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Montag, IS. Dezemb-r 1932

Kasseler Neueste NaLnLtea

Seite 3

Schon wieder Eisenbahn-Unglück m der Schweiz •

Oer Verräter von Langemarck

Eilzug fährt auf Rangierlokomotive — 3 Tote, 20 Verletzte.

Zürich, 19. Dezember.

Wenige Tage nach dem schweren Zug-Zusammen- stoß im Gütsch-Tunnel bei Luzern kommt schon eine neue Unglücksbolschaft. Nur fünf Kilometer von Zürich entfernt, bei der kleinen Station Oerlikon, stieß der aus Zürich kommende Eilzug nach Rappens- wil (am andern Ende des Züricher Sees) im dichten Nebel auf eine außerhalb der Slat'-vn Oerlikon war­tende Rangierlokomotive auf. Mehrere Wagen des Eilzuges entgleisten, die elektrische Lokomotive des Zuges löste sich von dem hinterherlaufendcn Pock- wagen und der dahinter laufende Personenwagen türmten sich aufeinander, hier gab es die meisten Opfer des Unglücks.

Rach Mitteilung der Bundesbahnen wurden drei Personen getötet und zwar ein Mann vom Zugperso­nal — der Heizer der Rangierlokomotive — und zwei Privatpersonen aus Zürich. Verletzt wurden etwa 15 bis 20 Personen, davon etwa die Hälfte schwer. Sie stammen alle aus der Umgebung von Zürich. Aus­länder befinden sich nicht dabei. Sämtliche Verletzte wurden nach dem Spital in Zürich überführt.

Zu dem Eisenbahnunglück bei Orlikon wird ertzän- zeird gemeldet: Der verunglückte Zug fuhr mit großer Geschwindigkeit auf die alleinstehende Dampf­lokomotive auf, da offenbar die Einfahrt in den Bahn­hof versehentlich freigegeben war. Der Zusammenprall war so heftig, daß die Kuppelung riß und die elek­trische Lokomotive des Unglückszuges den hinteren Teil der Dampflokomotive eindrückte. Bei dem Personen­zug bohrt? sich ein Wagen dritter Klaffe in einen Schutzwagen hinein. In dem Dritter-Klaffe-Wagen befanden sich sämtliche verunglückte Personen. Kurz nach dem Zusammenprall fuhr ein Rangierzug gegen die beiden zur Seite gedrückten Wagen, richtete aber keinen großen Schaden an. Der Führer der allein­stehenden Dampflokomotive, konnte im letzten Augen­blick abspringen, der Heizer wurde mit dem Fuß ein­geklemmt, konnte sich nicht imhr befreien und ver­brannte. Unter den Verunglückten befinden sich keine Ausländer.

Oer falsche Zniendant

Berlin, 19. Dezember.

Einem gerissenen Schwindler ist es gelungen, meh­rere Monate hindurch eine Reihe Berliner Künstlerin­nen und Künstler zu täuschen unö ihnen hohe Beträge zu entlocken. Bei der Berliner Kriminalpolizei liefen etwa fünfzig Anzeigen gegen den Mann ein. Rach wo­chenlangen Beobachtungen konnte der Gesuchte jetzt festaxnlWtmen werden.....Es. handelt sich um den 45

