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22. Jahrgang

Montag, den 19. Dezember 1932

Rümmer 297*

Der Weihnachtspause entgegen!

Der KPD.-Autrag auf Reichstags-Einberufung / Keine Schwierigkeiten in der Amnestiefrage? / Arbeitgeber bei Warmbold

Aeltestenrat ohne Zwischenfälle? Der König Midas unserer Tage

Von unserer Berliner Schriftleitung. Bon ProsDr. Gustav Cassel. Stockholm.

td._ Berlin. 19. Dezember.

Die politischen Aufgaben, di« vor Weihnachten »och zu erledigen find, betreffen io erster Linie die Win - t.e r h i l f e., die voraussichtlich am Mittwoch in einer Kabinettsfitzuug in ihren Einzelheiten endgültig be­stimmt werden wird. Für Dienstag ist die Beröffent- lichuug der bereits augekündigteu Notverordnung über dieSicherheit des inneren Friedens« vorgesehen, Seren Inhalt teils in der Aufhebung einer Reihe der bisher, bestehenden Bestimmungen, teils in der Zusam­menfassung derjenigen Borfchriften besteht, die weiter­hin z. B. aus dem Republikschutzgesetz in Kraft bleiben sollen.

Der Reichswirtschaftsminister Professor Dr. Warmbold, der am Freitag der vorigen Woche Vertreter aller, Gewerkschaften zu .einer Aussprache empfing, wird am heutigen Montag eine entsprechende Ünterredung auch mit den Vertretern der Ar­beitgeber haben- Dabei werden die Vereinigten Arbeitgeberverbände und der Reichsvetbantz der Deut­schen Industrie durch ihre führenden Persönlichkeiten ve.rtreten sein. Es wird sich in erster Linie um das Wirtschaftsprogramm im allgemeinen und vor allem um die Stellungnahme des Reichswirtschaftsministers zum Arbisttsbeschaffungsprogramm des neuen Reichs- kom.misfars Dr. Gereke handeln.

Aus parlamentarischem Gebiet ist heute di« Ent­scheidung des Aelteftenrates über den k»m- muniftischeu Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstages zu erwarten. Die Stellungnahme der aus­schlaggebenden Fraktion, der NSDAP., ist noch, nicht ganz klar zu erkennen, aber es gilt doch als wahrschein­lich, das, auch die NSDAP, bei der Ablehnung des kom­munistischen Antrages bleibt, so daß die Vertagung auf Januar durch die heutige Sitzung des Aeltesteu- rates nicht umgestotzen werden dürste.

den Sinn für SeMerhaltuug, die als wesentliche Züge des deutschen Charakters bezeichnet werden könnten.

Eveuing Poft" erklärt, es könne keine Frage fein, daß eine Unterordnung politischer Lehrmeinungen unter eine nationale Konzentration unmittelbare Auf­gabe und notwendigstes Erfordernis für Deutschland sei- Der neue Reichskanzler habe den deutschen Partei­führern mit den in seiner Rundfunkrede zum Austrag gebrachten Anschauungen ein ausgezeichnetes Beispiel gegeben.

Benesch und Tituleseu in Belgrad

Belgrad, 19. Dezember.

Der tschechoslowakische Minister oes Auswärtigen, Benesch, hatte alsbald nach seiner Ankunft eine Un­terredung mit dem südslawischen Minister des Aus­wärtigen, Jevtitsch, die etwa 20 Minuten dauerte. Später wurde der Minister von König Alexander in Audienz empfangen. Mittags nahm er an einem Früh­stück teil, das der Außenminister chm zn "hren gab.

Nachmittags traf «er rumänische Autzenminister Titulescü ein und wurde am Bahnhof von den Mini­stern Beste sch und Jevtitsch begrüßt. ...

