Kasseler Neueste NachnAlen
Freitag, 30. Dezember 1932
ränkel und
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Der Senat hat mit 242 gegen 6 Stimmen das Budgetzwölftel mit nur geringfügigen Abänderungen am Text der Kammer angenommen. Auch mit den beantragten Heraufsetzung der Höchstgrenze der auszugebenden Schatzbonds auf fünf Milliarden hat er sich einverstanden erklärt.
diese Ding«, auch wo fte radikal erscheinen, beruhen im Konventionellen, nehmen von dem, was jeder erlebt, die herkömliche Anschauung, die konventionelle Moral, und spekulieren auf den Erfolg der Masse.
Wo liegt nun aber die Wurzel des Kitsche;? Und wo die Unterschiede zwischen Kitsch und Kitsch? Denn olche muffen vorhanden sein, wenn anders man die Erfolglosigkeit des einen und den Riesenerfolg des anderen Kitschproduktes erklären will. Es gibt eben guten und schlechten Kitsch.
Bon tausend Bildern versinkt der größte Teil sehr bald ins Nichts, aber einige von ihnen kommen in kürzester Zeit zu massenhafter Beliebtheit, werden in Millionen von Drucken verbreitet und hängen in den Stuben aller Länder. Don den unzähligen Schlagern, die innerhalb eines Jahres gemacht werden, erobern zwei, drei die ganze Welt, trotzdem sie den anderen gegenüber an Banalität nichts nachgeben. Hier muffen also bestimmte Gesetze wirken, di« unfehlbar sind, was den Erfolg betrifft.
Das Geheimnis der Wirkung liegt im Stofflichen, in der geschickten Arranaierung des Stofflichen. Der Kitschfabrikant, sei er Musiker oder Verfertiger von Bildern, kennt genau di« Psychologie der Masse, weiß genau, was er ihr bieten, und vor allem, was er ihr nicht bieten darf. Er weiß sie dort zu packen, wo sie immer zu faffen ist: In ihrer Eitelkeit, geistigen Trägheit und in der erotischen Sphäre.
Er gibt den ersten Eindruck, den ersten Oberflächenreiz. ohne den zweiten oder letzten Eindruck überhaupt zu wollen. Wo die Linie ins Schöpferische, ins Unbedingte geht, biegt er ab und arrangiert nach dem Geschmack. Unter der Maske ästhetischer oder erotischer Gefühle und Empfindungen weckt er Reize, die weder ästhetische noch erotische sind, sondern in ganz anderen Regionen ihren Ursprung haben.
So macht er das Porträt einer Dame nicht, wie sie aussieht, sondern wie sie aussehen möchte, und nicht nur, wie sie aussehen möchte, sondern noch schöner, eleganter, glatter — und der Erfolg ist außerordentlich. Die Radierung einer Schönen in reizender Pose, mit der gewünschten Dekolletierung oder änderen Reizen, wird maffenhaft gekauft, während ei» Ksnstwerk unbeachtet bleibt.
Theaterzwischerrfall in Berlin
Aeberfallkommando im „Deutsche« Theater" / Hays „Gott, Kaiser und Bauer" vom Spie.pla« abgehetzt
r“ 0 eJ in Sudtirol, und zwar in Bozen, lieber bic flucht selbst, den Fluchtweg, die Vorbereitungen und die Beihilfe, die ihnen zuteil geworden ist, haben die Ermittlungen bereits bestimmte Anhaltspunkte ergeben Auch die Braut des vermutlichen Haupt- taters Schenk, deren Bruder schon verhaftet worden ist, ist inzwischen flüchtig geworden, und hat sich wahrscheinlich ebenfalls nach Bozen begeben.
Es ist damit zu rechnen, daß das sächsische Justizministerium über das Auswärtige Amt bei der italienischen Regierung den Antrag auf Auslieferung der Verdächtignen stellen wird.
lasten, wurde vom Aufsichtsrat abgelehnt, weil Dyck noch einen Vertrag bis 1940 besitzt und seine vorzeitige Entlassung die Gesellschaft finanziell schwer belastet hätte. Ausdrücklich wird übrigens festgestellt, daß unter Leitung Dycks niemals an der polnischen Grenze gesiedelt worden ist und daß auch nirgends von ihm Polen angesiedelt worden sind.
