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Donnerstag, 29. Dezember 1932

Kasseler Neueste UdAritfifen

Sette 9

Aus aller Well

der

KieiM Cfotohik

Tödlicher Scherz. In Schloßberg (Bayern)

erlitt

Einst war ich einQroßfürst

Mit dem Abdruck beginnen wir morgen Freitag

fortgesetzt.

worden und bat seine Reise elbabwärts

Die heutige Nummer umlntzt 12 Gelten

Paul Andres

Wie es mir war beim Auszug aus der Weli

der

100

Die Denkwürdigkeiten des vor kurzem gestorbenen Großfürsten Alexander, des Freundes und (durch Heirat der Schwester des Zaren) Schwagers Nikolaus II von Rußland, haben wegen ihrer deutsch-freundlichen Gesinnung in den ,Siegerstaaten‘ ziemliches Aufsehen erregt. Großlürst Alexander galt allerdings schon früher am Zarenhof als ein wenig aus der Art geschlagen < er war geistig regsam, weltoffen und ein Weltmann, aber sicherlich kein Lebemann schlechthin. Die Ereignisse haben ihn schließlich zum Lebensweisen gemacht, der Abstand von den Dingen gewonnen hat und mit dem Schicksal nicht mehr haderte — eina Figur also, der man Sympathie nicht versagen kann. Da Alexander vor dem Aus­bruch der bolschewikischen Revolution auf seinem Besitz am Schwarzen Meer sich aufhielt, gelang ihm und seiner Familie d e Flucht. Was Alexander bis zu diesem Zeitpunkt erlebte, erzählt er in seinen Denkwürdigkeiten, die wir im Auszug veröffentlichen.

Schatten stellte. Die Zufahrtsstraßen zur Rockefcller- Lity waren schon Stunden vor Beginn der Vorstel­lung von einigen Tausend Autos verstopft. In dem Palast, bit mit größtem Prunk ausgestattet »st, entwickelte sich ein gesellschaftliches Bild, wie es

Tänzer Harald Kreutzberg. Tas Ballett Roxyeties" führte 2 000 Kostüme vor.

Tie Mutter der Studenten. In der Berliner Uni­versität hat sich eine Garderobefrau als rettender Engel für die Studenten erwiesen; jeder abgegebene Mantel wird von ihr genau geprüft. Bei der Rück­gabe sind die losen oder fehlenden Knöpfe angenäht und die Schmutzflecke beseitigt.

Die verräterischen Papierschnitzel. Durch die Auf­merksamkeit einer Frau ist in Berlin-Friedenau ein ungetreuer Postbeamter entlarvt worden. Es bandelt sich um einen Postschaffner, der gestand, seit längerqr Zeit auf seinen Bestellgängen Briefe, in denen er Geldscheine vermutete, geöffnet und beraubt zu haben. Die Entlarvung erfolgte auf eigenartige Weise. Eine Frau hatte auf der Straße beobachtet, wie der Post­beamte einen Umschlag zerriß und die Papierschnitzel fortwarf. Sie setzte die Papierstücke wieder zusam-

Festnacht in Rockefetter-Ltty

Neuyork, 29. Dezember.

Ein gesellschaftliches Ereignis größten Stils bil­dete die Eröffnung der Rockeseller-Eity, des neuen Pergnügungszentrums von Neuyork. Der baulich größte Teil dieses Milliarden-Projektes, an dem Rockeseller erheblich beteiligt ist, ist vollendet wor­den. Das neue Revue-Theater mit 6 200 Plätzen wurde mit einer Gala-Vorstellung seiner Bestim­mung übergeben. Es wurde ein Ereignis, das die alljcchrliche Premiere der Metropolitan-Oper in den

ländischen Motorschoner „Watergeus" wurde beim Bergen des Großsegels vom Großbaum erfaßt und über Bord geschleudert. Alle Rettungsversuche wa­ren vergeblich. Der Kapitän fand den Tod in den Wellen. An Bord des Fahrzeuges befanden sich die Frau des Kapitäns und fünf kleine Kinder im Alter von 3 bis 11 Jahren sowie ein junger Matrose. Der Kapitänsfrau und dem jungen Matrosen gelang es unter großen Schwierigkeiten, den Motorschoner bei dichtem Nebel in den Hafen von Swinemünde zu steuern.