Ter folgende Aufsatz «es bekannten schwedischen Ge­lehrten ist zwar vor Bekanntwerden der französischen Zahlungsverweigerung geschrieben. Trotzdem gewinnt er durch die letzten Ereignisse an Interesse für unsere Leser, da Professor Cassel an dem Beispiel Englands darlegt, welche Gefahren für ein europäisches Land, das volkswirtschaftlich gesehen ein Gläubigerland ist, damit verbunden sind, die Zahlung einer klaren Schuld zu verweigern. Was für England gilt, ist ge­nau so auf Frankreich anzuwenden. Prof. Cassels An­sicht ist, daß Frankreich, ebenso wie England es schließlich getan hat, hätte bejahen Jollen, schon um seinen eigenen Schuldnern (Südosteuropa), Polen usw.) kein schlechtes Beispiel zu geben, das sich schwer rächen könnte. Unabhängig davon, verurteilt Cassel Slmerikas Schuldenpolitik, die namentlich durch die Goldthesaurierung zur Katastrophe führen müsse und jede Rückkehr zu einem internationalen Geldwesen auf der. Goldbasts unmöglich mache. (Copyright by Nordische Gesellschaft, Lübeck):

*

Midas war ein wohlhabender Mann, und ietn Land blühte und gedieh und kam zu großem Reichtum. Es sandte seine Erzeugnisse weit hinaus zu fremden Völkern, die dagegen viele gute uns nützliche Sachen in Midas Reich einführten. Auch viel Gold konnte

Midas auf diese Weise an sch ziehen, und et begann, sich mit allem Glan; zu umgeben, den der Besitz von viel Gold gewährt. Allmählich aber wurde diese seine Leidenschaft zu einem Götzendienst am Golde, und sein Streben richtete sich mehr und mehr darauf,

Das Kabinett Paul-Boneour

(Eigener Drahtbericht.)

Ebenso glaubt man nicht mehr, daß vom Reichs- ta t in der Amnestiefrage Schwierigkeiten zu er­warten sind. Vermutlich werden die notwendigen 22 Stimmen für den Einspruch des Reichsrates gegen das vom Reichstag beschlossene Amnestiegesetz nicht Zu­standekommen, und dann würde die Amnestie also bald in Kraft treten. Die entscheidende Sitzung des Retchs- rats wird voraussichtlich am Dienstag stattfinden.

Die eigentliche Weihnachtspause wird in politischer Hinsicht voraussichtlich sehr still sein, da auch in der Außenpolitik neue Entscheidungen bis auf weiteres nicht zu gewärtigen sind. Mehrere Mitglieder des Reichskabinetts werden in der Zeit zwischen Lveihnach- ten und Neujahr verreisen; Reichskanzler von Schlei­cher gedenkt jedoch in Berlin zu bleiben.

Bayerische Wünsche

München, 19. Dezember.

DieBayerische Staatszeitung" bat in den letzten Tagen eine Artikelreihe veröffentlicht, in der der Wunsch zutage tritt, die Frage der Reichsresorm nickt aus der Diskussion verschwinden zu lassen. Im letzten Artikel der Serie heißt es u. a.:

Die bäuerische Staatsregierung braucht also ihren versassungspolitischeu Kurs gegenüber der Reichs- Reichsregierung nicht zu ändern. Sie kann tim auch gar nicht ändern, denn das Problem lautet unter Schleicher genau so wie unter Papen.

Will daher der neue Kanzler, geleitet von einer ge­sunden realpolitischen Einsicht, zu einem guten Ver­hältnis der Zusammenarbeit mit Bayern kommen, so mutz er zunächst den Ländern jene Garantien und Sicherungen gewähren, die unter seinem Vorgänger nicht zu erhalten waren. Cb Herrn von Schleicher das nun aus einem föderalistischen Herzen heraus mt oder aus der staatsmännischen Erkenntnis heraus, datz es für einen deutschen Reichskanzler frevelhaft ist. nur an Preußen zu denken, diese Nuancen find auch für eine realpolitische bayerische Betrachtungs­weise gewiß nicht entsckeidend.

lieber eines mutz sich Bauern immer klar fein, welchen Namen auch die jeweilige Reicksregierung trägt. Bauern wird in der deutschen Politik nur so­viel darstellen, als es aus sich selbst macht, und als es an innerer Lebenskraft verfügt. Diese Straft zu erhalten und zu stärken, ist immer n-ck die vornehmste Aufgabe einer bayerischen Staatspolitik.