Hentsch durch Lungenschuß getötet!
Die Täter in Bozen?
Berlin, 30. Dezember.
Kompliziert sind die Beziehungen zwischen Kunst und Kitsch. Oft ist es schwer zu sagen, wo der Kitsch anfangt, und oft ebenso schwer, wo er aufhört, be- londers gegenüber Schöpfungen der Gegenwart. Die Grenzfäll« sind hier manchmal schwer zu unterscheiden, und häufig gelingt die Täuschung für ein« Weile auch ernsthaften Beurteiler» gegenüber. Oft erscheint ein Werk in moralisch einwandfreier Form, appelliert an die guten Instinkte und ist doch im Innern verlogen. Oft mischt sich brauchbares Kunsthandwerk mit Kitsch, das einmal mehr, das anderemal weniger. Will man die Grenzen zwischen Kunst und Kitsch festlegen, so ergeben sich folgend« Unterschiede:
Der wirkliche Künstler schafft nach dem Prinzip: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, und so, wie t h r es haben wollt. Indem er eine künstlich verschonte Wirklichkeit gibt, kommt er der Lebenswahrheit scheinbar oft näher als der erste, aber et entfernt sich vom eigentlich Schöpferischen. Er arbeitet rchne innere Notwendigkeit und immer mit dem Motiv des Ee- fallenwollens. So wird echtes Gefühl in Sentimentalität, das Herbe und Hohe ins Süßliche und Banale verflacht, das Unbedingte zum Bedingten und Ee- källigen umgebogen. Solcher Kitsch ist ohne künstlerisches Maß und darum gesetzlos. Er gibt im besten Falle ein täuschendes Spiegelbild der Wirklichkeit, während das Kunstwerk Gleichnis und Symbol des Lebens darstellt.
Ist nun die ungeheure Verbreitung des..Kitsches, sei es nun in der Kunst oder Literatur, int Kunst- gewerbe oder in den geschmacklosen Massenartikeln, eine Problematik der Kunst oder der Maff«? Wer ist an dieser Lage schuld? Jedenfalls doch beide. Aber den Kitsch. wie es manche mit Eifer vorhaben, mit «tumpf und Stiel auszurotten, ist eine vergebliche Mühe.
Das Volk, durch das Tempo des modernen Lebens, durch die Mechanisierung jeglichen Betriebes verwandelt, hat längst aufgehört, schöpferisch zu sein. Es kann kein Volkslied mehr aus sich heraus gebären. Und wenn es der Banalität des Alltags entfliehen will, greift eszum Kitsch, weil der ohne geistige Anstrengung bequem zu haben ist. Er bietet dem schön- heitsbungriaen Auge alles, was es wünscht, bebt es auf Augenblicke in eine verschönte Welt der Eleganz, der Liebe, des Traums, der Sensation, um es dann allerdings um so heftiger wieder in die Wirklichkeit zurückzuversetzen. Die Berechtigung des Kitsches ist im Leben selbst begründet. Er ist die eine Seite, die in gewissen Fällen mit dem Leben, selbst verschmilzt. Darum ist er aus dem Leben nicht fortzudenken, und es ist leichter, einen Sack voll F'öhe zu fangen, als den Kitsch auszurEen. Er gehört eben zum Haushalt des Sehens, ■ps felHt ans zwei Bewegungen,
Paris, 30. Dezember.
Der Gesetzentwurf über die österreichische Anleihe ist Donnerstag abend von der Kammer mit 352 gegen 188 Stimmen angenommen. Die Kammer vertagte sich darauf auf Freitag nachmittag.
Die Kammerdebatte über den österreichischen Anleiheplan begann mit einem Angriff des Abgeordneten Louis Marin, der die Gelegenheit benutzte, sämtliche Argumente gegen die Vorlage anzubringen, die von der rechtsstehenden französischen Presse in den letzten Tage angeführt worden waren: Frankreichs Finanzlage sei mehr als schlecht, und nachdem man die Amerikaner nicht bezahlt habe, könne man unmöglich an die Oestcrreicher Geld geben, umso weniger, als Oesterreich ein Faß ohne Boden sei und irgendwelche Garantien gegen den Anschluß illusorisch blieben.
