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Kasseler Treueste Nachrichten

Donnerstag, 22. Dezember 1932

Preußische

das wirtschaftlich Vernünftige zu tun. Es sollten alle, die deutsches Korn bauen und deutsches Brot brechen, einander nicht als Gegner, sondern als Weg­genossen betrachten, die zusammenqehalten werden durch gemeinsames Blut und durch deutschen Bo­den.

Die vorangegangene Regierung habe sich erfolg­reich bemüht, die Abrüstungskonferenz aus der Unsicherheit und Langsamkeit, in der sie zu ver­sacken drohten, zu befreien. Die neue Regierung werde diese Arbeit sortsetzen. Ein konstruktiver Vor-

211 Stimmen Mehrheit

Vertrauensvotum der Kammer sür PaulBoneonr

Agrarpolitik ohne Schlagworte

Der Reichsernahruugsminister über die Lage der Landwirtschaft am Zahreseude

t e r h i l f e mit einem 38 Millionen stellt hier

Lebensmittel zur Verfügung stehenden Mittel zur Folge hatten. Es ist notwendig, zwischen diesen Kaufkraftverhältnissen und der Notwendigkeit, der

Abrüstung und Sicherheit in genauen Formeln vor­lege, Formeln, die nicht nur einem dieser Begriffe dienlich wären oder die Verschiebung des atfbern zu­ließen, sei ringereicht worden, und die Regierung werde ihn verteidigen.

Em wichtiges Ergebnis sei erzielt: die Rück­kehr eines großen Staates z«r Ab- rüstungskonferenz, dessen AnwesenhM not­wendig sei, um den abzuschlictzenden Abkommen und Garantien und der Kontrolle, die aus diesen Abkom- men folgen müsse, volle Wirksamkeit zu geben. Die französische Regierung werde aber darüber wachen, daß man aus der loyalen Anerkennung einer Gleich­berechtigung innerhalb der gleichen Wichten und innerhalb einer positiven Organisation internationa­ler oder wenigstens europäischer Sicherheit nicht etwa Schlußfolgerungen ziehe, die zu einer Aufrüstung füh­ren, die mit den Zwecken der Abrüstungskonferenz sowie mit den Friedensverträgen unvereinbar wäre.

Zum Schluß behandelte Paul-Boncour noch kurz die Lage der französischen Landwirtschaft und streifte ferner die Frage der Arbeitslosigkeit. Seine Erklä­rung wurde mit mäßigem Beifall von der Mitte und von der Linken und mit Zurückhaltung von der Rech­ten ausgenommen.

Die an die Regierungserklärung sich anschließende Debatte brachte wenig Beachtenswertes. Hervorge­hoben sei aus ihr, daß Oberst Fabry (Fraktion Tar- dieu) die Abrüstung als Utopie bezeichnete und ver­langte, daß die Militärausgaben aus einer für Frank­reichs Sicherheit ausreichenden Höhe gehalten würden.

Rach Schluß der Debatte wurde das von Paul- Boncour geforderte Vertrauensvotum mit 377 gegen 166 Stimmen, also mit einer sehr beträchtlichen Mehr­heit anqenouunen. 61 Abgeordnete enthielten sich der Stimme oder waren beurlaubt.

Die Tagesordnung lautete: Die Kammer billigt die Erklärungen der Regierung. Sie rechnet ver­trauensvoll damit, daß die Regierung die bei den all­gemeinen Wahlen gewünschte Politik der wirtschaft­lichen und finanziellen Sanierung, der Verteidigung, der Landwirtschaft, des sozialen Fortschritts und der Laizität fortsetzen wird. Unter Ablehnung jeder wei- teren Bemerkung geht die Kammer zur Tagesordnung über.

Paris, 23. Dezember.'

Die französische Deputiertenkammer und der Senat traten am Donnerstag zusammen, um die Regierungs­erklärung entgegen zu nehmen, die in der Kammer vom Ministerpräsidenten Paul-Bvncour und im Senat vom Justizministcr Gardey verlesen wurde.

