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Kasseler Treueste TtodWfen

Sonnabend, 24./Vomrtag, 25. Dezember 1932 ?

hat: von einem Volk der Verzweifelten und Verbit­terten, das den vom Glück Bevorzugten fremd uns ablehnend gegenübersteht. Diese Kluft zu überbrücken, diese unheilvolle Ausschaltung von Millionen und Abermillionen aus dem wirtschaftlichen und damit auch aus dem staatlichen Leben zu beseitigen, ist — das kann nicht oft und nicht deutlich genug betont werden — die dringlichste Aufgabe. Und hier, bei dieser Aufgabe, wird auch der „gute Wille" aller, der Regierenden und Parteiführer so gut wie der der Un­ternehmer und der Arbeitnehmer, auf die ernsteste Probe gestellt. An ihr wird sich erweisen, cb und wie­viel von jenem Weihnachtsgeist, der das Negative überwinden will, im deutschen Volke lebendig ist, und ob wir jetzt endlich erkannt haben, daß kleinliche Beden­ken und taktische Vorteile nichts gegenüber der Ver­pflichtung, werktätige Liebe zu üben, bedeuten. Die Regierung hat mit ihren neuen Plänen, die der Retchskommisfar Dr. Gereke gestern noch einmal im Runsfunk erläuterte, ebenso wie mit dem Entschluß, auf die Verfassungsreform und alle anderen kämpfe­rischen Maßnahmen zu verzichten, bekundet, daß sie das Ihrige zur Entspannung der politischen Lage bei­tragen will. Jetzt kommt es darauf an, daß sich auch die Parteien und die Wirtschaftsverbände zu posi­tiven Taten bekennen. Niemand erwartet von ihnen, daß sie alles, was ihnen von der Wilhelmstraße vorgeschlagen wird, widerspruchslos hinnehmen; wohl aber kann man verlangen, daß sie dort, wo sie Kritik ühen, auch Wege zeigen, wie es besser gemacht wer­den kann.

Neues, Gesunderes und Stärkeres scll das Dunkel der Gegenwart überwinden. Damit ist auch schon aus eine zweite Aufgabe hingewiesen, deren Durchführung nicht minder wichtig ist als die Lösung des Arbeits­losenproblems. Weihnachten wird mit Recht das Fest der Jugend genannt. Diese Bezeichnung hat einen tieferen Sinn als den, der gewöhnlich mit ihr ver­bunden wird: „Es ist", so schreibt Frank Thieß in seinem schönen Aussatz „Deutsche Jugend und deutsche Krise", „ein nie endendes kreisendes Werden am Werke: Das Volk stellt mit dem, was es den Staat nennt, diejenige nationale Foren heraus, durch die es am reinsten sein Wesen glaubt zur Wirkung brin­gen zu können. Zugleich aber nagt es von innen her durch den unaufhörlichen Wellenschlag seiner jungen Generation an dem seelischen Geiste dieser Ordnung. Dir Jugend eines Volkes . . . erscheint als das re­volutionäre Element, welches die Nation wieder aus ihrem Schoße gebiert, damit das Svstcen nicht stag­niere". Wir leben heute in einem solchen Stadium der Stagnation, und wir brauchen das Element der Bewegung, das die Entwicklung wieder in Gang bringt und zu neuen Hoffnungen vorwäristreibt. Die WeihnachtSbotschaft, die sich, wie uns scheint, mit die­se,« Glauben an die Sendung der Fugend nicht schlecht verbinden läßt, sollte auch hier mahnen, d i e Kräfte endlich an den Staat heranzuziehen, die nichts sehnlicher erwarten, als daß sie im Kampf um d.as Neue eingesetzt, daß sie aus der Regalien zur posi­tiven Leistung geführt und für Vie Gesamtheit nutzbar gemacht werden.

Die Schwierigkeiten, die der Befriedung des deut­schen Volkes entgegettstehen, sind so groß, daß es des Hinweises auf die beiden hier kurz umrissenen Einzel­ausgaben nicht bedarf, um sie zu erkennen und richtig einzuschätzen. Sie können nur überwunden werden, wenn alle Glieder des Volkes von jenem „guten Wil­len" erfüllt sind, den die Weihnachtsbotschaft zur Voraussetzung ihrer Verheißungen macht, wenn wir wieder glauben und für den Glauben kcnnpfen lernen!