Jnsulls Auslieferung abgelehnt. Das Gericht von Athen hat die Auslieferung des amerikanischen Großindustriellen und Finanzmannes Jnsull im Gegensatz zu der Forderung des Staatsanwalts ab­gelehnt. Jnsull wurde auf freien Fuß gesetzt. Nach einer Washingtoner Meldung des Neuyork Herold soll die amerikanische Regierung die Frage prüfen, ob eine Berufung gegen das Athener Urteil mög­lich sei.

Zehn Landstreicher verbrannt. Auf dem pol­nischen Gute Bujny (Kreis Petrikau) geriet ein Strohschober in Brand. Die Tätigkeit der Feuer­wehr beschränkte sich darauf, das Ueberspringen der Flammen auf die in der Nähe stehenden Häuser zu verhindern. Als der Schober vollkommen ntederge-

ein Mädchen einen Herzschlag, das sich zum Scherz in einen Sarg gelegt hatte, wobei es meinte, daß dieser gerade für sie paffen werde.

200 Meter abgestürzt und unverletzt. Bei Hin- terdux, oberhalb der Bichelalp, im Zillertal, stürzte der 24jährige Sohn des Mitinhabers der Buch- bruderet Hermann Klockow in Berlin, einen 200 Meter hohen Abhang herunter. Glücklicherweise wurde er von einem Schneefeld aufgefangen, so daß er unverletzt davonkam.

Seemannstragödie. Eine Tragödie, wie sie das harte Seemannsleben mit sich bringt, hat sich in stürmischem Wetter aus der Ostsee vor Arkona (Rü­gen) abgespielt. Der Kapitän Weynhold vom Hol-

Verantwortlich für Ben oottttlchen Teil: Tr. Walter V e b n t: für das Feuilleton: (Sermon M Bvnaa: für den lokalen Teil: Dr. Hans stoachim Glaser: für den Heimartetl: Rudolf ® I ä f e r: für Handel:

nten, bis die Adresse lesbar wurde, und teilte ihre Beobachtung dem Postamt mit.

Wieder sichtiges Wetter auf der Unterelbe. Der dichte Nebel, der mit einer ganz kurzen Unterbre­chung seit Sonnabend über dem Unterelbegebiet und der Nordsee gelagert hatte, hat sich verflüchtigt. Etwa 150 Schiffe aller Nationen waren auf dem Elberevier vor Anker gegangen. Sie konnten ihre Fahrt wieder aufnehmen. Es entwickelte sich daher ein außerordentlich reger Schiffsverkehr. Der hol­ländische Dampfer „Gelderland", der int Nebel bei Schweinsand festgeraten war, ist wieder flott ge-

Oer Berliner Asphalt-Krieg

Berlin, 29. Dezember.

Wie gemeldet, wurde dieser Tage das Urteil im Rutschasphalt-Prozeß gesprochen, das die Stadt Ber­lin dazu zwingt, den Rutschasphalt in Rauhasphalt umzuwandeln. Die Stadt Berlin befindet sich in einer außerordentlich peinlichen Lage, sie ist durch das Urteil gezwungen, den gesamten Rutschasphalt in Rauhasphalt umzuändern. Tie außerordentlich schwierige Finanzlage der Stadt Berlin macht es dem Magistrat praktisch unmöglich, die selbstver­ständlichen Folgerungen aus dem Urteil zu ziehen. Der Umbau der Straßen erfordert mehrere Millio­nen Mark Sonderkosten. Die Stadt kann nur dann an den Umbau der Straßen Herangehen, wenn der Antell des Arbeitsbeschasfungsprogramms der Neichsregierung für Berlin so groß ist, daß die Reichshauptstadt ohne allzu starke finanzielle Ein­buße an die Durchführung der Stratzenbaunot- standsarbeiten Herangehen tarnt. Mit anderen Worten: Berlin wird nur bann in der Lage sein, seine Straßendecke umzubauen, wenn das Reich hilft. Verantwortlich für die bisherige Straßenbaupolitik wird Stadtbaurat Hahn gemacht. Allen Einwän­den zum Trotz, hat er immer wieder den Rutsch­asphalt verteidigt, und es ist. wie das B. T. schreibt, unbegreiflich, weshalb der Magistrat der eigenarti­gen Taktik feiner Tiefbauverwaltung so lange taten­los zugesehen hat, bis ein für die Stadt nicht ge­rade schmeichelhaftes Urteil Berlin dazu zwingt, nahezu die gesamte Straßendecke Berlins aufzurei- ßen.