Paul-Boncour verlas zu Beginn der Sitzung seine Erklärung. Sie geht von der Feststellung aus, daß weder dem Prestige der voraufgegangenen Regierung, noch ihrer Politik irgendein Abbruch getan worden sei, und daß das Kabinett sein Augenmerk auf die Kontinuität richte, was auch in ihrer Zusam­mensetzung zum Ausdruck komme. Die Regierung müsse vorerst für Sanierung der Finanzen, Eindäm­men des Defizits und Wiederherstellung des Budget­gleichgewichts sorgen. Sie werde im Januar unter Stellung der Vertrauensfrage eine erste Reihe der notwendigen Spar- und Reformmaßnah­men zur Anwendung bringen.

Die zweite Ausgabe der Regierung sei die allge­meine Regelung der Kriegsschuldrnsrage. Die gegenwärtig äußerst verwickelte innerpolitische Lag« in den Vereinigten Staaten gebiete, diese Verhand­lungen, deren Richtung durch die Kammerabstimmung vom 12. Dezember klar angezeigt seien, äußerst vor­sichtig zu führen. Dankbar müsse man anerkennen, daß man sich auch in Washington ernsthaft bemüht habe, die Schwierigkeiten beizulegen. Die französische Re­gierung werde die Verhandlungen in der festen Ab­sicht führen, eine Gesamtlösung vorzube­reiten, die dem Wirrwarr ein Ende mache, der den allgemeinen wirtschaftlichen Wiederaufbau infolge der Last der zwischen den Regierungen schwebenden Schulden behindere. Gleichzeitig werde die Regierung sich bemühen, andere internationale Verhandlungen zu einem guten Abschluß zu bringen. Auch sie dräng­ten. Diese Krise sei nämlich nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch psychologischer Art, geboren aus der in­ternationalen Beunruhigung und den Mißverständ­nissen und Rivalitäten unter den Völkern.

Landwirtschaft zu helfen, den Ausgleich zu finden. Diese Aufgabe muß gelöst werden. Die Aktion der Reichsregierung zur Ä t n Gesamtaufwand von 37 bis einen Schritt dar.

Als Endergebnis meiner Betrachtungen läßt sich feststellen, daß es kein irgendwie geartetes alleingül- tigcs Rezept für die gegenwärtig zu treibende Agrar­politik gibt. Eine organische Agrarpolitik ohne Schlagworte ist der Weg, der gegangen werden muß. Es gilt nicht, wirtschaftliche Ziele durchzusetzrn und zu verwirklichen, sondern es gilt,

Durchführungsbestimmungen

zur Verordnung für den inneren Frieden.

Berlin, 23. Dezember.

Nach der Verordnung des Reichspräsidenten zur Erhalaung des inneren Friedens vom 19. 12. 1932 dürfen Strafen nicht mehr vollstreckt werden, die wegen einer Tat erkannt sind, welche nach dem In­krafttreten per Verordnung nicht mehr strafbar sind. Das Preußische Justizministerium hat jetzt die Straf-- Vollstreckungsbehörde angewiesen, für die sofortige Entlassung der in solchen Sachen in Hast befindlichen Verurteilten und für die Rückgängigmachung etwa angeordneter Strafvollstreckungsmaßnahmen unge­säumt Sorge zu tragen.

Fernerhin kann nach § 17 der Verordnung in den Fällen, in denen jemand wegen einer Tat rechtskrästig

duktion bewährt hat, auch auf die Landwirtschaft übertragen. Praktisch dürfte jedoch eine Kartellie­rung der landwirtschaftlichen Produktion schon an der Fülle der Betriebe scheitern, denn es ist un­möglich, jedem einzelnen landwirtschafUichen Be­triebe vorzuschreiben, wie er seine Produktion zu regeln hat. Es gibt meist keine andere Möglichkeit der Beeinflussung des Produktionsumsanges, als über den Preis.