Das Kündigungsschutz-Gesetz

Berlin. 24. Deiemder.

Der Sozialpolitische Ausschuß des Vorläufigen Reichswirtschaftsrates hat sich heute auf Ersuchen des Reichsarbeitsministers gutachtlich zu der Frage geäu­ßert, wie das Kündigungsschutzgesetz in der Zeit der Wirtschaftskrise gewirkt hat.

In dem Gutachten heißt es u. a., daß das Gesetz die Aufgabe habe, den älteren Angestellten eine längere Frist zum Aussuchen einer neuen Stellung zu gewäh­ren und den Arbeitsmarkt der Angestellten vor plötz­lichen Belastungen zu schützen. Diese Aufgabe habe das Gesetz in den Grenzen, in denen es gehalten sei, erfüllt. Das Gesetz sei jedoch zu s ch e m a t i s ch, als daß es sich in der außerordentlichen Verschiedenheit der von ihm betroffenen Tatbestände voll hätte be­währen können. Das Gutachten kommt zu demSchlutz- datz der Sozialpolitische Ausschuß erhebliche Bedenken habe, für das Gesetz vom 9. Juli 1926 Aenderungen vorzuschlagen.

Gerekes Programmrede

Fortsetzung von Sette 1.

Ich möchte vorausschicken, daß es im Augenblick nicht darauf anksmmt, einen festen Plan auf Jahre hinaus festzulegen, sondern ganz real und nüchtern alle vorhandenen Möglichkeiten für den Augenblick auszuschöpfen.

Rach dem Sofortprogramm erhalten Träger öffent­licher Arbeiten zunächst dis 5 0 0 Millionen Reichsmark Darlehen. Die Durchführungs­bestimmungen werde» in Kürze veröffentlicht. Die Finanzierung dieser Summ« ist sichergestellt. Die Reichsbank hat die oorgefchlagene Finanzierung ge­billigt. Die Sicherheit der Währung ist auch für mich selbstverständliche Voraussetzung für jede Arbeitsbeschaffung. Als Darlehnsgcbek sind die Gesellschaft für öffentliche Arbeiten und die Ren­tenbank-Kreditanstalt vorgesehen. Träger der Arbeit können zunächst nur Reich, Länder, Gemeinden, Ge- meindeocrbände und sonstige Körperschaften des öffentlichen Recht, sowie gemischtwirtschaftliche Ver- sorgungsbrtrieb« sein.

So sehr ich Wert darauf lege, daß die Arbeitsbe­schaffung zentral überwacht wird, so sehr verfolge ich andererseits den Grundsatz gesunder Dezentra­lisation bei der Auswahl der Akbeitsprojekte. Alle öffentlichen Körperschaften wllen von sich aus die Initiative ergreifen und beschließen, welch« Arbeiten st« für vordringlich und unentbehrlich halten. Die Laufzeit der Darlehen soll der voraussichtlichen Le­bensdauer der zu erstellenden Anlagen angepaßt werden.

Die Darlehen sind von den Darlehnsnehmern in gleichen Raten zu tilgen. Bet einer Tilgungszeit von beispielsweise 20 Jahren beträgt die Rente jähr­lich 6 Prozent des Darlehens.

Die Hauptkosten des Kapital dien st es trägt das Reich. Außerdem werden noch zwei Frei­jahre vorgesehen. Für werbende Anlagen, z. D. Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerke und dergleichen, wer­den dagegen die Kreditbedingungen so gestaltet, daß die Träger die normalen Zins- und Tilgungslasten aufzubringen haben.

Sämtlich« Arbeiten müssen volkswirtschaft­lich wertvoll und notwendig sein. Sic müssen

auch möglichst im Lause des Jahres 1933 beendet wer­den und vorwiegend der Instandsetzung und Verbesse- rung vorhandener Anlagen dienen. Es mutz sich ins­besondere nm Arbeiten handeln, die von den Trägern bereits »orgefthen waren, aber aus Mangel an Geld­mitteln bisher nicht ausgeführt werden konnten und auch in absehbarer Zeit voraussichtlich nicht aus« geführt werden können.

