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Beite 9

Kasseler Neueste Nachrichten

Donnerstag, 22. Dezember 1932

Entlassungen im Gange

Die Durchführung der Amnestie

weil die Ressortoertreter darauf hinwiesen, daß Ausgaben des Reiches ohnehin schon sehr stark

ge-

Der Reichskommissar für das preußische Unter­richtsministerium hat durch einen Erlaß die Schul­strafen aufgehoben, die gegen Schüler wegen ihrer Zugehörigkeit zum nationalsozialistischen Schülerbund verhängt worden sind. Von der Anstalt verwiesene Schüler sind ohne Aufnahmeprü­fung wieder in ihre alte Klaffe aufzunehmen. Nur in besonderen Fällen soll berichtet werden.

Das Repräsentantenhaus gibt 3,2prozentiges Bier frei. Wie aus Washington gemeldet wird, hat das Repräsentantenhaus die Gesetzesvorlage, die Herstellung und Ausschank 3.2prozentigen Bieres gestattet, angenommen. Die Annahme erfolgte mit 230 gegen 165 Summen. Die Vorlage geht nun­mehr an den Senat.

internationalen Vertrage. Aber ebenso wenig, wie die Schwierigkeiten Englands und Frankreichs gegen­über seinem amerikanischen Gläubiger jemals wieder das Alte, d- h.deutsche Reparationen" zurückbringen können, ebenso wenig werden französische Auslegungs­künste der Resolution vom 11. Dezember und sicherlich zu erwartender-weiterer Widerstand in Genf den Zu­stand einseitiger deutscher Entwaffnung nach den Vor­schriften des Teils V des Versailler Vertrages wieder­herstellen!

Nur noch nach vorwärts weist der Weg! Deutsch­land wird mit allen Kräften an dem Zustandekommen einer internationalen Abrüstungskonvention, in der seine eigne Rüstung nach demselben Typ und denselben Methoden festgelegt wird, wie die der andern Mächte, wieder Mitarbeiten. Wenn aber die Konferenz doch noch scheitern sollte, dann ist die internatio­nale Entwicklung weit genug vorgeschritten, um jeden­falls außerhalb Frankreichs und seiner Eefolgsstaaten Verständnis dafür zu haben, daß Deutschland dann auf alle Fälle das moralische und politische Recht darauf hat, auch für seine eigene nationale Sicherheit in Anpassung seines Versailler Rüstungs- standes an die modern gerüstete Umwelt diejenigen Schritte zu tun, welche die Lage erfordern wird!

Hugenberg zur Schuldenfrage

Berlin, 22. Dezember.

Dr. Hugenberg gab den Vertretern der amerikani­schen Presse in Berlin am Mittwoch einen Empfang. Die Zusammenkunft diente einer Aussprache über das Problem der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten unter be­sonderer Berücksichtigung der Schuldenfrage.

Dr. Hugenberg verwies in seiner Ansprache zu­nächst auf die von der französischen Politik eingsschla- gene Taktik. Frankreich habe 14 Fahre lang von der Heiligkeit der Verträge gesprochen, solange es als Gläubiger dem deutschen Schuldner gegenübergestanden habe. Fetzt nehme es dem amerikanischen Gläubiger gegenüber die entgegengesetzte Haltung ein, wobei seine Zahlungsfähigkeit außer Zweifel stehe, da es über einen ungeheuren Goldschatz verfüge. Deutsch­land dagegen sei ein Land ohne Gold, verfüge zur Zeit aber über einen Ausfuhrüberschuß, der aus dem

drosselt seien. Was aber die Ausstellung des Haus­haltsplans für 1933 ganz besonders erschwere, sei die absolut unübersichtliche Einnahme­seite. Auch die vorsichtigste Schätzung über Steuer­eingänge könne durch die Entwicklung überholt wer­den. Es habe aber nur dann einen Zweck, den Reichsetat vorzulegen, wenn man einigermaßen über­sehen könne, ob die darin vorgesehenen Einnahmen und Ausgaben im wesentlichen verwirklicht werden könnten. Es sei eine besondere Frage, ob man sich angesichts der Schwierigkeiten, für ein ganzes Jahr zu disponieren, vielleicht mit mehreren Teilhaus­halten für das kommende Etatjahr abfinden solle.