Es ist zweifellos richtig, daß niedrigere Unkosten eine Lebensfrage für die Landwirtschaft ist. Leider sind die Möglichkeiten der Unkostensenkuna für den einzelnen außerordentlich begrenzt. Und doch muß eilt Ausgleich zwischen den Produktionskosten und den Preisen für die landwirtschaftlichen Erzeug­nisse geschaffen werden.

Als letztes der Rezepte zur Sanierung der Land­wirtschaft wird empfohlen, auf die Hebung der Kaufkraft der Städter zu warten oder diese in erster Linie anzustreben. Richtig ist es, daß die Kaufkraft des Städters beim Absatz der landwirt­schaftlichen Produkte eine sehr wichtige Rolle spielt. Kein Bauer darf außer acht lassen, daß in den Städten 5 bis 6 Millionen Arbeitslose einen Un­terstützungssatz von weniger als 50 Mark im Monat beziehen und daß diese Unterstützung neben den Ausgaben für Wohnung und Heizung nur noch zu kümmerlichster Ernährung hinreicht. Auch die Lohn- und Gehaltsverbältnisse der noch in Arbeit stehen­den städtischen Bewohner haben sich fo verschlechtert, daß sie zwangsläufig eine Einschränkung der für

Berlin, 23. Dezember.

Im Rundfunk hielt Donnerstag abend Retchs- ernährungs- und Landwirtschaflsminister Dr. Braun einen Vortrag über das ThemaDie Landwirtschaft an der Jahreswende*. Er führte aus:

Die Wiederherstellung der Ertrags fähig- k e i t der Landwirtschaft konnte im Jahre 1932 nicht erreicht werden. Gerade in den typisch bäuerlichen Gebieten des Westens, Nordwestens und Nordens, deren Schicksal auf das engste mit dem Gedeihen der Vieh- und Milchwirtschaft verbunden ist, hat sich die Lage ausgesprochen verschlechtert. Die Verkaufserlöse der Vieh- und Milchwirtschaft waren im letzten Jahre um mehr als 2 Milliarden Mark niedriger als im Wirtschaftsjahre 1928/29.

Die Getreideernte reichte erstmalig seit Jahrzehnten zu einer Deckung des einheimischen Bedarfs aus. Dadurch entstand für die Getreide­politik eine "recht schwierige Lage. Trotzdem gelang es, von der großen Ernte bereits etwa die Hälfte wenigstens zu Vorkriegspreisen unterzubringen.

9lm Kartoffelmarkt wurden durch Aufkauf von 110 000 Tonnen Kartoffelstöcken, durch Erhö- hung des Spiritusbeimischungszwangs und durch Ausbau des Stärkemehlbeimischungszwangs ausge­dehnte Aufnahmemöglichkeiten für auftretende Ueberschüsse geschaffen.

Auf dem landwirtschaftlichen Kreditgebiet wurde ein Fortschritt dadurch erzielt, daß die preu­ßische Zentralgenoffenschaftskasse zurDeutschen Zentralgenoffenfchaftskaffe* umgewandelt und aus das Reich übernommen wurde. Hand in Hand da­mit ging die Sanierung des ländlichen Genossen­schaftswesens. Von nicht zu unterschätzender Bedeu­tung baden sich die Maßnahmen schließlich auch für eines der drückendsten Kapitel der Landwirtschaft, für die Z i n s l a st ausgewirkt. Das Vorgehen gegen die Zinsspannen im landwirtschaftlichen Kre­ditapparat, Hand in Hand mit der Senkung des Reichsbankdiskonts und mit der Senkung der Zin­sen für den Hypothekarkredit brachte für die Land­wirtschaft eine Senkung der Zinslast auf Wieder- vorkriegsstand. Während im Wirtschaftsjahre 1931- 1932 die Landwirtschaft noch eine Milliarde an Zin­sen aufbringen mußte, wird die Zinslast 1932/33 nur noch etwa 640 Millionen betragen.

