orient sind w ir sehr wesentlich direkt M r essi e r t. Wir werden bei der Regelung man-
bann würden wir zur Wahrung unserer eigenen Stellung in Europa, zur Verteidigung unserer eigenen Zukunft und Sicherheit sechsten. (Lebhafter Beifall.) Ich bin fest überzeugt, datz : wir bei einer solchen Politik das ganze Volk hinter uns
haben werden. (Lebhafter Beifall.) Ich will noch einmal auf die großen Interessen hier eingehen, die wir
’ ^h Fragen unser Wort zugunsten unserer
8 Hund eien mit in die Wagschale zu legen
1 ^r ^â)tig?) Von den Kriegführenden wird e M b (stritten, datz bei der endgültigen Regelung ; ei Grenzen die Grotzmächte ihre Interessen
no bringen - W 'âsscn »_»ts Mak
ha- es der zur
ns bringen können und müssen und auf Grund £ Interessen zur Mitwirkung berufen werden. Wenn ? E bis Mah der Mitwirkung zwischen den einzelnen >- i idjtcn und einzelnen der Kriegführenden Mein- â ^fd)icbent)eitcn bestehen oder entstehen, so wird ir ■ b> lohmächten die Durchsetzung ihrer Forderungen lch erleichtert, wenn sie ihre Forderungen gemein- ^m ' c treten. Ein lebhafter Gedankenaustausch schwebt
bei der Lösung des Streites zwischen der Türkei und den Balkanstaaten zu verfechten haben. Unsere Poti ! i t war seit langen Jahren daraus gerichtet, bei guten wirtschaftlichen und politischen Schiebungen zu den Balkanstaaten die Türkei in wirtschaftlicher Hinsicht zu erhalten und zu stärken. Ich möchte es als einen Erfolg vindizieren, daß wir uns während eines Riicgcb zwischen einem Freunde und einem Bundesgenossen die Sympathien beider zu erhalten gewußt haben. Diese Politik werden wir auch weiter fortsetzen. Wir hoffen, daß unsere bisherigen freundschaftlichen und regen Beziehungen zu den Balkan st a a 1 e n durch deren zweifelloses Erstarken namentlich in wirtschaftlicher Hinsicht einen neuen^ Aus - schwung nehmen werden. Dabei wird unser Streben auch ferner dahin gehen, die Türkei nach dem Friedensschluß als wichtigen ökonomischen und politischen Faktor zu erhalten. In diesem Wunsche und Bestreben begegnen wir uns nicht nur mit unseren Bundesgenos-
[cn,
sondern auch mit anderen Mächten.
[ Ji ven Mächten, über den ich heute nichts Näheres I K kann. Sollten sich unlösbare Gegensätze ergeben, 2_Jrt es Sache der im einzelnen Fall direkt interes- ooansll Mächte sein, ihre Ansprüche zur Geltung zu Das gilt auch für unsere Bundesge- 1 und ven। (,^ Menn sie aber bei der Geltendmachilng Interessen wider alles Erwarten von dritter Seite ooPfbrgriffen und direkt in ihrer Eristenz be- liesmal 4 b ! werden sollten, dann würden wir, unserer ez. besten ^ e 5 p f [ i d) t getreu, fest und entschlossen an Beiruts zu treten haben. (Lebhafter Beifall.) Und
Eine französische Presistimmc darüber.