Schritt kommen. „So geht eine Jungfrau-, dachte ich. Und ich hörte den Schlüssel in der Clausurtüre. Dann sah ich ihn. Das Abendrot streichelte ihm über den greifen Kopf. Er kam auf mich zu und gab mir die Hand. Aber als ich feine weiche schmale Hand berührte, berührten mich auf einmal so viele Hände, gut und warm wie diese Hand, Hände, die ganz willenlos in meiner Hand gelegen, und die ich nicht gewollt hatte, vergebliche Hände, die sich nun schließen sollten um eine verblühte Hoffnung, weil sie mir nur die Hände von Menschen waren, die greifen, aber nicht halten können. Ich drückte die Hand des Greises. Pater Magister sah mich durch­aus nicht mit dem forschenden Seelsorgerblick an, der so oft von den Priestern eingeübt wird. Er lachte und wies alle seine Zähne, sie waren gelb und angefault, aber fein Lachen war ein Windstoß durch meine Seele, und ich tat einen tiefen, fast verzweifelten Zug aus den guten, von Lachen ver­kniffenen Auge».

„Sie schauen so ernst", sprach er dann und lachte wieder. Aber ich hielt seine Hand und schwieg. Mein Gott, wie konnte dieser Mensch lachen! Und hätte er nicht gelacht, ich hätte meinen Koffer zur Stunde wieder ausgenommen und wäre gegangen, denn seine Hand batte mir mit ihrer Weichheit so web getan. Aber dann drückte er mich auf einen Stuhl und bob feine Stimme, als stehe er zur Pre­digt auf. „Nun das Wichtigste, mein Lieber!" Er­wartung laut über mich: was wird das fein, das Wichtigste? „Sie haben noch kein Abendbrot!" Und damit war er wie ein Knabe leicht und frisch hin­aus, und ich hörte seine Sandalen auf den fernen Steinplatten verklappern. Ich muß gestehen, das war eine Enttäuschung. „Also mit Esten beginne ich hier", dachte ich. stand auf und ging in dem klei­nen dämmerigen Raume umher. Da hing ein Bild mir gerade vor den Augen: Franziskus umgürtet Klara mit dem Strick der Nachfolge. Franziskus liebte Klara, und Klara liebte Franziskus. Aber sie erfüllten ihre Liebe nicht im eigenen Blute, son­dern im Blute des Lammes. Wer kann das ver­stehen? Der arme Mensch erschrickt vor solchem Bild und versckiluckt einen süßen Namen, daß er immerdar in ihm bleibe. Doch eine Gnade kann kommen, daß er den geliebten Namen vergibt und hinspricht in die Flamme Gottes. Ja, ich bade es einmal verstanden, daß. Menschen sich so lieben kön­nen, daß sie vor Liebe gleichsam einander sterben und Kott zum Erben einsetzen.

Ich hatte damals noch keine Frau dem Herrn banttbringen. weil ich bis bahin die Frau im all- acmeinen geliebt hatte, und so opferte ich sie auch im allgemeinen. Es war bas vielleicht ein noch

Oie geplünderte Bankiersvilla

r Potsdam, 29. Dezember.