Amerikanisches Lob für Schleicher Renyork, 19. Dezember.

3tempört Times" würdigt die Rede des Reichs­kanzlers v. Schleicher in einem Leitartikel. Das Blau sagt, sie Kundgebung rickie erneut die allgemeine Aufmerksamkeit auf die gesunde Stetigkeit unb

Paris, 19. Dezember.

Paul-Boncour hat am Sonntag die Bil­dung des Kabinetts durchgeführt. Der Präsident der Republik hat noch gestern abend die Ernen­nungsdekrete der Kabinettsmitglieder unterzeichnet.

Das Kabinett besteht aus 17 Ministern und 12 Unterstaatssekretären. Ihm gehören fünf Senato­ren und 24 Abgeordnete an. Unter den Ministern und Unterstaatssekretären bekleideten 19 bereits im Kabinett Herriot Posten. 10 Minister und Unter­staatssekretäre sind neu eingetreten. Die Minister­lifte hat folgendes Aussehen:

Ministerpräsidium und Auswärtiges: Paul- Boneour (Senator, ehemaliger Sozialist),

Finanzen: Cheron (Senator Unabhängiger, ehemaliges Mitglied der Fraktion Poincare),

Oeffenlliche Arbeiten: George Bonnet (Abge- orbnetcr, radikal),

Krieg: Dalad ier (Abgeordneter, radikal),

Luftfahrt: Painlevä (Abgeordneter Sozial- repnblikaner),

Inneres: Chautemps (Abgeordneter, radikal)

Kriegsmarine: Leygues (Abgeordneter, unab- hängig, früher Linksrepublikaner),

Landwirtschaft: Queuille (Abgeordneter, ra­dikal), . '

Pensionen: Dr. Galtet (Abgeordneter, Katho­lischer Demokrat),

Justiz: Gardey (Senator, radikal),

Nationale Erziehung: de Menzie (Abgeord­neter, rechtsstehender Sozialist),

Kolonien: Albert Sarraut (Senator raoikal), Arbeiten: Dalimier iAbgeordneter, radikal), Handelsmarine: Leon Meyer (Abgeordneter, radikalst

Oessentliche Gesundheitspflege: Danielou (Abgeordneter, radikale Linke),

Handel: de Jouvenel (Senatoe, unabhängig)

Post: Laurent' Eynac (Abgeordneter, Radikale Linke).

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Das Kabinett ist ein Minderheitskabinett, das auf das Wohlwollen det Sozialisten oder des rechten Flü­gels der Mittelparteien angewiesen ist. Die Achilles­ferse des Kabinetts Paul-Boncour scheint die Fi- nanzfrage zu sein. Kein radikaler Polittker hat sich bereit erklärt, das Finanzministerium zu über­nehmen. Es wurde Ch«ron übertragen, und dieser hat nicht einmal einen Budgetmtnister neben sich ge­duldet.

Der Budgetausgleich wird in erster Linie darüber entscheiden, ob das Kabinett Paul-Boncour mehr ist als ein Uebergangsministerium. Das neue Ministerium wird unzweifelhaft eine Mehrheit von etwa 350 Stimmen erhalten, wenn cs sich kommende Woche dem Parlament vorstellt. Dann wird jedenfalls nach Bewilligung eines Budgetzwölftels eine Pause von vier Wochen eintreten.