* Paris, 3. Dez. Als das Urteil der französischeil Regierungskreise über die Rede des Reichskanzlers D Belhmonm Hollweg darf wohl der heutige Kommentar des dem Ministerpräsidenten Poincaree nahestehenden „Temps" gedeutet werden. Nachdem er ironisch darauf hinweist, daß es wohl besser gewesen wäre, wenn Herr v. Bethmann-Hollweg, gleich seinem italienischen Ministerkollegen Giolitti verkündet hätte, „es gibt Augenblicke, wo man zu schweigen verstzehen mutz", fährt das Blatt fort: „Die Rede überschreitet bei weitem den, der bisher seit Ausbruch des Krieges offiziell gemachten Ausführungen. Sir Edward Grey, Asquith, Poincare, Saicnow, Kokowtzow und selbst Graf Berchtold haben in ihren Reden den Friedensgedanken in den Vorder -
. gründ gestellt. Herr v. Bethmann-Hollweg hat, ob mit Absicht, oder nicht, mag dahin gestellt bleiben, den
! Kriegsgedanken betont." Nachdem der „Temps" weiterhin nachzuweisen versucht hat, daß der deutsche Reichs-
, kanzler aus den Artikeln 1 und 2 des österreichisch -deut- ; schen Vertrages vom 7. Oktober 1879, also aus den grundlegenden Paragraphen des Dreibundes, einen Os- fenstvvertrag anstatt eines Defenswvertrages gemacht hat, fährt er fort: „Wie man angesichts dieser Tatsache
I von einer Mäßigung in der Kanzlerrede sprechen kann, ist uns unbegreiflich. In keiner Hauptstadt Europas hat seit 2 Monaten keine leitende Persönlichkeit so beunruhigend und brutal gesprochen. Man muß zwar den bcktfdjen Gewohnheiten etwas Rechnung tragen; man muh bedenken, datz die Deutschen keine Nuancen kennen, und daß sie gern die Schärfe der Gedanken betonen, ohne diese in ihren vollen Konsequenzen zu vertreten, man muh weiterhin in Rechnung ziehen, daß bei den bisherigen Verhandlungen'', zwischen den Kabinetten Deutschland eine sehr gemäßigte, höffche und entgegenkommende Haltung eingenommen hat, die in Paris und anderswo den besten Eindruck machte. Diese Erwägungen können den Eindruck der Rede etwas mubern, und sie als eine an die Adresse der Dalkanverbündeten gerichtete Drohung deuten lassen. Herr von Bethmann- Hollweg, der ein sehr ausgeprägtes Verantwortlichkeits- gesübl besitzt, hat wahrscheinlich geglaubt, daß diese Drohung eine Entente der Großmächte erleichtern würde. Wir gestatten uns, anderer Ansicht zu sein, und bedauern dieses Säbelgerassel am Vorabend schwieriger diplomatischer Verhandlungen."
Zur ölhrreidiiltMerbifthe Fragt.
Ter Fall Prohaska und König Peter.
Die Mitglieder der Wiener Diplomatie sind davon verständigt worden, daß der Bericht des Konsuls Pro- ! baslas sehr schwerwiegende Beschuldigungen gegen die serbische Behörde in Prizrenz enthält. Der Seridjt wird ' nach der Rückkehr des Konsuls Edl aus Prizren ver- I öffentlicht werden. In offiziellen Kreisen wird versichert, 1 es stehe ein sehr e r n st e r Schritt der österreichisch - ungarischen Regierung in Belgrad bevor. Es fällt aus, I daß heute einige ungarische Blätter, die mit der Regier-
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Das Glückskind
(Nachdryäk verboten.)
_ »Mr Geduld mein Junge, es wird schon noch kom- M t! Du bist ja noch jung, bei Dir fängt das Leben recht an, fasse wieder neuen Mut, Hermann. Wer Mkd Rim gleich die Flinte ins Korn werfen, wenn es riedr^, erg geht als man denkt."
usttât^.Es wird schon noch kommen, das sagst Du nun Jollen ^tt einem Vierteljahr, und noch immer zeigt sich ^rD^. Wo ist es denn, — wo? Selten, daß sich ein ^**mcrt zu mir verirrt. Die Leute haben kein Zutrauen, II 14 wie Du eben sagtest, noch zu jung bin. Lieber muß man denn um jeden Preis erst alt werden, nMidje Kuren ausführen zu können? Bis dahin & mir längst verhungert. Zu all dem Unangenehmen tun t nun auch das noch mit dem Mädchen — es ist n Verzweifeln!"
„beruhige Dick doch endlich!" flehte die Mutter.
„Za, beruhigen, — wir haben Schulden und keine MlOhme. Die c^e neue Einrichtung ist noch nicht MbUi; eines Tages werden die Leute kommen und ‘e Sachen wieder abholen, da sie von dem windigen )ktm kein Geld bekommen können, — und dabei soll mW beruhigen."
Er lachte laut und schrill auf, so daß die Mutter rhn schrecken betrachtete. .,
„Du bist offenbar in überreizter Stimmung, ich ffe Dich jetzt allein, so kannst Du am ersten das Glerch- wiâ der Seele wiederfinden."