Die am 21. November in Berlin eingeleiteten Ver­handlungen zur Ueberprüfung des deutsch-französischen Handelsabkommens vom 17. August 1927 sind Mitt­woch zum Abschluß gelangt. Sie haben zur Paraphie­rung einer Zusatzvereinbarung geführt, die unverzüglich den beiderseitigen Regierungen zur Ge­nehmigung und Unterzeichnung vorgelegt werden wird. Für die vorläufige Anwendung der Zusatzvereinbarung ist der 1. Februar 1933 in Aussicht genommen.

Gleichzeitig werden in Beilin Verhandlungen über den Abschluß eines Abkommens zur Regelung von Zah­lungen aus dem Warenverkehr sowie über Erleichte­rungen für den Reiseverkehr geführt.

Das Winterhilfswerk

Gesamtaufwendung 35 Millionen Mark / Verbilligung von Lebensmitteln und Brennstoffen

nehm sei.

Bei den gegenwärtigen Vorarbeiten am Reichsetat -handele es sich noch immer um die Frage größtmög­licher Sparsamkeit. Man prüfe, welche Abstriche ber den einzelnen Ressorts sich noch erzielen ließen. Dabei handele es sich um sehr schwierige Beratungen, weil die Ressortvertreter darauf hinwiesen, datz die

Das Gesetz über Straffreiheit im Reichs-Gesetz­blatt veröffentlicht. Das Reichs-Gesetzblatt vom 21. Dezember 1932 enthält das Gesetz über Straffrei- heit vom 20. Dezember 1932. Das Gesetz gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste behandelt die Straffreiheit bei politischen Straftaten, der zweite die Straffreiheit bei Straftaten aus wirtschaftlicher Not, und der dritte gibt die allgemeinen Vorschrif­ten.

Reichsetat nicht vor Mitte Januar

. Berlin, 22. Dezember.

Wie wir hören, sind die Arbeiten an dem Reichs­haushaltsplan für 1933 noch nicht zum Abschluß ge­kommen. Als unterrichteter Stelle wird hervorgeho- ben, es sei nicht damit zu rechnen, daß der neue Reichsetat aufgestellt werden könne, ehe der Reichs- finanzminister im Haushaltsausschuß des Reichstages den angekündigten Ueberblick über die Finanzlage des Reiches gegeben haben werde. Man glaube nicht, datz der Reichsfinanzminister hierzu schon in der ersten De­kade des Fanuars in der Lage sein werde. Deshalb sei auch dem Vorsitzenden des Haushaltsausschusses, Abg. Torgler, mitgeteilt worden, datz der 10. Januar als Termin für die entsprechende Sitzung dieses Reichstagsausschusses der Reichsregierustg nicht ge-

gung von jugendlichen Arbeitslosen zur Verfügung gestellt. Nähere Einzelheiten werden in Kürze be- kanntgegebe».

250000 Arbeitslose mehr!

Berlin, 22. Dezember.

Die jahreszeitliche Verschlechterung, der bisher die Hebung des industriellen Beschäftigungsgrades ent­gegengewirkt hatte, hat sich nach dem Bericht der Reichsanstalt in der ersten Dezemberhälfte stärker durchgesetzt. Das einsetzende Frostwetter brachte in den meisten Teilen des Reiches die Ausienarbeiten aller Art zum Erliegen. Die Beschäftigung für Auf­träge zum Weihnachtsfest fand ihr Ende. Bei den Arbeitsämtern waren am 15. Dezember rund 5,6 Millionen Arbeitslose gemeldet, d. h. rund 250 000 mehr als Ende November. Die Inanspruch­nahme der Arbeitslosenversicherung und Krisenfür­sorge hat beträchtlich zugenommen. Die Reichsanstalt unterstützt zusammen rund 1,9 Millionen Arbeitslose. Aussteuerungen aus der Krisenfürsorge sind bekanntlich im Dezember nicht mehr erfolgt; es ist daher kaum anzunehmen, datz die Zahl der von den Arbeitsämtern anerkannten Wohlfahrtserwerbs­losen noch nennenswert gestiegen ist. Bei Notstands­arbeiten waren Ende November noch etwa 86 000 be­schäftigt; inzwischen dürfte durch den Einflutz kalter Witterung eine geringe Abnahme erfolgt sein. Bei der Zahl der Arbeitsdienstwilligen wird ebenfalls mit einem gewissen Rückgang gerechnet.

