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Handel • Wirtschaft • Börse

Kasseler Neueste Nachrichten Hessische Handelszeitung Montag, uen 19. Dezember 1952

Tiefy dividendenlos ?

Auffichtsratsfitzung der Leonhard Tietz AG. '

3« der AufstchtSratssttzmftt her Leonhard Tietz A.-G., Köln, berichtete der Borsland über das Ergebnis der ersten neun Monate des laufenden Geschastsiabrcs (1. 2. bis 31. 10. 32). Der fummenmaßige Umsatz ttt den Detail betrieben ist, wie schon mitgeteilt, in dieser Zeit gegenüber dem Vorjahr um rund 19,5 Prozent zurückgegangen. ES sei gelungen, die beeinflußbaren Unkosten in ungefähr dem gleichen Verhältnis zu senken. Andererseits werde das Ergebnis durch die Höbe der fixen Kosten, die kaum ermäßigt werden toimten, beein­trächtigt. Gestiegen seien nicht nur prozentual, sondern auch absolut die Steuern, namentlich infolge der ErhShung der Umsatzsteuer.

Nach dem vorläufigen Ergebnis sei bestimmt zu erwarten, daß die Abschreibungen in der jährlich erforderlichen Höbe voll gedeckt sein werden, doch sei «S nicht sehr wahrscheinlich, daß der bei Abschluß des Geschäftsjahres zur Verfügung stehende Reingewinn über die Abschreibungen hinaus die Ausschüttung einer Dividende gestatten werden (i. V. sechs Prozent). Der Vergleich des Umsatzes mit dem der entspre­chenden Zeit des Vorjahres zeige seit Anfang November ein etwas günstigeres Bild. Der Umsatzrückgang betrug im No­vember noch 14,4 Prozent und in den beiden ersten Dezember- Wochen rund 10 Prozent.

Hypotheken-Moratium

Einzelheiten zu den Verordnungen über Hypotheken- Moratorium und landwirtschaftliche Zinssenkung.

Zu der Hnoothekentnoratoriums-Berordnuug vom 11. No­vember 1932 und zu der Verordnung über die landwirt­schaftliche ZinSfenknng vom 27. September 1932 hat die Reichsregierung unter dem 16. Dezember 1932 je eine Durch- sührnngS- und Ergänzungsverordnung erlaffen. Die Ver­ordnung erweitert zunächst die Voraussetzungen, unter de­nen ein säumiger Schuldner durch Nachzahlung rückständiger Beträge seine Schuld noch dem Mora­torium unterstellen kann. Während dies bisher nur dann ge­schehen konnte, wenn eine Hypothek vorzeitig fällig geworden war, weil ste selbst unpünktlich bedient worden war, eröff­net die Durchführungsverordnung auch für die Fälle die Möglichkeit einet solchen Nachzahlung, in denen der Grund der vorzeitigen Fälligkeit ba,<n lag, daß ein aus einer an­deren privaten oder öffentlichen Grundstückslast geschuldeter Betrag nicht pünktlich gezahlt worden war.

Die Durchführungsverordnung regelt ferner den Einfluß des Moratoriums auf Tilgungs- und Abzahlungsdhpotheken. Eigentliche Tilgungshypotheken, bei denen Zmszuschläge zur allmählichen Tilgung der Kapitalschuld vereinbart sind, wer­den von dem Moratorium überhaupt nicht berührt. Umge­kehrt unterliegen Abzahlungshypotheken, hei denen die Jah­resrate über 5 Prozent der ursprünglichen Kapitalschuld hin- aüsgeht, in vollem Umfange dem Moratorium. Bei gerin­geren Raten ist wegen der wirtfchaftliehen Verwandtschaft solcher AbzahlungSbvpotheken mit Tilgungshypotheken die Verpflichtung zur Weiterbezahlung bis zu 3 Prozent der ursprünglichen Kapitalschuld für ein Jahr vorgesehen worden.

