Freitag, ZO. Dezember 1932
Kasseler Neueste FackmLien
Seite 3
Einst war ich ein Großfürst
Kürzlich starb im Alter von 70 Jahren in Biarritz Großfürst Alexander von Rußland, der Freund und — als Gemahl der Großfürstin Xenia — der Schwager des letzten russischen Zaren Nikolaus II. Noch kurz vor seinem Tode hat er seine Erinnerungen vollendet, von denen wir die interessantesten Teile in einer Artikelfolge veröffentlichen. Was seine Erinnerungen im besonderen wertvoll macht, ist die Tatsache, daß der Großfürst den Grund für den Untergang der russischen Monarchie darin sieht, daß sich Rußland im Kriege nicht an die Seite Deutschlands stellte, sondern als Vasall Frankreichs und Englands verblutete. Die Erinnerungen von Großfürst Alexander sind Roman und Geschichte zugleich , . , Die Schriftleitung.
Dorwort
Auch ich, der Schwager des letzten russischen Zaren, der ich stets in enger Fühlung mit den Plänen der Regierung stand, werde nie erklären können, warum es Krieg zwischen unseren beiden Ländern geben mußte. Es drohte ein Krieg, aber nicht zwischen Deutschland und Rußland. Nieinand hatte diesen Gedanken besser zum Ausdruck gebracht als der 1915 verstorbene Graf Witte. Kurz vor seinem Tod rief er während eines Gesprächs mit einem meiner Freunde in St. Petersburg völlig ratlos aus:
„Denken Sie nur, lieber Freund, was sich vielleicht ereignet hätte, wenn ich vor Beginn des Krieges geswrben wäre! Stellen Sie sich vor, wie der Erzengel in die Posaune stößt und ruft: „Graf Witte, erstehe!" — Nun, als Politiker vom Scheitel bis zur Sohle hätte ich ihn natürlich nach den neuesten Ereignissen gefragt und so erfahren, daß in Europa Krieg sei. Krieg? Das hätte ich begriffen, denn ich hatte nie an seiner Unvermeidlichkeit gezweifelt. Und hätte er mir weiter erzählt, daß England gegen Deutschland kämpfe, so hätte ich verständnisvoll genickt. Das Verhalten Frankreichs und Belgiens hätte mich nicht überrascht. „Kämpft Rußland an Deutschlands Seite?" hätte ich den Erzengel gefragt. Wie? Rußland kämpft für England gegen Deutschland? Wie sinnlos! Wie unheilvoll widersinnig! Warum kämpft es gegen Deutschland? Versucht es, den deutschen Teil Polens zu erobern? Der Erzengel hätte mir selbstverständlich erklärt, daß ich im Irrtum sei und daß es den Anschein habe, als wäre Rußland entschlossen, Polen zu befreien . . . Lieber Freund, wissen Sie, was ich ihm auf diese erstaunliche Neuigkeit zur Antwort gegeben hätte? Nun, bei allem schuldigen Respekt vor einem Erzengel hätte ich ihm gesagt: „Begraben Sie mich sogleich wieder!"
Diesen Worten Gras Wittes habe ich nichts hinzuzufügen.
Reuyork, August 1932.
Alexander, Großfürst von Rußland.
I.
Nikolaus IL
Eine unwissende Pflegerin und ein nachlässiger Arzt waren schuld daran, daß Nikolaus II. die Krone trug, denn sie übersahen die Krankheit seines älteren Bruders, eines strammen, kleinen Jungen namens Mexander. So wurde er durch einen unglücklichen Zufall Thronfolger. Die Enttäuschung seiner Eltern ist leicht zu ermessen. Er empfand sie deutlich und entwickelte ein ausgesprochen scheues Wesen. Er weinte nie und lachte nur selten. Er spielte auch nicht gern. Die Umgebung seiner Kindheit war düster. Fortwährend war von Attentaten aus das Leben seines Großvaters die Rede. Gleichaltrige Spielgefährten fehlten. Die niedrigen Räume in dem außerhalb der Stadt gelegenen Palast von Gatschina, der von Paul I. nur dazu entworfen schien, uin als häßlicher Gegensatz zu der geräumigen Pracht des Winterpalastes in St. Petersburg zu dienen, bedrückten ihn.