Es ist einer der Grundgedanken meines Pro­gramms, durch Ueberwachung der öffentlichen Ar­beitsbeschaffung Fehlinvestitionen auszuschließen. Die Vergebung der öffentlichen Arbeiten soll auch grund­sätzlich an Unternehmer erfolgen, wobei die Ver­gebung der Arbeiten an Generalunternehmer mög­lichst auszuschalten ist. Die mittleren und kleineren Betriebe im Handwerk und Gewerbe sind ausreichend zu berücksichtigen und eine Schwarzarbeit muß unter­bunden werden. Autzerdeutsche Baustoffe dürfen nur verwendet werden wenn geeignete inländische Bau- stofse nicht beschafft werden können. Bei Neueinstel- lungen dürfen nur inländische Erwerbslose berücksich­tigt werden, die durch die Arbeitsämter vermittelt werden. Vornehmlich sollen langfristig erwerbslose Familienernährer, vor allem kinderreiche, berücksich­tigt werden. Die bei den Arbeiten beschäftigten Ar­beitnehmer sind zu den geltenden Tarifsätzen zu entlohnen, llm möglichst vielen "Deutschen Arbeit schaffen zu können, soll die Arbeitszeit 40 Stunden wöchentlich nicht überschreiten.

Die Bedingungen für die einzelnen Kredite müssen so gestaltet werden, daß sie auch den in schwerster Be­drängnis befindlichen Kommunen die Möglichkeit geben, im Interesse der Bekämpfung der Arbeitslosig­keit Kredite aufzunehmen.

Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist nicht nur ein wirtschaftspolitisches, sondern ebenso ein staats­politische, und soziales Problem. Sie bietet vielleicht die zur Zeit noch einzig vorhandene Möglichkeit $ut Milderung der ungeheuren sozialen Spannungen, und sie kann wohl allein nur noch die Grundlagen schaffen, von der aus man das von dem Herrn Reichspräsidenten von Hindenburg er­strebte'Ziel erreicht: Sicherung de« sozialen Friedens und Schaffung einer deutschen Volksgemeinschaft.

Schadenersatzanspruch wegen Beschädigung stadteigener Güter gegen sie erhoben.

Deutsch-österreichische Rechtsangleichung

Berlin, 24. Dezember.

Im Deutschen Reich und in Oesterreich besteht über­einstimmend der Wunsch nach einer Neuordnung des gerichtlichenVergleichsverfahrens. Es würde einen wesentlichen Schritt in der Richtung der Rechtsangleichung bedeuten, wenn es gelänge, diese Neuordnung in beiden Ländern einheitlich vor­zunehmen. Rach eingehenden Vorarbeiten, die insbe- scndere auch von den wirtschaftlichen Körperschaften beider Länder geleistet worden sind, haben in diesem Monat Besprechungen zwischen den Sachbearbeitern des Reichsjusttzministeriums und des österreichischen Bundesministeriums für Justiz in Wien stattgefun­den. Dabet ist es gelungen, einen g e m e in s ch a f 1 l i- ch e n Entwurf für eine neue Vergleichsordnung aufzustellen. Dieser Entwurf wirb nach Erledigung einiger redaktioneller Arbeiten mit erläuternden Be­merkungen im Lause des nächsten Monats der öffent­lichen Beurteilung unterbreitet werden.

Norman Davis als Vermittler

Besprechungen mit Hoover und Roosevelt

• Washington, 24. Dezember.

Norman Davis, der amerikanische Hauptdele­gierte bei der Abrüstungskonferenz, befindet sich auf dem Wege nach Albany, wo er heute, Sonnabend, eine Besprechung mit Roosevelt haben wird. Bor sei­ner Abreise hatte Davis eine lange Unterredung mit Hoover und Stimsou über Fragen der Weltwirt- schastskonserenz und der Abrüstungskonferenz.

Nach seiner Besprechung mit dem zukünftigen Prä­sidenten wird er nach Washington zürtickkehren und leine Konferenzen im Weiße «»Hause wieder aufnWj^ men. Mau hofft, daß sein" Besuch bei Roosevelt M, Weg zur Inangriffnahme des Schuldcnproblcms eb­nen wird. Präsident Hoover hat inzwischen seine an» gekündigte Serienreife nach Florida angetreten.

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Im Staatsdepartement selbst wurde gestern frei­lich erneut erklärt, daß in ven Fragen der interalliier­ten Schulden, des Handelsvertrags mit Frankreich und der Weltwirtschastskonferenz keine neuen Schritte unternommen werden sollen, bevor Roose­velt sein Amt antritt. Hoover uns alle führenden Männer in seinem Ministerium „sterben" am 4. März, so heißt es in der Erklärung, und für Eurcpa hat es wenig Zweck, mit Leuten zu verhandeln, deren politi­scher Tod in nicht viel mehr als zwei Monaten bevor­steht.