Schließlich erweitert die Durchführungsverordnung die in 8 14 Buchst, c enthaltene Vorschrift über die Nichtgeltung des Moratoriums für kurzfristige Kreditgekwährungen dahin, daß es nicht Darlehnsforderungeu zu sein brauchen, sondern daß auch andere Forderungen außerhalb des Moratoriums bleiben, wenn den Umstände» zu entnehmen ist, daß eine langfristige Kreditgewährung nicht beabsichtigt war. Nament­lich gilt dies für gewisse Arten von Sicherungshypotheken, bei denen für einen Gläubiger ein Recht an einem Grund­stück entsteht, ohne daß es sich hierbei um einen Vorgang des Realkredites handelt, so besonders bei Zwangsvollstreckungen in Grundstücke.

Butter zur Margarine

Bemerkungen zur neuen „Fettpolitik“

Reichskanzler von Schleicher hat es in seiner Rundfunkansprache vermieden, nähere Einzelheiten über ^ie projektierte Reform der deutschen Fettverioigung be­kannt zu geben. Es ist aber anzunehmen, daß bereits in kurzer Zeit Klarheit über diese Dinge geschaffen wird, die la das Kernstück jeder deutschen Agrarpolitik bilden müs­sen. Nachdem es gelungen ist, den deutschen Einfuhr- ü b eri ch utz an Getreide durch »ermehrte Jnlands- produktion zu beseitigen, ist es das nächstliegende Ziel, die deutsche 8ctt» erforgung vom Auslande so unabhängig wie m ö g l i ch zu machen, wenn man sich auch darüber klar sein mutz, daß eine vollständige deutsche Fettautarkie kaum möglich ist.

Die Pläne des Ernährnugsministeriums bewegen fick etwa aus folgender Basis: die deutsche Eigenerzeugung an Butter soll durch forcierte Siedlungstätigkert we­sentlich erhöht werden. Da aber die deutsche Butterpro- duktion selbst bei weiterer Eindämmung der Butterein­fuhr .in Anbetracht der gesunkenen Kaufkraft kaum im Jnlaude vollständig untergebracht werden kann, da ferner etn Uoberfchuh an deutschem Talg existiert, soll die M a r- Sarine-Jndustrie gezwungen werden, in verstärk­

anders. Holland ist ein Land des Butter übe^'^nsies par excellence geworden, denen Butter-Reichtum noch dadurch besonders schwierig für das eigene Land geworden ist, daß England, bisher der 6eite Bufterkunde. stch durch das Ab­kommen von Ottawa in ziemlich einseitiger Weise aus die Versorgung von Butter und sonstigen Molkerei- prodnkten aus den Dominions (Kanada, Australien, Nen- seceland) festgelegt hat. Als Holland vor einigen Monaten diesen Schritt tat. erklärte man, es sei vollkommen aus- geschlosten. daß Deutschland ihm ans diesem Wege folge, seitdem ist freilich der Butterkonsum in Deutschland wei­ter rapide gesunken, weitere Konsumentenschichten und von der Butter zum Schmalz und zur Margarine abgewan- deri, und die Lage am deutschen Buttermarkt hat durch die Aendernng der Kontingentierungs-Beitimmungen ge­genüber der Ällslandseinfuhr sich geändert.

Die Frage, ob die Beimischung von Butter ffir die Qualität der Margarine ausschlaggebend ist oder nicht.

ist heute wieder viel umstritten. Eine wirklich objektive Antwort auf diese Frage kann wohl kaum gegeben wer­den. Der Wettkampf zwischen Butter und Margarine ist genau io alt wie das Entstehen der Margarine-Indu­strie in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es berühr: heute merkwürdig, wenn man stch daran erinnert, daß ein Gesetz vom 12. Juli 1887 bestimmte, daß gerade eine Verbesserung der Margarine durch Hinzufügung von mehr als 10 Prozent Rahm verboten sei, um einen un­lauteren Wettbewerb der Margarine gegen die Butter auszuschalten.

Letzten Endes bedeutet die Steigerung der Buttervro- duktion, die jetzt von der Regierung erstrebt wird, einen gesteigerten Bedarf an hochwertigen Futtermitteln. Man wird auch auf dem Wege der «Siedlung nur dann zu höheren Milch-Anlieferungen und somit zu einer höheren Buttervrodukiion gelangen können, wenn Futtergetreide CStleie) produziert wird. Außerdem dürfte sich ein erhöhter Einfuhrbedarf an L> e l - k u ch e n ergeben, der die deutsche Devisenbilattz, wenn auch in schwächerem Maße als die bisherigen Margarine- Rohstoffe, belastet. Ungelöst bleibt außerdem das Problem der Verwendung der anfallenden Mager- und But­termilch. Neben der staatlichen Unterstützung wird die Landwirtschaft schwerlich aus die Methoe der Selbst- Hilfe verzichten können, wie ste vor allem in verstärk­tem genossenschaftlichem Absatz liegt. Hierzu ist man mit der Schaffung der deutschen Markenbutter aus dem besten Wege.