Iahre alten Julius Eonrad Färber, einen Schauspie­ler aus Wien. *

Systematisch besuchte Färber, ein gut aussehender und elegant gekleideter Mann, bekannte Künstler, de­ren Adressen er sich vorher besorgt Hatto und denen er sich als Intendant des Stadttheaters in Zürich vor­stellte. Er erzählte ihnen, daß er für sein Theater Ver­träge abschließen müsse und sich deshalb vorübergehend in Berlin aufhalte. So sstrach er-auch bei dem Gene­ralmusikdirektor Erich Böhlke dopt Sinfonie-Orchester der-Schutzpolizei vor und vereinbarte mit ihm ein gro­ßes Konzert, das die Berliner Beamten in der Schweiz geben sollten. Auch mit den Dirigenten mehrerer Ge­sangvereine hat er „Vertrüge" abgeschlossen. Er nannte sich Dr. Mautner, Freiherr von Bodenstädt, Bütting- haus und Dr. Keßler. Durch sein sicheres und zielbe- wußtes Auftreten gelang es ihm meist in kurzer Zeit, das Vertrauen der Künstler zu erwerben. Seine „Ver- tragssthlüsse" hatten sämtlich einen Haken; Der Herr „Intendant" forderte nämlich für die Aufstellung der Verträge einen Kostenvorschuß von hundert Mark und mehr. "Ohne Bedenken zahlten die „Engagierten" dem Intendanten diese Beträge, und Färber hatte an man­chen Tagen eine Einnahme von tausend Mark zu ver­zeichnen.

Sel-stgestellung des Ouellgegners des Studenten Schulz

Braunschweig, 19. Dezember.

Die Vermutung, daß die Verletzungen des ver­storbenen Studenten Schulz bei einem Zweikampf ent­standen sind, hat sich bestätigt. Der Gegner des Schulz, ebenfalls Student, hat sich der Polizei frei­willig gestellt. Gegen ihn wurde ein Verfahren we­gen Zweikampfes eingeleitet. Politische Gründe sol­len bei dem Zweikampf nicht vorgelegen haben.

Zehn Jahre Zuchthaus im

Leipzig, 19. Dezember.

Sonnabend wurde vom Vierte« Strafsenat des Reichsgerichts das Urteil in dem von zahlreichen Kriegsteilaehmern mit großer Spannung verfolgten Prozeß gegen den Kraftfahrer August Zöger aus Erfurt verkündet. Dem Angeschuldigten war bekannt­lich zur Last gelegt worden, in der Nacht zum 14. April 1915 in Langemarck in der Absicht, zu den Gegnern übergelaufen zu fein, den in diesem Frontab­schnitt geplanten ersten deutschen Gasan­griff zu verraten. Zöger wurde wegen Ver­brechens gegen § 58 Ziffer 8 de« Militärftrafgefetz- buches (Kriegsverrat) zu 10 Zähren Zucht­haus und 10 Jahren Ehrverlust unter Anrechnung von \VA Monaten Untersuchungshaft verurteilt. Der Staatsanwalt hatte 14 Jahre Zuchthaus beantragt.

Ein riesiger Schwarzbrennerei-Skandal wurde von der Zollfahndungsstelle Dortmund aufgedeckt. Der ver­haftete Brennereidesitzer P. Schulz-Eahmen, ein früherer langjähriger Reichstagsabgeordneter und zu­gleich Vorsitzender des Aufsichtsrates der Kornbrannt- wein-Verwertuilgsgesellschaft, betrieb in dem Ort Gahmen eine Schwarzbrennerei. Nach Angabe der Be­schuldigten wurden monatlich 1500 bis 2500 Liter Weingeist hergestellt. Außerdem wurden Tausende Liter Branntwein bezogen und heimlich gereinigt. Die bisherigen Ermittelungen haben ergeben, daß dieser Betrieb schon sechs Jahre lang in Tätigkeit ist. ,

Eine Kindertragödie ereignete sich in Berlin, wo das 2jährige Söhnchen eines Monteurs fein 4 Wochen altes Schwesterchen, mit dem es in einem Bette schlief, im Schlaf erdrückte; als die Mutter die Kin­der am Morgen aufwecken wollte, fand sie das Töch­terchen erstickt.

Zwei Todesurteile. Das Torgauer Schwurgericht verurteilte den 20 Jahre alten Landarbeiter Walter Ließ aus Braunsdorf (Kreis Wittenberg) wegen Vatermordes zum Tode und feine Mutter, die Witwe Minna Ließ, wegen Anstiftung zur Tat ebenfalls zum Tode. Walter Ließ hatte auf Anstiftung feiner Mut­ter in der Nacht den Vater im Bett erwürgt und die Leiche, nachdem er sie angekleidet hatte, im Schuppen aufgehängt, um einen Selbstmord vorzutäuschen.