Präsident Hoover ging gestern, wie schon er­wähnt, auf längere Zeit nach Florida in Vie Ferien. Er entgeht damit nicht nur der Notwendigkeit, am Neujahrstage das diplomatische Corps zu empfangen, sondern er braucht auch bas stundenlange Händeschüt­teln mit Amerikanern nicht mehr über sich ergehen zu

lassen, das im Weißen Hause zmn Jahresbeginn prä­sidialer Brauch ist.

Frankreichs Defizit

Paris, 24. Dezember.

Finanzminister C h »r o n gab Freitag vor dem Finanzausschuß der Kammer Ausschluß über die fi­nanzielle Läge. Er erklärte, daß wegen ungenügender -Steirereingänge das Schatzamt seit Juni ds. I. neun Milliarden Franken in ber Hauptsache durch Ausgabe von Schatzbonds habe ausnehmen müssen. Um ven Anforderungen der nächsten Monate gerecht weiden zu können, müsse die Regierung vom Parlament die Ermächtigung nachsuchen, eine neue Transite von Schatzbonds bis zur Höhe von 5 Milliarden auszu- nehnten, sovatz die gesamte schwebende Schuld ans 14 Milliarden Franken anwasissen würde. Ter Minister bezifferte das Defizit der letzten drei Biwgets auf rund 17 Milliarden und das Defizit der Staatsbahnen auf 10 Milliarden Franken.

Die Löwen von Trau

Belgrad, 24. Dezember.

Die Agentur Avala meldet aus S p a l a t o: Bei der Behörde von Trau haben stch sechs junge Leute, die Ortseingeborene sind, mit der Selbstanschuldigung gemeldet, die venezianischen Löwen beschädigt zu ha­ben. Ihr Nationalgefühl und ihr Patriotismus sei durch Herausforderungen der italienischen Presse aufs tiefste verletzt worden. Die jungen Leute wurden vom Polizeigericht auf der Stelle zu fünf Tagen Einschließung verurteilt. Die Stadtbehörde hat

Regierungspräsidenten zuständig!

Berlin, 24. Dezember.

Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, hat sich der R e i ch s k o m m i s s a r für das Preußi­sche Ministerium des Innern in einem Erlaß vom 21. Dezember 1932 mit der Durchführung der neuen Ver­ordnung des Reichspräsidenten zur Erhaltung des in­neren Friedens vom 19. Dezember 1932 befaßt. Der Runderlaß gibt zunächst einenUeberblick über die nunmehr geschaffene neue Rechtslage, besonders auf dem Gebiete der Vereins-, Versammlungs- und Presse­polizei und regelt dann weiterhin die Zuständigkeit für die zulässig gebliebenen Maßnahmen.

Nach der preußischen Durchführungsverordnung vom 21. Dezember 1932 sind für die Auflösung von Vereinen Und für das Verbot periodischer Druckschrif­ten außer dem Minister des Innern die Regie­rungspräsidenten für den Bereich ihres Be­zirks und der Polizeipräsident für den Bezirk der Stadt Berlin zuständig. Das bedeutet gegenüber der bisherigen bei den einzelnen Notverordnungen stets wiederholten Hebung insofern etwas Neues, als für Zeitungsverbote bisher außer dem Polizeipräsi­denten in Berlin die Oherpräjidenten zuständig wa­ren. Ter Wechsel dieser Zuständigkeit erklärt sich durch die in der preußischen Reformverordnung vom 3. September 1932 zum Ausdruck kommenden Tendenz I zur Beschränkung des Geschäftsbereichs der Oberprä- i sidenten.

j Im Zusammenhang mit der Neuregelung der Ver- fammlungspolizei durch die Verordnung des Reichs­präsidenten vom 19. Dezember 1932 steht auch die Aufhebung des preußischen Demo«stra- tionsver bots vom 31. Oktober 1931. Dieses war -war seit der Verordnung des Reichspräsidenten ge­gen politische Ausschreitungen vom 28. Juni 1932 praktisch suspendiert, wäre aber nach dem Außerkraft­treten der Verordnung wieder wirksam geworden.