Deflation und Bilanz

Von Kurt W. Merten, vereid. Bücherrevisor, Kassel.

fern Matze diese deutschen Rohstoffe zu verarbeiten, und msbesondere soll

Der Wert des Goldes ist, am Preisiuder gemessen,

eiu Beimischungszwaug für Butter

1 n r M ar ga r i u e zur Auweuduug gefangen.

Sur besseren Unterstützung dieser Maßnahmen will man eine weitere Kontingentierung der Margarinevroduktion vornehmen. Von einer Margarine-Steuer, wie sie nr- sorüngbich einmal geplant war, soll abgesehen werden.

Diese Maßnahmen int Interesse der Landwirtschaft «erden zweifellos in weiten Streifen der Jndustriebevölke- rung stark verstimmen, da es kaum gelingen dürfte, eine Preiserhöhung für Margarine und wohl auch für Schmalz zu umgehen. Daß die Margarineindu- ftrie äußerst starke Bedenken dagegen äußert, liegt aus der Hand. Die ausländischen Rohstoffe, die bisher zur Margarine-Produktion dienten, stellen wesentlich billigere Softendemente dar, als die inländische» Fette, die nun­mehr beigemischt werden sollen. Der Rohstoffver- brauch der Margarine-Industrie setzt sich, wie aus der folgenden Tabelle ersichtlich, bisher zum weitaus größten Teil ans ausländischen Fetten zusammen:

Tierische Fette Menge iu tu Proz.

Premier jus Reintalg 10 405 2,5

Oleomargart« 8 465 2,0

Neutrallard (Neutrales Schmalz 4 492 1,1

Pvetztalg 317 0,1

Andere tierische Fette 441 0,1

von 1924 bis Mitte 1932 um etwa 30 Prozent gestiegen. Infolgedessen erscheinen diejeirlgen Bilanzwerte, welche auf der Goldmarkeröffnungsbilanz von 1924 basieren, also hauptsächlich Anlagen und Eigenkapital, wenn sie in der Handelsbilanz den übrigen Werten (Warenbeftände, Fonfee- rungen, Schulden) gegenübergestellt wenden, um den gleichen Satz znhoch. Eine Gewinnansfchüttung auf dieser Grundlage würde insolgedeffen aus der Substanz er­folgen, und es ergibt stch Vie Frage, ab triefet Situation durch Erhöhung der Mbschreibuiigsquote und durch Herab­setzung des Kapitals Rechnung getragen werden fall. Die Beantwortung ist umsa schwieriger, als feafesi gelfe- thearetiscbe Gesichtspunkte mit wirtschaftlichen in Wider­spruch geraten, denn hohe Abschreibungen und ÄavitakM- sammenlegung mindern die Kreditwürdigkeit, während andererseits das Bestreben dahin gehen fällte, die Bilanz­werte den tatsächlichen Verhältnissen anzupaflen. Bei den übrigen Bilanzwerten geschieht Vas automatisch: der Wert der Außenstände und der Verpflichtungen Weifet sich nominell gleich, ebenso wie stch der Kurswert der Effekten der monnetären Lage anpaßt, und der Wert feer S3 ar e nfec ft änfe’c , seien sie zuut Tagespreis oder zum

Zusammen 24120

Harttrane 65 904

Pflanzliche Fette und Del«

Pflanzliche Hartfette 91181

Kokosfett 86158

Palmkernfett 35 622

Sojaöl 44186

Palmfett 4 984

Emutzöl 4*2 511

Baumwollfamenöl 2:218

Sefamöl 1 1.51

Andere pflanzliche Fette und Oele 20 463

5,8

15,7

21,8

20.6

8,5

10.6

U

10.2 0,5 0,3

4,9

Zusammen 328 674 78,5

Insgesamt 418 698 100,0

M ilch ttt 1000 hl 804

Es wären demnach große Umstellunaen notwendig, um die deutsche Margarine-Industrie auf die Verwendung deutscher Rohstoffe umzustellen.