Als Lehrer bekam er einen schlichten russischen General, einen empfindsamen Schweizer Erzieher
und einen jungen Engländer, der für Betätigung im Freien schwärmte. Keiner der drei hatte die leiseste Ahnung von der Ausgabe, die den künftigen Herrscher Rußlands erwartete. Sie lehrten rhn alles, was sie wußten, und das erwies sich als herzlich wenig.
Am Schluß seiner Schulzeit und am Vorabend seiner Ernennung zum Offizier der Gardehusaren hätte Nikolaus einen Oxforder Professor täuschen können, ihn für einen Engländer zu halten; gleich vollendet beherrschte er die deutsche und die französische Sprmhe. Das war aber auch alles. Sein übriges Wissen bestand aus losen Brocken von Kenntnissen, die ihm in seinem ferneren Leben von keinem praktischen Nutzen sein konnten. Nach der Ansicht des Generals lieferten die überirdischen Kräfte, die beim Sakrament der Eidesleistung am Krönungstage walteten, einem Herrscher alle praktischen Kenntnisse, deren er bedurfte.
Er bekundete bald eine ausgesprochene Vorliebe für den Militärdienst, der seiner passiven Natur entgegenkam. Man führte Befehle aus und brauchte sich nicht den Kopf zu zerbrechen über große Fragen, die Sache der Vorgesetzten waren. Er befehligte eine Schwadron der Gardehusaren. Dann war er zwei Jahre lang Offizier der ersten berittenen Leih- gordebatterie. Als sein Vater starb, war er Kommandant eines Bataillons des Garderegiments Preobraschenski und trug die Tressen eines Obersten. Diesen verhältnismäßig bescheidenen Rang behielt er für den Rest seines Lehens bei. Er erinnerte ihn an seine sorglose Jugendzeit, und nie willigte er ein, sich selbst zum General zu befördern. Er hielt es nicht für anständig, seine Mocht- befuanis als Herrscher zu seiner persönlichen Verherrlichung austunützen.
Durch seine Bescheidenheit machte er sich bei den Kameraden beliebt. Er nahm mit Leib und Seele an ihren Festlichkeiten teil, und der kleine Klatsch der Offiziersmeffe förderte sein angeborenes Pro- vinzlertum. Obersi Romanoiv kühlte sich entschieden wohl, aber für den Thronfolger war es kein Gewinn, ständia mit einer lusiiaen Swar lebensfroher funaer Männer zu Verkehren, die sich über Vierde, Ballettänzerinnen und die neuesten französischen Ebansons unterhielten.
Nach seiner Berufung in den Reichsrat hörte er zweimal wöchentlich die Reden einer Gruvpe motten zerfr-llener, alter Bürokraten an. die in schamlosem Scbarwenreln um den Zaren we"e«kerten. Die Prozedur langweilte ihn — seine Gedanken waren weit wea.
Zu Han>'e half er beim Ba« von Schneehütten. Mm Holzhacken oder beim Bäumevflanzen. da die Aerzte seinem Vater viel Betätianna in kreier Lnkt anaeraten hatten. Das Gesvräch drehte n-h um die 5?ungenstreiche keines kleinen Bruders Michael oder nm die skartkchritt- meiner Merbnng um seine Schwober .Penia. wie ein M„rt über nrnsitik. w’<' -nne Geseaenb-Ül. keinen Geilt rn bereilhern. Es herrschte ein siilllchweiaendes Nebereinlommen. daß die Reoiernnassaraen nicht ans das wrivatlehen iisleranderS ITT. sih-rareiken dnrki-n. Die anlokra- likche. einläufige Reaieruna bedurkt» der E,-hnluna. Er. der den temveramenkuollen <Mü»r Milhelm ru hehandeln verband fHoffe sich vor pochen kider eine onkoeweckte fAfooforttnc k>infme>rt seiner iüna- sf»n Clioder. Es war sein heliehfer Milz, lolfes
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t ■ ■ t, M <R!He»n<f4e vra»-kohlni-Vrik«ff, ist bet X* druck der heute beiliegenden Wandkalenders. In bet Pröbln, und im Lande Sachsen, in Anhalt, la Btaunlchweig und in ThLtingen liegen die milleldeutschen Brauntdhlenboitoulmen. räumlich weit berieilt, doch erbgelchichliich gleichaltrig und daher in chren eigen» schatten kaum voneinander abweichend. Die tropische Son« bet Tertiär-Epoche bet Erde liest im heutigen «iiteldeutschen Rau» üppige Waldvegetation sprießen, die jetzt, im Lause von Jahr» Millionen ,u Braunkohle geworden, den Rohstoff der .Sette'* »tifet» liefet'. Biele Hunderte von Brikettpressen auf prhl» relchen Stuben pressen zurzeit annähernd 13 Millionen Tonnen Sonne - Brikett, im Jahr, Hehmousende» deutscher Arbeiter gibt der mitteldeutsche Braunkohlen-Dergbau 23 rot, und mehr all 18 Million-« Tonnen Sonne- Briketts können jährlich vo« de» »'UelbentscheU Brilett-Werleu hergestellt werden.