Ter Generalberichterstatter Lamoureux, der ex officio bestellt worden war, da kein anderes Mitglied des Finanzausschusses sich zur Uebernabnte des Berichts bereitfinden wollte, wies darauf hin, daß das Protokoll vom 15. Juli ausdrücklich an die Verpflichtung des Protokolls von 1922 erinnere, nachdem Oesterreich versprach, seine Unabhängigkeit nicht zu veräußern und von jeder wirtschaftlichen oder finanziellen Verhandlung abzusehen, die diese Unabhängigkeit gefährden könnte.
Nach Lamoureux befürwortete im Namen des Auswärtigen Ausschusses der Abgeordnete V i e n o t die Anleihe. Der Kommunist Peri bekämpfte dagegen die Vorlage.
Nicht weniger scharf wandte sich gegen sie der ehemalige Finanzminister Flau bin. Er verwahrte sich gegen die mögliche Schlußfolgerung, daß etwa er und seine Freunde damit irgendeine Feindseligkeit gegenüber Oesterreich, seine Regierung oder seine Politik äußern wollten. Er sprach von der „deutschen Karte", die Bundeskanzler Schober mit seinem Zollunionsplan zum Schaden Oesterreichs ausgespielt habe. Es sei falsch, zu behaupten, daß sie
von Inhalt und Art des Sudelstückes unverzüglich weitere Aufführungen untersage ober jedenfalls den politizeilichen Schutz zurückziehe.
Wte später gemeldet wird, hat wegen der Vorfälle im Deutschen Theater bei der Aufführung des Schauspiel „Gott, Kaiser und Bauer" am Donnerstag nachmittag im Polizeipräsidium eine Besprechung stattgefunden. Bei dieser Besprechung hat die Direktion des Deutsche» Theaters die Erklärung abgegeben, daß sie auf die Weiteraufführung des Stückes verzichtet.
die Friedensgarantie auf 20 Jahre verlängere, denn Oesterreich habe das Recht, sich von seinen Verpflichtungen in zehn Jahren zu befreien. Ueberdies fei zu befürchten, daß die österreichische Regierung immer noch nicht die Zollunion mit Deutschland aufgegeben habe.
In der Nachmittagsfltzung trat Herriot mit Nachdruck für den Gesetzentwurf ein, wobei er darauf hinwies, dast Frankreich, wenn die österreichische Anleihe nicht zustande käme, bis 1943 für 750 Mill. Francs Zinsen einzustehen habe. Die Rot Oesterreichs dürfe nicht dazu dienen, den Traum der Alldeutschen zu verwirklichen. Es handele sich um die politische, wirtschaftliche und moralische Uuabhängig- heit Oesterrechs.
Finanzminister C h e r o n erklärte, nach reiflicher Prüfung glaube er, der Anleihe für Oesterreich zustimmen zu können, als einem Werk für den wirtschaftlichen Wiederaufbau und den Frieden.
Ministerpräsident Paul-Boncour betonte in seiner Red», daß es sich bei der Anleihe um eine außenpolitische Operation handele, bereit Risiko geringer fei als das der früheren Operationen. Um die Gewißheit zu haben, daß Oesterreich nicht wieder unter die Hegemonie eines Nachbarstaates falle, sondern seine Unabhängigkeit bewahre, müsse man dafür sorgen, daß die Unabhängigkeit Oesterreichs nicht bedroht werde. Der Ministerpräsident stellte sodann die Vertrauensfrage für die Bewilligung des Anleihegesetzentwurfes.
Louis Marin stellte einen die französische Garantie begrenzenden Gegenantrag. Die Kammer lehnte diesen Gegenantrag Marins mit 387 gegen 189 Stimmen ab.
Kammer für Oesterreich-Anleihe
Die Vorlage mit 352 gegen 188 Stimmen angenommen
lieber die Sektion der Leiche des SA-Mannes H e n t s ch, die durch Geheimrat Professor Tr. Kockcl tm Amtsgericht Dippoldiswalde vorgenommeu wurde, meldet die „D. A. V
Der Befund ergab, daß "drei Schüsse auf den Ermordeten abgegeben worden sind. Ein Schuß, der beim Durchgang durch die Lunge eine Arterie aufge- rtsien hat, hat den Tod des Hentsch herbeigeführt. Im Körper des Ermordeten wurde ein Geschoß gefunden. Ein anderes Geschoß, wahrscheinlich das, das den Rucken durchbohrte, wurde in der Kleidung an der Ausschußöffnung des Rückens gefunden. Der Tod des Hentsch ist nicht durch Ertrinken, sondern 1 nJJJ.I«e des Lungenschusses eingetreten.