In der Potsdamer Villa des früheren Vorstands­mitglieds der Dresdner Bank, Herbert 2)1. Gutmann, wurde in den frühen Morgenstunden des Mittwochs ein aussehenerregender Einbruch verübt. Nach den vorläufigen Feststellungen wurden Perserteppiche und Silbersachen, Tafelgeschirr und zahlreiche Kunst- gegenstände von beträchtlichem Wert entwendet.

Direktor Gutmann wohnt in dem sogenannten Bankiersviertel Potsdams und besitzt hier ein um­fangreiches Villengrundstück mit einem schloßarligen Gebäude inmitten eines großen Gartens. Zu frü­her Morgenstunde hörten Angestellte des Bankiers verdächtige Geräusche im Erdgeschoß der Villa und entdeckten, daß Einbrecher, die inzwischen das Weite gesucht hatten, durch ein zu ebener Erde gelegenes Glasfenster in die Villa eingebrungen waren. So­fort benachrichtigte Kriminalpolizei durchsuchte bas Grunbstück unb ben Garten. Spuren, die geeignet sind, zur Entdeckung der Täter zu führen, sind noch nicht gefunden worden. Lediglich im Garten fand man noch einen Perserteppich, den die Diebe offen­bar nach dem Alarm bet Angestellten auf der Flucht weggeworfen hatten.

Hotewrand in Bukarest

Bukarest, 29. Dezember.

In dem siebenstöckigen Hotel „Britania" in Bu­karest biadLifll Siebenten Stockwerk Feuer^gus und griff auf die unteren Stockwerke übet. Alle Feuer­wehren von Bukarest und Umgebung arbeiteten fie­berhaft an der Löschung des Brandes. Zahlreiche Frauen und Kinder konnten sich nur dadurch retten, daß sie aus den Fenstern auf hingehaltene Sprung­tücher sprangen. Bald waren vier Stockwerke von den Flammen ergriffen. Das Feuer konnte erst nach mehrstündiger angestrengter Arbeit der Feuer­wehren gelöscht werden. Der Schaden beträgt etwa 5 Millionen Lei.

Dem soeben erschienenen Roman des jungen Dich­ters Steten Paul Andres „Bruder Lueiser" entneh­men wir mit Erlaubnis des Berlages Diederichs in Jena den folgenden Abschnitt.

Denn so wollte ich es: ausziehen aus der Welt. Unb als ich auf bet Landstraße meine Augen zu den kleinen Zellenseitsterchen erhob, fühlte ich ein kur­zes Flattern wie von Schwalbenflügeln mitten in meinem Herzen. Ich stellte meinen Koffer auf die Straße und mein Atem ging schwer. Ich konnte die Nähe bet Erfüllung nicht glauben. Unb ich fragte eine alte Frau: „Ist das weiße Haus das Äapu- jinerUofter?" Sie sah mich an unb meinen Soffer und nickte bann: „Ihr seid ba!" Das Wort war wie ein Tütschlag hinter mir. Ich zog die Schul­lern hoch und ging mit brausendem Kops aus die Pforte des Klosters zu. Ich ging,,unb es war mir bei ben wenigen Schritten, als wanbelte ich burch mich selber tote burch eine öbe Stadt, aus der alle Menschen unb Tiere entflohen sind, entflohen in ein neues arünes Leben vor der Stabt Unb ich ging meiner "Sehnsucht nach, die mir vorausgegangen war. Dort, in betn weißkalkigen Haus mit ben vie­len kleinen Fensteraugen, bie unvergittert in das flache Land schauen, dort in einer ruhigen Zelle saß ich in Gedanken schon lange; nun war ich da.

Als ich das kalte Kupfer des Kreuzes — so sind nämlich die Schellengriffe an den Klostetpforten meist gebildet, was ein Sinnbild sein soll — als ich ben Kreuzgriss in meinen Fingern fühlte — es war aber ein Frühlingstag, unb ba prickelt bas kühle Metall in unseren Händen wie ein gefülltes Wein­glas — als meine Finger sich um ben Griff schlos­sen, ba brach ein kühler Strom bes neuen Lebens in mich ein. Ich riß begehrlich an der <ochelle: bas klang aus der Weite wie das dünne Klirren eines Glases. Unb ich habe gelächelt, mit, einem Male war mir bas neue Haus so selbstverständlich, bau ich meinte, in ein Wirtshaus an der Landstraße und nicht in das Haus des Herrn einzutreten.