, An das, was ihr zumeist am Herzen lag, wagte sie ^Mcht inchr zu rühren, aus Furcht, den Sohn noch mehr erregen. t ,
Germann griff mechanisch nach Tinte und Feder, fr m ar Wochen zu schreiben, allein seine Gedanken wollen wich Srand halten.
Wohl zehnmal hatte er schon angefangen, aber immer zerriß er den Bogen Papier, der vor ihm lag. Endlich warf er die Feder fort, sprang auf und wanderte in dem großen, gut möblierten Zimmer hin und her.
Die Mutter brachte das Abendeffen, das sie stets selbst bereitete, da das junge Dienstmädchen nichts kochen konnte — er beachtete es gar nicht. So setzte sie sich allein zu Tisch, aber es wollte mit dem Essen nicht gehen.
Hermann starrte gar trübselig vor sich hin.
Er tat ihr so leid, der gute Junge.
Sein Leben war ein fast ununterbrochener Kampf ums Dasein, wann würde das wohl einmal ein Ende nehmen?
Er hatte nie des Lebens überschäumende Lust gekostet, immer war er vertröstet worden auf später, und mit fast übermenschlichem Eifer war er bestrebt gewesen, möglichst schnell ans Ziel zu kommen und selbständig zu werden. Und nun, da er erreicht, was er gewollt, was bot sich ihm nun? Neue Sorgen, neue Leiden, — so bitter ist des Menschen Los auf Erden.
Viel heitrer, als sie gegangen, kam Röschen heim. Die Segenswünsche der alten Marthe, die sich beim Anblick ihres warmen Bettes vor Freude gar nicht zu fassen vermocht hatte, klangen noch in den Ohren des Mädchens nach, es fühlte nod) den innigen dankbaren Händedruck der armen Krankem
Eine gute Tat vollbracht zu haben, ist immer ein wonniges Gembl, das den Geber mehr erfreut als irgend etwas in der Welt.
Es gewährt dem Herzen volle Befriedigung und Ruhe.
So erging es auch Röschen. Ein Schimmer innerer Zufriedenheit lag auf dem liebreizenden Gesicht, die Barmen waren leicht gerötet, um den kleinen Mund lag ein Lächeln.
Sie nahm sich vor, heute abend doch noch an Hermann zu schreiben und ihn zu bitten, hin und wieder nach ihrem Schützling zu sehen.
Aber schon, nachdem kaum die ersten Worte geschrieben waren, sank der Kopf schwer auf die Hände, eine furchtbare Müdigkeit, verursacht durch die vorangegangene, schlaflos verbrachte Nacht, überkam das junge Mädchen, das kaum fähig war, sich länger aufrecht zu halten. Der Schlaf zwang sie, den Brief noch einmal um einen Tag zu verschieben.
Als Rosi am anderen Morgen erwachte, — es war schon ganz hell, und sie fühlte sich wie neugeboren — lag ein weißes Kuvert auf ihrer Bettdecke.
„Großer Gott, von ihm," entfuhr es den blaffen Lippem „Wie kann er nur so unvorsichtig sein!"
„Wer mag den Brief hierher gelegt haben? Böhler nicht, denn der pflegt gewöhnlich viel länger zu schlafen. Vielleicht — ja, jedenfalls die Riecke, die gute, treue Seele."
Beruhigt atmete Röschen auf, da hatte es keine Gefahr, die verriet nichts.
Sinnend betrachtete das Mädchen eine Weile die Aufschrift, ehe es das Kuvert erbrach. Doch schon, nachdem es die ersten Worte gelesen, begannen die Finger zu zittern, das Lächeln verschwand aus dem bleich und bleicher werdenden Gesicht, die Augen starrten auf das Blatt in ihrer Hand, allmählich begannen die Buchstaben einen wilden Reigen, alles drehte sich im Kreise, ein Schwindel erfaßte sie und mit lautem Aufschrei sank Röschen in die Kissen zurück.
Regungslos, mit geschlossenen Augen, lag sie eine Weile, und mochte kaum zu fassen, was doch so klar und deutlich auf dem weißen Papier stand.
(Fortsetzung folgt.)