Offensive gegen deutsche Kultur

Den Weltkrieg überdauerten die freundschaftlichen Beziehungen Deutschlands zu den nordischen Ländern. Der Deutsche war dort droben stets-gern gesehen, lind die gebildeten Schweden beispielsweise bcMhten sich,, so rasch wie möglich die deutsche Sprache zu erlernen. Es sand ein geistiger Güteraustausch statt, der allen beteiligten Ländern reichen Segen brachte.

Die Vorherrschaft der deutschen Kultur in den nor­dischen Staaten scheint jetzt von der wirtschaftlichen Seit« her erschüttert «erden zu wollen. Die jüngsten Ereignisse in der Handelspolitik haben eine Schwen­kung der nordischen Länder herbeigeführt. Der bri­tische Kulturkreis steht ihnen mit einem Male näher als der deutsche. Durch die Propagandareise des Prinzen von Wales ist die;e Kehrtwendung noch mehr berausgestrichcn worden. Außerordentlich be­dauerlich ist, daß diese politische Schwenkung jetzt auch in den höheren Schulen Schwedens zum Ausdruck kom­men soll. Man erwägt nämlich, statt der deutschen Sprache, die bisher für die höheren Klassen obligato- rijch war, Englisch als Pflichtfach einzusühren.

Es bleibt abzuwarten, ob dieses Projekt auch wirklich durchgeführt werden wird. Vielleicht sieht man in Schweden noch im letzten Augenblick ein, welchen Segen letztlich auch die schwedische Kultur durch ihre enge Verbindung mit der deutschen da­vontrug.

Ernst Keienburgs

Der Fremde von St. Johann

Am Heiligen Abend, ein Jahr nach dem großen Kriege, kam der fremde alte Mann in das welt­ferne Eifeldors. Holzsäller brachten Ihn, erhalte am Wege gelegen im dicken Schnee, nicht anders als ein Bündel Lumpen, da lasen sie ihn auf unter dem Muttergottesbild, rieben seinen starren, mageren Körper und betteten Ihn oben auf ihren Wagen zwischen die Jungtannen. Als sie am Bahnwärter­häuschen vorbetkamen, stand der Peter Zürn vor seinem Winterholz mit seinem feldgrauen Soldaten­mantel und fragte, was sie da hätten. Da erzähl­ten sie, wie sie den Alten gesunden hätten und tru­gen ihn in die Hütte auf die Ofenbank. Maria, des Weichenstellers junge Frau wusch das Gesicht des Fremden mit Efflgwasser, öffnete ihm das härene Wanderkteid über der eingesunkenen Brust und flößte ihm einiges von dem herben Feiertagswein zwischen die Lippen. Der Pitter stand am Ofen und kratzte sich das Ohr. Eine schöne Bescherung für den Heiligen Abend wäre das. sagte er und murrte etwas von Vagabund und Spital. Da fuhr Ihn die junge Frau nicht schlecht an, er solle lieber die Ziegen melken und die Brote aus dem Ofen holen, anstatt sich hier vor dem Heben Gott zu versündi­gen. Und da vollends die kleine Anna, der beiden Kind, aus dem Winkel trat, von wo es scheu den silberbättigen Mann betrachtet hatte und einfältig fragte, ob dies der heilige Josef wäre, da tat die resche Eisenbahnerin ein Gelübde bei sich, daß sie den Fremden behalten wolle, bis er wieder gesund und bei Kräften wäre.

Die Dauern und Holzfäller In diesem entlegenen Bergdorf«, das von der Welt nickt mehr sah, als dle Schnellzüge, die zweimal am Tage gellend vor- betritten wie schwarze Teufel in die weißen Berge, hatten erst zu munkeln und spotten über den närri­schen Gast, der ihnen so ungebeten hineingeschneft war, doch da es nicht auf Ihren Geldbeutel kam und der Pfarrer das gute Werk der jungen Weichen- stellersleute von der Kanzel herab pries, fo fielen sie bald in Vie Stumpfheit zurück, zu der das Leben in der Einsamkeit sie verdammte. Ja, sie sahen es nickt ungern, daß ihre Kinder sick um den Fremden sckaarten, der sie in vielem unterwies, was ihnen dl« Scknle des RackbardorfeS, unerreichbar hinter langen Ketten VSn Schneewehen, bis an Ostern hin­