Was für D e u t s ch l a n d am Kabinett Paul-Bon- cour wichtig ist, ist die Tatsache, daß Paul-Boneour das Außenministerium verwaltet. Paul-Boneour ist für Deutschland kein Unbekannter. Denn er hat mit kurzer Unterbrechung in Genf die französische Sicher­heitsthese vertreten und immer der natürlichen Ent­wicklung der Abrüstungssrage im Wege gestanden. Paul-Boncour wird seine Haltung genau nach dem von ihm entworfenen Abrüstungsplan einrichten, und es dürfte schwer fallen, ihn davon zu überzeugen, datz er in der Sicherheitsfrage sich den universellen Gedan­ken nähern muß, wenn die Abrüstungskonferenz im neuen Jahr ihre Arbeiten rasch fördern will. Etwas Gutes allerdings ist, datz zum Unterstaatssekretär des Autzenministeriums der junge radikale Abgeordnete Pierre C o t ernannt wurde, der in Deutschland nicht unbekannt ist. Pierre Cot gehört zu jener jungen Ge­neration, die aus dem Kriege gelernt hat, dem Ge­danken des engherzigen Nationalismus den Krieg zu erklären. Pierre Cot beabsichtigt ehrlich, Briands Plan für die Schaffung einer Europäischen Union in die Tat umzusetzen.

Ob er im Kabinett freilich hierfür die notwendige Unterstützung findet, ist eine Frage, die nur die Zeit beantworten kann. Deutscherseits darf man den jun­gen Unterstaatssekretär mit ebenso großer Freund­lichkeit begrüßen, wie den Unterstaatssekretär für die nationale Wirtschaft Patenötre. Richt unwesentlich für die Abrüstung ist auch, daß Taladier das Kriegs­ministerium übernommen hat. Wenn Daladier als Kriegsmintster den Gedanken folgen kann, die er als Abgeordneter wiederholt auch im Plenum der Kam­mer entwickelte, dann könnte man annehmen, daß Paul-Boncour ihm tn der Abrüstungsfrage vielleicht Zugeständnisse macht. Daladier bat schon vor langer Zeit die Notwendigkeit der Herabsetzung des Kriegs­budgets nachgewiesen.

Getreues Abbild

der Regierung"

Petit Parisien" nennt das neue Kabinett ein getreues Abbild der Regierung Herriot. Es wolle innen- wie außenpolitisch die Politik Herriots fort­setzen mit Ausnahme der Frage der Zahlung an 9lme- rika, die am 15. Dezember fällig war. Paul-Boncour dürfte eine Mehrheit von etwa 380 Stimmen in der Kammer auf sich vereinigen, auch im Senat werde er gut ausgenommen werden,

WährendOeuvre" die Raschheit und Energie, mit der Paul-Boncour die Bildung seines Kabinetts durchgeführt habe, als ein gutes Vorzeichen ansieht, verhält sichEchode Paris" ablehnend und sagt der Regierung einelendiges Loben und einen sehr baldigen Tod" voraus.

Gold aus allen Weltteilen zusammenzuziehen. Seine Liebe znm Golde wurde so groß, daß er es nicht mehr wagte, das Gold irgendwie zu verwenden, sondern es tief in der Erde vergrub, wo nur selten ein paar Tote Gelegenheit haben mochten, es zu bewundern. Fremde Völker konnten ihre Produkte in Acidas Reich nicht mehr absetzen, sondern mutzten @oto bringen als Be­zahlung für die Waren, die sie dort kaufen wollten, oder zur Abgeltung von Tributen, die sie sich verpflich­tet hatten, König Midas zu zahlen. Da nun infolge­dessen das Gold langsam knapp wurde, war die Folge, daß sie in Zukunft keine Waren mehr kaufen konnten, die in Miads Reich hergestellt wurden. Arbeiter und Kaufleute wurden im Lande beschäftigungslos. Der Goldhunger griff auch bei König Midas' Untertanen immer mehr um sich. Jeder verlangte Gold als Be­zahlung für Waren, die er zu verkaufen hatte, aber niemand wollte Waren anderer entgegennehmen. So schlief allmählich jeder Handel ein und Arbeit gab es so gut wie überhaupt nicht mehr. Große Flächen, die früher die herrlichsten Güter erzeugten, lagen öde und brach herum und eine große Not breitete sich in Midas früher so reichem Lande aus.