Deutschland ist nun allerdings nicht das erste Land, welches den Butterverwendungszwang für Margarine durchführt. Das Stammland des großen Seifen- und Margarine-Konzerns Unilever, der auch den weitaus größ­ten Teil der deutfchen Margarineproüuktton kontrolliert,

Hulluud. ist uns mit diesem Beispiel wränge- gangen.

Dort liegen die Verhältnisse jedoch in jeder Beziehung

Herstellungswert angesetzt, folgt feen Schwankungen des Geldwertes, feer sich in feen Maierialpreisen und iu feer Lohnhöhe spiegelt

Für feie Anhänger feer feynamischen Bilanz- I et) r c spielt die Bewertungsfrage keine große Rolle, denn ste messen den Erfolg an feer Geiviun- um» Verlustrechnung. Anders die Statiker unter den Bilanztheoretikern; für ste Tft feie Bilanz ausschlaggebend. Daß sich in feer Be­triebswirtschaftslehre fo weit auseinander lausende Lehr- arten gebildet haben, ist an sich schon ein Beweis dafür, wie schwierig feie Beurteilung solcher Fragen, wie ine zur Er­örterung stehende, ist.

In der Praxis mutz ausschlaggebend sein für die In , der Frage der Bewertung einzunehmende Haltung, ob die Ausnützung der vorhandenen Anlagen in ab­sehbarer Zeit überhaupt wieder möglich sein wird.

Tic derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse (Minderung feer Jnlanüskaufkraft, Etpoitdrosselung) können dabei keines­falls als Maßstab angefetzt werden. Zweifellos aber ist ein großer Teil der Betriebe in Bezug auf feie Anlagen, und zwar sowohl bauliche wie maschinelle, übersetzt, und es I besteht wenig Aussicht, daß sie, auch bei anziehender Kon- | tuntour, wieder in den zu weil gewordenen Mantel Ymetn-

wacksen werden. Da hilft, besonders wenn gleichzeitig starke Verschuldung vorliegt, nur ein rücksichtslos er Schnitt, unfe dann ist, wenn es nach Auflösung feer Re­serven zu einem Verlust kommt, dessen Ausweisung immer noch der Einrichtung des durch die Dezember--Notverord- nuitg zugelasienen Entwertung Skontos vorzuziehen, denn das Eniwertungskonto ist im Grunde genommen nichts weiter als ein anderer Ausdruck für feen Begriff „Ver - l u ft“, und es befreit lediglich von den fällst durch bas Ge­setz (§ 240 HGB.) auserlegten Pflichten, während es ft* steuerlich auch nicht günftiaer uruswirkt als feer Berlustvor- rrag. Andererseits erleichtert sich, wer heute einen derartigen Verlust auf sich nimmt, damit feie Zukunft.

Liegt aber nur geringe Verschuldung wr und erscheint der Umfang der Anlagen bei vorsichtiger Einschätzung der Zukunftsaussichte» angemesten, dann dürfte eine Umwertung feer Bilanzansätze verfrüht sein, denn feie unausbleibliche Auflösung der großen GvldaNhäu- fungen an bestimmten Stellen ^Frankreich. Amerika) wird zur Folge baden, baß sich der Goldwert in feer Zukunft auch wieder in anderer Richtung bewegt. Immerhin «Ber sollte der heutigen Sage insofern Rechnung getragen werden, als jede Gewinnausschüttung sorgfältigster Ueberlegung bedarf und bei der Bemestung der Tageswert der An­lagen. gemesten am heutigen Goldpreis, nicht ans dem ?tuge gelassen werden darf, weil sonst mit einer gewesten Berechtigung von einem Angriff auf die Substanz gesprochen werden kann.

Roch eine Bemerkung zur Bewertung der Warenbeftiinde.