Rach jahrzehntelangem heißen Ringen hat die Landwirtschaft es zuwege gebracht, den Eigenbe­darf an Brot zu decken, ein Gedanke, den man früher als utopisch bezeichnet hätte. Auch in der Fleischerzeugung hat man Steigerungen erzielt, die früher nicht für möglich gehalten wurden.

Man bemüht sich nun aus Grund dieser Tat­sachen, die A g r a r z ö l l e für überflüssig zu halten, fen ausbringen mußte, wird di« Zinslast 1932/33 gung im Jnlande nichts nützen könnten. Dies ist nur begrenzt richtig, denn auch bei Ueberzeugung können die Preise des Weltmarkts weiteren Preis­rückgang bei uns erzeugen. Bei einem erheblichen Teil unserer Produktion sind wir aber in gar kei­ner Weise an der Grenze der Bedarfsdeckung durch Eigenproduktion angelangt. Z. B. werden in der Fettversorgung Deutschlands, deren Wert unter Zugrundelegung des Kleinhandelspreises auf etwa 2% Milliarden geschätzt wird, etwa 40 Prozent im Jnlande produziert.

Die Handelspolitik ist eines der allerwichtigsten und vielfach weit unterschätzten Mittel für den Wiederaufstieg der Landwirtschaft.

Wir werden, wie ich hasse, durch die in letzter Zeit erfolgte Kündigung mehrerer Handelsver- träge mit anderen Ländern die Lösung unerträg­licher Zollbindungen der wichtigsten landwirt- schaftlichen Erzeugnisse erreichen und durch auto­nome Zollgestaltung und andere geeignete handels­politische Maßnahmen den Preisdruck der vom Weltmarkt nach Deutschland zu niedrigsten Prei- fen hereinströmenden landwirtschaftlichen Pro­dukte auffangen.

Wir wollen weiter dafür eintreten, daß bet Deutsche nach Möglichkeit inländische Produkte ver­braucht und sie den ausländischen vorzieht. Zwei­fellos kann auf dem Gebiete der binnenwirtschast- lichen Organisation noch manches erreicht werden.

Das neueste Rezept, das in der Agrarpolitik Ein­gang gefunden hat, ist das der Kartellierung. Man will das, was sich in der industriellen Pro­

....________ _______ _ Die Kammer vertagte sich dann auf Dienstag nach

schlag, der die notwendige Verbindung zwischen Weihnachten.

verurteilt ist, die nach dem Inkrafttreten der Ver­ordnung zwar strafbar bleibt, aber nicht mehr mit einer erhöhten Mindeststrase oder mit einer geringe­ren Mindcststrase als bisher bedroht ist, die Strafe auf Antrag der Staatsanwaltschast oder des Vrurteu- ten gemildert werden. Die Staatsanwaltschaften sol­len beschleunigt prüfen, inwieweit zum Zwecke der Strafmilderung von Amtswegen eine gerichtliche Ent­scheidung herbeizusühren ist. Dabei soll auch auf die Frage der alsbaldigen Strafunterbrechung Bedacht genommen werden und bei Verurteilten, die die frü­her erkannte Strafe noch nicht angetreten haben, von Ladungen zum Strafantritt oder von der Anordnung oder Durchführung von Zwangsmaßnahmen bis zum Erlaß der gerichtlichen Entscheidung im allgemeinen abgesehen werden.