Ein schweres Manöverunglück gab es in Frank­reich, wo beim Verlegen von Feldtelephonleitungen vier Telephonisten eines Artillerieregiments infolge Kontakts mit einer Starkstromleitung schwer, teil­weise lebensgefährlich, verbrannt wurden.

Filmexpedition verschollen. Seit dem 28. Novem­ber ist eine französische Filmexpedition überfällig, die am genannten Datum auf der Motorjacht des Ba­rons Henry de Rothschild die Reise nach Südamerika von den Kapverdischen Inseln aus angetreten hatte. An der Expedition nahmen im ganzen 16 Personen: Filmschauspieler, Gelehrte und Aerzte, darunter drei Deutsche, teil.

Ei« Schüler in der Chemiestunde tödlich verun­glückt. In einer städtischen Schule in Nantes (Frank­reich) explodierte während der Chemiestunde ein Pro­bierglas, mit dem der Lehrer einen Versuch unter­nahm. Durch die Elassplitter wurden zwei 12jährige Knaben verletzt. Einem von ihnen drangen die Elas­splitter in die Schlagader. Trotz ärztlicher Hilfe konnte der Knabe nicht gerettet werden. Sein Kame­rad kam mit leichten Verletzungen davon.

Blutige Jahresbilanz des amerikanische« Rugby. In der letzten Rugby-Sommerspielzeit in Amerika sind 37 Rugby-Spieler ihren Verletzungen erlegen. Im vorigen Jahre betrug die Zahl der Todesopfer sogar 50. Dieser Rückgang ist auf die Einführung von neuen Vorschriften zurückzuführen.

Kriegsverratsprozeß Jäger

In der Urteilsbegründung betonte der Vorsitzende, der Artikel des französischen Generals Ferry habe natürlich nicht als prozessuales Beweis­mittel im Sinne einer Zeugenaussage verwendet wer­den können. Doch würden die darin enthaltenen An­gaben im wesentlichen durch die Aussagen der im jetzigen Hauptverfahren vernommenen Zeugen bestä­tigt^. Die ehemaligen Kameraden des Angeklagten seien durchweg der Meinung, er habe sich in der Nacht vom 13. zum 14. April nicht in das Hintergelände be­geben, sondern sei zum Feind übergelaufen, was er übrigens selbst viele Jahre später einem alten Be­kannten aus Jena gegenüber zugegeben habe. Nur wolle er keinen Verrat des Gasangriffs begangen ha­ben. Doch auch das erachte der Senat für widerlegt.

Schweres Krastwagenuuglück. —Zwei Tote. Aus der Strecke Meißen—Röderan geriet ein Kraftwagen beim Uebcrholen von Radfahrern' auf anscheinend gereifter Straße ins Schleudern, stürzte um und ge­riet in Brand. Dabei sind der Oberinspektor Lenke und Direktor Pykorny von der Reichsbahn Dresden verbrannt.

Eine geheimnisvolle Seuche in Peru. Eine ge­heimnisvolle Seuche, möglicherweise das Gelbe Fieber, wütet unter den indianischen Farmern des Lares-Tals nahe bei Cuzo. 300 Menschen sind der Seuche bereits erlegen.

Urteil gegen Torsten Kreuger

3% Jahre Zwangsarbeit — Schadenersatz.

Stockholm, 19. Dezember.

In dem aussehenerregenden Prozeß gegen den be­kannte schwedischen Großindustriellen und früheren pol­nischen Generalkonsul Torsten Kreuger, den Bruder des Zündholzkönigs Ivar Kreuger, wurde nach lan­gen Verhandlungen da» Urteil verkündet. Torsten Kreuger wurde wegen Konkursbetruges und wegen Betruges gegen die Käufer der Obligationen zu drei Jahren sechs Monaten Zwangsarbeit und zum Scha­denersatz an die geschädigten Besitzer der Obligationen verurteilt; hierbei dürfte es sich um einen Betrag von etwa ^Millionen Kronen handeln. Zur Urteils­verkündung hatten sich große Menschenmassen im Ge­richt angesammelt.