Berlin, 22. Dezember.

Der große Zug der Amnestierten aus den Zucht­häusern in die Freiheit wird am heutigen Donners­tag vor sich gehen. Am Mittwoch hat die Berliner Staatsanwaltschaft, die als Strafvollzugsbehörde auch die Amnestierung bearbeitet, in etwa fünfzig absolut zweifelsfreien Fällen durch Rohrpost den Strafanstalten und Gefängnissen Anweisung zur Entlassung der Amnestierten gegeben. In der politischen Abteilung der Staatsanwaltschaft wird jetzt mit Hochdruck gearbeitet, so daß damit zu rechnen ist, daß heute die meisten Verurteilten entlassen werden, bei denen die Anwendbarkeit der Amnestie, also das Vorliegen politischer Motive, nicht allzu schwer sestzustellen ist. Ganz einfach ist diefe Feststellung nämlich nicht in allen Fällen. Bei Landesverrat muß genau nachgeprüft wer­den, ob in den Urteilsgründen das Vorliegen von Eigennutz verneint worden ist, wie das im Falle des Schriftstellers v. Ossietzky geschah.

Die Amnestierung derjenigen, die aus wirt­schaftlicher Notlage Straftaten begangen ha­ben, stellt die Staatsanwaltschaft vor eine noch schwierigere Aufgabe bei der Nachprüfung der Ur­teilsgründe. Die aus diesem Grunde Amnestierten werden in den meisten Fällen erst nach Weihnachten entlassen werden können.

Die Amnestie hat am Mittwoch auch zur Einstel­lung des politischen Beleidigungs-Prozesses geführt, den der sozialdemokratische Parteivorsitzende Wels wegen der Kritik an der Konferenz mit Henderson gegen die Schriftleiter Zeitz von derDeutschen Zei­tung" und Kames vomDeutschen Schnelldienst" angestrengt hatte.

aufgebracht.

Außerdem werden im Notwerk der deutschen Ju­gend besondere Mittel für die gemeinsame Verpfle-

Wiener Dementi. Zu der in einigen Wiener Blät­tern veröffentlichten angeblichen Unterredung des Bundesptsisidenten mit dem Vertreter eines Pariser Blattes wird der Amtlichen Nachrichtenstelle mitge­teilt, daß eine solche Unterredung nicht stattgefunden hat. Im wesentlichen handelt es sich bei dieser Publi­kation um einen Auszug aus einem schon veröffent­lichtem Interview, das Bundespräsident Millas vor ungefähr zwei Monaten einem reichsdeutschen Jour­nalisten gewährt hat.

Handelsverkehr nicht mit den Vereinigten Staaten, sondern mit anderen Ländern stamme. Er werde zur Bezahlung der deutschen Schulden an di« Vereinigten Staaten verwendet, reiche dafür aber nicht mehr aus. Besonders bemerkenswert waren die Zahlen, die Dr. Hugenberg zum Schuldenproblem gab. Darnach betragen die deutschen Außenschulden Ende Februar 1932 etwa 26 Milliarden Mark. Allein aus 21 Milliarden Krediten ergaben sich deutsche Zah­lungsverpflichtungen von 1438 Millionen. Zurück­gezahlt hat Deutschland von 19301932 etwa 8h Mil­liarden Mark. Weitere Kapitalrückzahlungen seien jetzt ausgeschlossen. Der Abfluß dieser gewaltigen Sum­men habe die deutsche Wirtschaftskatastrophe herbei- gcführt. Es fehle in Deutschland vollkommen an Be­triebskapital- Müßten die Zinsen in der bisherigen Höhe weitergezahlt werden oder würden weitere Rück­zahlungen an Kapital gefordert, so werde Deutschland zusammenbrechen und das Kapital werde für Gläu­biger und Schuldner verloren sein.

Berlin, 22. Dezember.

Ucber die Beschlüsse, die das Reichskabinett zur Winterhilfe gefaßt hat, wird folgend« amtliche Mit­teilung ausgegeben: Die öffentliche Winterhilfe, welche die Reichsregierung am 21. Dezember beschlossen hat, erweitert die bisherige in der Zeitdauer, der Art und dem Umfange der Leistungen und im Personenkreis. Sie wird für die drei Monate Januar bis März ge­währt, verbilligt den Erwerb von Lebensmitteln und Brennstoffen, vor allem dehnt sie den Personenkreis erheblich aus.