Ueberall. wo feie Bewertung jum Tagespreis fees Bikanz- stichtages erfolgt und noch Vorräte aus dem Anfang fees Ge­schäftsjahres vorhanden find, werden stch Unterfchiede gegen­über dem Buchwert ergeben, und zwar wird feer in feer Inventur ausgewichene Bestand werlmätztg niedriger sein. Je nach Umfang der alten Bestände können daraus unter Umständen erhebliche Verluste resultieren, die, wenn sie nicht durch die Auflösung stiller Reserven wetigemacht wer­den können, das Jahresergebnis vielleicht entscheidend be­einflussen. Auw hier gift das für feie Anlagen gesagte: ein entschiedener Schnitt erleichtert feie Zukunft und wirb uw schon ans Gründen der Wettbewerbsfähigkeit nicht umgehen lassen, während ein Entwertuugskonto nur dann zu empfeh­len ist. wenn äußere Gründe es notwendig machen.

Wenn durch Maßnahmen, wie ste hier angebeutet wurden, Verluste entstehen und durch Nachschüsse feer Gesellschafter beseitigt werden, so bedeutet feas bei Einzelkaufleuten, offe­nen Handelsgesellschaften, Kommanditgesellschaften unfe Kör­perschaften lediglich eine K - pi talerh öh nng. Der Verlustvortrag an sich wird nicht beseitigt uird tonn steuer­lich gegen einen etwaigen Gewinn in feen folgenden beiden Jahren aufgerechnet werden. Strittig ist bet Körperschaften, ob ein durch Kapitalzusammenlegung beseitigter Verlust steuerlich abzugsfähig bleibt. Eine Reichs-FinanKhoftEnischei- feung liegt darüber noch nicht vor.

In Kurze

Nach den Ermittlungen des A l l ee m ei n e n Den f • scheu Gewerkschafts * Bundes stellte sich Ende November 1932 bei 3 1 21 032 «Ende Oktober 3 139 278) Mit­glieder u, Über die berichtet wurde, bte Zahl der Arbetts- losen auf 1 366 496 (1 361 399) und die der Kurzarbeiter auf 671 463 (689 770) oder iu Prozente« der Mitaliederzahl auf 43,8 (43.4) bezw 21.5 (22.0). (rate November 1931 »ne­ben bei 3 735 071 Mitglieder« 1473 965 Arbeitslose und 797 855 Kurzarbeiter gezählt.

—Die A d a m O o e l A.-G., Rüstelsbeim/Main, teilt mit. daß ab 1. Dezember 1932 in der F a b r r a d a b 1 e i l u u g wieder voll gearbeitet wird. Die Zahl der vorliegenden Anf- träge ermögliche es, die sechstägige Arbeitswoche auch den Winter über beizubebalteu. Zur belferen Ausnutzung der Produktionskapazität und um die Garantie für einwand­freies Material zu haben, ist Enel nunmehr auch zur er­weiterten Fabrikation von Einzelteilen, wie rostfreien Setten, Speichen. Felgen etc. nbergegangen.

ODE IMME MOT ©EM ©TTEBPEHi

Die Geschichte eines rätselhaften Falles von CAREN------------------------------- 2----

Aber noch ehe Zensen stch zum Gehen gewandt hatte, hielt er ihn am Aermel zurück.

„Still? Hören Sie nichts?!" Drinnen war eine Tür gegangen, eine Diele knarrte. Vorfichtig schlei­chende Schritte näherten sich der Flurtür. Dann wurde langsam von dem Guckloch die Klappe weggezogen, und ein Auge starrte unbeweglich durch die runde Oessnung. Die beiden Männer tauschten einen raschen Blick. Automatisch schoben beide die rechte Hand in die Manteltasche. Dem jüngeren Jensen ritz die Ge­duld.

„Zum Kuckuck, so öffnen Sie doch, Sie da drinnen! rief er gereizt. Die Klappe fiel wieder zu. Dann fragte eine heisere Männerstimme: „Was wünschen Sie denn?"

„Das werden wir Ihnen drinnen erzählen. Oeffnen Eie jetzt endlich. Kriminalpolizei!"

Es war, als halte drinnen jemand vor Schreck ein paar Sekunden den Atem an. Zögernd verlor stch der Schritt wieder nach dem Hintergrund. Und die Stimme antwortete diesmal in verbindlichem Ton: „Einen Augenblick, bitte — ich bin nicht angekleidet."

Scharf bekam vor Ungeduld einen roten Kopf.

„3)as stört uns gar nicht" rief er verärgert. „Machen Sie keine Umstände, und lasten Sie uns augenblicklich hinein! Sonst müssen wir aufbrechen lasten!"