Wte das Blatt weiter meldet, befinden sich die drei flüchtigen SA-Leute Schenk, F:.....
Woicek in Südtirol, und zwar in B
Berlin, Al. Dezember.
Der nationalsozialistische „Angriff" hatte darauf aufmerksam gemacht, daß der Geschäftsführer der Gemeinnützigen Siedlungs- und Treuhand G. m. b. H., Salomon Dyck, polnischer Staatsangehöriger sei. Die Ermittelungen, die der kommissarische preußische Landwirtschaftsminister vorgenommen hat, haben' ergeben, daß Dyck tatsächlich aus Galizien stammt, aber schon seit mehr als 30 Jahren als Meliorationstechniker und Leiter von Gütern in Deutschland tätig ist. Er hat es aber unterlassen, als Ealizien polnisch wurde, für einen der österreichischen Nachfolgestaaten zu optieren, so daß er automatisch die polnische Staatsangehörigkeit erwarb. Dasselbe gilt für feinen Bruder Dr. Friedrich Dyck, der ebenfalls bei der Siedlungs-Gesellschaft beschäftigt war und jetzt entlassen wurde, weil er eine bedeutende Rolle in dem nationalpolnischen Klub in Berlin spielte.
_ r^?,e“6®n bat in der Gemeinnützigen Siedlungs- Gesellschaft zwar eine über die Hälfte hinansgebenbe Beteiligung, aber nur ein Drittel Stimmrecht. Sein Antrag, Salomon Dyck als Geschäftsführer zu ent-
'Patzi wir»-.
„Kat-sstrophenjahr 1932"
^tc ft*"’1’ nn,> Mittelstädte zum Jahreswechsel. Berlin, 30. Dezember.
-er Bundespräsident des Reichsstädtebundes Dr. «lian, veröffentlicht zur Jahreswende eine Betrachtung, m .der es heißt, daß das Jahre 1932 auf konnnu- nalem Gebiet ein Katastrophenjahr aller größten Ausmaßes gewesen fei. Es werde dringlichste Aufgabe der Reichsregierung fein, die Vereinheitlichung der Arbeitslosenhilfe und ihre selbständige Finanzierung zu beschleunigen, um die Gemeinden von den unerträglichen Wohlfahrtslasten zu befreien. Der schwerste Schlag, der zahlreiche preußische kreisangehörige Ttodte betroffen habe, fei ihre Unterstellung unter die Staatsaufücht der Landräte und unter die Verwaltungsgerichtbarkeit der Kreisausschüsse. Von einem Abhau der Selbstverwaltung der Gemeinden zugunsten der Kreisverwaltung müsse dringend gewarnt werden.
Berlin, 30. Dezember.
Wie die Blätter melden, ereignete sich im Deutschen Theater am Mittwoch abend bei der Aufführung des Schauspiels „Gott, Kaiser und Bauer" von I. H a y ein Zwischenfall. Eine Reihe von Zuschauern gaben gegen 21 Uhr ihrem Mißfallen über das Stück durch lautes Pfeifen Ausdruck. Auf Veranlassung der Direktion wurden zehn Personen durch das herbeigerufene lleberfallkommando aus dem Theater entfernt; weitere Zuschauer wurden verwarnt. Die -Vorstellung konnte dann fortgeführt werden.
Zu den Zwischenfällen schreibt das Zentralorgan
nicht glauben, daß der Friede wiedergewonnen sei. Es sei eine entscheidende Frage, ob es heut« noch möglich fei, mehr als ein Drittel des deutschen Volkes so zu beleidigen in ihrem Glauben, in ihrer religiösen Gesinnung, ohne daß sich dieser Dolksteil mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln vor seine Ehre und die Ehre seiner Kinder stelle. Hier sei mit den Mitteln der Eeschichtsfälschung und der übelsten politischen Tendenz- und Verhetzungsdramatik die Institutionen der Kirche und ihres Oberhauptes, ja der Name Gottes selbst, in eine schmutzig - zynische Debatte gezerrt worden. Die „Germania" stellt in aller Entschiedenheit die Forderung an alle maßgebenden Stellen, dafür Sorge zu tragen, daß dieses Stück umgebend vom Spielplan verschwindet, im Interesse aller aufbau- und ordnungswilliaen Kräfte im Staat und im Interesse des religiösen Friedens.