an versagte. Vielleicht, daß sie den Alten gar in ihre Gemeinschaft hineingezogen hätten, doch es war da vieles, was ihnen nicht behagte: sein stilles, beinfar- benes Gesicht mit den fernen Augen unter den schloh­weißen Brauen, sein in sich gekehrtes müdes, doch stets gütiges und hoheitsvolles Wesen, das irgend­wie ihren Zorn erregte, da es seiner nackten Armut offenbar nicht zukam, und der Umstand schließlich, daß er durch nichts zu bewegen war, ihr Kirchlein zu be­treten, das unter den drei Fichten auf dem Hügel stand. Vielleicht daß der Pfarrer des Ortes, ein ergrauter und milder Diener der Kirche, etwas von der Versprengtheit dieser Seele ahnte, denn er be­gegnete dem „Ahasverus" wie er ihn im Stillen nannte, stets mit Freundlichkeit und hatte auch nichts dawider, als sich der wunderliche Alte mit der Zeit ein Gärtchen unterhalb des Gottesackers am Hange des Hügels anlegte.

Das war im Frühling, der die Schneelasten in gurgelnden Bächen von den Bergen stürzte und über den Rinnen die jungen Wiesen ergrünen ließ. Hel­ler wurde jetzt der Gesang der Mädchen, tiefet und reifer das Licht des Abendsterns, rauschyaster das Blühen übet der rissigen Erde. Silbern aber uitb über dle Matzen wundervoll schossen die Blumen in dem Gärtchen des Alten auf, kein Mensch in St. Johann hatte je dergleichen strahlende Kerzen ge­sehen, dicht standen sie beieinander, keusch und steil, mit porzellanenen gleichsam von innen erleuchteten Kelchen, in deren Grund es golden schimmerte. Ein boldes Wunder schien es, eine Versammlung reiner Seelen, auf diese sterbliche Erde verpflanzt. Scheu betrachteten die Bauern, wenn sie von den Feldern heimkebrten, unter dem Geläut der Abeudglocken, den Alten, der in seinem Garten kniete und mit den Händen die schwarze Handktnme glättete. Uralt und schneehäuptig sah er aus mit seinem weitzen Haar, das sein Gesicht umwallte. Auch Maria stand am Zaun und betrachtete ihn schweigend, vor ihrer from­men Einbildung wurde der Alte zu einem jener Heiligen, die ihr Gesangbuch schmückten und die ihr kindlicher Glaube unantastbar durchs Leben trug. Der tiefen, glanzvollen WlnternSchte war sie einge­denk, wo der greife Findling fiebernd in feiner Kammer lag und sein Stöhnen, daS wie wildes Beten klang, durch daS dünne Haus drang . . . und

jene Stunde trat wieder vor ihre Seele, da der Alte, schon fast an der Schwelle des Todes, nach der klei­nen Anna verlangte, wie dann der Todescngel wich und eine reine iiiegeschaute Seligkeit sich auf dem Gesicht des Kranken verbreitete, als er die schmale Hand des Kindes in der seinigen verspürte. Nie­mand hätte vermocht die beiden zu trennen, von dieser Stunde an. Oftmals sah man den Greis in die Berge ziehen, um seltene Steine zu suchen, aus denen er Anna Tempelchen und Gärten baute, mit einer wunderfetnen Kunst, die niemand verstand in diesem Tale. Oder man sah die beiden gebückt über die Schiefertafel, den zarten Blondkopf der Kleinen neben dem mächtigen Haupt des Fremden.

Mählich wurde es Sommer, ein trüber schwüler Sommer, der in mißmutigen Wolken die Täler über­lagerte und in weithin rollenden Gewittern seinen Unmut bekundete. Die Menschen selbst waren nicht sroher als der Himmel. Die Regengüsse hatten das Heu hinweggeschemmt, die Wtldbäche ihre kargen Gärten bis auf die Felsen blankgespült. Da gab es wenig zu beißen für Mensch und Tier und ein Not- gespenst für den Winter obendrein. Es erhob sich ein Murren unter ihnen, die Verzweiflung machte sie ungerecht. Der Landjäger Bartel hatte den Fremden mitternächtig um die Kirche geistern sehen, stöhnend und mit gerungenen Händen, wie einen, der von einer großen Schuld umbergetrieben wird. Das konnte dieses sein und das, die Zungen zischel­ten und die Augen schossen schräge Blicke, wenn er einmal durch das Dors schritt mit seiner Kiepe und seinem gebleichten Gesicht. Wie kam es, daß der Regentod just sein Gärtlein verschont hatte mit den saltsamen fremden Blumen, die niemand zu berüh­ren wagte: ein Unheimliches gab es da in diesem nächtlichen Herumtreiber, ein Fluch vor Gott und ein Bündnis mit dem Bösen — wer weiß. Wieder flogen ihm die Blicke nach und es fehlte nicht viel, so wären es ebenso viele Steine gewesen, geschlen­dert, um dieses weiße Haupt blutig zu färben.