Das schien zu ziehen. Der Schlüssel drehte stch im Schlotz. Eine Sicherheitskette klirrte. Und in der halb­geöffneten Flurtür erschien ein Mann im Pyjama und Morgenschuhen, der den krampfhaften Versuch machte, seinen linken Arm in den umgekehrten Aermel eines am Boden schleifenden Schlafrocks zu zwängen.

„Verzeihen Sie", sagte er höflich, „ich pflege am Sonntag sehr lange zu schlafen. Als es das erste Mal läutete, glaubte ich, geträumt zu haben, und legte mich wieder auf die Seite. Ein so früher Besuch ist bei mir eine Seltenheit."

„Das will ich hoffen!" grinste Jensen und betrat hinter Scharf einen grossen düsteren Raum, Kompro- mih zwischen Wohn- und Arbeitszimmer, mit schönen und zweifellos echten Chippendalemöbeln und ern paar sehr guten alten Stichen und Oelgemälden an den Wänden. Nach der Einrichtung hätte man auf Geschmack und Kultur des Besitzers schliessen können. Aber das Ganze machte einen vernachlässigten und irgendwie zufälligen Eindruck. Es glich eher einem Möbeldepot als einer wohnlichen Behausung. Auf ollen Gegenständen lag eine dicke Staubschicht. Der wertvolle Perserteppich war offenbar seit Jahren nicht mehr abgekehrt worden, so dah man die schönen War­ben kaum noch erkennen konnte. An den Fenstern hingen schmutzige, zerrissene Gardinen billigster Sorte. Reste von Holzwolle lagen hier und da am Boden verstreut. Im Kamin brannte kein Feuer, und die Kälte machte den Raum noch unbehaglicher, als er an sich schon war. Die beiden Kriminalbeamten schenk­te» indes dem Zimmer zunächst weniger Interesse als

dem Mann im Pyjama, dem es inzwischen endlich ge­lungen war, in seinen Schlafrock zu kommen. Er war ein mittelgrosser Mensch zwischen dreißig und vierzig Jahren mit schütterem schwarzen Haar und einem mageren, bartlosen Gesicht von beinahe südlicher Haut­tönung. Der Mund war auffallend hübsch und ent­hüllte beim Sprechen ein makellos schönes Gebiss, was besonders seinem Lächeln einen bestechenden Reiz ver­lieh. Stirn und Augen verrieten Intelligenz, aber das linke Augenlid hing, wahrscheinlich infolge einer Lähmung, etwas herab, was der Physiognomie zu­weilen etwas hämisch Verzogenes gab. Er sprach ein tadelloses Deutsch und schien der gebildeten Klasse an­zugehören. Die Herren ignorierten seine zum Sitzen einladende Geste, und Inspektor Scharf überrumpelte. ihn ohne Einleitung mit der Frage: „2Bet sind Sie?"

Der Befragte zögerte einen Moment in betroffe­nem Erstaunen mit der Antwort. Dann sagte er voll­kommen ruhig:

„Mein Name ist Fuchs — Caspar Fuchs. Womit kann ich Ihnen dienen?"

Nun war die Reihe des Staunens an den Poli­zisten. Besonders in Scharfs Gesicht malte sich auf­richtige Bestürzung. Aber er sammelte seine Züge so­gleich wieder zu dienstlicher Straffheit.

„Haben Sie einen Patz zur Hand, Herr Fuchs? Oder sonst irgendeinen gültigen Ausweis mit Licht­bild?"

„Einen Augenblick, bitte." Der Mann gtng zum Schreibtisch und, zotz ein unversperrtes Schubfach her­aus. Dann wühlte er in einem Stotz unordentlich durcheinandergeworfener Papiere. Nach zwei Minu­ten förderte er einen zerknitterten Reisepatz zutage, den er schweigend dem Beamten aushändigte. Scharf setzte seinen Kneifer auf, trat zum Fenster und ver­senkte sich in das Schriftstück. Er prüfte die Stempel und verglich die Photographie mit dem Original. Murrte etwas unverständliches. Und reichte schließlich das Papier an Jensen weiter. Auch dieser prüfte, ver­glich, brummte etwas in den Bart und schrieb dann Ausfertigungsdatum und Patznummer in sein Notiz­buch.