Der kleine Bruder Pförtner tarn. Sein langer, eisgrauer Bart ging bis unter den Strick. Ick wat so nüchtern unb scharfsinnig in dieser Stunde: ich sah was er noch vorn Abendbrot im Schnurrbart hängen hatte, ich sah seinen braunen Habit vorn an den Aermeln durchgestoßen, unb ich roch, baß er eben einen guten Stummel irgendwo nicbergclegi

Ein historischer Witz.

König Heinrich IV. von Frankreich hatte einen Ratgeber namens Totton, einen Jesuiten, dem er für den Geschmack seiner Zeitgenoffen etwas zu viel Ver­trauen schenkte. Man brachte deshalb die Redensart auf: „Unser König ist gut; aber er wäre noch besser, wenn er nicht Cotton (Baumwolle) in den Ohren hätte."

Neuyork in einem solchen Ausmaße seit langem nicht erlebt batte. Im Eröffnungsprogramm gastierte Pera Schwarz, der Bassist Titta Russo unb

Dr. Hans Langender g: für den Svortieil: Her» b e r t S # e t 6: Pdow-Rcdaklour Eduard Schul,» Kessel; für Anzeigenteil: L S. Karl Laube. — Berliner Sdirittleitung- Dr Salier T t> u m Ber­lin SS. 68. — Druck und Verlag: Kasseler Neueste Nachrickuen G. m. b. H. Raffel. Kölnische Strobe UL

größerer Schmerz, weil ich all die wunderbar süßen Träume über das Weib, ohne die häufige Entstel­lung und Enttäuschung einer verwirklichten Liebe, mir entschlagen wollte. Es war etne große, dumpfe Wunde in mir, als hätte ich nicht eine, sondern viele Blumen ans meinem Gründ und Boden ge­rissen.

Gewiß ivußte Pater Magister von diesem lieber» winden nicht viel, oder er wußte es nicht mehr, denn er kam so geschäftig mit einer Platte herein und trug Brot unb Fleisch auf. Nichts sagte er zu mir als: „Sie müssen einen guten Anfang machen, also halten Sie sich gut mit beriet einfachen Singen!" Ich blickte ihn emtänscht an, unb daß ich so wenig aß und all seinem Drängen nicht dankbar nachkam, war bas erste Auflehnen, ganz heimlich und mir selber nicht bewußt. Das ganze Gespräch meiner ersten Klosterstunde hatte hernach, als rott ausstaii- deu, ungefähr das eine ergeben: ich sollte den Bart stehen lassen. „Wie der von selber wächst, lassen Sie alles kommen. Es wird schon recht" sprach der Magister und lachte wieder, unb wieder mußte ich beiden: „Woher hat dieser Mensch sein Lachen?" So lacht ein Kind, dem inzwischen die Jahre einen Bart anklebten, wirklich ein Kind, aber eins mit Furchen auf der Stirn, ein Knabe, der seine Schul­tern vom Habit nicht engbrüstig zusammenbrücken ließ. Er hatte eine Männerbrust bekommen, aus der das Lachen stieg tote Vogelsang aus dem Walde.

