JTr. 302 ' Zwelunvnvanzkgffer Za-rgan-
Kasseler Neueste Tkachrichße«
Sonnabend, 24./Gonniag, 25. Dezember 1932 /• 4. Beilage
LITTORIA"
Erne neue Stadt wird
Ein frohes Fest
Geschichten neben der Geschichte
wünschen die R. H. XX. allen Lesern, Geschäftsfreunden und Mftarbeftern. Mögen die Festtage allen ein Ausruhen von Not und Sorge bringen. Die L. XX. XX. schätzen sich glücklich, durch eine reiche Auswahl guter Aussätze in -er Weihnachtsnummer zur Festfreude beitragen zu können.
„vom Stapel gelassen"
Verlag und GchrLftleitung
-er Rasieler Neuesten Nachrichten
der Sprache und die Geformtheit der Gedanken des jungen Dichters und schließlich rief er, indem er den Hausmeister zur Türe hinausschob: „Gebt ihm 200 Pfund und werft ihn hinaus. Denn wenn er noch länger da ist und ich lese weiter, dann macht er mich noch bankrott!"
schließen sich an, während die Menge noch immer jubelt und die Musikbanden die verschiedenen Hymnen spielen.
Neuer Jubel erschallt, als Musiolini bis zur obersten Galerie des Turms steigt, und man ihn dort entdecken kann. Dann erscheint er plötzlich auf dem Balkon des Hauses im ersten Stock, wo bereits Lautsprecher angebracht waren, und hört sich die Begrüßungsrede des Komiteeobmanns an. Man reicht ihm eine Flasche Champagner zum Weiheopfer, ganz so, als sei dieser Ort „Littorio" ein Schift', das vom Stapel gelaßen wird. Der Eisenhobel, mit dem der Duce die Flasche zerschlagen soll, wirkt nicht, da ergreift Musiolini kurz entschloßen den Hals der Flasche, irgend einer gibt ihm ein schwarzes Tuch, wie es die Fasciften um den Hals tragen, er wickelt es um den Hals der Flasche und schmettert die Flasche mit festem Schwung auf die Balustrade des Balkons. Sekt und Scherben regnen her
Umer römtidKr Korrewundem Dr. R. Latzwitz nahm an der Fahrr Mussolinis in dir neugearündetc -ied- aSJÜLt101. sdebiei der trocken gelegten Pontinischen -LÄMpse teil.
Schwarzhemden sind, haben die Arbeiter wie alltäglich ihre oft über und über beschmutzten oder vom Kalk bespritzten ArbeitsNeider an, sehen also alles ander« als festlich aus. Es ist bezeichnend für diese Menge, daß sie auch unter dem Fascismus immer noch die wirklichen „Demokraten" geblieben sind, bei denen ein jeder ohne Rücksicht auf die Kleidung sich ebenso gut und gern gesehen fühlt, wie es jeder Zeit in diesem einfachen und naiven Larkde war.
Nach recht langem Warten, das die strahlende Wintersonne zu einem wahren Schwitzbad zur Weihnachtszeit macht, hört man fernes, lautes Rufen, eine breite Gasse wird freigehalten, hohe oder niedriger« Würdenträger werden geschäftig, und schon naht eine Reihe von Automobilen in scharfer Fahrt. Voran im Wagen, den er wie so oft selbst steuert, Musiolini in der Uniform eines Korporals der Miliz mit einem grauen Wintermantel mit breitem Kragen angetan. Wenn man nicht wüßte, daß der „kleine Korporal" in Frankreich lebte, so könnte man meinen, daß der Mantel Napoleons wieder erstanden wäre. Unter endlosem Jubel und immer wiederholtem Sprechchor „Duct, Duce" teigt Mussolini rasch aus seinem Auto und verschwindet nach kurzem Rundblick im Gemeindehaus. Die Gäste der nachfolgenden Autos, vielfach ganz dicht grau bestaubt vom Kalk der letzten paar Kilometer Landstraße,
großen Platze die Fülle der Zuschauer. Da sind ganze Bataillone von „Avanguardisti", also den Borschülern für die Miliz oder die Reihen der fascistischen Partei, junge „Balilla“ also fascistische Jugend weiblichen und männlichen Geschlechts und Tausende von Arbeitern, sie an den Kanalbauten und Häusern beschäftigt sind.