„Stimmt", bemerkte er trocken. „Sie find also gar nicht tot, Herr Fuchs?"

Fuchs sah in aufrichtiger Verblüffung von einem zum anderen. Dann brach er in ein Lachen aus.

„Soviel mir bekannt ist, — nein. Aber vielleicht sind Sie darüber besser unterrichtet, als ich."

Er lachte herzlich und ohne eine Spur von Ge­zwungenheit. Und er sah in diesem Augenblick direkt sympathisch aus.

„Vielleicht sind die Herren gekommen, die Leichen­schau abzuhalten!" „Ja, so etwas Aehnliches. 3Bii haben nämlich vor einer halben Stunde aus Stralsund die Nachricht bekommen, datz Sie gestern abend — er­mordet worden sind."

Es wollte Jensen erscheinen, als ob bei seinen in i halbem Scherz hingeworfenen Worten sekundenlang

alles Blut aus dem Gesicht von Caspar Fuchs gewichen sei. Und er fügte mit behaglichem Lachen hinzu: „Jetzt brauchen Sie nicht mehr zu erschrecken, Herr Fuchs. Wenn man den Donner noch hört, hat einem der Blitz nichts geschadet. Jedenfalls sind wir aufs angenehmste überrascht. Sie bei bester Gesundheit zu finden!" v

Fuchs lächelte dünn, und es war, als unterdrücke er gewaltsam ein Schwanken in seiner Stimme, als er entgegnete: „Eewitz, meine Herren, aber es ist doch immerhin ein etwas unheimliches Gefühl, ermordet zu jein — und es bloss selbst noch nicht zu wissen. Finden Sie nicht?"

Seine Heiterkeit hatte mit einmal etwas Nervöses, unnatürlich Gesteigertes. Dem schlauen Jensen entging die falsche Note in seinem Lachen nicht. Und während Scharf eine kurze Vernehmung begann, verlegte er sich darauf, den Mann insgeheim zu beobachten. Fuchs beantwortete alle an ihn gerichteten Fragen mit höf­licher Bereitwilligkeit — ja, es kam Jensen so vor, als ob diese Bereitwilligkeit sogar um eine Nüance zu ge­flissentlich sei.

.Darf ich fragen, ob Sie gestern abend zwischen fünf und sieben Uhr zu Hause waren, Herr Fuchs?" fragte Scharf. „Oder wenn nicht, können Sie uns on= geben, wo Sie sich um diese Zeit aufgehalten haben?" Fuchs nickte eifrig: „Gewitz kann ich das. Ich habe gestern bereits gegen drei das Haus verlassen und bin direkt mit der Bahn nach Potsdam hinausgefahren zu Pastor Lenck, wo ich an jedem zweiten Sonnabend meine Bridgepartie habe. Ich war kurz nach vier Uhr dort und hatte eigentlich die Absicht, mit dem Sieben­uhrzug nach Berlin zurückzufahren und dann in ein Theater zu gehen. Aber inzwischen kamen noch etn paar Bekannte von Pastor Lenck, und er bat uns alle, zum Abendessen dazubleiben. Nachher wurde noch ein wenig musiziert und im Umsehen ging es auf Mitter­nacht. Ich habe mir des schlechten Wetters wegen und- weil ich auch ziemlich müde war, vom Wannseebahn­hof ab ein Auto genommen. Es war genau dreiviertel eins als ich zu Hause war. Ich kann es mit Bestimmt­heit lagen, denn im Auto entdeckte ich, dass meine Uhr stehengeblieben war, und ich bat den Chauffeur um die genaue Zeit." Scharf machte sich einige Notizen.

„Und — kann in Ihrer Abwesenheit niemand di« Wohnung betreten haben? Hat vielleicht noch irgend­eine andere Person einen Schlüssel — ein Dienstbote oder sonst wer? Wer räumt bei Ihnen aus?"

„Niemand, ich besorge alles selbst. Ich liebe es nicht, einen fremden Menschen inmeiner Abwesenheit iu meiner Wohnung herumschnüffeln zu lassen. Und wenn ich vpn meiner Arbeit nach Hause komme, will ich meine Ruhe haben."

„Sie leben also ganz allein? Sie haben auch nie­mals Logierbesuch oder — oder...?"