Preßkohlen statt Juwelen

Warschau, 19. Dezember.

In Krakau wurde dos Urteil in einem Prozeß ge­fällt, der seit Jahresfrist die polnische Oeffentlichkeit beschäftigte und in zwei Lager gespalten hatte. Es handelt sich dabei um die Urheberin eines Versiche­rungsbetruges, die angab, daß ihr in einem vorneh­men Krakauer Hotel Wertsachen im Betrage von nicht weniger als 20 Millionen Zloty, gleich rund 10 Mil­lionen Mark, gestohlen wovden wären. Die Angeklagte war von Haus aus' Servierfräulein in einem War­schauer Cafe, hatte aber dann der Reihe nach drei reiche Männer geheiratet, die alle gestorben sind, hatte schließlich, wie die Gerichtsverhandlung erwies, län­gere Zeit hindurch in nahen Beziehungen zu dem ver­storbenen Sowjet-Botschafter Krassin gestanden und war dadurch zeitweise sehr vermögend gewesen.

Die Untersuchung ergab aber, daß sie in der letzten Zeit in bedrängte Verhältnisse geraten war und die angeblich gestohlenen Wertsachen gar nicht mehr be­sessen hatte. Die Kinser, die angeblich aufgebrochen worden waren, hatte sie vorher mit Preßkohle gefüllt, mit der sie bann selbst den Ofen ihres Hotelzimmers heizte. Zwischen der Verteidigung und den Vertretern der französischen Versicherungsgesellschaft, die die 20 Millionen Zloty auszahlen sollte, hatte es einen mo­natelangen, von der Oeffentlichkeit mit Spannung ver­folgten Kampf gegeben, der wiederholt zur Freilassung der Angeklagten und einmal sogar zur Verhaftung des angeblich von der Versicherungsfirma bestochenen Untersuchungsrichters geführt hatte. — Das polnische Gericht verurteilte die Angeklagte jetzt zu einem Jahr und drei Monate Gefängnis.

Separatismus

Schluß des Artikels aus der Sonntags-Nummer

Der dritte Akt: Belgischer Einfluß hatte die Bewegung in Gang gebracht, und aus der belgischen Zone kommt auch der Anstoß zum Umschwung. .Im­mer mißtrauisch gegenüber den französischen Pläne"" so berichtet Gedye, „begannen die Belgier, ihre Polrtik unter dem Einfluß der nachdrücklichen britischen Steb lungnahme in Paris und Brüssel zu ändern. . . Dee Presseberichte über die Schreckensherrschaft erfüllten die Belgier offenbar mit Mißbehagen," und so ent­schließen sie sich mit überraschender Schnelligkeit, chre separatistischen Freunde fallen zu lassen. In Aachen werden die Separatisten nach neuen blutigen Zwi­schenfällen von der belgischen Gendarmerie entwaffnet, und wer von ihnen auf das grün-weiß-rote Bändchen im Knopfloch nicht verzichten will, wird in die fran­zösische Zone abgeschoben.

Die Franzosen erkennen in diesen Wochen noch nicht die grundsätzliche Bedeutung, die der Ausfall der bel­gischen Mitarbeit hat; ihre Siegessttminung wächst gerade jetzt ins Unermeßliche. Langsam aber erstarkt in der deutschen Bevölkerung der Widerstandswille. Die Bauern des Siebengebirges, des Westerwaldes und der Eifel liefern den Separatisten mit Axt, Sense und Jagdflinte harte Kämpfe. Sie ahnen zuerst, daß etwas faul ist in dieser „rheinischen Republik", und sie beweisen durch die Tat, daß sich hinter den großen Gesten der Separatisten weit weniger Kraft verbirgt, als man in manchen Kreisen annahm.

