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Bettel

Kasseler Neueste Nachrichte«

Mittwoch, 28. Dezemver 1982

I

„Unrein! — Unrein!"

Bilder aus den javanischen Pestdörfern / Don D. M. Max Kai«

Pestland Java

„Auf -wtoa. ist die Pest zuhause", beschwichtigen die Aerzte; Njai Loro Kidoel straft uns", stammeln die Javaner fatalistisch, „Wohnungen brauchen die Java­ner", sagen öie Fremden, Objektiven . . . Und die Fremden, Objektiven haben recht.

Die Pest ist nicht auf Java zu Hause, aber ste wird nirgends so gastlich ausgenommen, als im dreckigen Eingeborenenoors. Dorr findet die Pest ihren wärm­sten Herd, den widerstandslosesten Wirt und die schüt­zende Religion.

Täglich 8—10 Tote in jedem Dorf von Mittel- und West-Java. Das sind Ziffern. Ziffern, die die Pest- divioenden von Ostjava bedeutend übersteigen. Dort har man Wohnungen gebaut, hat Ungeheures in den letzten Jahren geleistet, har die Pest zum Wandern ge­nötigt. Fast unüberwindlich ist der Widerstand, den wir hier finden. Sobald unser Auto in ein Dorf -ein= fährt und unsere Pestschutzkleider sichtbar werden, flüchtet die Bevölkerung, als wären wir die Pestkran­ken. Tagtäglich werden eingeborene Propagandisten verhaftet, nur weil sie gegen die Impfung aufrufen und die Javaner zum Widerstand ausfordern.

Bongkrek, das gottgefällige Gift

Die Angst des Javaners vor dem „foentik - len“ vor dem „Hineinstechen" bei Injektionen ist sprichwörtlich und findet in seiner Religion reichen Nährboden. Es ist ihnen geradezu verboten. Die Eingeborenen­kinder in den „Desa - Schulen" werden von den Eltern zu Hause behalten, sobald man etwas von Schul­impfungen hört. Die P. S./I. I., die nationale Be­wegung auf Java, agiert mit allen Mitteln, schreibt das Unheil nicht der Pest, wohl aber den Pestärzten zu. Seit dem Mittelalter mutzte die Zwangsbehand­lung nicht mehr so rigoros durchgeführt werden. Mit Polizei und Landwehr müsien die Kranken umzingelt und eingefangen werden. Bei der Impfung brüllen die Javaner, als würden sie aügestochen. Ein bekann­ter Arzt hat uns nach einer Impfung seine Eindrücke erzählt. Er war Holländer und mutzte den Hatz in den Augen der Kranken funkeln gesehen haben. „Die Pest erst konnte uns zeigen, wie uns die Javaner hasten."

Das Bongkrek hat das Vertrauen, das dem Arzt verwehrt wird. Mindestens halb so viel Opfer hat das gefährliche Gift verschuldet. Aber selbst die augenscheinlichsten Vergiftungen haben vor den angft- qetrübten Augen der Eingeborenen keine Beweiskraft. Bongkrek, die Tränen der beleidigten Göttin Njai Loro mästen erst getrunken werden, dann wird sie wieder verzeihen, wird die Beulen fortnehmen.

Kranke laufen schreiend durch die Dörfer. Tote werden aus der Erde gescharrt und herumgetragen.

Ein Veitstanz unter der Mittagssonne. Profestor Dr. van Wulfften - Palthe, der mit seine« Astistenten van Veen und Mertens ebenfalls das ganze Gebiet bereist hat, mutzte (wie alle anderen) die Erfahrung machen, datz Aberglauben, politische Agitation und Nationalhatz stärker find, als Heilmittel aus den hol­ländischen Fabriken. Manchmal find sie sogar stärker als die Pest.

Keine Spitäler, keine Ambulanz

Ich konnte den Eindruck nicht loswcrden, datz die Pestbekämpfung unter derartigen Umständen grohe Aehnlichkeit batte mit einem Halbjahrsbesuch des Tierarztes auf einer argentinischen Farm. Dort wer­den die verdächtigen Pferde mit dem Lasto eingefan­gen und dem Arzt vorgeführt. Gleich den Pferde« geht es den Javanern. Sie werden eingefangen, vor- geführt und stehen zitternd vor einem Menschen, den |ie hasten, weil er weitz ist und impfen will.