Während die Avanguardisti und di« Balilla wie alle offiziellen Fasciften in ihren Uniformen oder
Rom, im Dezember.
Als man morgens um sieben Uhr vor die Tür trat, brannten die Straßenlaternen noch, aber ein strahlender Himmel lachte über den bläßlichen Mond, voll« ^ageshelle überflutete die sonntäglich stillen Straßen Roms, es versprach ein richtiger „Kaisertag" zu wer- r °n öem neue Stobt ihren Geburtstag feiern tollte. Man fror etwas — im Norden würde man von einem kühlen Sommermorgen in den Bergen sprechen — und war zufrieden, als man, der Einladung an die Mitglieder der „fremden Preße" folgend, im schützen- den, geichloßenrn Auto saß, daß bald, Roms Mauern erlassend, über die Pia Appia hinaus zu den Castelli Romanr, den uralten Orten von Albane, Eenzano und Btlletrr eilte.
Ueber der Campagna ging die Sonne blutrot hinter einem dünnen Nebelschleier auf, an einzelnen Stellen der grünenden Flur lag leichter Rauhreif, aus dem heraus gelber Hahnenfuß und kleine Margeriten lug- befrei zerteilte sich, weit draußen glitzerte rechter Hand der Spiegel des tyrrhenischen Meeres auf, wahrend zur Linken die alten Schlößer an den Krater- tanbern der Seen am Fuß der Albaner Berge winkten. Hoch über dem Nemisee glitt man auf der sonst schnur- graden Bia Appia, die hier in vielen Kurven um den Rand des alten Eruptionsbeckens sich windel, um dann wieder in der Tiefe der Ebene in grober Linie bis zum Vorgebirge des Monte Circeo in der Richtung nach Neapel weiterzueilen.
Man istim Gebiet des verrufenen Sumpfgebiets der Pontinischen Sümpfe angelangt, die durch Iahr- hunberte verseucht, ein Hera ver Malaria, schon wiederholt, aber vergeblich als Kornkammer für Rom zu- ruckerobert werben sollten. Das schwache Gefälle bes •dMijiers, bas infolge bet geologischen Beschaffenheit erst am ckuße ber sonst wasserarmen Bolskerberge zur rech- t?n Hand zu Tage tritt, hat die weiten fruchtbaren Bodenstriche bis zum Meer und hinunter nach dem Crrcekap ertränkt. Mussolinis außerordentlich ener- grschem Kampfe gegen die Sümpfe scheint es Vorbehalten zu sein, hier wieder jene alte Fruchtbarkeit erstehen zu laßen, die unmittelbar vor den Toren der Hauptstadt einen Kornspeicher großen Ausmaßes und zugleich ein Heim für die innere Kolonisation werden dürfte.
schon fährt man an den ersten der nach einem groß- zügrgen Bebauungsplan angelegten Bauernhäusern vorbei, die inmitten der zugewiesenen Aecker liegen. Rian kreuzt beide Kanäle, die das Sumpfwasser zum Li» qun uaoöhvA uoa uahrarg akuvü zhelj 'uapaz aiaayg 4r|enal von Motorpflügen, die zur Wintersaat bereits angesetzt waren. Schon grünt diese Saat auf weiten Strecken, denn tausend« von Kolonen sind, zum Teil vom Südfuß der Alpen, hierher verpflanzt worden. Ihr zentraler Markft'lecken, das nach dem Littorio, Ruten- bundel als.dem Wahrzeichen des Fascismus benannte „^ittoria" soll als „Centro rurale", so lautet die Be- ,Zeichnung auf der offiziellen Einladung, heut« von Mussolini eingeweiht werden.
