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Mlttwvtz, 28. Dezember 1932

Kasseler Neueste Nachrichten

Aus aller Welt

Brolat verhaftet

Wegen Meineidsverdacht im Sklnrek-Prozetz.

Berlin, 28. Dezember.

Der Direktor der Berliner Verkehrsgesellschaft, Brolat, war gestern zur verantwortlichen Verneh­mung vor dem Untersuchungsrichter geladen. Da er bei dieser Vernehmung die gegen ihn vorliegenden dringenden Verdachtsgründe des Meineides nicht ent­kräften konnte und Fluchtgefahr besteht, hat der Untersuchungsrichter entsprechend dem Anträge der Staatsanwaltschaft Haftbefehl gegen ihn erlassen. Brolat wurde in das Untersuchungsgesängnis einge­liefert. Ter Meineidsverdacht betrifft die Sklarel-An- gelegenheit.

lieber die Verhaftung Brokats erfahren wir fol­gende Einzelheiten: Brolat wurde vom Unter­suchungsrichter des Landgerichts III, Miltendors, ver­nommen. Bei dieser Vernehmung handelte es sich um die Angaben, die Brolat in dem wegen der Sklarek- affäre von Oberregierungsrat Tapolsdi gesührten Disziplinarverfahren gegen städtische Beamte unter Eid gemacht bat und die er später bei seiner gericht­lichen Vernehmung hat widerrufen müssen. Brolat war bekanntlich nach seiner Aussage int Sklarekpro- zcß wegen der Widersprüche in seinen Aussagen auch nicht vereidigt worden. In der Vernehmung bestritt Brolat jede strafbare Handlung. Er erklärte zu seiner Verteidigung, daß er bei seiner eidlichen Vernehmung vor dem Unlersuchungskommissar im Oberpräsidium von Regierungsrat Tapolsdi falsch verstanden wor­den sei und daß sich daraus Unstimmigkeiten in seiner Aussage erklärten. Dieser Behauptung wurde auf Grund des vorliegenden für Brolat schwer belasten­den Materials natürlich nicht Glauben geschenkt.

Der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Mitten­dors, hielt ihm seine früheren Aussagen vor und wies ihm nach, daß es sich keineswegs um Mißver­ständnisse bei der Protokollaufnahme handeln könne, sondern um absichtliche Täuschungen. Dann verkündete er den Beschluß, daß er dem Antrag der Staatsan­waltschaft stattgebe und Brolat in Haft nehme, weil die zu erwartende Strafe so hoch sei, daß mit der Möglichkeit eines Fluchtverdachts gerechnet werden müsse. Der Verhaftete wurde dann sofort in einer Zelle des Untersuchungsgesängnisses untergebracht.

Hamburgs Schiffsverkehr stillgelegt

Seit drei Tagen Rebel in der Elbmündung.

Hamburg, 28. Dezember.

Die Elbmündung und die Deutsche Bucht liegen seit drei Tagen in dichtem Nebel. Der große Schiffs­verkehr, der stets zu Weihnachten herrscht, da die Reedereien die Fahrzeuge nicht über die Feiertage in den Häsen liegen lassen wollen, erlitt eine kata­strophale Unterbrechung. 150 Schisse mußten vor Anker gehen und liegen zum Teil noch still. Diens­tag vormittag wurde von den Feuerschiffen anhal­tender Nebel gemeldet. In Hamburg erlebte man tit den Feiertagen das seltene Schauspiel, daß Tausende von Wildenten, gemeinsam mit den heimischen Müden auf der Alster eingenebelt, auf Wetterändc- rttttfl tsortetem* — - -

Im Kaiser-Wilhelm-Kanal stießen, wahrschein­lich infolge Nebels, der finnische Dampfer „Ester Thorben" und der Hamburger Motorschoner „Ju­piter" zusammen. Dabei erlitt der Jupiter" so schwere Backbordschäden, daß fein Warenraum voll Wasser lief. Der finnische Dampfer wurde anschei­nend nur gering beschädigt.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag war auch Eng­land größtenteils in dichten Nebel gehüllt. In vie­len Stadtteilen Londons herrschte mittags nächt­liche Finsternis. Der Verkehr der wenigen am Feiertage unterwegs befindlichen Autobusse und Straßenbahnwagen war erheblich behindert. Der Flugzeugdienst nach dem Kontinent mußte einge­stellt werden. Auch im Aermelkanal herrschte dich­ter Nebel. Die Dampfer konnten sich unter den Klängen ihrer Sirenen und Nebelglocken nur lang­sam vorwärts bewegen.