Wett es schon zu spät geworden war, um mich m die Gemeinschaft meiner neuen Brüder zu führen, brachte er mich auf meine Zelle. Eine Kapuziner­zelle mißt nach oben ein Stückchen über zwei Meter, in der Länge drei und in der Breite zwei Meter. Darin paßt in die eine Ecke die Pritsche, in die an­dere bas Stubierpult unb ein Stuhl. Das ist alles, wenig unb viel zugleich; viel deshalb, weil alle Wunder der Einsamkeit in dieser kleinen Zelle hocken, so daß man behutsam gehen und stehen muß tote zwischen kleinen, int Sande spielenden Kindern. Pater Magister hatte mir die Kerze angesteckt und war still gegangen mit dem Gruß: „Ave Maria zur guten Nacht!" Ich blies aber die Kerze gleich aus unb öffnete bas kleine Fenster. Unb als hätte ich eine Gewürztruhe aufgetan, schlug mir der Geruch des Gartens entgegen, bet nun tote ich baftanb in sattster Dunkelheit und voll geheimen Wartens. Ja, tote toohk ber Morgen aussähe und der Tag in bie« ser Zelle. Ich stand lange am Fenster. Die Kerze zündete ich nicht mehr an, denn ich kam mir mit meinem modischen Anzug unschicklich vor in dieser Jelle. Ich mußte mich umziehen, inwendig und auswendig. Ja, das wollte ich.

hatte. Da tat ich bei mir selbst die erste Frage: warum kommt er nicht mit qualmender Zigarre dir

Aber als der Bruder fragte: „Was wünschen Sie?" wußte ich aus die einfache Frage durchaus keine Antwort. Ich besann mich, stellte meinen Kof­fer hin, und als ich mich bückte, sah ich die nackten saubereit Füße des Bruders in ben Sandalen ste­he». Da lief es wieder warm über mich, unb ich war froh, bald meine spitzen Schuhe ausziehen und mit bloßen Füßen toanbetn zu können. Ich sprach, als sei der Laienbruder vor mir der Generalmini- fter des Ordens: ,Jch bitte um meine Ausnahme!"

Der kleine Bruder mit dem dicken Kops war ein Schalk, wie das ein alter Pförtnerbruder mit ber Zeit leicht wird, wenn er so Sielen Menschen die Klostertüre aus- und zumacht, und es zog um seine Augen bis auf die Stirne ein krauses Lachen — um den Mund verbarg der Bart alles — unb er nickte nur, nahm mit hurtigem Griff meinen Koffer und sagte: „Also bann! In erttu Israel be Aegvpto! Pater Rkagister kommt gleich. Warten Sie hier!"

Und ich erwartete Pater Alagister, mit dem ich brieflich um meine Aufnahme verhandelt hatte. Diese Viertelstunde war eine ber Wartezeiten meines Le­bens, die ich immer in Erinnerung habe. Mein gelassenes Warten lag tote ein Kardinalsmantel um mich, und doch schlugen darunter die Knie anein­ander. Das Sprechzimmer toar sehr einfach, aber die weißen Wände mit den dunklen Heiligenbildern, das grobsproffige Fenster ohne Vorhang und Spitzen, wie es sein schwarzes Gerippe gegen ben schön dämmernden Himmel hielt, die Strohstuhle und ber kantige Tisch, das alles hatte eine eindring­liche Gebärde. Ich fühlte, daß bie Armut in ihrer Einfalt unb Würde ein Stil sei, ber zwar mit kei- nem Kunstkollegium der hohen Schule zusammen­hängt, ben ich aber nun schon an meinem Leibe spürte und wohlig spürte, denn ber Stil ber Armut gibt ein leichtes Herz und freundliche Augen.

Später hat mir mein Pater Magister betraten, daß er gerne bie Neulinge ober auch Deltkinber im Sprechzimmer warten läßt, mit ber Begrünbung: „Der Geruch unb die Rübe unserer Sprechzimmer ist ein Weben aus bem Paradies!" Unb ich habe ihn verspürt in jener Viertelstunde! Endlich hörte sch übet bte Steine des Ganges einen leichten

bräunt toar, machte man eine furchtbare Entdeckung. In der Asche wurde die zur Unkenntlichkeit verkohl­ten Leichen von zehn Personen gesunden. Es han­delt sich um Landstreicher, die in dem Strohschober übernachten wollten, da der Gutsbesitzer an jedem Morgen unb Abend an Landstreicher Verpflegung zu vertellen pflegt. Das Feuer ist wahrscheinlich durch Zigarettenrauchen entstanden.