Der brave Scharf rang im Stillen verzweifelt nach einem möglichst dezenten Ausdruck für das, was er sagen wollte. Aber er kam gar nicht soweit. Fuchs schnitt i'hm mit einer entschiedenen Geste das Wort ab:

„Niemals! Ich bin als eingefleischter Junggeselle ein Feind jeder Störung meiner Bequemlichkeit. Ausserdem bin ich fa mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage nur wenige Stunden des Tages zu Hause, denn..."

»Richtig, Sie sind ja Kunsthändler. Haben Sie ein

eigenes Geschäft oder vermitteln Sie nur die Käufe?"

Jetzt drückte die Miene von Caspar Fuchs wieder ehrlichstes Erstaunen aus.

„Kunsthändler'...?" fragte er kopfschüttelnd. „Wer hat Ihnen denn gesagt, datz ich Kunsthändler sei? Ich verstehe von Kunst nicht viel mehr, als ein Matrose von Viehzucht. Ich bin Chemiker und arbeite seit acht Jahren in den Farbwerken von Neff u. Petersen am Vinetaplatz.

„Was eigentlich beweisen würde, dah Sie minde­stens von — Farben mehr verstehen als der Matrose von Viehzucht!" fiel ihm plötzlich der bisher so schweig­same Jensen ins Wort. Der Einwurf klang wie ein harmlcher Witz. Aber aus Fuchs' gesundem Auge streifte ihn ein rascher, stechender Blick, der dem jun­gen Kriminalbeamten keineswegs entging. Ein weniger Seübter Beobachter hätte kaum erraten können, ob uchs den Zwischenruf überhaupt beachtet hatte. Denn er fuhr ohne Atempause fort: „Hier scheint irgendein Missverständnis oorzuliegen — eine Verwechselung vielleicht?"

„3a, es scheint so", bemerkte Scharf ein wenig be­treten und verfiel in Nachdenken. Ein paar Minuten blieb es still im Zimmer. Plötzlich aber platzte Jen­sens forsches Organ mitten in das Schweigen: „Sagen Sie, Herr Fuchs, kennen Sie eigentlich in Stralsund einen Kunstmaler namens Grau?"

Die Frage klang ganz nebensächlich, und nicht für einen Augenblick schwand das vergnügte Lächeln aus seinem vertrauenerweckenden Gesicht. Rur sein Blick zielte dabei scharf in die Augen des Befragten. Fuchs runzelte nachdenklich die Stirn. Er schien zu überlegen — sein Gedächtnis nach diesem Namen zu durchwühlen. Dann sagte er achselzuckend: „Bedaure — nein —. Den Mann kenne ich nicht!"

Vielleicht war sein Nachdenken um den hundertsten Teil einer Sekunde zu lang gewesen — oder der Ton seiner Entgegnung um einen einzigen Grad zu kühl, zu fsteichgültig und konventionell. Jedenfalls hatte Jen­en den unverwischbaren Eindruck: der Mann lügt. Und trotz des missbilligenden Blicks seines Vorgesetzten würde er noch mehr gefragt haben, wenn Inspektor Scharf nicht das Zeichen jum Aufbruch gegeben hätte.

danke Ihnen, Herr Fuchs", sagte er freundlich. „Und verzeihen Sie, wenn wir Sie in Ihrem Sonn­tagsschlaf gestört haben. Ich will hoffen, dass wir Sie in bieget Sache nicht nochmals belästigen müssen."

Während er nach seinem Hut griff, fiel ihm noch etwas ein: .Mürben Sie uns noch einen kurzen Gang durch Ihre Wohnung gestatten? Nur der Form halber . . .“

Fuchs verbeugte sich zustimmend und der Inspektor ging auf eine breite, dunkle Flügeltür zu. die mit ordtnären Juteportieren verkleidet war. Als er sie öffnen wollte, bemerkte er, daß die Türklinke fehlte. Caspar Fuchs gab sofort die Erklärung: ,Zch habe die * Klinke abnehmen lassen, damit man nicht versucht ist, durch diese Tür zu gehen. Sie ist nämlich im Neben­zimmer durch einen Schrank verstellt. Ich mutz Sie bitten, durch den Korridor zu gehen. Wenn Sie er­lauben, gehe ich voraus und offne die Fensterläden. Es ist noch stockfinster im Schlafzimmer " , (Zortsetzung folgt).