Sturm über dem Atlantik.

Der englische Paflagierdampfer „Eameronia", der von Amerika kommend in Glasgow eintraf, war

auf dem Atlantik in einen schweren Sturm geraten. Sechs Fahrgäste erlitten bei den heftigen Bewegun­gen des Schiffes Verletzungen und mußten in ärzt­liche Behandlung genommen werden. 400 Fahr­gäste erkrankten während der Uebersahrt an Grippe. „Verein für Strahl enforschung"

In Vegesack gegründet.

Vegesack, 28. Dezember.

Eine der mannigfachen Auswirkungen, die die vom Naturwissenschaftlichen Verein zu Bremen angestellten Versuche über die Strahlentheorie des Rutengängers Wehrs angestellten Versuche auslösten, ist die Neu­gründung eines Vereins sür Strahlenforschung in Vegesack; Vorsitzender: Karl Wehrs-Lesum.

In der Gründungsversammlung des Vereins er­klärte der Schriftführer, Alfred Riebau. daß die durch die bekannten Bremer Versuche entstandene Auf­fassung, die Ausschläge der Wünschelrute und was damit zusammenhängt, seien nichts als Ausfluß der Autosuggestion, nicht von allen Wissenschaftlern ge­teilt werden. Er gab Kenntnis von einem Schreiben eines Dresdner Radiologen, Dr. Waldemar Müller, das dieser an Wehrs gerichtet hat, und in dem der Verfasser seine eigenen Versuche über Erdstrahlen usw. denen gegenüberstellt, die in Bremen mit den Apparaten Wehrs' gemacht worden seien. Dr. Müller spricht von den besonderen Verhältnissen bei Kilo­meterstein 23,9; eine Stromleitung für Starkstrom kreuze an diese Stelle die Straße und sei durchaus geeignet, durch Hochspannungswirbel nervöse Beein- .trächligungen und damit Unglückssälle hervorzu­rufen (??).

Ein zweites besonderes Moment wirke an jener Stelle der Landstraße, die durch den Böschungswechsel bedingte Massenanziehung, die von der zwei Meter hohen Böschung aus bald links, bald rechts mit einem Druck von einem Kilogramm auf das Auto und den Fahrer wirke, so daß dem rasch fahrenden Auto­

mobilisten dadurch das Steuer sozusagen unter den Händen schwaicke. Drittens stellt Dr. Müller die Ver­mutung auf, daß sich tief in der Erde eine Boden­spalte und ein unterirdischer Wasserlauf mit entspre­chender Fernwirkung durch „Erdstrahlen" befinde, was einen Beweis in dem schlechten Wachstum der in der Nähe besindlichen Kiesernstriche und im übri­gen Pflanzenwuchs haben solle.

Oer jüngste Leutnant...

Die Machtstellung der Nachkriegsgeneration.

Berlin, im Dezember.

Eine Umfrage, die der „Berliner Börsen-Cou- riei" über das Generationsproblem in Deutschland veranstaltete, brachte sehr aufschlußreiches Material über die gegenwärtige Machtstellung vor allem der jüngeren Generation im deutschen Verwaltungs­apparat, in der Wirtschaft, bei der Polizei und bei der Reichswehr. Es läßt sich nicht mehr bestreiten, daß in der Tat die Nachkriegsgeneration schon wich­tige Positionen in der deutschen Aemterhierarchte einnimmt.

Was zunächst die deutsche Reichswehr angeht, so laßt sich solgendes sagen: Der jüngste Reichswehr­leutnant war im Sommer 1930 lund die Verhält­nisse haben sich seitdem kaum geändert) 22 Jahre alt, der jüngste Oberleutnant 25 Jahre, der jüngste Hauptmann 32 Jahre, der jüngste Major 38 Jahre, der jüngste Oberstleutnant 42 Jahre, der jüngste Oberst 47 Jahre, der jüngste Generalmajor 48 Jahre, der jüngste Generalleutnant 50 Jahre und der jüngste General der Infanterie 57 Jahre. Man kann sich also aus Grund dieser Angaben ausrech­nen, das die unteren Rangstufen des Reichswehr- offizierslorps heute bereits von der jüngeren Gene- ratwn ausschließlich besetzt werden. Bei den höhe­ren Chargen herrscht die „Kriegsgeneration" vor. Tie Vorkriegsgeneration ist in der Reichswehr kaum noch vertreten.