Wasser auf den Kops des ahnungslosen Michael zu schütten, der es nie versäumte, dies im Lause der Mahlzeit mit gleichem zu vergelten.
Jedes zweite Jahr reiste mau im Sonuner nach Kopenhagen, um die dänischen, englischen und griechischen Verwandten wiederzusehen. Grüße wurden ausgetauscht und eine Träne über den Eilschritt der Zeit vergossen. Tante Alexandra — die spätere Königin von England — sprach über die bevorstehende Vermählung ihres Sohnes Georg. Tante Olga — die ehemalige Königin von Griechenland — seufzte bestürzt: ihr war, als hätte sie ihn gestern erst aus den Armen getragen.
Im Jahre 1890 — nur noch vier Jahre trennten ihn vom Tage seiner Thronbesteigung — wurde Nikolaus auf eine Weltreise geschickt, wohl in der Absicht, seine Erziehung zu vollenden. Wir trafen auf der Insel Ceylon in Colombo zusammen. Die Nachricht von seiner Ankunft erreichte mich tief in den Dschungeln bei der Jagd auf eine Elefanten- berde. Ich mag ihm wohl verwildert vorgekommen ffein, wochenlang unrasiert wie ich war, mit meinen Berichten von gefahrvollen Begegnungen und mit den Trophäen von Großwildjagd, die auf dem Verdeck meiner Jacht „Tamara" lagen. Die Stille der Tropennacht, nur dann und wann unterbrochen durch den Schrei erschreckter Affen, machte ihn ungewöhnlich gesprächig. Er beneidete mich um meine aufregenden Ferien. Die Art, wie er reiste, gewährte ihm kein Vergnügen: auf einem Schlacht- schiss, das den Wimpel des Thronfolgers am Mast trug.
„Meine Weltreise ist sinnlos", sagte er mit großer Bitterkeit. „Paläste und Generäle sind auf der ganzen Erde gleich, und das ist alles, was man mir zu sehen gestattet. Ich hätte ebensogut zuhause bleiben können."
Den nächsten Tag kehrte ich zu meinen Elefanten und Tigern zurück, währen Nikolaus seine Reise nach Japan fortfetzte. In Kioto wurde er an der Eifenbahnstation von dem Säbel eines Fanatikers getroffen; er wäre getötet worden, hätte Prinz Georg von Griechenland nicht geistesgegenwärtig eingegriffen. So kam seine Studienreise zu einem jähen Abschluß. Sie hinterließ eine greifbare Narbe an feinem Haupt und bestärkte in ihm die tragische Vorahnung, die ihn zum erstenmal am Tage der Ermordung seines Großvaters beschlichen hatte.