Der Wagen biegt rechtwinklich von ber Wa Appia v"ch dem Meere zu ab und nach etwa vier Kilometern »ahrt macht man Halt mitten auf dem neu geschaffenen Marktplatz der funkelnagelneuen Ortschaft, die jetzt ihre Taufe erhalten soll. Ein ziemlich großer, rechteckiger Platz, noch nicht ganz fertig, flankiert von einigen breitausladenden Gebäuden. Mit der Front nach Süden, den Marktplatz beherrschend mit seinem hohen viereckigen Turm in modernem Stil, ragt das Gemeindehaus auf, im inneren noch bei weitem nicht fer- trg gestellt. Nur der Hauptstock ist einigermaßen tauf- fahrg, einige Möbel werden grabe in die Büros gestellt, der Marmorfußboden ist noch feucht vom Abwaschen, die Bilder des Königs und der Königin und natürlich auch das des Duce werden grabe aufgehängt, unb man bereitet noch in höchster Eile alles für den Empfang der-Gäste vor.
Schon ist ber Episcopo Castrense, der Bischof, im roten Gewand anwesend, bet nachher die neue Fahne weiht,- die Häupter der „Opera nationale per i Com- battenti", des nationalen Hilfswerks für die Kriegsteilnehmer, denen dieser Agro Pontino zugedacht ist, empfangen mehr ober weniger flüchtig die bereits ein« getroffenen Eingeladenen, und schon staut sich auf dem
Schlechte Verdauung mit Mshsucht
Eine der häufigsten Formen von Magenstörungen ist Dyspepsie mit Blähsucht. Man erkennt |ie an jenem schweren Gefühl deS Unbehagens, das einer zu reichlichen ober schlecht verdauten Mahlzeit felgt Die Bläbsucht wird veranlaßt durch einen Ueberschuß an Magensäure, der beim Gärungspro- zgß zu viel Gase erzeugt. DieS wird häufig von schmerzhaften Empfindungen im Leibe begleitet. Um,den Säureüberschuß zu neutralisieren, sowie den Magen zu beruhigen, nehme man einen halben Teelöffel voll Biserirte Magnesia ober zwei bis drei Tabletten, und zwar nach den Mahlzeiten oder sobald das Unbehagen eintritt. Biserirte Magnesia liegt zum Verkauf in allen Apotheken zum Preise von ..lü,« 1,45 aus; es verhütet Sodbrennen, die Bildung von Blähungen und verschafft schmerzlose, gesunde Verdauung.
Wie man Händel einen Streich spielte.
Dem großen Komponisten Händel war nichts mehr zuwider, als das Stimmen der Instrumente vor einem Konzert. Seine Musiker erledigten dies denn auch immer, bevor er zur Aufführung erschien. Der Prinz von Wales, der Vater Königs Georg III., spielte ihm nun einst einen etwas eulenspiegelmäßi- gen Streich. Vor ber Aufführung eines neuen Oratoriums in Gegenwart der prinzlichen Familie unb der Hofgesellschaft verstimmte ein von dem Prinzen Beauftragter — nachdem man die Musiker, di« mit dem Stimmen bereits fertig waren, unter einem Vorwand aus dem Orchesterraum gerufen hafte — eilig alle Instrumente. Als Händel erschien, setzte er sich sogleich an die Orgel und gab das Zeichen zum Anfang. Unb nun erhob sich wie mit einem Zauberschlag eine nicht zu beschreibende Katzenmusik. Die Musiker waren ganz verdattert. Händel aber fuhr wie eine Furie von seinem Sitz auf, stürzte sich zunächst auf einen Kontrabaß, den er an die Wand schleuderte, unb warf bann bem ersten Violinisten eine Kesselpauke an den Kopf, wobei sich infolge der Anstrengung seine wohlgepuderte Perücke beträchtlich verschob. Die Zuhörer aber lachten sich (man liebte damals solche derben Witze) halbtot. Schließlich besänftigte der Prinz von Wales den homerischen Zorn bes Meisters, tnbem er ihm den Schabernack enthüllte unb sich selbst als Anstifter bekannte.