Amnestie

für Felseneck-AngeklagLe

Die Urteilsverkündung im Prozeß gegen die 25 Kommunisten und Nationalsozialisten, die bei der Laubenkolonie Felseneck eine blutige «Schlägerei und Schießerei veranstaltet hatten, brachte am Donnerstag eine große Ueberraschung. Während der Staatsan­walt rund hundert Jahre Zuchthaus und Gefängnis für die Angeklagten wegen Totschlags an dem Na­tionalsozialisten Schwarz und dem Kommunisten Klempke beantragt hatte, verkündete Landgerichts- direktor Dr. Böhmen das Urteil dahin, daß aufgrund des Amnestie-Gesetzes das Verfahren gegen die Angeklagten auf Kosten der Staatskasse eingestellt wird. Lediglich die Angeklagten Becker und yobn, die im Verlauf der Schlägerei Fahrräder entwendet hatten, wurden wegen Diebstahls zu je sechs Monaten Gefängnis verurteilt, die aber durch die Unter­suchungshaft als verbüßt gelten. .

In der Urteilsbegründung wird ausgefuhrt, daß das Schwurgericht stach dem Ergebnis der Beweis- ausitahme nicht die Ueberzeugung gewonnen habe, daß den Angeklagten Totschlag oder versuchter Tot­schlag vorzuwersen sei. Es liege ein Raushandel vor, wie er leider zwischen den Angehörigen der ra­dikalen Parteien häufig verkomme. Nachgewiesen fei, daß die nationalsozialistischen Angeklagten den Ar­beiter Klempke schwer mißhandelt hätten; aber der Schutz, durch den Klempke getötet wurde, fei von einem nicht ermittelten Dritten abgefeuert worden und diese Tat habe nach Meinung des Gerichts nicht im Willen der Angeklagten gelegen. Den kommunisti­schen Angeklagten habe auch nicht nachgewiesen wer­den können, daß sie den Tod des nationalsoztallstt- fchen Malers Schwarz absichtlich herbeiführen woll­ten. Es fei nicht ermittelt worden, wer den tödlichen Dolchstich geführt habe. Die den Angeklagten nach- gewiefenen Straftaten Raufhandel, Körperverletzung, Landfriedensbruch, Schußwaffenvergehen undSchuß- waffenmißbrauch fielen aber sämtlich unter die Am­nestie, sodaß nur die beiden Diebstähle zu bestrafen waren.

Devisenschieber werden nicht begnadigt

Berlin, 23. Dezember.

Aufgrund eines warnenden Briefes des Reichs- bankpräsidenten Dr. Luther ist im Reichsrat auch die Frage erörtert worden, ob etwa Devisenschieber unter die Amnestie fallen. Nach Auffassung des Reichs­justizministeriums ist das nicht der Fall. Das Am- nestiegefetz zählt nicht bestimmte Straftaten auf, son­dern macht die Straffreiheit von den Beweggründen des Täter abhängig. Die Begriffe des politischen Beweggrundes und der Handlung aus wirtschaftlicher Rot sind zwar juristisch nicht-strenF abzugrenze« und werden im «sinne des Gesetzes von den Behörden >_ aus weitherzig angewandt werden, trotzdem nimmt man aber im Reichsjustizministerium nicht an, daß Devisenschieber in nennenswertem Umfange von ihr betroffen werden. Politische Beweggründe kommen für solche «Straftaten überhaupt nicht in Betracht und Taten, die unter dem allgemeinen wirtschaftlichen Druck der heutigen Verhältnisse begangen wurden, erfaßt das Ämnestiegesetz gleichfalls nicht. Deviseu- verqehen würden also nur dann straffrei bleiben, wenn sie infolge einer wirtschaftlichen Notlage de» Täters selbst oder seiner Angehörigen durch Arbeits­losigkeit usw. begangen worden wären. Daß gerade eine solche Notlage in den Kreisen, die sich mit De-

I visenfchiebnngen befassen, bejaht werden konnte, liegt | nach Auffassung des Reichsjustizministermms außer­ordentlich fern. .

Der Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung im Rundfunk. Am Freitag, den 23. Dezember, abends 173020 Uhr spricht der Reichskommissar für Ar­beitsbeschaffung Dr. Gereke über sämtliche Deut­schen Sender über das Thema:Die vordringlichsten Aufgaben der Arbeitsbeschaffung*.