Er verlangte beim nach Gatschina, unter den Schutz der eifenfeften Gestalt des Zaren. Die physische Heldenhaftigkeit Alexanders III. schien dem blassen Thronfolger gleich einer Botschaft der Geborgenheit. und sicherlich war etwas Beruhigendes darin, zu sehen, wie ein massiver Silberrnbel durch den schraubstockbarten Druck des kaiserlichen Daumens gebogen wurde. Am 17. Oktober 1888 war
das ganze Volk Zeuge einer noch größeren Schaustellung dieser herkulischen Kraft, als der Zar feine Kinder und seine Verwandten dadurch rettete, daß er das von den Revolutionären bet dem Eisenbahn- atlentat zerstörte Dach des Salonwagens mit feinen Schultern stützte. Die ganze Welt war starr vor Staunen. Der Held blieb gleichmütig, aber die übergroße Anstrengung hatte seine Nieren angegriffen. Am 20. Oktober 1894 standen Nicki und ich auf der Veranda des herrlichen Palastes in Livadia, Sauerstoffballone in den Händen, das Ende des Niesen erwartend. Sogar die würzige Salzluft war nicht mehr imstande, dies Leben aufzuhalten, das sich in einem endlosen Kampfe gegen das unerbittliche Fortschreiten der Revolution erschöpft hatte. Er starb, wie er gelebt hatte, als erklärter Feind volltönender Phrase, der alles Melodramatische haßte. Er murmelte nur ein kurzes Gebet und küßte sein Weib.
Täglich sterben Leute, und wir sollten dem Tod eines Menschen, den wir geliebt, nicht unverdiente Sschichtliche Wichtigkeit beimessen, aber das Hineiden Alexanders III. entschied über das endgültige Geschick des russischen Reiches. Jeder einzelne aus der Menge von Verwandten, Aerzten, Hofleu- ten und Dienern, die den nun leblosen Körper umstanden, wußte, daß das Vaterland die einzige Stütze verloren hatte, die es vor dem Sturz in den Abgrund bewahren konnte. Niemand begriff dies besser als Nicki. Zum ersten- und letztenmal in meinem Leben fah ich Tränen in seinen blauen Augen. Er griff mich am Arm und führte mich hinunter in fein Zimmer. Dort umarmten wir einander und weinten beide.
Er konnte seine Gedanken nicht sammeln. Er wußte, daß er jetzt Zar war, und das Gewicht der erschreckenden Tatsache erdrückte ihn.
„Sandro, was soll ich tun?" rief er rührend aus. „Was wird mit uns geschehen, mit mir, mit dir und Xenia, mit Wir und Muller, mit ganz Rußland? Ich bin nicht vorbereitet darauf, Zar zu fein. Ich habe nie einer werden wollen. Ich verstehe nichts von Regierungsgefchäften. Ich have nicht einmal eine Idee davon, wie ich zu den Ministern sprechen soll. Willst du mir Helsen, Sandro?"
Ihm helfen? Verstand ich doch fast noch weniger wie er von Regierungsangelegenheiten. In Marine- srageu hätte ich ihn beraten können, aber tm übrigen . . .?
Ich versuchte, ihn zu beruhigen, nannte ihm die Namen von Persönlichkeiten, auf die er sich verlassen konnte, aber in meinem Herzen fühlte ich, daß seine Verzweiflung nur zu wohl begründet war und wir alle einer drohenden Katastrophe gegenüber« standen.
(Fortsetzung folgt).
Kleine CUcenik
Lahuseu-Prozeß erst im Februar? Der ursprünglich für den 10. Januar in Aussicht genommene Beginn der Hauptverhandlung in dem Prozeß gegen die früheren Nordwolle-Vorstandsmitglieder E. Karl La- husen und Heinz Lahnsen soll weiter hinausgeschoben werden. Zur Zeit ist eine Untersuchung des Gesundheitszustandes des Angeklagten E. Karl Lahusen in die Wege geleitet worden, von deren Ergebnis es abhängt, mann der Prozeßbeginn endgültig angesetzt meiden kann. An zuständiger Stelle glaubt man, daß mit dem endgültigen Termin im Februar zu rechnen ist.
Schnelligkeits-Rekord des MB.-Zuges. Der „Fliegende Hamburger", der seine gestrige Fahrt mit einer ganzen Reihe bekannter Persönlichkeiten als Fahrgäste unternahm, brauchte für die Strecke Berlin- Hamburg nur 138 Minuten gegenüber 142 Minuten auf seinen früheren Probefahrten.