Prompte Bedienung
5m Gefolge eines ber früheren Prinzen von Wales befand sich ein von ber Wettleidenschaft besessener Lord, ber eines Tages, als ihm gar nichts anderes mehr einfiel, einem Freund die merkwürdige Wette darauf antrug, daß er dem Prinzen in Gesellschaft zurufen würde: „Wales, ziehen Sie die Klingel!" So etwa, wie man einem Kellner eine Bestellung erteilt. Der Freund hielt die Wette 10 gegen 1. Als an einem ber nächsten Abende große Gesellschaft bei dem Prinzen war, rief der besagte Eentlemen diesem tatsächlich die gewetteten Worte zu. Die Hofgesellschaft erstarrte, der Prinz jedoch verzog keine Miene. Aber er zog die Klingel. Unb als der dadurch herbeigerufene Diener eintrat, sagte er nur: „Laßt sogleich für Lord L. vorfahren!" Dem Lord blieb nichts übrig, als eiligst zu
verschwinden. Seine Wett« hatte er gewonnen, aber nie wieder durste er sich vor bem Prinzen blicken laßen.
*
Di« Macht ber Poesie.
Der englische Dichter Spencer kam einst, als er noch unberühmt und arm war. in bas Haus des Lord Sydney und ließ diesem sein neuestes Dichtwerk überreichen. Der Lord hatte gerade nichts zu tun unb fing an, in dem Buch zu lesen. Er geriet gar schnell über die herrlichen Verse geradezu in Entzücken unb sagte nach kurzer Zeit zu seinem Hausmeister: „Gebt dem Verfasser 50 Pfund Sterling!" — Darauf las er weiter und rief nach einigen Minuten: „Gebt ihm 100 Pfund!" — Das Hausmeister zögerte. Der Lord las weiter. Immer mehr umfing ihn der Wohllaut
nieder, der Duce streicht den Rest ber Scherben auf bet Balustrade vorsichtig zur Seite, unb bas Bolt schreit und klatscht wie besessen. Denn bisse Gest« ganz im Stile bes tatkräftigen Mannes, ber sich immer zu helfen weiß, ist so recht nach bem Herzen der Maße . .. unb .Littoria“ ist vom Stapel gelassen.
Wir besuchen mit bem Duce noch die andern wesentlichen Gebäude, die Post, die Milizkasern« unb bas Krankenhaus der neuen „Stobt“. Besonders bi« Post verdient wirklich Beachtung, denn sie ist ganz modern im Backstcinftil erbaut, ähnlich dem Hamburger Ziezxl- bau, und hat große Drahtgitter noch vor den schlanken Fenstern, die später, wenn die Anophelesmücke ber Malaria endgültig vertrieben sein wirb, einfach ab° geschraubt werden können. Hier ist wirklich moderne Baukunst mit der praktischen Notwendigkeit bes Augenblicks vereint.
Es ist Mittag geworden, noch hat ber Platz feine ganze Fülle ber Menschen, aber man geht abseits, sucht unb finbet seinen Wagen unb fährt wieder heimwärts durch die herrliche Sonne des römischen Winters, vorbei an den blumenreichen Feldern unb Wiesen nach bet Ewigen Stadt, der eine neue Kornkammer gewonnen wurde.
Eine merkwürdige Reverenz.
Als Franz I., König von Frankreich, nach ber Schlacht bei Pavia (1525) Gefangener in Spanien war, verlangten die spanischen Granden, daß bet König sie nicht bloß durch Abnehmen bes Hutes grüßen, sondern sich auch gegen sie verneigen sollte. Franz lehnte glatt ab. Um ihn nun dazu zu zwingen, netzen sie die Tüt seines Zimmers niedriger machen, um das notwendige Bücken des Königs beim Hetaus- treten als eine Reverenz auslegen zu können. Franz aber machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Et ging von nun an nie anders als rücklings aus dem Zimmer hinaus unb kehrte ihnen folglich jedesmal den Rücken zu, wobei bann die Reverenz zwar anders als die Granden gewünscht hatten, aber äußerst deutlich ausfiel.
* . 4 ,
Gin anderer Diogenes.