Bei «en Lebensmitteln besteht die Grundleistung in der Verbilligung des Erwerbes von monatlich vier Pfund frischem Rind- oder Schweinefleisch oder von Rückenfett und Liesen oder frischer Wurst um 30 Pfg. beim Pfund. Familien mit vier und mehr Zuschlags- empfängern können zwei Verbilligungsscheine erhal­ten und auf den zweiten Verbilligungsschein wahl­weise auch Milch beziehen. Familien mit drei Zu­schlagsempfängern können ebenfalls einen zweiten Verbilligungsschein erhalten, wenn von den Zu- schlagssmpfängern mindestens zwei über 16 Jahre alt sind. Je einmal im Monat kann der bedachte Haus­halt nach seinen besonderen Bedürfnissen an Stelle des Fleisches oder der Wurst auch Schweinefett, frischen Seefisch oder Roggenbrot wählen. Schmalz und Brot als Gegenstand der Winterhilfe wird den Hilfsbe­dürftigen ohne eigenen Haushalt und der verbilligte Bezug von Milch kinderreichen Familien besonders er­wünscht sein.

Bei den Brennstoffen wird der Erwerb von 2 Zentnern Kohle im Monat um 30 Pfg. beim Ztr. verbilligt. Für Steinkohle, Braunkohlen-Briketts oder Koks kann je nach den örtlichen Verhältnissen auch Torf oder Holz gewählt werden.

Nach der bisherigen Regelung wurde die ösfent- Rche Winterhilfe nur Untefstützüngsempsängern ge­währt, die Familienzuschläge erhielten bzw. einen eigenen Haushalt führten. Die neue Regelung da­gegen umfaßt alle Hauptuuterstützten in der Arbeits­losen- und Krisenfürsorge und in der öffentlichen Für- sorge sowie bedürftige Empfänger von Zusatzrenten nach dem Reichsversorgungsgesetz. Die Führung eines eigenen Haushaltes wird nur für die Verbilli­gung von Brennstoffen vorausgesetzt.

Ausgabestellen für die Verbilligungsscheine sind wie bisher für die Hauptunterstützungsempsän- ger der Arbeitsloseilversicherung und Krisenfürsorge die Arbeitsämter, für alle übrigen die Dienststellen der öffentlichen Fürsorge. Bezugsstellen für die verbil­ligten Waren stwd alle Verkaufsstellen, die die betref­fenden Waren führen und sich bereit erklären, den Verbilligungsschein in Zahlung zu nehmen und den sonst gegebenen Vorschriften zu entsprechen.

Die für die neue Winterhilfe notwendigen Mittel 35 Millionen RM. werden von der Reichskasse

Die pädagogischen Akademien

Berlin, 22. Dezember.

Der Erlaß über das Fortbestehen der pädagogischen Akademien in.Preußen wirv soeben veröffentlicht. Bei seiner Würdigung muß in Betracht gezogen werden, saß es sich, wie derVoss. Ztg." aus dem preußischen Unterrichtsministerium bestätigt wird, um eine Not­standsmaßnahme handelt, aus der Schlüsse für die künftige Entwicklung der Institute nicht gezogen wer­den dürfen. Man halte vielmehr daran fest, daß sich an der Idee und Organisation der pädagogischen Aka­demien grundsätzlich niebts ändere. Insbesondere solle die Zulassung von Studentinnen in nur einem Teil der Akademien nicht bedeuten, daß künftig eine Zer­legung in männliche und weibliche Institute beab­sichtigt sei.

Für den Osiertermin 1933 werden Halle und Kiel bis zu 50 evangelische Studenten, Elbing und Dort­mund bis 45 evangelische Studenten und 15 Studen­tinnen zulassen. In Beuthen können 45 katholische Studenten und 15 Studentinnen, in Bonn 50 Studen­ten zugelassen werden. Die simultane Akademie Frankfurt a. M. läßt 50 Studenten zu.

Deutsch -französische Handelsverhandlungen

Berlin, 22. Dezember.

größere und größte Zusammenhänge, in denen bas deutsche Problem nur eines von vielen ist!