Auch der „A n a r i f f" befchäftiat sich eingehend mit den Protestkundgebungen im Deutschen Theater und bezeichnet das Stück als eine unerhört Schmiererei, die darauf anaeleat sei, Kaisertum und Geistlichkeit des Spätmittelalters zu diffamieren. Man müsse erwarten, daß Dr. Bracht nach Kenntnisnahme
Kitsch ist ein modernes, von Literaten geprägtes Mort. Von einem Literaten-Eaf« Berlins ober Münchens hat es schnell die Rund« um die Welt gemacht. Zunächst nur auf das Gebiet der Malerei und des Kunstgewerbes angewandt wurde es bald 3u einem Schlagwort allgemeinen Charakters für das Glatte — Unechte — Stilwidrige — Banale — Im Innern Gesetzlose — Verfälschte — Phrasenhafte, kurz für das Unschöpferische schlechthin, wo immer es i» Erscheinung tritt.
Unendlich mannigfaltig ist der Inhalt dieses Begriffes. Kitschig nennt man die „künstlerische" Liebespostkarte, kitschig das halbnackte, grelle Kinoplakat. kitschig die moderne, „gotische" Kirche. Kitschig ist etwa di« 700 Kilo schwere Schokoladen-Benus von Milo — sie kann auch aus Seife sein, eine Zierde früherer Weltausstellungen; kitschig nennen wir Kaminholzscheite aus Rubinglas mit markierte» Flammen, wie auch de» Theaterbau mit einer Kirchenfaffade.
Als Kitsch auf künstlerischem Gebiet bezeichnet die lebende Generation einen großen Teil der Erzeugnisse und Schöpfungen der früheren Generation. Ja, als Kitsch wurde in gewisse» Richtungen neuester Malerei sogar die Natur hingestellt und alles, was nach Natur aussah und roch, und von entsprechenden. Musikern alles, was mit Melodie zusammenhinkp De» Höhevunkt aber erreichten, das Letzte an Ablehnung der Kunst, die Dadaisten, die alle frühere Kunst schlechtweg für Kitsch, für einen „magischen Stuhlgang" erklärte».
Der Begriff kitschig wird schließlich auch auf den Menschen selbst angewandt — man spricht von kitschigen Menschen —, und ein Schriftsteller hat einmal den bösen Menschen als den Kitsch der Schöpfung bezeichnet.
Es ist also ein großer Bogen, den dieses Wort umfaßt. Dom billigen Massenartikel über die kolorierte Photographie in „natürlichen" Farben bis zur moderne» „gotischen" Kirche. Vom harmlosen Bühnen- machwerk über den als auf Massenwirkung berechnete» Sensationsroman ober Sensationsfilm bis zum „verschönte" Wirklichkeit geben wollen, aber nicht anspruchsvoll arrangierten letzten Kunstkitsch.
Men dielen Dingen ist gemeinsam, daß sie eine
über das KWH« des Alltags himurskommen. Alle
Die Not der Minderheiten
Berlin, 30. Dezember.
Einer unserer Mitarbeiter hatte Gelegenheit, den Rerchsminister a. D. Dr. Geßler, den Vorsitzenden des Vereins für das Deutschtum tm Auslande, über das Nationalitätenproblem zu sprechen. Dr. Geßler wies in seinen Ausführungen auf den Umfang des Unrechts hin, das in den letzt vergangenen 14 Jahren deutschen Minderheitengruppen im Auslande angetan worden ist. Er sagte, es seien in dieser Zeit weit über 7000 muttersprach- liche Schulen der Minderheiten geschlossen worden, während im ganzen 19. Jahrhundert nur etwa 10 Gotteshäuser von Mehrheitsvölkern beschlagnahmt worden seien, habe man allein In dieser kurzen Zeit 2 500 Kirchen den Minderheiten genommen, anderen Zwecken zugeführt, selber benutzt, geschlossen, oder zerstört. In diese Zahl seien die tn Rußland enteigneten Gotteshäuser nicht einbegriffen. Allen Minderheiten insgesamt seien im gleichen Zeitverkauf 12 Millionen Hektar Land enteignet worden. Diese 120 000 Quadratkilometer überträfen die rund 70 000 Quadratkilometer Boden, die Deutschland durch den Gewaltfrieden verloren habe, bei weitem. Deutfches Volkstum habe also im Auslande weit mehr Bodenbesitz verloren, als das Deutsche Reich Hoheitsgebiet.