Der seinerzeit hochgeehrte Pater Leonhard, gewöhnlich „der arme Priester" genannt, ber wegen seines segensreichen, frommen Lebenswandels nach feinem Tode unter die Heiligen versetzt wurde, wat einst zum Kardinal Richelieu geladen. Dieser unterhielt sich mit ihm lange und eingehend unb fanb soviel Gefallen an bem lauteren Eottesmann, baß er ihn zum Schluß bat, sich eine besondere Gnade auszubiften. „Ew. Eminenz," entgegnete ber Priester nach kurzem Besinnen, „Sie wissen, daß es unter anberem mein Amt ist, bie zum Tode verurteilten Verbrechet auf den Richtplatz zu begleiten und ihnen im Sterben beizustehen. Ich habe nun bemerkt, daß die Bretter bes Henkerkarrens, auf bem man uns zum Gieveplatz fährt, derart alt und morsch sind daß ich und der Delinquent stets Gefahr laufen, durchzubrechen. Meine Bitte an Ew. Eminenz ist deshalb, zu befehlen, daß man diesen Karren ein wenig ausbessere.“
Die Geschichte eines rätselhaften Falles von CAREN
7 _____
das
Sie
„Hm.“ Der Fremde starrte nachdenklich auf Blumenmuster bes Teppichs. „Unb später haben das Bild auch nicht zu Gesicht bekommen?"
plötzlich herauskommen und mich erwischen. Gs ist nämlich sonderbar — er merkt mlles. Manchmal ist es beinahe so, als ob er einem bie Gedanken aus dem Kopf lesen könnte. Ganz unheimlich kann einem dabei mert**** “
Würmer im Menschen ähwämsäS» m“8 Rä°der unt- d -AWCn. App«tK1oslSkei(
«nwecfcs. m. Heißhunger. unregelmäS- Stuhlgano. oft. Kon*.
*i?’,'rkClS;fouhl-,Oh.renM,Jsen «nd Kennzeichen, Wo wörmer, «Ja Krebtgefahr ? Al e. au-* die bisher vergeb' Hi:i<- ^en.erhait.geg.! RM. auff. Au-k. v.U'™.ROÄbürg !i x Eine, gencntl. arwik. U urmspezialist. Metten achtet rechtreifie aut 'm$ Eure Kinder, bevor es zu spat ist. Alter. Beruf, eventl.
auf die Bahn gesetzt und bin aufs Geradewohl herübergefahren.“
Das Mienenspiel bet Alten wurde immer verstörter.
„Aber entschuldigen Sie, Herr — eh — Reuter ...“ stammelte sie, bas kann doch garnicht stimmen! Da muß ein Irrtum vorliegen. Herr Grau mar ja gestern garnicht in Berlin!“
„Was sagen Sie da? Er hat mich doch besucht!“
„Aber das ist ja ganz unmöglich! Wo Herr ©rau doch seit vier Tagen überhaupt nicht aus dem Haus gekommen ist!" .
„Woher wissen Sie das?"
. „Weil ich die ganze Zeit bei ihm war und ihn ge- pslegt habe. Herr Grau war doch krank — ich sagte es Ihnen schon! Er hatte über 42 Grad Fieber. Aber er wollte durchaus keinen Arzt haben. Da getraute rch.mit nicht, ihn nachts allein zu lassen. Ich hätte mit eroige Vorwurf« gemacht, wenn ihm etwas zugestoßen wäre. Und da machte ich mir heimlich in ber Küche ein Lager zurecht, damit ich für alle Fälle . .
„Konnten Sie denn von Ihrer Schlafstätte aus alles Horen, was int Haus vorging? Ich meine, hätten Sie hören müssen, wenn er das Haus verlaßen hätte?"
„Aber natürlich. Ich habe einen fehr leiten Schlaf Unb er hätte ja an der Küche vorbeigehen müßen, wenn et zur Haustür gewollt hätte. Sein Schlafzimmer liegt tm Dachgeschoß, unb die Treppe knarrt crbärnjlitft. Ich habe ihn ja heute morgen auch gleich herunrr.kommen hören. Auch Gott —der arme Herr Donald! Den Tos wtrd er sich holen bei diesem Wetter." Sie ließ ihren Tranen freien Lauf. Der Fremde hatte es mit einem- mal fthr eilig. Ehe sie sich's versah, war et mit einem fluchtigen Gruß zur Tür draußen, riß ohne Umstände «einen Mantel vorn Gatdetobeständet und stürmte in den Regen hinaus.