Und welchen Schluß soll man als Deutscher aus ber Aufzahlung all dieser verwickelten Problemstellungen ziehen? Ich glaube ben, daß wir an der Wende dieses ereignisrerchen Jahres gleichzeitig auch wieder einmal an einer großen internationalen Wende angelangt sind. Eine neue Zeit kündigt sich an, in der Illusionen und Phrasen jeglicher Gestalt und jeglicher Richtung immer weniger gelten und allein Talsackzen und die manchmal bittere Wahrheit das Feld beherr­schen. , Außenpolitisch wird die Götterdämmerung des Versailler Vertrages aller Welt sichtbar, wenn die französische Kammer neulich mit dem Rus nach Gerech­tigkeit und Vernunft die sonst so hoch gerühmteHei­ligkeit der Verträge" bezweifelt. Die VersaillerRe­parationen sind in Lausanne gefallen. Ein anderer -i.eU des Versailler Vertrages, die einseitige deutsche Entwaffnung, ist heute etwa ebenso erledigt, wie die deutschen Tribute im Juni 1931, als Hoover das all­gemeine Moratorium vorschlug. Gewiß, noch fehlt nach der g r u n d s ä tz l i ch e n Anerkennung des beut« !>hen gleichen Rechtes in der Wehrfrage und der Si­cherheit die praktische Verwirklichung in einem

Lulu von Strauß und Torney:

Oie alte Durchlaucht

Str entnehmen den nachfolgenSen Abickmtt den Lebciwerinncrungcn Viktor von Ttrautz'. die feine Enkelin, die Dichterin Lulu von Strauß und Torney, soeben im Eugen Diebericks Verlag. Jena, unter dem TitelVom Biedermeier zur Bismarck,eit ver­öffentlicht. Dos Buch, das man in die erste Reibe jüngerer Biographien stellen kann, idjitoert neun LebenSiabrzehnte des Dichters und Gelehrten, der, fest mit der niedersächsischen Landschaft verwachsen, lange Zeit der vertrauteste Ratgeber des derzeitigen dürften am Bückeburger Hose war. seine biffffche Laufbahn endete Beim Arankfurter Bundestag, als er, der Abgesandte des kleinen, von Preußen abhän­gigen Ländchens, gegen die Bismarckfcke Politik stimmte. Aber auch in feinem letzten Lebensabschnitt, den er mit feiner Kamille in Dresden verlebte, ver­sammelte der geistvolle alte Mann noch einen Kreis bedeutender Zeitgenossen um sich. Der nachfolgen­de Auszug gibt ein Bild vom Leben in der bieder- meierlicheu Residenz:

Dieser Fürst Georg Wilhelm, der sein kleines Land durch lange, schicksalsreiche Jahrzehnte, vom Beginn der Franzosenzeit 1806 bis nahe vor dem Bruderkrieg 1866 regierte, war ein origineller Herr vom alten patriarchalischen Schlage bet am liebsten jedem seiner Untertanen in den Kochtopf gesehen und seinen Senf dazugegeben hätte. Mein Vater wußte noch allerhand Schnurren von ihm, von denen ich einige behalten habe. Georg Wilhelm war nicht nur ein sparsamer, sondern höchst knauseriger Herr, und wenn er mit Widerstreben endlich einmal einen alten, schäbig ver­tragenen Rock an seinen Kammerdiener verschenkt hatte, so ließ er ihn sich anderntags sicher noch einmal wiedergeben, um die Taschen herauszuschneiden, weil man die doch immer noch brauchen könne.

Einmal hatte er auch einem alten Jagbrock schon die Taschen ausgeschnitten, aber bann besann er sich doch wieder anders und hing den Rock in den Schrank zurück, anstatt ihn seinem Kammerdiener zu überweien. Bei der nächsten größeren Jagd zog er ihn an, ging vom Hosmarschall gefolgt, die breite, flache Sandztetntreppe im Schloß herunter und steckte fein Taschentuch in die Kasche. Der Hosmarschall hab.es auf und überreichte seiner Durchlaucht.Ei, ei hab' ich es vorbei- gesteckl?" sagt« der Fürst verwundert und steckte es nach einer Weile wieder ein. Abermals bückte sich der hosmarschall und hob es aus, Überreichte es, und der Mist war ärgerlich über sein Ungeschick. Zum dritten- Mal blioben Serenissimus stehen itn$> sahen das Tuch

kopfschüttelnd und höchst erstaunt an. Plötzlich flog ein Aufleuchten über das gutmütige, alte Gesicht.Hm, hm, ja das konnte ja nicht anders fein! Ich hatte die Taschen schon herausgeschnitten."Und dann schien der Rock doch noch zu gut", ergänzte der Hosmarschall, der seines Herrn Eigentümlichkeiten genau kannte. Ja, so war's nun werde ich den Rock doch wohl weggeben müssen", sagte der Fürst mit sichtlichem Be­bauern.