Das Weihnachtsgeschenk eines Schriftstellers. Der Arzt und Schriftsteller Dr. Atel Munthe hat, wie aus Stockholm gemeldet wird, dem König von Schweden den Betrag von 100 000 Kronen zur Ver­teilung an die Blinden, die Lappen und bie Tier­schutzvereine überwiesen. Diese Summe stellt ben Betrag bar, ben Dr. Munthe für eins seiner Bü­cher in Schweben erhalten hat. Er stellt weitere Gaben für ben Fall des weiteren Verkaufs in Aus­sicht.

Barzahlung erwünscht. Zwei Damen ber eng­lischen Gesellschaft haben in London einen Fischladen aufgemacht. Als man sie fragte, warum sie nicht lie­ber, wie andere Damen, einen Mode-Salon eröffnet hätten, antworteten sie, daß sie keine Lust hätten, mo­natelang auf Bezahlung ihrer Rechnung zu warten: Fische würden immer bar bezahlt.

Grippe-Epidemie in England. In Birmingham sind bis jetzt fast 600 Straßenbahn- und Omnibus- angestellte, 100 Polizisten unb über 300 Postange- stellte an Grippe erkrankt. Zahlreiche Fälle von Lnngenentzünbung als Folgeerscheinung ber In­fluenza finb zu verzeichnen, letzte Woche allein 150 und diese Woche bereits 100. Die Zahl der Todes- fälle betrug letzte Woche 30.

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Gtadtflucht auch in LlSA.

Washington, 29. Dezember.

Aus einer soeben veröffentlichten amerika­nischen Statistik geht hervor, daß auch in U. S. A. in den letzten Jahren eine Rückwan­derung ber Bevölkerung von den Städten auf das Land eingesetzt hat. (Es handelt sich da um ähnliche Erscheinungen, wie sie ja auch in Deutschland (tmr aus anderen Gründen) statistisch nachweisbar finb. In den letzten Dorkriegsjahren bis tief in die Nachkriegs­zeit hinein übte die Stadt auf bie amerikanische Landbevölkerung einen großen Anreiz aus. In den Jahren 1910 bis 1919 wanderten jährlich durchschnitt­lich 46 000 Personen mehr in die Stabte, als von den Städten auf bas Lanb. 1920 bis 1929 büßte bie amert» konische Landbevölkerung sogar jährlich durchschnittlich 145 000 Personen ein. In den Jahren der „Prosperity verließen die Amerikaner scharenweise die Dörfer und die kleinen Städte, um in den größeren Städten neue Derdienstmöglichkeiten zu suchen. Erst seit dem großen Börsenkrach von 1929 machten sich die Anzeichen eines Umschwungs in der Bevölkerungsbewegung bemerkbar, der sich aus dem Suchen nach billigeren Lebensbedin­gungen erklärt.

Im Jahre 1930 kehrten bereits 416 000 Personen aus ben Städten auf das Land zurück, im Jahre 1931 sogar schon 656 000. Der Rückstrom der amerikanischen Stadtbevölkerung auf bas Land nimmt im Jahre 1932, wie aus ben bisherigen Ermittelungen hervorgeht, noch größeren Umfang an. Am Ende b. 5. werben, wie im Jahre 1910, wieder 32 Millionen Amerikaner auf dem Lande wohnen. Die Bevölkerungsoerluste des platten Landes find also innerhalb von reichlich zwei Jahrzehnten glytt wieder ausgeglichen worden.

Er hat keinerlei Schaden burch die Grundberüh- rung erlitten.

Der Retter der Uhrenstadt. Die Uhrenstabt Glas­hütte in Sachsen, bie vor einigen Jahren in Konkurs geraten toar, verlieh ihrem Mitbürger, Oberregie­rungsrat a. D. Putzger bas Ehrenbürgerrecht. Putzger hatte die Finanzen der Stadt saniert.

Der Verbrecher im Korb. Bei einem Pfarrer eines ostpreußischen Dorfes wurde ein Reisrkord unterge­stellt, ber durch merkwürdige Bewegungen nach kurzer Zett Verdacht erregte. Als man ihn öffnete, sand man | darin einen schwerbewaffneten Einbrecher.