Diese wenigen, erschütternden Beispiele bewiesen klar, «daß eine europäische Zusammenarbeit ohne ein annähernd anständig gelöstes Minderheite,':- Wmn 4*4,r _____w“.
Kommuniften-Ausweisungen aus Deutschland?
Berlin, 30. Dezember.
Eine größere Anzahl von ausländischen Kornmu- Nlsten, namentlich solche mit tschechischer und österreichischer Staatsangehörigkeit, haben nach Mittellungen Berliner Blätter vom Berliner Polizeipräsidium die Mittellung von ihrer in Aussicht genommenen Ausweisung erhalten. Da diese Ausweisung tu der allernächsten Zeit bevorstehe, sollen ]te sich im Laufe von acht Tagen dazu äußern. In einem Falle soll bei einer persönlichen Rückfrage dem Betroffenen erklärt worden fein, daß eine Beschwerde seinerseits keine aufschiebende Wirkung haben wurde, da die politische Polizei feine schleunige Ausweisung verlange. Als Grund der Ausweisung wurde ihm seine staatsfeindliche Tätigkeit angegeben, bte u a. auch darin bestanden haben soll, daß er für den Wahlfonds der KPD. gesammelt habe.
H. Kaul-Oluff:
Der unvermeidliche Kitsch
Eine berechtigte Apologie.
einem dauernden Wechsel zwischen Auf und Ab zwi- !^?ntyeILu,ü> Dunkel, zwischen Ein- und Ausätmen besteht. Gewiß, man kann den Kitsch in beschränktem Matze bekämpfen, um ihn für die Kunst fruchtbar zu machen. Aber zu beseitigen ist er nicht. Es sei denn, daß all die Millionen Menschen im Innersten verwandelt würden, und das dürfte aus mancherlei Gründen nicht möglich sein.
Und hat nicht jeder Mensch, auch der idealste eine heimliche Liebe zum Kitsch? Kann nicht auch Kitsch für Augenblicke schön [ein? Sehnt sich nicht jeder einmal nach unmittelbaren, handgreiflichen und spannenden Reizen? Und zieht einmal dem Parzifal eine Jazzband oder ein Kino vor? Entscheidend ist, daß wir im Kitsch nicht umkommen, sondern wenn wir zu ihm greifen, ihn als Antrieb und Umweg zum lebendigen Leben nehmen. Auch das Banale ist notwendig. An ihm erkennen wir erst das Hohe, am Falschen das Echte, am Irdischen erst das Göttliche.
Deutschnational«
Handelspolitik
Berlin, 30. Dezember.
Ja der letzten Vorstandssitzung der Deutschnationalen Volkspartei wurden die Forderungen, die die Partei auf dem Gebiete der Han- del^iolitik erhebt, etwa wie folgt zusammengefaßt: ' Deutschland ist, um seine gewaltigen Auslandsschulden von über 20 Milliarden Mark abzahlen zu können, gezwungen, einen Ausfuhrüberschuß herauszuwirtschaften. Die durch den Export erworbenen Devisen müssen in erster Linie zur Deckung der notwendigen Rohstofseinfuhr für die Industrie Verwendung finden. Erst in zweiter Linie können die nicht notwendigen Einfnhrbediirfnisse befriedigt werden. Die Katastrophe der deutschen Landwirt- schast verlangt gebieterisch eine Beseitigung der Einfuhr solcher Lebensmittel, die Deutschland selbst erzeugen kann. DiemengenmäßigeRegelung der Einfuhr aus den einzelnen Bezugsländern ist bas emzige System, das zurzeit wirkliche Rellungs- moglichkeiten bietet. Diese Kontingentierungspolitik gestattet es auch, die einzelnen Länder in dem Maße verschieden zu behandeln, das ihrer Bedeutung als Kunden Deutschlands entspricht. Jede Regelung beö Außenhandels aber bleibt unvollkommen, wenn btc Last der Außenschulden nicht durch ein Schul-
Leistunachfäbiätzit ox>ae-
Da» Sch'ck,al der ÄönigsBerger Kunstakademie. Die Verhandlungen zwischen dem Preußischen Kultusministerium und dem Finanzministerium über das Schicksal der Königsberger Kunstakademie find jetzt abgeschlossen worden. Fünf Meisterateliers bleiben besiehe», und zwar zwei für Malerei und je eins für Graphik, Zeichnen und Bildhauerei. Die Kunstakademie wird dadurch unter Fortfall des Werkstättenbetriebs vollständig auf die freie Kunst beschränkt sein. Dl« erforderlichen Mittel stehen zwar erst im Etat 1933 zur Verfügung, man wird aber bis zum 1. April den Betrieb so fortführen, daß dann ein reibungsloser llebergang in den neuen Zustand möglich ist.
