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Kasseler Tageblatt HeMcke Abendzeitung
Kasseler Abendzeitung
22. Jahrgang
Sonnabend, Sonntag, ^7/^8 Dezember 1932
Nummer 296*
Das Ende der Terrorverordnungen
Die heutige Sitzung des Kabinetts , Was bleibt vom Republikschutzgesetz? / Verschwörung in Buenos Aires aufgedeckt
DieNeuregelung derWinterhilfe
Von unserer Berliner Schriftleitung.
Zahlt Frankreich doch?
(Eigener Drahtbericht.)
spräche mit Herriot batte, dem Präsidenten der Re-. wissenschaftliche Forschung längst widerlegte Schuldpublik mitgeteilt, daß er wegen der bestehenden Schwie-1 anerkenntnis des Art. 231 nicht gebunden hält.
rigkeiten daraus verzichten müsse, das Kabinett zu bilden.
Freitag abend war Herriot beim Präsidenten. Er erklärte beim Verlassen des Elysses: Ich habe dem . Präsidenten der Republik eine Anzahl wichtiger Schriftstücke und Dokumente zur Kenntnis gebracht.
Ferner wurde Pauk-Boncour vom Präflden- ten empfangen. Er konferierte bis kurz vor Mitternacht mit dem Präsidenten und erklärte, beim Ber- laffen des Hauses, ihm sei offiziell die Kabinettsbildung angeboten worden. Er werde heute mittag dem Präsidenten mitteilen, ob er das Angebot annehme oder nicht.
Nach einer Aeutzerung des „Petit Journal" könnte man annehmen, daß Paul-Boncour die Absicht hat, die Sozialisten aufzufordern, in das Kabinett einzn- treten. Das offizielle Organ der Sozialistischen Partei, der „ Populaire", nimmt jedoch zu einer Regierungsbildung durch Paul-Boncour in keiner Weife Stellung.
ches früher bereits einige Male verlängert wurde, auch diesmal wieder über feinen Ablaufstermin hinaus in Kraft zu setzen, sondern es sollen lediglich einige wichtige Kapitel daraus in anderen Abteilungen untergebracht werden und somit in Wirksamkeit gelassen wer den. Dabei handelt es sich in erster Linie um den Schutz der Staatsform und der Reichsfarben, sowie um den persönlichen Schutz der Minister.
e'^niffe vom Standpunkt der gemeinsamen und der besonderen Interessen ihrer Staaten zu überprüsen. Der sehr herzliche Meinungsaustausch ergab eine vollständige Uebereinstimmung in allen Fragen, insbesondere in der Frage der Abrüstung und der Verteidigung des Friedens, die von jeher die vornehmste Ausgabe der Kleinen Entente war" ,
Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dieser Antrag der Kommunisten abgelehnt wird, denn an der Vertagungsmehrheit, die vor kurzem die Vertagung des Reichstagsplenums über Weihnachten hinweg beschloss, hat sich inzwischen nichts geändert. Diese Auffassung in massgebcnveii politischen Kreisen wird auch trotz der neuen nationalsozialistischen Angriffe gegen den Reichskanzler von Schleicher ausrechterhalten.
th. Berlin, 17. Dezember.
Von der heutigen Sitzung des Reichskabinetts sind wieder einige wichtige Beschlüsse zu erwarten. Vor allem wird das Kabinett nunmehr die Einzelheiten feststellen, nach denen die bereits grundsätzlich beschlossene Winterhilfe durchgeführt werden soll und auch einige andere Wirtschaftsnahmen werden heute voraussichtlich zur Erörterung kommen. Mit befonde- rem Interesse sieht man der Aufhebung der verschiedenen Zwangsmassnahmen entgegen, die der Reichskanzler bereits in seiner Rundfunkrede angekündigt hat
Der Kanzler steht aus dem Standpunkte, daß es möglich sein müsse, vie politsche Betätigung der verschiedenen Parteien und Organisationen, sowie der politischen Presse sich ohne die Zwangsmaßnahmen vollziehen zu lassen, die in den letzten Monaten ergangen worden sind. Allerdings geht er dabei von der Voraussetzung aus, daß diese Zwangsmaßnahmen in schärfster Form sofort wiederkehren müssen, wenn von der Befreiung, wie er sie jetzt einzusühren gedenkt, nicht der mit der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in Uebereinstimmung zu bringende Gebrauch gemacht werden sollte.