Zeit

Unter diesem Titel veröffentlichen wir unbeschadet der eigenen Stellungnahme Auszüge aus Aufsätzen und Büchern, die interessantes Material zur Erörterung wichtiger Zeitfragen bieten.

Kunst - wer will das noch wissen?

Ein Gespräch mit Professor Dr. Hans P o e l - zig, dem Vizepräsidenten der Akademie der Künste, wird uns von einem berliner Mitarbeiter so über­mittelt:

„Glauben Sie, Herr Professor, daß das lieber« angebot von Kunst, das heute nachweislich besteht, darum nicht konsumiert wird, weil das Publikum kein Geld hat, oder darum, weil es ungeeignet zum Konsum ist?"

„Es wird beides der Fall sein. Natürlich in erster Linie der Mangel an Geld. Neun Zehntel aller Deutschen wissen heute nicht, was sie essen sol­len, oder zumindest wissen sie nicht, ob sie morgen noch Brot haben werden. Und da sollen sie sich für Kunst interessieren, da fallen sie für Kunst Geld ausgeben? Das ist doch zuviel verlangt von ihnen! Wenn sie schon ihren Sorgen und Mühen entgehen wollen, dann suchen sie Zuflucht bei der Religion, bei allerlei weltanschaulich fundierten Dingen, aber nicht bei der Kunst. Viele „retten" sich zum Sport, wobei zu bemerken ist, daß noch nicht der zehnte Teil der Zuschauer bei Sportfesten selbst Sport treibt. Der Sport ist an die Stelle getreten, die früher Theater, bildende Kunst, Literatur, Musik einnahmen. Ueberall, auf allen künstlerischen Ge­bieten, ist höchstens „Gebrauchsware" abzusetzen, niemals reine Kunst. Dafür hat man kein Geld. Aber es spricht auch mit, daß die Kunst m. E. tat­sächlich heute keinen Konnex mehr mit dem Publi­kum hat. Das meiste von dem, was geschaffen wird, ist reine Artistik, die niemand etwas geben und sagen kann. Sehen Sie doch heute die Kunst­ausstellungen an! Früher ging man mit Messern auf die Bilder von Manet los, man nahm erbittert Stellung für und wider — heute? Heute wären die Maler froh, wenn jemand ihre Bilder zer­schnitte, aber das tut keiner, keiner beachtet auch nur ihre Ausstellungen. Und mit den übrigen Künsten scheint es mir ebenso zu gehen."

„Glauben Sie, daß es möglich ist, in diesen Pro­zeß hemmend eittzugreifen, etwa durch jene „Sen­kung des Niveaus", von der einmal die Rede war?"

„Nein, das glaube ich nicht. Es handelt sich nicht darum, daß die Kunst von heute für das Publikum zu hoch ist, sondern daß sie ihm, seinen Problemen,

seinen Nöten, fremd gegenübersteht. Wenn sich heute Männer fänden, die wieder dem Volk sagen könn­ten, was es leidet, würde die Sache wohl bald wieder besser aussehen. Freilich auch dann nur, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse sich besserten — das ist die conditio sine qua non! Aber vorher, ehe diese beiden Bedingungen erüllt sind, sehe ich keinen Rat für die deutschen Künstler. Und da Hel­sen auch Kollektive und ähnliche Bestrebungen nichts, sie können wohl für eine gewisse Zeit eine wirtschaft­liche Rückendeckung für den Künstler geben, aber einmal werden sie alle an feiner Individualität zer­schellen müssen. Hinzu kommt freilich noch eins: man war kaum je so wenig geneigt, einzusehen, daß auch geistige Arbeit ihren Wert hat. Freilich ist Kunst im tiefsten Sinn unbezahlbar — aber schließ­lich muß der Künstler leben, um schaffen zu können, und das wird ihm heute kaum konzediert. Am besten ging es bis vor kurzem noch dem Architekten — ein Hans ist schließlich eine greifbare Sache, nicht wahr? Für die zahlt man (wenn man auch das Architekienhonorar sehr ungern erlegt). Aber für ein Bild, ein Musikstück Geld? Nein, nicht einmal dis wenigen geben es, die es noch haben."