Der Zerfall des Separatismus vollzieht sich ebenso schnell, wie diese Bewegung an die Macht gekommen war, und vier Tage nach jener Poincarörede, in der das Ende des Bismarckschen Werkes prophezeit war, muß Matthes bei Herrn Tirard den Bankerott an­melden. Am 27. November löst er dte vorläufige Re­gierung der rheinischen Republik auf, und was er in feinem Briefe übet die Auflösungsaründe schreibt, hat wahrhaft dokumentarischen Wert. Es heißt dort: „In den letzten Tagen sind bereits zwei bzw. drei Mitglie­der des Äabinettes ausgeschieden. . . Dazu kam, daß sich . . . aus der aufgelösten sogenannten .Obersten Heeresleitung' eine Militäsdikiatur auftat, bei der mein entlassener Generalsekretär Rosenbaum, der er­wiesenermaßen preußische Spitzeldienste für Frankfurt am Main leistet, aber auch angeblich gleiche französische Dienste zu leisten vorgibt, besonders mitwirkte. . . Dies und die Tatsache, daß die bisherige vorläufige Regie­rung zum Teil aus unfähigen oder unehr­lichen Menschen zusammengesetzt ist, hat mich zu obigem Schritt veranlaßt."^

Dem traurigen Spiel am Rhein folgt ein nicht weniger trauriges Nachspiel in der Pfalz. General de Metz, einer der fanatischsten Anhänger des Loslö- sungs- und Annexionsgedankens, hetzt im Dezember die „schwarzen Raben" des Herrn Tirard, die verwilder­ten Separatistenhaufen, die nach dem Zusammenbruch der rheinischen Republik noch vorhanden sind, in das unglückliche Land. Der Oberkommissar selbst sucht mit raffinierten Schachzügen die „Regierung der autono­men Pfalz" juristisch zu fundieren. Kurz bevor Tirard seinen Plan durchgeführt hat, zerreißt eine Tat, die nur aus der furchtbaren Verzweiflung der Pfälzer zu verstehen ist, das-Netz, das er geknüpft hat: Heinz- Orbis, der Führer der autonomen Regierung, und zwei feiner Mitarbeiter werden am 9. Januar im „Wittelsbacher Hof" zu Speyer von einem deutschen Studenten erschossen. Der Klang der Schüsse läßt die Welt aufhorchen; Tirards Spiel ist verloren., -----;

Aber noch läßt de Metz nicht locker. Die Pfalz wird weiter drangsaliert, und erst im Februar verlassen die Separatisten ein pfälzisches Städtchen nach dem ande­ren. Nur aus Pirmasens wollen sie nicht wei­chen, und als sie dort mit ihren alten Unverschämt­heiten fortfahren, greift die Bürgerschaft zur Selbst­hilfe: Am 12. Februar 1924 geht das Bezirksgericht, in dem die Separatisten sitzen, in Flammen auf. 16 Separatisten und 6 Bürger verlieren ihr Leben bei diesem letzten Kampf.

Der separatistische Spuk war vorüber. Aber et ist nicht vergessen worden. Durch das Geschehen des Herbstes 1923 und des Frühjahrs 1924 ist schließlich überall der Wille, die Einheit des Reiches gegen alle Anschläge zu schützen, gestärkt und gefestigt worden.