Rudolf Eger:Dreizehn bei Tisch"

Ein Lustsptelerfolg des Kleinen Theaters.

Kassel. 23. Dezember.

Wenn mar Rudolf Eger glauben darf, sind die Modeschöpfer von heute mehr als geschmackvolle Schneider*, sie [int> Strategen, Spekulanten, Hypno­tiseure. Sie schaffen und entwerfen nicht nur Modelle^ sie suggerieren Millionen Frauen, das Modische sei fchöu und das ans der Mode gekommene häßlich, und sie verdienen Vermögen durch diese Suggestion. Als man kurze Röcke trug und die Strumpfindustrie blühte, waren lange Kleider unmöglich, lächerlich, ob­wohl heute kein Mensch mehr lächelt, wenn ein Kleid bis auf den Schuh reicht. Niemand wird ernstlich be­haupten, unser Geschmack habe sich in der kurzen Zeit so völlig gewandelt, oder wir hätten uns an den rock- freien Waden übergesehen. Jeder weiß, daß schön ein­fach das ist, wasman trägt. Nur die Frauen wis- fen es nicht, sie bilden sich immer noch ein, es sei umgekehrt. Und doch sehen wir täglich im Film, wie aus einem Aschenbrödel eine Prinzessin gemacht wird, aber diese Verwandlung geschieht nicht nach irgend­welchen Gesetzen der «Schönheit, sondern mit Hilfe aller Taschenspielerkünste modischen Raffinements.

Warum diese sachliche Einleitung, um ein Lustspiel zu besprechen? Weil Rudolf Eger sein «spiel von Mo­deschöpfern und ihren Tricks stofflich durchaus ernst fundiert: Diese13 bei Tisch, Modediktatoren aus allen eriropäischen Haupfftäöten, kommen zusammen, um die Richtlinien für die neue Saison zu beraten. Einer unter ihnen, Herr Farrell ans Paris, so eine Art Paton ober Molvnenr, will Saphir blau als Mo­defarbe durchsetzen, weil er dabei sein Riesenlager in Saphiren loswerden möchte. Seine Pläne durch­kreuzt ein regelrechtes Aschenbrödel, kleine Schneide­rin aus seinem Atelier, die als Vierzehnte bet Tisch einspringt und zum ersten Mal in großer Garderobe auftritt.Rellv von Atelier 2*. durch Sekt kühn ge­worden und durch den Anblick ihres geliebten Chefs, überzeugt die großen Herren für Austerngrün und begeistert sich und ihre Hörer so sehr, daß ihre Kar­riere gemacht ist.

Rudolf Eger hat mit dieser Geschichte einer klei­nen Schneiderin nicht nur eine gelungene Satire auf die Mode und ihre Schöpfer geschrieben, es ist ihm, a£S altem Theatermann, auch ein handfestes Theater stück gelungen, das keine leere Stelle» hat und sogar

einen originellen dritten Akt, was nur in zwei von hundert Lustspielen vorzukommen Pflegt.

Hans von Wild hat die Aufführung ganz auf Char- lott Vibrans gestellt und auf das modische Milieu, zu dem eine echte Modeschau gehört, die sich mit hüb­schen Mannequins und sehr originellen Mobellen unvordringlich dem Lustspiel einfügt. Charlott Vi­brans spielt sich vom scheuen Aschenbrödel in ein temperamentvolles, lebenstüchtiges Mädel hinüber und es zeugt von ihrer Charakterisierungskunst, wenn dieser starke Kontrast sich unmerklich vollzieht. In einer keineswegs luftigen, nur durch die Vitalität der Schauspielerin getragenen Episode gibt es lauten Beifall auf offener Szene: Zeichen von unmittelbarer Ueberzeugungskraft, die von Charlott Vibrans aus­geht. Ueberzeugender Gegenspieler ist Heinz Moog als Modekönig, eine neue glückliche Studie dieses er­staunlich anpassungsfähigen Darstellers. Da es au zulänglichen Schauspielern für mehr als oberflächlick' skizzierte Chargen fehlt, gibt es oft Heiterkeit statt Gepacktsein. Immerhin werden Annemarie Olbis, Kühlewein, Roemer, Wanner, Rose Kipper, Scheur- mann, Clemm, Erika Piek und Christian Huth allen Situationen auf ihre Art gerecht. Hellmuth Schubert zaubert mehr Raum ans der Bühne als da zu fein scheint. Das Publikum geht von Anfang an gut mit und ist beifallsfreudiger als nach flachen Possen.