Auch in fremden Ländern griff der Goldhunger um sich und viele Mächtige unserer Erde verfuhren genau so wie Midas. Die Völker, die Tribute zu entrichten hatten oder Zahlungen für Waren leisten mutzten, sahen ihren Goldvorrat immer mehr zusammenschmel­zen und sie überlegten sich, wie lange sie noch ihren Verpflichtungen nachkommen könnten. Midas wei­gerte sich indessen, auch nur das Geringste von seinen Forderungen abzulassen,. und dunkle SDlMte gaben ihm ein, bis zum Letzten alles in Gold emzutreiben, was er zu fordern hatte, selbst wenn dabei alle Ar­beit, aller Handel und aller Wohlstand sowohl in sei­nem eigenen Lande als auch in der übrigen Welt zu­grundegehen sollten.

So wurde «er Goldhunger zu einem Fluch, der das ganze Menschengeschlecht bis ins letzte Glied traf. Noch Jahrhunderte später sprach man davon, wie das Schicksal Midas verblendet und ihn mit Blindheit ge­schlagen hatte, sodaß er nicht sehen konnte, was wirk­licher Wohlstand war, und nicht Reichtum von dem Besitz großer goldgefüllter Keller unterscheiden konnte.

Wir, die wir jetzt eine der lehrreichsten aller My­then unseres Menschengeschlechtes durchleben, haben es viel schwerer zu verstehen, was sich jetzt wirllich vor unseren Augen abspielt. Die Geschehnisse der letz­ten Wochen und Tage sind aber so eindringlich, daß sie auch den Tauben zwingen müssen, zu hören, und den Blinden, zu sehen. Die europäischen Schuldner der Vereinigten Staaten sind zu dem außerordentlichen Schritt gezwungen worden, bei ihren Gläubigern einen Erlaß der politischen Schulden zu verlangen. In den Vereinigten Staaten hat man sich indessen ableh­nend gestellt. Die Frage ist nun aufgetaucht, ob nicht die Schuldner ganz einfach sich weigern sollten, zu be­zahlen. Die ganze Welt hat mit Spannung den Ent­schlüssen Englands entgegeugeschen, und in England selbst hat sich die FrageBezahlen oder nicht bezah­len" in den letzten Wochen immer mehr verschärft une immer leidenschaftlicher gestaltet.

Die Weigerung, eine klare Schuld zu be­zahl e n, wäre indessen für England besonders b e- deutlich gewesen. England ist selbst ein Gläubi­gerland allergrößten Stils gegenüber der Welt. Ein großer Teil der englischen Schuldner -befindet sich in sehr schwieriger Lage und wurde nur allzu gerne dem Beispiel Englands folgen, wenn ein so reiches Land den Weg der Zahlungsverweigerung einschla­gen würde. Es wäre deshalb so besonders gefährlich, weil man dabei nicht so leicht die Trennung zwischen politischen und landwirtschafttichen Schulden aufrecht- erhalten könnte. Hätte England als Grund für eine Zahlungsverweigerung gegenüber den Vereinigten Staaten angeführt, datz vas Gold durch die außer­ordentlich hohen Forderungen in Gold im Werte so gestiegen sei, wie es niemand habe Voraussehen kön­nen, so würden sich Englands Schuldner in gewisser Weise auch auf das gleiche Motiv stützen können, eine Schuldenreduktion zu verlangen. Würde England die Zahlung aus dem Grunde verweigert haben, daß die Fortsetzung der Kriegsschuldenzahlung unter den jetzt obwaltenden Umständen das Geldwesen und damit die ganze Weltwirtschaft in ein Chaos führen würde, so könnten auch Englands Sckuldner diesen Einwat» für sich verwenden, um ihrerseits ein Nichtzablcnwol- len an England zu begründen. Sie toüreen dabei gel­tend machen können, daß England dadurch, daß es sich gegen die Zufuhr ausländischer Waren abgeschlossen hat, die Zahlungen der Schuldner ähnlich erschwert hat, wie es die Vereinigten Staaten getan haben, wenn auch nicht in dem gleichen Grade. Solange Eng­land ein Freihandelsland war, konnte es mit Recht daraus Hinweisen, datz es die handelspolitischen Vor­aussetzungen nickt geändert hätte, unter denen die finanziellen Verpflichtungen eingeganaeu seien, son­dern daß es immer bereit sei, Zahlungen aus alle«