„Sie fehen also im ganzen die Situation der deutschen Kunst im nächsten Jahr sehr trüb an?"

„Ja, das muß man wohl auch. In jeder Be­ziehung. Es scheint mir nicht nur, daß nichts anders und besser werden kann, ehe nicht wieder Geld im Lande ist, es scheint mir leider auch, daß die Kunst, die dann einmal verkäuflich fein wird, auf dem Rückmarsch fein wird. Ich fürchte, daß man, müde vom Expressionismus und feinen Folge­erscheinungen, dann wieder zu einem höchst unleben- digen, aber dafür gut aussehenden Klassizismus znrücksteuern wird (Beweis: vor ein paar Jahren baute man in Moskau in Glas und Stahl, noch toller als bei uns; heute muß der Architekt, der für die Russen arbeitet, wieder korinthische Säulen und Balkone an seine Gebäude pappen). Ob die Kunst dteser Versührung widerstehen wird, scheint mir eine große Frage. Das Gros der Künstler sicher, lich nicht — allerdings ist es ja das Schicksal der Großen im Reiche der Kunst, sich durchznhungsrn und stets gegen den Strom zu schwimmen. Aber leicht werden sie es — sollten uns etliche erstehen — dann nicht Haben!"

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Aehnliche Feststellungen lassen sich auch bei der Polizei machen. Von den Offizieren der Schutz­polizei gehören bereits 20 Prozent zur Nachkriegs­generation. Mit 79 ist die Kriegsgeneration in der Schutzpolizei vertreten, und nur 1 Prozent ist noch von der Vorkriegsgeneration übriggeblieben. Noch mehr herrscht die junge Generation bei den Schupo- mannhaften vor. Dort ist die Nachkriegsgeneration

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mit 47 Prozent, die Kriegsgeneration mit 44 Pro- zent und die Vorkriegsgeneration mit 9 Prozent vertreten. In der Verwaltungspolizei gibt die Kriegsgeneration mit 63 Prozent Immer noch den Ton au; die Jugendgeneration ist nur mit 23 Pro­zent vertreten. Noch geringer ist der Anteil der Jugendgeneration bei der Kriminalpolizei. Hier stehen 50 Prozent der Kriegsgeneration und 40 Pro­zent der Vorkriegsgeneration einem Prozentsatz von 10 der Nachkriegsgeneration gegenüber. Im allge­meinen kann man also feststellcn, daß die Kriegs­generation bei der Polizei noch die heherrschenden Positionen inne hat. Nur bet den unteren und mittleren Beamten bringt die jüngere Generation schon mächtig vor.

Der Warenhausbrand in Barcelona. Nach fast zweitägigen Bemühungen konnte der Brandherd in dem großen Warenhause El Siglo erfolgreich be­kämpft werden. Die sieben Gebäude sind vollständig zerstört. Nur an der Hauptstraße Barcelona steht noch die Fassade eines Gebäudes. Durch den Ein­sturz der Mauern wurden fogar die Balkone der gegenüberliegenden Häuser mit in die Tiefe gerissen. Ganze Straßen sind für den Verkehr gesperrt.

311 tödliche Unfälle in den Vereinigten Staaten. Aus Neuyork wird gemeldet: Während des Weih­nachtswochenendes haben in den Vereinigten Staaten 311 Perfonen infolge von Unfällen den Tod gefun­den und 566 Verletzungen erlitten. Zum größten Teil handelt es sich um Opfer von Autounfällen; elf Per­fonen sind ertrunken, acht wurden bei Eisenbahnun­fällen getötet, und zehn Personen kamen bei Bränden ums Leben.

Heuschreckenplage in Argentinien. Riesige Heu­schreckenschwärme suchen den Norden Argentiniens heim. An manchen Stellen haben sie 40 Prozent der Ernte vernichtet. Eine Strecke von ungefähr 500 Kilo­metern Länge soll von Heuschrecken bedeckt sein. An vielen Orten ist der Schwarm fast neun Kilometer breit. Besonders betroffen wurde das Tal des Ber- mayoflusses, wo hauptsächlich Baumwolle, Tabak und Maispflanzen der Landplage zum Opfer gefallen sind. Die Bauern heben in aller Eile Gräben ans und ver­suchen alles, um die Schwärme am Vordringen zu hindern. Aus allen Teilen der betroffenen Distrikte werden Hilferufe an die Regierung abgesandt.