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Kunst und Wissen

Tietjeus Klage. Der Generalintendant der preu­ßischen Staatstheater, Heinz Tietjen, hat mit einem großen Aufsatz die Flucht in die Oeffentlichkeit an­getreten und sich gegen den Vorwurf verwahrt, daß im Staatlichen Schauspielhaus in Berlin Fichrer- und Disziplinlosigkeit herrsche, daß niemand wisse, was man dort eigentlich wolle, und daß immer noch kein Inten­dant für das Haus auf dem Gendarmenmarkt gefunden fei» Herr Tietjen führt eine Menge von Fällen auf, die beweisen sollen, daß im Schauspielhaus alles in bester Ordnung und daß eigentlich an dem ganzen Elend nur die böse Presse schuld, sei. Die DAZ. be­merkt hierzu: Herr T. vergißt, zu erzählen, daß die Publikumssluchi aus dem Staatstheater Dimensspnen angenommen hat, die selbst dem Ministerium, seiner vorgesetzten Behörde, nicht mehr unbekannt geblieben sind, sondern dort leises Schaudern verursacht haben. Wenn er jetzt behauptet, daß das Staatliche Schauspiel­haus in dieser Spielzeit sein Einnahme-Soll nicht nur erreicht, sondern überschritten habe, so vergißt er anzu­geben, daß in Lieser Spielzeit, also während der letzten drei Monate, beinahe jeden Abend Herr Krauß auf dem Spielplan stand, der zieht, und daß diesem erreich­ten Einnahme-Soll somit ein finsteres Ausgabe-Muß gegenübersteht. Wer sich den Spaß macht, die Spiel­pläne vom September bis heute hintereinander durch­zulesen, sieht nur noch zwei Dinge: Flucht zu den Klas­sikern und Angst vor jedem Versuch mit Neuem. Wir sind der Meinung, daß es die höchsie^Zeit ist, einen vernünftigen Mann an die Spitze des Schauspielhauses zu stellen. Herr Tietjen interessiert Schauspiel über­haupt nicht; also überlasse er es anderen, und zwar selbständig. Er verhandelt jetzt mit Leuten im Reich, in Leipzig, in Mannheim. Das ist falsch; denn wenn von dort ein Mann neu hier nach Berlin^hineinkommt, so braucht er mindestens ein bis zwei Jahre, ehe er sich auf diesem schwierigen Boden zurechtfindet, und in der Zeit ift er aufgebraucht. Es gibt in Berlin genug Leute, denen man das Haus am Eendarmenmarkt in die Hand drucken kann; so arm sind wir Gott sei Dank noch nicht, daß wir schon das Reich anskämmen müssen. Wir haben Heer vor kurzem Herrn Kayßler vorgeschla­gen; wenn man vor ihm Angst hat, gebe man endlich einmal Herrn Fehling die Chance, selbständig zu arbeiten.

Die Pläne des neue« Leipziger Operndirektors. Dr. Hans Schüler, der neue Leipziger Operndirettor,

äußerte sich jetzt in einer Pressebesprechung über seine Pläne für die Leipziger Oper. In erster Linie kommt es ihm daraus an, das Ensemble neu zu bilden und zu stabilisieren. Allerdings ist darüber noch nichts ver­lautet, ob für alle gerundigten Fächer Ersatz engagiert werden soll, oder ob nicht manche aus Sparsamteits- riicksichten unbesetzt bleiben. Don entscheidender Bedeu­tung ist das Engagement des Heldentenors. Schüler denkt dabei an den Bayreuthsänger und Kölner , Hel­dentenor Eotthels Pistor, der abwechselnd zukünftig in der Städtischen Oper Berlin und in Leipzig fingen JoD. Kommende Uraufführungen. Das Kölner Opernhaus ■bereitet die Uraufführung in Deutschland von Tschai­kowskis ,Der Pantoffelheld" in der dramaturgischen Neugestaltung von Professor Max Hofmüller vor. — Im Hamburger Deutschen Schauspielhaus gelangt Felix Saltens Drama „Louise von Köburg" zur Ur­aufführung. „Wo die Schwalben nisten", ein musika­lisches Dolksstück von Leo Kastner kommt in der Neu­bearbeitung von Dr. Günther Sibo im Berliner Zen­traltheater erstmalig zur Aufführung. Das Nassauische Landestheater in Wiesbaden bringt am ersten Weihnachtsfeiertag die Komödie „Gold" von Lekisch und Sellnick zur Üraufführung. Die Wiener Kammer­spiele bereiten die erste Aufführung von Langers Ko­mödie „Engel unter sich" für den Januar vor. Am 7. Januar wird Josef Kremers Schauspiel „Die Marne- schlacht" im Mannheimer Rationaltheater urauf- Eine neue Shakespeare-Oper, lieber die Urauffüh­rung von Kusterers Oper „Was ihr wollt" im Dresd­ner Staatstheater wird uns berichtet: Wieder eine, müßte man sagen, wenn nicht die früheren unbekannt geblieben wären. Textlich zurechtgemacht, teilweise ourchkomponlert, großenteils in geschlossenen Num­mern gesetzt von dem jungen Karlsruher Arthur K u st e r e r, der sich mit Liedern, Kammermusik und zwei Symphonien schon einen gewissen Namen ge­macht hat. Zu Kürzungen genötigt, beraubte er das Shakespeare'sche Lustspiel seiner ergötzlichen Figur, des Gecken Malvolio, ließ dafür das gesprochene Wort häufig an seinem Platz. So kam eine mehr launige als komische Spieloper zustande. In der Musik hat Sutterer vom Zauber des Originals nur wenig auf« gefangen — an Nicolais „Lustige Weiber von Wind­sor" darf man dabei nicht denken. Ueber einer diskre­ten, geschmackvollen Orchestrierung erheben sich, beson­ders in den lyrischen Abschnitten recht ansprechend, die sicher geführten Stimmen. Rene Weisen klingen selten auf. die Einfälle sickern mehr bervor als daß sie sprudeln; auch die Jazzklänae, mit denen Komik hervorgezaubert werden soll, wirken schon etwas abge­