Selbst der europäisierte Javaner wird in der Nähe der Rattenpest die Impfung verweigern und zum Bongkrek greifen...

Isolierte Kolonie« unter Polizei, bewachung

Wie die javanischen Aerzte bereits im Oste« Javas erfahren konnten, war das einzige Mittel gegen die Pest einerseits und gegen den Widerstand der Eingeborenen andererseits, der Bau neuer Woh­nungen. Auf Ostjava hatte dieses Mittel gewirkt. Kein Fall zeigte sich mehr. Aber Wohnungen bauen, ist teuer, so teuer, datz ein Land wie Holland, in der Krise nicht bauen kann. Konnte es doch nicht einmal mehr die Landrente bezahlen.

Man tat, was man konnte. Baracken entstanden. Das Ganze wirkte wie ein Gefangenenlager. Eng­maschig zieht sich das Polizeinetz um die Anlage, Pa­rolen werden gewechselt. Dahinter der Widerstand, Hungerstreik, Gebrüll. Man zerschlägt die hygienischen Einrichtungen, die Ehnäpfe und möchte nach Hause... wo die Pest ist.

Einige Tage lang drückte man das Sterbeminiunnn auf drei Tote herunter, aber schnell änderte sich die Welle und stieg steil wieder nach oben. Acht Tote, zehn Tote... Was man tut, ist wenig, aber das was man geleistet hat, war so schwer erkauft, datz jeder Arzt ein kleiner Held sein mutz.

Bandoeng, legal bildet Arzte aus, täglich gehen ganze Trupps nach allen Richtungen und bringe« Hilfe, die nicht verlangt wird. Der Unverstand selbst geht neben der Pest her.

Ein Volk soll das Gruseln wieder lernen, so «ol­len es seine Götter.^

Dollar-Millionäre in der Krise

Wie man sich in LlGA. einschränkt

Ncuyork, im Dezember.

Sm tragischer und wenn man will auch symbol­hafter Zufall hat es gefügt, datz der Chicagoer Ex- mMiouär Mac Jntyre an demselben Tag aus dem 21. Stockwerk des Hotels St. Moritz in Neuvork sprang, an dem die neueste Millionärstatistik des ame­rikanischen Schatzamtes erschien. Das charakteristischste an dieser Ausstellung ist der rapide Rückgang der­jenigen Personen, die Jahreseinkommen von mehr als 1 Million Dollar haben, von der Zahl 513 aus 75. Und dies alles gilt bloß für 1931; das Krisenjahr, das wir jetzt hinter uns haben, ist hier noch garnicht berücksichtigt...

Auch unter jenen Millionären, für die das Bei­spiel der Kreuzer, Eastman usw. keine besondere An­ziehung besitzt, herrscht eine sehr wehmütige Stim­mung. Leute, die früher nicht mit Tausend-Dollar- scheinen rechnen mutzten, rechnen jetzt mit Cents. In einer der beliebtesten Millionär-Kolonien, in Newport im Staate Rhode Island, gibt es so und so viele Luxushaushalte, in denen alle Ausgaben auf ein Zehntel des früheren Standards und noch stärker herabgesetzt wurden. Manchmal arbeitet altgedientes Hauspersönal bloß für Wohnung und Essen. Anders

wäre es den meisten unmöglich, die Dienerschast durch die Krise hindurch zu behalten.

Besonders schwer haben die Familie« jener In­dustriellen und auch Börsenleute gelitten, die mit der Autamobilfabrikation, mit Eisenbahnen, Oel und Stahl im engsten Zusammenhang standen. Unter ihnen find viele gezwungen, mit den Produkten ihrer Gewächs­häuser und ihrer Musterfarmen gegen die Haudels- gärtnereien und Meiereien, die bisher allein die Märkte belieferten, in schärfste Konkurrenz zu treten. Andere wieder verkaufen ihre Vollblutpferde, sowie ihre vielfach prämiierten Stiere und Kühe zu Zucht­zwecken.

Unter den fünfundfiebzig Personen mit Millionen­einkommen befinden sich nur noch vier mit einem Zah- resverdienst von mehr als 5 Millionen Dollar. Das Schatzamt gibt zwar ihre Namen nicht preis, aber es ist öffentlich bekannt, datz diese kleinste Gruppe von den beiden Mrs. Rockefeller, von Mr. Henry Ford und Mr. I. P. Morgan gebildet wird. Und das Vermö­gen, nicht das Einkommen der drei Brüder Mellon beträgt noch immer die Summe von 500 Millionen Dollar.