Die heutige Nummer umW 12 Gelten

4?eranlwortlich für oen uolttifdien teil: Z't. S9 a «t e r Pebnt: für boS Feuilleton: German M Bonqu: für den lokalen Teil: Dr. Sans Joachim Alstzer: für den Seimatteil: Rudolf G I ä f e r: für Sandel: Fr. HanS Langenderg: für den Svomeil: ©er» e r t S o e t 4; Photo-Redakteur Eduard Schulz» Keffel: für Anzeigenteil: !. B. Karl L a u tz e. — Berliner Sckriftleuuna- Dr Walter Tbum Ber. Itn SW. 68. — Druck und Verlag: Jfaffeler Neueste Nachrichten ®. m. b. S. Lallet. Kölnische Strafte 10.

Franz Kuhn:

Osr T aum der roten Kammer

Nach her Herausgabe ber drei chinesischen Meister- rwnianc „Stin Ping Metz'. „Eistzerz und Edotjaspis* und „Die Rache des jungen Metz", alle drei von Fran, Sühn übertragen, teat 6er Jnselverlag nun den klas- Mchen Roman der Tsing-Dynastie „Huna to6 mong* unter dem Titel „Der Traum der roten Sammer“ vor. Lieber die Bedeutung des um 1750 datierenden Ro­mans schreibt der Uebeosetzer in seinem Begleit- tttott u. a.;

Wie ein un-bekannter mächtiger Gebirgsstock däm­merte aus unwirklicher bläulicher Ferne feit einem Jahrhundert der Name Hung loh mong in das gei- stige Blickfeld Europas herüber. Lockend zugleich und abschreckend. Ein Monstrum von Roman! Mehr als hundert handelnde Personen! raunten sich di« Sach­kundigen ooll heimlichen Grausens zu. Wer wollte sich da heranwagen?

Ein einziger Europäer hat vor mir den ernsthaften Versuch einer Bezwingung des als unbezwinglich ver­schrieenen Hung loh mong Massivs unternommen. San«of t Joly, englischer Konsul in China, getraute sich tapfer an die Aufgabe einer Textübertragung. Er ist aber auf der Strecke liegen geblieben. Seine lieber- setzung (Drean os the rdd Chamber, 1892, 93) ist noch nicht einmal bis zur Halste des Originals gediehen. Eine brave, gewissenhafte Arbeit, aber im Stil so wenig glücklich, daß die Kenntnis von ihrer'Existenz nicht über die engsten Fachkreise hinausgedrungen ist.

Meine Ueberttagung gibt etwa fünf Sechstel des Originals wieder- Sie ist nicht für enge Fachkreise, sondern für das große gebildete Lesepublikum bestimmt. Chinesische Kost dem Publikum schmackhaft zu servie­ren, ist ähnlich wie Politik eine Kunst des Möglichen.

Wenn meine Uebenragung also auch nicht vollstän­dig ist, so darf ich doch in Anspruch nehmen, als erster Europäer den Hauptgipfel des Hung loh mong Mas­sivs — der Vergleich sei weiterhin gestattet — be­zwungen zu haben, d. h. die Haupthandlung, die sich um die drei Gestalten Pao Mi, Blaujuwel _unb Pao Tschai gruppiert, in meiner Fassung erschöpfend wie­dergegeben zu haben. Das Nebengeschehen habe ich je nach dem Grad der Wichtigkeit eingehend oder nur an­deutungsweise, jedenfalls so weit berücksichtigt, daß logische Lücken vermieden blieben.

lind nun liegt, was bisher aus unwirklicher blauer Ferne blaß und schemenhaft hcrüberdömmerte, in schar­fe« Umrißen, plastisch und -um Greifen nahe t»r

unseren geistigen Augen. Wieder entschleiert sich uns das rätselhafte Antlitz Chinas mit seinen schönen und unschönen Zügen, wieder tut sich vor uns ein gran­dioser Ausschnitt chinesischen Lebens in seiner ganzen Tiefe und Breite auf, wieder lüftet sich der Vorhang vor verborgenem Geschehen und rollt auf einer nach Art des alten Shakespeare Theaters dreifach geschichte­ten Bühne — Welt, Oberwelt, Unterwelt, der Traum als Vühnentreppe — in reicher Szenenfolge, mit Pro­log und Epilog im Himmel, ein von sicherer Künstler- Hand logisch gefügtes vielgestaltiges Menschendrama zum erstenmal vor dem europäischen Beschauer ab.