Es ist anzunehmen, dass das Reichskabinett bereits im Lause des heutigen Tages sich über den Termin und das Ausmass der beabsichtigten Lockerungen schlüssig wird.
In den Rahme,, dieser Verordnungen gehört isua, die Verlängerung einiger Kapitel aus dem Republikschutzgesetz, welches am 31. Dezember abläuft. Die Reichsregierung bebasichtigt nicht, dieses Gesetz, wel»
grabet Konferenz keine konkreten Beschlüsse, das soll wohl heißen, keine neuen Verträge zu erwarten seien. Also wird man wohl am Sonntag abend bestätigt hören, was man heute schon erraten kann: „Tie Außenminister der Kleinen Entente kamen in Belgrad zusammen, um gemeinsam alle Fragen internationaler Bedeutung zu besprechen und die polittscheu Er-
einem vergrößerten Ungarn unter deutsch - ungarischer Führung und Bildung einer Balkanföderation unter italienischer Führung, bestehend aus Serbien, Bulgarien, Rumänien, Albanien und Griechenland. Man erzählt sich in Belgrad, daß dieser Aussatz von Steeb auf Informationen von Benesch zurückgeht, der ja vor kurzem in London war. Mag bas nun richtig sein ober nicht, {ebenfalls bars man annehmen, daß Wickham Steeb durchaus zutreffend die — Angstvorstelun- gen der Kleinen Entente geschildert hat. Denn die Erfindung deutsch - italienischer Geheimabmachungen ist doch wohl nur für naive Gemüter bestimmt...
Die Fragen, die mit der Romreise Eömbös', mit den wirtschaftlichen Abmachungen zwischen Italien, Ungarn und Oesterreich zusammenhängen, die deutsche Forderung der Gleichberechtigung, kurz alles, was sich an politischen Ereignissen seit der Maitagung der Kleinen Entente ereignet hat, wird die drei Außenminister auf ihrer jetzigen Zusammenkunft auch über bas bloße Bebürfnis einer „bemonstrativen Warnung" hinaus beschäftigen. Benesch wirb von seiner Europa - Reise berichten, litulescu wirb ben Gang der Verhandlungen mit Rußland darlegen und alles, was damit zusammenhängt, Je flitsch endlich wird auf die erheblich verschärfte Spannung sowohl an der westlichen wie an der östlichen Grenze Jugoslawiens verweisen. Ein Teil der damit zusammenhängenden Besprechungen wirb in ben Konferenz-Verlautbarungen unker dem Stichwort „Abrüstung" erscheinen. Die Konferenz bet Eeneralstabschefs wirb zu biesem Punkt ber Tagesordnung auf ihre Art Vorarbeit geleistet haben. Die Erklärung nämlich, daß sich diese Konserenz lediglich mit der „Abrüstung" besaßt habe, hat sogar in den Kreisen der Kleinen Entente selbst keinen unbedlngien Glauben gefunden. Eine Mel- bung aus Prag spricht von den erneuten unb ver- ftärkren Versuchen Frankreichs, Polen an die Kleine Entente auch militärpolitisch heranzuziehen; und der Bukarester „(SurentuI“ will „aus guter Quelle" wissen, baß in Belgrab auch stanzösische Vorschläge neuer Militärkonventionen besprochen worden seien, aber wenig Sympathie gefunden hätten, da alle drei Staaten keine Neigung zeigten, neue Verpslich- tungsn zu übernehmen. Ob und inwieweit hier ernst- haste Meinungsverschiedenheiten mit Frankreich bestehen, entzieht sich freilich allgemeiner Kenntnis.
,Mdove Novine", das Blatt des tschechischen Außenministers, hat bereits erklärt, daß von der Bel-
Washington, 17. Dezember.
Zu Beginn bei gestrigen Senatssitzung erklärte Senator Harrison, der eine Rede über die französische Zahlungsverweigerung geplant hatte, daß er vom Staatsdepartement eine Mitteilung erhalten habe, die es ihm angezeigt erscheinen lasse, die Rede nicht zu halten. Auch Senator Borah, der ebenfalls über die Schuldenfrage sprechen wollte, nahm von seiner Rede Abstand.
Wie verlautet, hofft das Staatsdepartement, aufgrund einer Unterredung zwischen dem französischen. Botschafter Claudel und S t i m s o n, daß Frankreich doch noch zahlen werde. Aus diesem Grunde will man gegenwärtig scharfe Aeußerungen im Kongreß möglichst vermeiden.