Es wurde Herbst und schwarzer Kräbenzng übe^ den Bergen und neblige Tage, trächtig von Krank­heit, da kam das große Sterben in das Tal der Armen. Man wußte nicht, was es war. Grippe nannten es wohl manche. Aber was nützten auch Namen. Wie ein Würger war sie plötzlich da, laut­los und fieberheiß hockte sie in diesem Hause im Grunde, wo längst der Bach über das tote Mühl­rad rauschte »nd dann wurden nachts die Fenster in den Bergen hell, in jeder Hütte der Holzfäller fast glimmerte ein wächsernes Licht und da saß ge­wiß ein schwerer Mann oder eine weinende Frau am Bette und sahen auf das wettzrote Gesichtchen

Ihres sterbenden Kindes. Wie Lichtlein loschen sie aus, die Kinder im Tale, und es reihten sich die Kreuze auf dem Friedhose. Und so nun ein kleines Wesen der Erde übergeben war ein Mägdlein oder ein Knabe, da geschah das Unfaßbare ... es dau­erte nur wenige Tage, da sproßte aus jedem Grab eine seltene Blume mit strahlendem Kelch, so wie sie der Fremde in seinem Garten hegte.

9(uf schäumte da der blinde Zorn des gepeinigten Volkes. Die Männer brüllten auf und vie Augen der Mütter, die eben noch blind vom Weinen um ihre Kinder, wurden rot vor Haß. Der Alte hatte ihnen die Seelen der Kinder gestohlen, hieß es, er sei ein Werwolf und Leichenwürger. Unsinnig brannte die Erregung in diesen dumpfen Hirnen, was half es, daß der Pfarrer mit seinem funkeln­den Zorn, der ihn ans der Mildheit der Gewöh­nung jäh in einen hitzigen Eifelbauern zurückver­wandelte, gegen den Irrwahn in seiner Gemeinde ankämpfte. Sie gingen doch eines Abends hin, eine gärende Rotte von Männer und Weibern und rissen den Alten aus seinem Veftchlag, in dem er kniete mit Mantel und Stab, wie einer der weiß, daß sie ihn holen. Es hals auch nichts, daß Maria für ibn bat und auf das totenbleiche Kind hinwies, das seine Knie umklammert hielt, sie fielen über ihn her mit Knüppeln und Steinen und schlugen ihn aus dem Dorfe, mit dem Tode jeden bedrohend, der es wagen sollte, dem Flüchtigen, der über die Fel­der davonwankte, zu Hilfe zu eilen.

Es ist nun wieder Winter und es ist genau ein Jahr her, daß sie den Alten ins Dorf brachten. Wieder tastet sich der Heilige Abend ins Tal, schwei­gend ziehen die Rotten der Holzfäller von den Ber­gen, die Aerte geschultert. Sie sprechen nicht und scherzen nicht wie ehedem, wen» die Chrtsttagsvor- sreude ihnen die Herzen wärmte. Es ist kein Funke mehr in diesen Menschen. Die Freude ist gestorben in St. Johann. Not und Schuld haben sie vertrie­ben, wie sie den Fremden verstoßen haben in die Wildnis. Wie eine Rotte am Friedhof vorüber­trottet, gucken nur die Spitzen der Kreuze aus der weißen Hülle, so hoch liegt der Schnee und wie sie an der Bahnwärterbude ein Tannenbäumchen von dem ungefügen Schlitten zerren, kommt nur die Maria heraus und sagt, daß ihr Mann krank Ist und die kleine Anna auch. Da schlagen sie die blauge­frorenen Hände in die Achseln und stampfen weiter nach kurzem Gruß. Vielleicht, datz daheim eine heiße Suppe auf sie wartet »verteilt Kornschnaps.

Maria geht durch das Zimmer, unruhig und ge» quält, es flüstert i» allen Wnteln, es stuckert und