Ueber den Wert des Romans als unschätzbare ethno­graphische Fundgrube ist kein Wort zu verlieren. Der fesselnde Verlauf der Handlung, die lebendige Cha­rakteristik der handelnden Personen, die eindrucksvolle wirklichkeitsechte Zustandsschilderung sichern dem Ro­man auch als rein literarisches Kunstwerk unsere höchste Teilnahme-

Wenn man gebildeten, jugendlichen Chinesen bei­derlei Geschlechts gegenüber den Namen Hung loh mong nennt, dann werden ihre Augen leuchten, und sie werden bekennen, daß sie den Roman nicht nur ein­mal, sondern drei-, viermal durchgelesen haben und stellenweise auswendig kennen. Die erstaunliche Be­liebtheit des Hung loh mong gerade bei der chinesischen Jugend erklärt sich wohl daraus, daß der Roman sich in sehr eindringlicher ernsthafter Weise mit nahezu allen Problemen befaßt, die gerade junge Chinesen beiderlei Geschlechts unmittelbar bewegen. Es ist zu beachten, daß das Alter der Hauptpersonen sich zwischen zwölf und neunzehn Jahren bewegt!

In China gilt das Hung loh mong als der klassische Roman der Tsing Dynastie. Es ist eine ganze Lite­ratur über ihn entstanden, einzelne Abschnitte und Szenen haben in dramatischer Bearbeitung Eingang auf der Bühne gefunden. Die herrschende Meinung nimmt an, daß der Verfasser in dem Roman seine eigenen Erlebnisse wiedergegeben und in der Figur des Helden Pao Yü sich selbst porträtieren wollte. Tsao Hsüe Kin war'der verwöhnte Sprößling aus hochkulti­viertem, reichem, aber später verarmtem Mandarinen­geschlecht. in dem sich seit Generationen der ertragreiche Posten eines Seidenkämmerers der Provinz Kiang fu fortgeerbt hatte. Ungeachtet feiner geistigen Jetzig­

feiten scheiterte der Sohn bei den Prüfungen, fand in­folgedessen den Zugang zu den Aemtern versperrt und flüchtete sich in die weltabgewandten Bezirke der Phi­losophie und Literatur.

Die Grundtendenz des Romans ist taoistisch. Das Wort taoistisch ist von Tao hergeleitet, das „Weg", „Bahn", im engeren Sinne „Weg zur Vollendung" be­deutet. Das Tao aufzuzeigen, ist der Zweck jener ur­alten mit dem Namen Lao tfe und Tschuang ische ver­knüpften Weisheitslehre, die wir Taoismus nennen. Taoismus ift mit kurzen Worten gesagt eine Art See­lenhygiene. Fühlen und Trachten verzehrt Seelensub- stanz- Der Weise enthält sich des Fühlens und Trach­tens, er übt Inaktivität, chinesisch wu weh. Dadurch erhält er seine Seele intakt und erreicht Lebensver­längerung, Abklärung und andere Vorzüge, die ihn über die Masse hinausheben, zum Vollendeten, zum Geist machen.

Freude, Trauer, Jauchzen, Schmerz — Alles Schein! Wozu denn Herz?

Wünschen, streben, sehnen, schmachten — Alles Wahn! wozu das Trachten?

Zn diesen knappen Zeilen ist gegen Schluß des Ro­mans die taosstische Erundindenz des ganzen Werks gekennzeichnet. Taoismus ift also ungefähr das gerade Gegenteil von dem, was mir unter „Tempo" oder Amerikanismus »erstehen, ift auch, und das hat Tfhuang tsc in seinen drastischen Antithesen deutlich genug zum Ausdruck gebracht, offene Miflehnung gegen die herrschende konfuzianische Doktrin, gegen den lästigen Zwang einer übertriebenen Gesellschaft?- und Lebensnormung, psvchologisch also ähnlich zu erklären wie etwa der Wunsch manches heutigen Zeitgenossen, aus dem Tempo unserer Tage, aus dem Stacheldraht­gehege der Finanz- und Notverordnungsparagraphen in die freie Wildnis der Ealapagos-Jnseln zu flüchten. Kein Zweifel, daß das Hung l»h mong als das Hohe Lied der Weltflucht in die Weltliteratur ei^gehen wird.