Korruption in Traben-Trarbach. Der Bürgermei- stev- der Mosel-Stadt Traben-Trarbach, Eduard Schmidt, wurde wegen Unterschlagungen und Urkundenfälschungen verhaftet. Ende November hatte Schmidt sein Amt, das er feit 1925 innehatte, auf Veranlassung des Landrates niedergelegt. Eine Nachprüfung ergab große Unregelmäßigkeiten in der Amtsführung. Co hatte sich der Bürgermeister seit Jahren ein höheres Gehalt auszahlen lassen, als ihm zu- stand. Eine Gehaltserhöhung datierte er eigenmächtig hm zwei Jahre zurück. Bei Auftragsvergebungen durch die Stadt ließ er sich hohe Provisionen zahlen. Die städtischen Finanzen sind durch die Amtsführung
। Schmidts völlig zerrüttet. Man beziffert die Schulden der kleinen Stadt auf rund 2 Millionen Mark.
Ein Hai in der Elbe. Ein Elbfischer konnte in der Nähe von Wittenberge einen Katzenhai fangen. Der Hai hatte eine Länge von über einem Meter und soll in präpariertem Zustand dem Wittenberger Heimatmuseum überwiesen werden.
3« der Einsamkeit
Von
Lothar Knud Fredrik.
Ganz groß, ein schwarzer Riese, stand der Bauer in dem Glast des Feuerballs. Er stand auf einem Hügel und schaute in die untergehende Sonne. Reglos, mit hängenden Armen und emporgeredtem Antlitz stand er so, lange.
Die beiden unten im Ried am Bache fror... Ein Schauer schüttelte ihre ausgemergelten Körper in den Sträflingsanzügeit. In der Nacht zuvor waren sie ausgebrochen. Stunden um Stunden waren sie weitergehastet in keuchender Flucht. Sie wußten die Häscher hinter sich. Als der Tag lebendig wurde, verkrochen sie sich im Uferdickicht. Der Durst quälte sie. Hunger wühlte in ihren Eingeweiden, Verzweiflung in ihrem Hirn — Boden für grauenvolle Saat und Tat.
Nun ließ der Bauer auf dem Hügel den Kopf sinken und hob die Füße von dem Boden, mühsam, schwer; es war, als hielten Wurzeln sie fest. Er wandte sich und stieg den Hügel hinunter. Mit dem Näherkommen schmolz seine Gestalt zusammen, schrumpste ein, wurde ein kleiner, grauer, knorriger Manu. Seine Hütte lag südwärts am Hügelbang, es war eine durstige Behausung, die zu den armseligen Feldern und dem dürren Gärtchen paßte.
Die beiden im Ried sahen den Bauern in die Hütte treten.
Ein Hund bellte, fern, gedämpft, doch drohend in seiner Wachsamkeit.
„Es ist Zeit", sagte der ältere der beiden und arbeitete sich aus dem Gestrüpp. Der andere folgte ihm unverzüglich. Sie schlichen dem Haufe zu und hlickten durch den Spalt, den der Fenstervorhang freigab: ein Licht brannte auf dem Tisch in der Mitte des Raumes, der Bauer saß am Bett im Hintergrund, still und so reglos, wie er zuvor auf dem Hügel gestanden hatte. Ein Hund lag zu seinen Füßen, ein altersschwacher grauer Hund mit entschlafenen Sinnen.
„Eine Kranke —" flüsterte der jüngere; das war zugleich Feststellung wie Ermahnung und Bitte.
Der andere aber schüttelte den Kops:
„Wir müssen andere Kleider haben."
Fernher wieder das Hundbellen. „Er oder wir!" Eine harte Hand drückte' behmsam die Klinke herunter. Die Tür öffnete sich mit leisem Knirschen.
Der «l«», graue Hund hob den Kops, seine Ohren
spielten ein wenig nach vorn. Aber der Bauer sah nicht auf.
Leise traten die beiden in den gestreiften Anzügen ins Haus, ins Zimmer. Der alte, graue Hund knurrte warnend und blinzelte mit weißlich schillernden, blinden Augen zu ihnen hinüber. Der Bauer saß am Lager, wie vordem, reglos, versunken.