G. M. V.

Kasseler Konservatorium der Musik

Schüler-Vortragsabende.

Kassel, 23. Dezember.

Das Aufgebot, mit dem das von Direktor Böh­mer vortrefflich geleitete Kasseler Konservatorium dieses Mal seine üblichen vorweihnachtlichen Prü­fungs-Vorführungen herausstellte, war hinsichllich der Leistungshöhe und der zu bewältigenden Aufgabe, aber auch durch die Einbeziehung mehrerer Holzblä­ser neben Gesang und Klavier besonders bemerrens- wert, Es zeigte jebenfalls wieder einen erfrischend

gesunden hoffnungsfreudigen Geist ehrlichen Ringens auch da, wo man vorläufig noch den guten Willen für die Tat nehmen muß, und rückte außerdem mit der Aufnahme eines Beethovenschen Klavierkonzertsatzes, sowie eines vollständigen Mozartifchen Klavierkon­zertes die Darbietungen an die ersehnte Konzertreise heran.

Aus der Eesangsklasse von Musikdirekwr Hall- wachs sang Karla Mense mit ihrer weichen, warm timbrieiten geschulten Altstimme ein klangschönes ly­risches Gesangsstück (Penelope-Monolog) aus Bruchs Chorwerk ,Odysseus". H. Schreckenberger saus dem Schülerkreis von Kammermusiker Witze!) spielte ein melodisch gefälliges, wirkungsvolles, im Schlußsatz schon stark virtuoses Flötenkonzert von Wilh. Popp rhythmisch und klanglich recht gewandt, wenn auch die Anblasetechnik für Klarheit und Reinheit des Tones noch nicht überall ausreichte. Aehnlich bemühte sich auch Herr Bohring, die schwierige Tremolo-Konzert- fantaste von Demerssemann in ihren gesangoollen und figurierten Gängen sauber und ausdrucksvoll zu brin­gen, was ihm, abgesehen von gewissen tonlichen Starr­heiten und Unausgeglichenheiten auch gelang. Hohe technische Anforderungen stellte gleichfalls das We- bersche Klarinetten-Concertino. mit dem Fritz Jung («Schüler von Kammermusiker Lohmann) zeigen konnte, daß er schon Tüchtiges gelernt hat. Die Begleitung hatte Herr «Schleiden übernommen.

Von den Pianisten gab Heinr. Kothe (Klasse Fr!. Liebe) seine Beethoven-Sonatensätze (op. 2 II) rhyth­misch straff, klanglich etwas robust. Herr Ehrhardt (Klasse Frl. Brückmann) den Allegrosatz aus op. 2 III sehr kraftvoll und bestimmt, Frl. Thielke (Klasse Frau Hoffmann) den Anfang von op. 10 II in leichter flüs­siger ungezwungener Entwicklung. Liebevoll-abgerun­det gestaltete Heini. Deecke (Klasse Herr Schleiden) die Variationenfarbigkeit des Schubertschen 2-Dur-Zm- promptu (aus op. 142). Geschmeidige federnde Spiel­kultur verriet die Wiedergabe des Leethooenschen Konzertsayes durch Frl. Kenter (Klasse Herr Roth- lauf), klasstsche Formstrenge und Sachlichkeft Herr Kel­ler aus der gleichen Klasse mit Bachs Präludium und Fuge L-Moll. Herr Reif (Klasse Herr Seliger) er­reichte mit der elastischen und sicheren Interpretation von Mozarts Klavierkonzert k-Dur bei sorgfältig dif­ferenziertem Anschlag und schwungvoller klanglicher Beweglichkeit in der mühelosen Durchführung seiner bedeutsamen Leistung den Höhepunkt des Abends.