Das zweite Hauptthema scheint mir — um mich eines Worts des Philosophen Ernst Bergmann zu be­dienen — der „Muttergeistgedanke" zu sein, verkörpert durch die prachtvolle Gestalt der trinkfesten, immer hei­teren, immer optimistischen Ahne, die die ganze Sippe zusammenhält.

Was ist in kurzen Worten der Kerninhalt des Hung loh mong? Die Antwort fällt verschieden aus, je nach­dem von welchem StaudpuE ans man sie erteilt.

Vom konfuzianischen Standpunkt aus würde sie viel­leicht lauten: Es ist die Geschichte vom Glan; und selbstverschuldeten Verfall eines edlen großen Ge­schlechts, das schlteKltch Laut der -ttlichew und aeijtisex

Hochleistung eines an sich entarteten Sprößlings — Pao Vü beugt sich pietätvoll dem Willen der Eltern und ringt sich entgegen feiner Natur das Opfer ab, sich zur Prüfung zu stellen und sie in Ehren zu bestehen, — wieder zu Ausstieg gelangt.

Bücher und Zeitschriften

Frieda Radel: „Die unbekannte K a i s e r i n".

Die durch ihre publizistischen Arbeiten besonders in Frauenkreisen bekannte und geschätzte Hamburgerin Frieda Ravel hat unter dem Titel „Die unbekannte Kaiserin", ein Zeitbild aus der Epoche der großen Wandlungen, im Safari-Verlag, Berlin, eine Kaise- rin-Friedrich-Biographie erscheinen lassen. Den Hin­tergrund für dieses Frauenschicksal, das aus glanz­voller Kindheit am englischen Hof in das Glück einer harmonischen Ehe, in die Tragik erzwungener Kämpfe und das Leid früher Witwenschgft führt, bildet das gewaltige Geschehen von drei Jahrzehnten. Dieser Zeitraum, in seinen charakteristischen Merkmalen und Ereignissen nacherlebt, ist es auch, der dem Werk sei­nen Unterbau gibt, von dem ausgehend die Persön­lichkeit der Kaiserin Friedrich als Frau, Mutter und Fürstin charakterisiert wird. Es wnd gezeigt, wie Zeit, Milieu und ererbte Anlagen bestimmenden Ein­fluß auf die Entwicklung dieser Frau nehmen, wie sich im häuslichen Kreis, in der Mitarbeit an zeitformen­den Neuschöpfungen sozialer und kultureller Dinge die großen weiblichen Vorzüge ihres Wesens offenbaren, und wie die Konflikte mit dem preußischen Königs­haus, mit Bismarck und dem eigenen Sohn auf welt- anfchauliche Ansichten, nicht aber auf menschliche Schwächen zurückzuführen sind.

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Deutsches Vollstum. „Geboren zu Bethlehem im südischen Lande" überschreibt Dr. Wilhelm Stapel den Leitaussatz int 2. Dezemberbest der van ihm hcrausgegedenen Halbmonats­schrift „Deutsche- Volkstum' (Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg, Hcrtpreis 60 Psg.) Das Wunder der Mensch­werdung Gottes, so lautet die Forderung dieses Aussatzes, mutz in seiner ganz realen Wirklichkeit und Tragweite unserer Gegenwart verdeutlicht werden, „denn dem neuen Geschlechte muß das Wort Gottes verkündigt werden in hartem Realis­mus: als Tatsache gegen Tatsachen, die himmlischen gegen die irdischen Tatsachen. Nur in der Kraft des „das ift* — das in all seiner derben, brutalen Tatsächlichkeit ist das über alles Irdische Erhabene, Heilige, Göttliche — nur in dieesr Kraft lebt der Glaube*. — Aus dem Übrigen Inhalt des Heftes nennen wir den Aufsatz Hans Asmussens „Das 4. Ge­bot in der Politik*, Albrecht Erich Günthers zeitkritische und soziologisch interessante Untersuchung über die Frage: „Die Familie in der Stadt* und Richard Frommes Beftachtung über „Die geistlichen Segueuzen Notkers des Sammlers* der einige der berrlichsten Gedichte dieses friibmittelalterlichen Dichters in lateinischem Urtert und deutscher Uebersetzuna beigefügt sind.. Weitere kleinere Beiträge. Glossen und Buw- Ittfiten vervollständigen den reichen Inhalt dieses Wetv-