„Hunger!" bat der jüngere leise.
Der Bauer rührte sich noch immer nicht. Da sahen sie sich in der Stube um. Auf dem Tisch stand kein Essen, kein Bissen Brot, nur ein leerer, ausge- trockneter Napf. Wie lange mochte es her sein, daß der Bauer selbst den letzten Bissen hinuntergewürgt hatte.
Der ältere trat auf Zehenspitzen näher, seine Arme hoben sich hinter dem Versunkenen. Der Hund rührte sich nicht.
„Piep", sagte es da, und aus dem verhängten Käfig kam ein ganz feines, leises Zwitschern, ein Vogelsingen im Schlaf.
Ein fester Griff faßt den erhobenen Arm. Die Augen des jüngeren funkelten einen Befehl, gegen den es keinen Widerspruch aab. Erbost, aber leise trat der andere zurück. Ein Aufatmen ging durch den Raum. Behutsam schlichen die beiden in den gestreiften Anzügen wieder aus dem Zimmer.
„Verdammt", sagte der ältere und trat in die Küche.
„Ein Kanarienvogel", sagte der jüngere, und ein Lächeln lag um seinen Mund. „Meine Mutter hat auch so ein Hänschen."
Der andere nickte nur. Unwille war in ihm — und eine geheimnisvolle Zufriedenheit.
Sie fanden, ihren Hunger zu stillen. Ihre Eingeweide füllten sich, die Verzweiflung schwand aus dem Hirn. Sie lächelten einander an, während sie Speck und bartkörniges Brot in mächtigen Stücken lauten. Und sie verstanden einander und wußten, warum sie lächelten... Daß die Tat nicht geschehen, daß eigentlich nichts geschehen war...
In einem Schrank entdeckten sie Kleider, sie zerrten ihr Sträslingszeua vom Körper.
Als sie hinausschlichen, knarrte eine Diele. Wieder knurrte der Hund. Der Bauer saß wie er gesessen batte, aber er richtete den Kopf empor. Jetzt sah er sie. Der jüngere hob bittend die Hand. Im Hintergrund stand der andere, sprungbereit, und bedauerte, daß er das Küchenbefl nicht zur Hand hatte. Da sagte der Bauer:
„Sie ist beute früh gestorben —*
Und weiter nichts. Er war von dem einen Erlebnis ganz und gar erfüllt. Dann wandte er wieder den Blick und sah seiner toten grau in das stille.
wächserne Gesicht. Auf dem Tisch flackerte die Kerze. Leise zwitscherte ein Segelten unter dem Tuch des Käfigs.
Als in der Frühe des nächsten Tages Feldjäger mit kläffenden Spürhunden kamen, bestritt der Bauer, zwei Sträflinge gesehen zu haben--und vielleicht
log er nicht einmal —, denn zwischen die Verfolgten und das Gesetz war der Tod eines geliebten Menschen getreten...
Anna Gmeyner: ^Oas Auiomatenbüfeit"
Berlin, 30. Dezember.