nutzt. Die Ausführung, sehr sorgfältig vorbereitet, stand unter der Leitung von Fritz Busch, der sich stets kräf­tig einsetzt für seine alten Freunde; ihm hat Arthur Kusterer die Annahme seines Werkes an der Dresd­ner Oper in erster Linie zu danken. Das Publikum verhielt sich anfangs abwartend, erwärmte sich dann aber an dem Glanz der Stimmen von Maria Elsner (Viola), Elisa Stünzncr (Olivias und Ermolds grundgewaltigen Brummbaß, der den Prahlhans Rülp trefflich charakterisierte. Tas gutgelungene Finale entschied dann auch für den Komponisten den Erfolg des Abends. K. M.

Lindstiöm-Neuerschetnungen

Das Neueste für das Heim-Darietö: Brock. Er spricht, singt, jodelt, spielt Klavier, Geige, Klarinette. Man sieht das breit lachende Gesicht vor sich, hört sein stereotypes „Nit möglich" und staunt über die Vir­tuosität dieses größten „Musical-Elown". —- ©benfafc auf Odeon: Maria Eggerth, Magda Schneider, Greke Theimer, Li.zzi Waldmüller in Originalaufnahmen aus neuen Tonfilmen. Den aktuellen Reiz dieser Platten überbietet der künstlerische Wert der neuen Gesangs­platten von Lotte Lehmann, Gitta Alpar, Tauber, Hüsch und Groh. Die Alpar mischt sehr pikant Melodie und Rezitativ (0—11738). Lotte Lohmann ist groß und strahlend in Beethovens Lied „Die Trommel ge­rührt", unendlich zart in dem Bekenntnis Gretchens „Freudvoll und leidvoll".

Tauber gräbt das alte, liebenswürdige Lied von den „Kirschen in Nachbars Garten" aus, fein jugend­licher, schnell bekannt gewordener Kollege Groh zeigt auf zwei neuen Parlophonplatten, daß er sowohl leich­teste Schlager veredeln wie bekannten Opernarien („Wie freundlich strahlt der Tag" von Allessandro Stradella) neuen Klang geben kann. Der Begriff phonoplastisch, den Lindstrom als Charakteristikum seiner Aufnahmen nimmt, trifft in besonderem Maße auf die Orchesteraufnahmen Edith Lorands zu: die neueste Lorandplatte (B 48 238) bringt eine große Fantasie aus Tschaikowskys „Eugen Onegin". Die bil­lige Linksströrnplatte .Gloria" bereichert ihr Reper­toire um neue Tonfilmschlager und Tänze, gespielt von dem Orchester Fred Bild, um gefällige Potpourris und viele unterhaltend Steher und Vorträge von Harry Sieter. Karl Blume. Irene Ambrus und Claire Waldoff. Sehr beachtlich auch drei engl^che Original- aujua^ues auf Gloria, ' W V .

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