Auseinandersetzung mit der Zett

I.

Chesterton: Wie denken Sie darüber?

G. K. Chestcrton bat in den angelsächsischen Ländern schon feine Geschichte. Die einen loben ihn als fähigen Journalisten, geistreichen Schriftsteller, scharfsinnigen Kritiker, die anderen tadeln ihm ob feiner reaktionären Einstellung. „Es ist bekannt", schreibt Chesterton, „daß ich ein unheilbarer Reak­tionär bin, und es ablehne, die großen Tatsachen der modernen Welt anzuerkennen..." In Wahrheit hält sich Chesterton durchaus nicht für einen Reaktionär, er will nur ein wenig gegen die Götzen unserer Zeit anreiten. Die Götzen bekämpft er leidenschaftlich. „Wie denken Sie darüber?" fragt Chesterton und redet, ohne Ihre geschätzte Antwort abzuwarten, von Parlamentarismus, Sozialismus, Kommunismus, Freiheit, Humanität, Psvchonalyse usw. usw. Der Leser lächelt: „Das wird sicher sehr geistreich!", und Chesterton — angeseuert und geschmeichelt — legt feine Feder an und sprengt los.

Reden wir deutlicher. Chesterton ist mit der Gegenwart nicht zufrieden; er will es anders haben. Das ist keine ungewöhnliche Erscheinung. Ungewöhn­lich ist nur, datz Chesterton nicht vorwärts, sondern rückwärts will. Riefen die Leute früher: „Weg mit dem Zopf! Wir wollen die Freiheit!", so ruft Chester­ton Henle: „Weg mit der Freiheit! Der Zopf ist schöner!" Er ist sehr geistreich. Ein glänzender Dialektiker. Ein Künstler des Worts. Aber ist es nickt so, daß er allmählich zn geistreich wird? Man hört gern eine gepflegte Sprache, ein logisches Wort, ein geistreich-wttziges Spiel, aber Chesterton schwingt sich fast nur noch in den Lüften. Er will um jeden Preis geistreich sein. Sätze wie dieser: „Trotzdem habe ick bäusig das Gefühl, daß der ursprüngliche Denker nickt ursprünglich genug denkt", oder wie die­ser: „Tas große liebel bei den Fortgeschrittenen ist, daß sie nicht weiter fortschreiten", haben dem Leser nichts zu sagen.

^ies ein Fehler der Form. Schlimmer steht es um die Sache. Chesterton hält sich für einen Logiker, und er ist ein Logiker. Aber was helfen die besten Schlüsse, wenn die Prämissen nichts taugen. Chester­ton sagt: ,Zck lebne es ab, die großen Tatsachen der modernen Welt anzuerkennen", und bann spricht er von: Parlamentarismus. Abschaffung des Sonntags in Sowsetrntzland, Psvckoanalvse. Kameradschaftsehe usw Und darin Herr Chesterton liegt Ihr. Irrtum!

Die „großen Tatsachen der modernen Welt" heiße« ganz anders. Sie beißen:: Sozialer Gedanke, Armen­fürsorge, Tuberkuloseforschung, Sterilisation u. v. a. m. Die Dinge, gegen die Sie, verehrter Herr Chesterton mit Witz und Ironie ankärnpfen, würden sich auch ohne Ihre freundliche Mitwirkung im Laufe der Zeit erledigen.

Chesterton ist nicht Revolutionär und nicht Real- tionär, er ist ganz einfach einer der Ewig-Oppo- sitionellen. Früher haben diese Leute sich gern als Freigeister bekannt; Chesterton ist wieder katholisch geworden. Diese Leute meinen es ernst und ihre Gefühle sind echt, aber sie können nun einmal nicht zufrieden fein. Sie müssen oppositionell fein aus an­geborenem Widerfprucksgeist, aus Haß gegen den Philister, aus Langeweile, ans Gefallsucht. Die Gabe, die Dinge zu nehmen wie sie nun einmal sind und daraus das Beste zu machen, ist ihnen nicht gegeben.