Man muß die Regeneratwnskraft der Berliner Theater bewundern. Kaum hat die Direktion Bernd Hofnmnn im Theater am Schiffbauerdamm ausge- fhielt, ruft eine andere Schar die Besucher neu herbei. Diemal hat Äloritz Seeler, gut bekannt als Regisseur und als Organisator von Besuchergemeinschaften aus der Inflationszeit für Arnolt Bronnens, Syrt Brechts erste dramatische Arbeiten, die unverständlicherweife in Berlin zur Zeit unbeschäftig- ten Agnes Straub, Heinrich Hetlinger, Hilde Körber, Will» Trenk-Trebitsch mit einer größeren Gruppe sehr tüchtiger Künstler berbeige- rufcit, die ebenso unverständlicherweise bisher unausgeführte Komödie „Das Automatenhüfett" von Anna @me»ner aus einer glücklich gelungenen Taufe zu heben. Vielleicht wäre es nicht einmal dazu gekommen, wenn Anna Gmeyners Stück nicht bei der letzten Kleistpreis-Verteilung ehrend erwähnt worden wäre. Nun war aber die Aufmerkfamkeit erregt; das ganze literarische Berlin wohnte der Uraufführung mit steigendem Interesse und schon vom ersten Aufzug an lebhaftem Beifall, der die Autorin mit dem Regisseur wiederholt an die Rampe rief, bet. —
Ein Roman spielt sich ab, mit breiter Handlung, vielen Figuren, realem Milieu, ein Roman von köstlich sicherer Lebensechtheit. Anna Gmevner dialogisiert ihn mit Witz und Schärfe, realistischer Charakterisierungskunst und Sinn für Situationen und Spannungen. Anna Gmeyner wird die wenigen Anfangsschlacken, die ihrem ersten Stück noch anhasten, schnell überwinden imd fortan für die Bühne Bedeutung haben. H. M. E,
Karl Lindstrom f. Donnerstag früh verstarb nach kurzem Krankenlager der Gründer der bekannten Schallplattenfirma Karl Lindstrom - A. - G., Karl Lindstrom, in Berlin. Er hat ein Alter von 68 Jahren erreicht. — ' ' ”r Z»
Uraufführung einer Pfitzner-Sinfonie. Die Uraufführung einer neuen Sinfonie von Pfitzner findet am 23. März unter Leitung des Komponisten in München statt. In Berlin erlebt das Werk seine Erstaufführung am 30. März im Rahmen eines großen Orchesterkouzerts, das die Berliner Funkstunde unter Leitung von Eugen Jochum in der Philharmonie veranstaltet.
Deutsche Dichter im Ausland. Die in Mailand erscheinende künstlerisch-literarische Zeitschrift ,Jl Con- fceguo", die der deutschen Literatur von jeher starke Aufmerksamkeit schenkte, hat ein ganzes Heft dein Schaffen Hans Carossas gewidmet. Um die Verbreitung deutscher Dichtung in Italien seit langem besonders verdiente Uebersetzer und Literarhistoriker wie Vincenzo Errante, Bonaventura Tecchi und Leonello Vincenti übersetzen darin Proben aus verschiedenen Werken Carossas, der außerdem im allgemeinen gewürdigt und durch biographische und biblwgraphische Angaben bekannt gemacht wird. — „Die Katrin wird Soldat", der erfolgreiche Kriegsroman von Adrienne Thomas, ist jetzt auch ins Französische übertragen worden. — Eine polnische Uebersetzung von Schillers „Don Carlos" erschien, nachdem sie bereits zur Aufführung gekommen ist, bei Gebethner und Wolf in Warschau auch im Druck.
Max Jungnickel: „Die Meldung".
Draußen in französischer Erde im Walde von Mormal erwacht ein deutscher Soldat in seinem Grabe, Er steigt empor in die Nacht und steht über all den Gräbern ringsum, in denen seine Kameraden liegen, die Gefallenen vom 2. Jägerbataillon Er steht wie damals im Oktober 1918, als er die Meldung bekam, mit einem alten zerfurchten Gesicht und zwei großen fragenden Kinderaugen darin, er, der jüngste vom Sturmtrupp. Dann jagt er, mit der Meldung in der Faust, durch Deutschland, das Deutschland nach dem Weltkrieg. Und die Bauern spüren ihn, die Jungen, die sich verantwortlich fühlen für das Gären im Lande, die Alten, die des ewigen Kampfes müde, das Steuer aus der Hand gegeben haben. Der Meldegänger eilt weiter. Immer noch fest die Meldung in der Faust. Und der Tote erlebt hie große Not im Lande, die Symphonie von Rast und Hast, von Verfall und Aufstieg eines Volkes, vom Pulsschlag der Zeit. Riesengroß wächst der Auferstandene vor dem Brandenburger Tor und hält in der geschlossenen Hand seine Meldung. Es ist die Meldung an das kommende Geschlecht, an die deutsche Jugend: Seid einig und stark. — Das Buch ist eine große Vision und zugleich ein tief empfundenes Vermächtnis für die Kampfer im Weltkrieg. (Verlag R. Voigtlander, Let«is4 is.