Und di« ehrenwerte Frau Schnee hatte reichlich'Ge- legenheit, sich über die sonderbaren Manieren dieses Mannes yi wundern, den sie offenbar allzu voreilig für einen „beneten Herrn“ geholten hatte.
(Sortierung folgt).
dabei. — Charlie, das war ihr Bruder. Es verbrannten damals an die zweihundert Menschen Jo, Herr. Und das Unglück geschah genau auf die Stund«,'als sie den Kapitän aufgeweckt hatte.“
Der Besuch lächelte ungläubig. „Das wird hinter- her immer erzählt. Nehmen Sie mir’s nicht übel, hebe Frau, aber auf so was gebe ich nichts. Ich glaube bloß, was ich sehe.“
Et kehrte sich mit einem geringschätzigen Achselzucken ab und faßte die Photographie überm Sofa noch einmal genauer ins Auge.
„Aber Sie haben recht, die Aehnlichkeit mit Donald ist auffallend. Besonders bie Augen.“
„Nicht wahr. Und im Vertrauen gesagt — zuweilen fürchte ich sogar, daß er auch sonst noch manches von ihr abbekommen hat. Sie verstehen?"
„Nicht ganz. Aber Sie können sich ganz offen aussprechen — ich verrate Sie nicht. Sie meinen — hier oben?“
Er machte eine diskrete Gebärde nach der Stirn.
„Ja, das meine ich! Er ist manchmal so sonderbar. Besonders in der letzten Zeit. Tagelang hielt er sich in seinem Zimmer eingeschloßen, und ich hörte ihn droben herumwandern. Immerzu — Stunden um Stunden. Zuweilen sprach er laut mit sich selbst — es hörte sich an. als rede er mit einer anderen Person, aber ...“
Sic stockte errötend.
„Woher wußten Sie denn, daß er mit sich selber sprach? Vielleicht hatte er jemand bei sich?“
„Nein — das glaube ich nicht. Einmal konnte ich mich nämlich nicht enthalten, durchs Schlüsselloch zu sehen. Aber außer Herrn Grau konnte ich niemand sonst im Zimmer entdecken Allerdings habe ich auch nicht gut sehen können, denn der Schlüssel steckt« von außen."
„Aha! Und haben Sie gesehen, was Herr Grau machte?"
„Er stand vor seiner Staffelei und malte. Und dabei sah er immer in die Ecke des Zimmers, die ich nicht überseben konnte, weil doch ber Schlüssel...“
„Und -r was für einem Bilde er malte, haben Sie f-f '-»bcn können?"
Reni d'e Stapelet stand mit der Rückseite gegen mich. Ich bin bann auch gleich wieder von ber Tür »egaegangen, weil ich fürchtete, Herr Donald könnte
„Nein. Ich durfte ja fast eine Woche lang das Zimmer nicht aufräumen. Und als Herr Grau mich endlich hineinlietz, da war di« Staffelei schon leer. Dafür sah es aber auch in bem Zimmer aus! Wie in einem Schweinestall, mit Respekt zu sagen! Der Fußboden unb bie gute Tischdecke — alles voller Delfarbe! Zwei Tage haft« ich daran sauber zu machen."
Ein Schweigen trat ein. Man hörte nur noch das eintönige Trommeln des Regens auf dem Fensterbrett. Der fremde Herr stand plötzlich auf und loh nach ber Uhr.
„Ich fürchte, Herr Grau kommt sobald nicht zurück. Was hat ihn denn veranlaßt, schon so früh auszugehen? Bei diesem Hundewetter?"