Chesterton reitet gegen Windmühlen, und er darf sich nicht wundern, 'wenn ihm dabei trotz des Bei­falls der Leser schummerig zu Mute wird. Glaubt Chesterwn, der neugebackene Katholik, wirklich, feine Kirche gegen die Angriffe der modernen Welt ver­teidigen zu muffen? Glaubt er wirklich, daß es frü­her soviel besser war als heute? Wir sind mit ihm der Ueberzeugung, daß an der Gegenwart viel aus­zusetzen ist, aber wir glauben nicht, daß die Ver­gangenheit ideal war. Wir halten es nicht für rich­tig, gegen Mr. H. G. Wells mit Kanonen zu schießen.

Vielleicht schenkt uns G. K. Chesterwn, der ein kluger und ernster Mann ist, einmal ein Buch ganz ohne Paradorien. Es könnte ein gutes Buch werden, ein weises Buch. (Carl Schünemann Verlag, Bremen).

n.

Ludwig Bauer: Welt im Sturz.

Man hört in all der Not unserer Zeit sehr diel optimistische Stimmen. „Es wird schon wieder besser werden! — Die Krise kann nicht ewig dauern! — Aus das Tief mutz wieder ein Hoch folgen" usw. Nun hören wir aus Wien eine Stimme, die anders ur­teilt. Sehr pessimistisch. „Es wird nicht wieder besser werden. Wir gehen nicht vorwärts, wie gehen zurück. In ein neues Mittelalter. Ein Ersatzmittel- alter. Das bessere Uebermorgen, das dem Morgen folgt, wird kein heute Lebender erblicken!"

Die Stimme tonnte beachtlich fein. Aber Ludwig Bauer, der jo spricht, besitzt kau«, das geWge LsiH-

zeug, um die fe ungeheuer komplizierten Verhältnisse der Gegenwart $u durchschauen. Er müßte die Ge­genwart wissenschaftlich zu ergründen suchen, und er polemisiert gegen die Vergangenheit. Wir wissen, datz vieles nicht gut war um 1900, aber ist es richtig von der „Großen Lüge des Gestern" zu schreiben? So zu tun, als ob das Geld diese Zeit vollkommen be­herrscht habe, nur das Geld, und in einem vorher nie erlebten Grade? „Das Geld", schreibt Bauer, „bestimmte, was Tugend war; es hatte die Schule, die Kaserne, die Kirche, die Presse. Es formte die Vorstellungen, es sagte den Menschen, was sie zu den­ken hatten, es bestimmte, was und in welcher Gestalt sie etwas vernahmen. Wichtig war, was es als wich­tig ausrief; verborgen blieb, was es verschweigen wollte. Es konnte mit jeder widerspenstigen Menge fertig werden, verdächtigte ihre Führer, entzog Kre­dite, erzeugte Panik und schob die Verantwortung auf feine Feinde ab. Und noch jetzt, in feinem Ab­stieg, ist das Geld stark genug, feine ihm nunmehr bedenklich gewordene Verbindung mit der Demokra­tie zu lösen und sich Faschismus und Hakenkreuz zu kaufen, immer bestrebt, sich vor matten Augen unsicht- zu machen."

Das ist Reportage, und nicht einmal gute. Sie mag berechtigt fein im politischen Tageskampfe, spricht man jedoch von der Vergangenheit und will durch die Vergangenheit Zukünftiges erschließen, so darf man

nur Wesentliches ins Auge fassen. Es geht auch nicht an, aus üblen Zeiterscheinungen, etwa de« Boxheimer Dokument, den Schluß zu ziehen, wir gingen einem neuen Mittelalter finsterer Rohheit ent­gegen. Die Zeichen der Gewalt, die wir heute sehen, dürfen, so erschreckend sie sind, nicht als Ausdruck un­serer Zeit gedeutet werden.

Das Heute ist nach Bauer schlimm, das Morgen wird schrecklich fein. Das Morgen bringt die Allge­walt des Staates, die Vernichtung der menfchlichen Würde. „Ferner ist gewiß: nicht daß ein neuer Dschingiskhan kommen muß, wohl aber, daß für ihn die besten Erfolgungsaussichien bestehen". Dagegen wird das Uebermorgen wieder fehr schön sei. Eino Welt der „Zärtlichkeit, Liebe und heiteren Gesell­

schaft".

Schade werden.

, datz wir diese Zeit nicht mehr erleben (E. P. Tal n. Co. Verlag, Wien).

Ernst Berg.

Helden.

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