Wenn er auf Jagb gchen wollte, mußte ihm die Fürstin immer abends vorher von den Resten ber höchst bescheidenen Dbendtafel deren Hauptbestand­teil sommers und winters dicke Milch war die Früh- stücksbrote machen die bann immer bis zum andern Morgen halb vertrocknet waren. Einmal passierte es, daß er mit dem alten Oberstleutnant Barkhansen auf Jagd war und beide auf ber Frühstücksrast im Walde ihren Vorrat aus der Jagdtasche holten.I", sagte der alt« Herr da,Barkhansen, was hat Er da für schöne Frühstücksbröde? Mir macht meine Ida immer nur solche alte JappeLröde!" (von jappen, aufklappen, wie es halb vertrocknete Brote leicht tun).3a, ant­wortete der alte Oberstleutnant,die macht mir meine Frau auch immer des Morgens ganz frisch. Wollen Durchlaucht nicht mal eins probieren?" Die Durch­laucht tat das nicht mehr wie gern, fing an zu probieren und probierte so lange, bis Balkhausens Jagdtasche leer und sein Gesicht sehr lang geworden war. Da sah der alte Herr höchst betroffen auf die leergegessenen Papiere nub meinte vergnügt: I, da habe ich wohl alles aufgegessen? Ja, dann hilft das. nichts, da muß er wohl meine Jappebröde essen."

Mit seinen Untertanen stand er auf höchst gemüt­lichem Fuß. Ms er einmal von der Jagd in Baum kam, rief ihn bei Scheie ein Bauer an, der auf dem Felde pflügte:He, Dörchleucht! Huren Se eis, Dörch- leucht!" Der alte Herr bleibt stehen.Was schreit er denn so, he? Was will Er denn?"Wat min Bro'er is, Dörchleucht, de is jau Safet bi Sei. willt Sei dem wohl seggen, fine Kauh harre kalvet!"So, so. I, das ist ja schön!", meinte die Durchlaucht ganz zufrie­den. Ja, denn will ich ihm das bestellen."

Auch das Leben und di« Einrichtung des Schlosses war zu Georg Wilhelms Zeiten höchst primilio und

bescheiden. Das fürstliche Schlafgemach war ein Durch­gang, vor dem Wohnzimmer der Fürstin mit einem Fenster, bas auf einen Gang hinaussah, und wer die Fürstin besuchen wollte, wurde von der Kammerfrau ohne weiteres hindurchgeführt. Ms die älteste kleine Ainzeffin dem Kinderbettchen entwuchs, erhielt sie ein eigenes Zimmer, nicht groß, in dem auch die sie versorgende Kammerfrau mitschlief, und dort wurde gegessen, gespielt, gelernt, geturnt. Hygiene spielte damals keine Rolle. In den langen Gängen waren hin und wieder Ecken abgeteilt, in denen Nachtstühle standen, und sein Licht mußte man sich selbst mit­nehmen.