Zn einer zweiten umfangreichen Veranstaltung bringen die jüngeren Kräfte (aus den Klassen von Frl. Holl, Mense und Brückmann) m Klavierstücken, Solo- und Chorgesang, sowie Rezitation Weihnacht­

liches aller Art aus alter und neuer Zett, unter an« beim auch verschiedene Kompositionen von Herm. Zilcher zu Gehör, um damit den beiden Vortrags­abenden einen stimmungsvollen Abschluß zu geben. Dt. g. St.

Kunst und Wissenschaft

Tilla Durieux' Wiederkehr. Tilla Durieux hatte sich von der Bühne zurückgezogen. Die Wirtschaftskrise hat auch sie wieder an die Arbeit gezwungen. Das ist nicht zu bedauern. Tilla Durieux ist eine Scham fpielerin von außerordentlichem Können, »zierlich eine Schauspielerin alter Art: sie beherrscht alle Möglichkeiten und Raffinements des Mimen, sie tft Künstlerin vom Komödiantischen her und nicht aus seelischem Urgründe, nicht aus ekstatischen Zusam­menhängen, nicht aus schöpferischer Kraft, ^hr Spiel wirkt in seiner Vollendung Virtuosenhaft und ist es auch. Tilla Durieux weiß dies selbst und füat sich infolgedessen in kein Ensemble, keine Re­gie, keinen Stil mehr, sie spielt nur sich selbst. Sie stellt sich eine Truppe zusammen, reift mit ihr um­her gibt Gastspiele, natürlich nur mit Stücken, tu denen ihr Talent volle Erscheinung werden kann und die anderen Spieler ihr nur die Worte und Ge­bärden zuzureichen haben. Ahnt Tilla Durieux nicht, wie durch solche Anordnung ihr Können nicht gesteigert, sondern herabgesetzt wird? Noch stärker wird solche Herabminderung erreicht, wenn inner­lich verlogene Stücke dazu dienen muffen, die Vir- tuosen-Leistung vorzuzeigen. Dario Nicodemis drei AkteDer Schatten, die jetzt im Berliner Renais­sance-Theater ihre Primiere erlebten, sind wirklich ein alberner Schmarren, psychologisch süßlich und fo kitschig, daß kein echtes Mitempfinden mit dem traurigen Schicksal der liebenden Frau, die ge­lahmt, sich betrügen lassen muß und, gesund ge­worden, auch nur bitten kann, weiter der Schatten ihres Mannes fein zu dürfen, aufzukommen ver­mag. H. M. E.

Sonberbdl Snptauv-Amerika herneuen Habt". Das Seit 9 6erneuen ilatn" (Verlas PhiUvv 8. Sint, Frankfurt- ldross-Geraul führt in wei nndmsen Publikationen in die künstlerischen und archnekw irischen Probleme der amgelsäch- fiieben Welt ein: die sehr interessante englische Malerei der ffieaenroart mit ihren deutlichen Hinneigungen zur Abstrak­tion wird in einem Aufsatz des Hamburger Museums­direktors Hildebrand Gurliit behandelt, n«b in einem Mei­len Aunab resümiert der Berliner Stadibaura' Marrin Waaner die heutigen Anschauungen der amertkanlichen Ltäd ebauer, melche deutlich auf eine dnrchgrcüende Tecen- traltsserung der grossen -taste ausgehen ..die neue ltadt" test gerade mit dieser Publikation ihre Aufklärung über fre wirtschaftlichen ,fragen im mnieinen Städtebau lehr sxrl- kau» axrt.