Meyrinks literarischer Nachlaß. Gustav Meyrink hinterlagt «in Werk, das bisher noch keinen Verleger gefunden hat, einen Roman mit dem Titel „Salz".
Die deutschen Ausgrabungen in Pergamon. Der Preu- tzlschen Akademie der Wissenschaften hat Professor Wiegand einen neuen Bericht über die Ausgrabung des Asklepios - Heiligtums zu Pergamon überreicht. Danach ,,t neben dem Tempel des Gottes jetzt ein zweiter Rundbau von etwa 60 Metern Durchmesser frei» ge.egt worden, der tm oberen Geschoß i-chs große kapellenartige Nischen zeigt, die vermutlich diearzt- h$en Kurzwecke eingerichtet waren. Zahlreiche Inschriften zeigen, daß das Asklepieion in der Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Ehr. einen glänzenden Um, "b" "'ähren hat und ein Sammelpunkt der damaligen gebildeten urb vornehmen Welt war, bie in dem für cchstausend Mensche» erbeuten Theater den Ausführungen der Rhetoren. Philosophen und Sophist»» vLNvQtzNtL.
Sette r
Innenpolitik, des Führers der NSDAP Adolf H i t- I c r klar zu umreißen. Unverkennbar hat Hitler im Laufe der letzten Jahre durch den Aufbau einer rie- fcnhaften Parteibewegung Leistungen vollbracht, denen man schwerlich aus diesem Gebiete etwas Gleichartiges an die Seite stellen kann. Während
Dauer dieses Ausbaues war auch die politische .»ielrichtung seines Unternehmens klar und eindeutig Nachdem jedoch die letzten Wahlen an einer Reihe vou Beispielen gezeigt haben, daß das Wachstum dieser Bewegung sich nicht im früheren Maße sortge- fetzt hat, und nachdem in personeller wie in sachlicher Hinsicht, besonders in der Regierungsfrage, manche Schwierigkeiten aufgetreten sind, ist auch die Grundtendenz der Politik Hitlers nicht mehr so deutlich zu erkennen. Seine wiederholte Weigerung, sich an einer unter anderer Führung stehenden Reichsregierung zu beteiligen, und seine immer neue Proklamierung des weiteren Kampfes hat immer stärker die Frage in den Vordergrund treten lassen, wohin die gesamte Bewegung schließlich geführt werden soll, wenn die ursprünglich ins Ange gefaßten Ziele mit den bisher angewendeten Mitteln nun einmal nicht erreicht werden können.
Um diese beiden besonders interessanten Gestalten der deutschen Innenpolitik schließt sich selbstverständlich noch ein reichhaltiger Kranz anderer Persönlichkeiten, deren Einfluß sich in den nächsten Monaten irgendwie geltend machen wird. Und wenn man diesen Kreis auf das Gebiet der Außenpolitik erweitern wollte, so könnte man eine, lange Silvesternacht mit der Ausdeutung aller der vielfältigen Gestalten zubringen, die für das Schicksal Deutschlands im neuen Jahre irgendwie maßgebend sein werden, lieber diesem bunten Spiel steht jedoch die Gestalt des Reichspräsidenten von Hindenburg, der uns auch im neuen Jahre die Gewißheit dafür gibt, daß nicht bloße Zufälligkeiten für die weitere Gestaltung des deutschen Schicksals ausschlaggebend fein fallen.
Dr. Th.