Di« Augen der alten Frau füllten sich mit Tränen und ihre Stimme klang diesmal aufrichtig bekümmert: „Ach, wenn ich das wüßte! Aber er spricht sich ja niemals zu mir aus. Rennt einfach auf und davon, ohne nur ein Wort zu hinterlaßen. In aller Herrgottsfrühe! Ich hab« ja meinen Ohren nicht getraut. Aber ich konnte ihm doch nicht nachlaufen, ich war »sch gar nicht angezogen?“
„Noch nicht angezogen? Wle,o denn? Sie sagten doch vorhin, daß Sie gar nicht im Hause schlafen!“
„Nein, für gewöhnlich nicht. Aber seit ein paar Tagen bin ich auch über Nacht dageblieben, weil Herr Grau doch krank war.“
.Krank, Was Sie nicht sagen!“ Der fremde Herr schüttelt« den Kopf und machte ein paar bedenkliche Schritte auf die Tür zu. Dort drehte er sich noch einmal um und streckte Frau Sdjnee zum Abschied die Hand hin.
„Es tut mir wirklich kehr leib. Herrn Grau nicht angetroffen zu haben. Grüßen Sie ihn von mir. Reuter ist mein Name — wir waren Schulkameraden. Es ist wie verhext! Gestern — als er mich besuchte, war ich nicht zu Haus«, und jetzt ..."
„Gestern? Wieso? Der guten Frau Schnee blieb vor Ueberraschung der Mund offenstehcn, was ihrem Gesicht feinen besonders geistreichen Ausdruck verlieh.
..Jawohl — gestern nochmittoA! Er ließ mit sagen er sei ohnedies geschäftlich in Berlin und hott« »ich nur besuchen wollen. Gs tat mir aufrichtig leid, und da ich für heute nichts Besseres vorhatte, habe ich mich
Er zwinkerte vielsagend mit den Augen. Frau Schnee wurde unter seinem Blick krebsrot und setzte eine beleidigte Miene auf. . „O nein, Herr Donald ist ein sehr solider Herr. Dafür wollte ich meine Selig« rett verpfänden. Außerdem hätte sich so etwas schon langst in der Gegend herumgesprochen. Hier draußen haben die Leute ja nichts Besseres zu tun, als auf ihre Nachbarn aufjupaffen.“
Sie hatte vor Entrüstung ein ganz steifes Genick bekommen und die Fettpolster ihrer Wangen zitterten aufgeregt. Der Herr fand es angebracht, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Er deutete aus eine Photographie in Eoldrahmen, die über dem roten Plüschsofa hing und eine junge Frau mit seltsam schwärmerischen Äugen darstellte.
„Wer ist das?“
„Oh. das ist Frau Grau, die Mutter des jungen Herrn. Er sieht ihr sehr ähnlich. Finden Sie nicht?"
„Lebt sie noch?"
„Nein — sie muß ziemlich jung gestorben fein. In einer Anstalt, heißt es. Sie soll ja im Kopf nicht ganz richtig gewesen sein."
„Was Sie sagen! Geisteskrank? Und wie äußerte sich das?"
„Das kann ich so genau nicht sagen. Zu ihrer Zeit kam ich ja noch nicht ins Haus. Aber die Schwester des seligen Herrn hat mir so manches erzählt Sie soll oft an Krämpfen gelitten haben, die Arme. Und es kam vor, daß sie mitten in der Nacht aufstand und aus dem Haus lief — stundenweit. Bis man st« irgendwo umgriff und wieder heimbrachte. Aber dann wußte sie überhaupt nichts davon, daß sie weggewesen war.'
„Nicht möglich!"
„Ja. denken Sie! Und sie soll ja auch das „weite Gesicht" gehabt haben."
„Das zweite Gesicht? Was ist denn bas?“
„Ja, das ist nicht so einfach zu erklären Zinn Beispiel. als ihr Bruder umkam bei dem großen ttinobrand in New Orleans — Sie werden sich nicht mehr erinnern es mag gut feine zwölf Jahre her fein — da hat sie alles vorausgesagt. Wahr und wahrhaftig! Damals rüttelte sie nackts ihren Mann ans dem Schlaf uns sagte, weiß vor Entsetz'»^ Du wirst sehen. Eduard, setz» eben geschieht irgendwo — «eit fort von hier — ein furchtbares Unglück! Ein großes Haus brennt. Ich hör« viele Menschen schreien. Und Charlie ist auch