Abends standen auf dem großen, runden Tisch im fürstlichen Wohnzimmer zwei kleine grüne Schirmlam­pen, man brannte Röböl, Petroleum gab es viel später erst. An der einen saß der Fürst und las seine Zei­tung, an der anderen arbeitete ober las bie Fürstin. Im Ofen mußte die eine Prinzeß das Holz nacklegen, und der Fürst hielt darauf, baß sie habet die vertrage­nen und abgeschnittenen Füßlinge feiner alten Strümpfe über bie Hände zog. Die Beinlinge wurden neu angeftrickt. Beim Abendessen man zwar von silbernen Tellern, doch gab es jeden Abend dicke Milch, sowie Kartoffelbrei und Backpflaumen. Auf die beim Abendessen gebrannten Wachslichter hatte der Fürst auch ein scharfes Auge und forschte dem Verbleib etwaiger Lichtstümpfe genau nach, es durste nichts ver­geudet oder verschwendet werden. Aber er legte nicht nur ben Grund zu dem späteren Reichtum seines Hau­ses, sondern er hatte auch für Notleidende, Bedürf­tige wie auch für solche, deren Existenz wenn auch durch eigene Schuld in Frage gestellt war, stets eine offene Hand. Daß während der Regierungszeit keiner seiner Bauern auszuwandern brauchte, ist eine Tat­sache, die für sich spricht. Auch gehörten ihm eine ganze Anzahl Häuser in Bückeburg, die er aus irgendwelchen Gründen übernommen hatte, gewöhnlich, um den Be­sitzern aus der Not zu helfen. Darin ließ er dann Wit­wen mit kleinen Kindern, kleine Beamte und Schloß- bedienstete wohnen, die wenig oder nichts zahlten. Auch im Boden des Schlosses waren zahllose Stuben, kleine Wohnungen und Unterschlupfe, wo alte Hofdamen, Kammer- und Kinderfrauen, uralte Lakaien und durch Gebrechen zur Untätigkeit verurteilte Leute wohnten. Alle diese wurden mit durchgefiittert, und die Fürstin erfuhr dabei durch sie allen Stadtklatsch aus erster Hand. Nie jedoch zum Schaden der Leute. Sie hat immer ge- holfen unsden Schorsch". ihren Gemahl, beredet. Wohnungen umsonst zu geben, Söhne studieren zu las- fea und Töchtern bie Aussteuer zu stiften, w >

Wilhelm Schäfers neuer Roman

Die volle Reife eines zur Weisheit burchgedrun- genen Lebens, das immer mit verantwortungsbe­wußter Wahrhaftigkeit dem Menschsetn gegenüber­trat, macht den neuen RomanDer Fabrikant An­ton Beilharz und das Theresle" von Wilhelm Schä­fer (Albert Langen/Georg Müller, Münchens zu mehr als nur einer dichterisch reinen, sprachschönen, formvollendeten Geschichte zweier Menschen.

Wenn Schäfer uns in seiner schlichten Selbstver­ständlichkeit zeigt, wie der Fabrikant Beilharz, der aus einem ärtnlichen Gärtnerelternhaus der Neckar- Vorstadt Mannheims nach Unterlingen am Boden­see verschlagen wurde, hier festen Fuß faßte, Mit- und bald auch Alleinbesitzer einer großen Fabrik, dann ein reicher Mattn und Erbauer und Bewoh­ner der protzigenBeilharzburg" oberhalb des Städtchens geworden war, fein materiell fo glück ltches Vorkricgsleben im Kriege und Nachkriege mit dem Verluste der beiden Kinder und der Frau zer­fallen fah, fo geschiebt es nicht um der äußeren Vorgänge willen, fonbern ihr Sinn wird offenbar: kein Dasein besteht, das nicht den ewigen Naturge­setzen gehorcht. Hetzer Mensch aber trägt sein Na­turgesetz und dies bildet sein Schicksal in sich. Der Fabrikant Beilhar; ist kleiner Leute Kind, Gärtner sind seine Eltern und Vorfahren, der Erde itttb dem Dienst an der Erde gehört sein wesenhaf­tes Sein. So lange er sich davon losgelöst, wohnt er auf Wüstensand und ist er dem Sturmwind der Zeiten wehrlos preisgegeben. Sein materialistisch­bürgerliches Fabrikantendasein war nicht sein wesenseigenes Tein; es fällt drum von ihm ab. Und das Schicksal, sein Wesensgesetz wurzelt ihn wieder auf den tbm zugehöriaen Grund, macht den Vereinsamten wieder zum Gärtner, der sich nun noch im Alter mit dem Tberesle, der einstigen Schankmainsell, dann Gärtnersfrau, nun Witwe und Mutter dreier Kinder, zu einem gesegneten Dasein und Schaffen zusammentun kann.

Es geht eine beglückende Beruhigung von die­ser innig seelischen Erzählung aus; sie befreit von bet Not dieser Zeiten. Sie sammelt den Menschen wieder auf sich selbst, den Deutschen wieder aus sei­nen Wesensgrund. Die Nachdenklichkeit, die Schä­fer in uns weckt, führt zur Klarheit, zur Weisheit und lehrt den Menschen sich sinnvoll sehen und er­füllen. Man wünschte wobl. daß das mannhaft ehrliche, zart offene Buck> so recht ein Volksbuch würde, kam» doch nut Segen von tbm ausgeben.

Hanns Martin Elster,

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