Wie Havas ergänzend berichtet, sucht das Staatsdepartement in der Frage der Zahlung der französischen Schulden ein Kompromiss, um der französischen öffentlichen Meinung Genugtuung zu geben. Man denke an eine Lösung, dass Frankreich mit dem Vorbehalt zahle, dass dies die letzte Zahlung vor der allgemeinen Revision der Schulden fei.
lieber die Absichten des Präsidenten der Ver. Staaten wisse man nur, daß er die Nationen, die ihre Schulden bezahlt haben, anders behandeln werde als die, die nicht gezahlt haben. Hoover habe seine Botschaft an den Kongreß deshal^verzögert, um einerseits Frankreich Zeit zu geben, doch noch zu zahlen. Die Forderung der sranzösischen Kammer, die eine allgemeine Schuldenkonferenz wünsche, finde im Kongreß keinen Widerhall.
Der Neuyorker Korrespondent des „Petit Parrsien" berichtet ebenfalls, daß die amerikanische Regierung bereit fein soll, einem neuen französischen Kabinett die Wiederausnahme von Verhandlungen zu erleichtern.
Nach Chautemps Paul-Boneour
Paris, 17. Dezember.
Chautemps hat, nachdem er int Lause des gestrigen Nachmittags mit den verschiedensten politischen und parlamentarischen Persönlichkeiten Fühlung genommen und am Abend eine letzte entscheidende Aus
Verschwörrrng
in Argentinien
Buenos Aires, 17. Dezember.
Die Regierung hat einen Ausruf an das Volk erlassen, worin mitgetellt wird, daß eine w e i t v e r- zweigteVerschwörung entdeckt worden sei, die den Zweck verfolge, die Mitglieder der Regierung und hochstehende Persönlichkeiten zu ermorden, die öffentlichen Gebäude zu zerstören und die Bevölkerung zu beunruhigen. Die Regierung fordere die Be- völkerung zur Ruhe auf. Die Verhaftung der radikalen Führer ist angeordnet.
Nach einer neueren Meldung wird der Kongress Sonntag zusammentreten, um einen Antrag des Präsidenten, der den Belagerungszustand verhängen will, zu beschliessen. Die Polizei hat bisher über 1000 Bomben gefunden und beschlagnahmt. Es kam zu grossen Unruhen, da die Polizei die Büros der radikalen Zeitungen geschloffen hat.
Widerruf der Kriegsschuldlüge verlangt. Die Technische Fraktion (Volkssienst und Deutsche Volkspartei) hat im Reichstag einen Antrag eingebracht, der die Reichsregierung ersucht, den am Versailler Vertrag beteiligten ausländischen Mächten amtlich zu erklären, daß Deutschland sich an das Unwahre und durch die
Die große Stadt
W. P. Die Problematik der Großstadt ist nicht erst in den Nachkriegsjahren entstanden. Sie wurde geboren, als im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts mit dem Aufschwung der Industrie das rapide Wachstum der Städte begann. Aber solange der Glanz des wirtschaftlichen Aufstiegs die Menschen blendete, und solange das Zauberwort Industrie die Massen behexte und lockte, wurde sie nur von wenigen Einsichtigen erkannt. Man erschöpfte sich allgemein im Organisatorischen und Verwaltungstechnischen unb ging an dem Kern des Problems vorüber. Erst als die Entwicklung zum Stillstand kam und zurückschlug, als die Menschen in der großen Stadt nicht mehr sanden, wps sie in ihr suchten, nämlich Arbeit und Verdienst, wurden auch all die großen und schweren Fragen ausgedeckt, die sich aus der Entwicklung jener in ihrer äußeren Erscheinung glücklicheren Jahre ergeben hatten.
Heute, in einer Zeit, in der die Wirtschaftskrise an keiner Stadt und an keiner Fabrik vorübergegangen ist, zeigt es sich, was es bedeutet, wenn Treibhaus- entwicklung organisches und ruhiges Wachstum ersetzt hat, wenn Hunderttausende auf engste Räume zusammengeballt sind, wenn sie den Zusammenhang mit der Erde und damit das echte und starke Heimatgefühl verloren haben. Hier tut sich eine Aufgabe gewaltigen Umfanges auf. Eine Aufgabe, die nicht von heute auf morgen gelöst werden kann, die aber in ihrer ganzen Größe erkannt und aus der Ueberzeugung heraus, daß die Gegenwart ' Vorbereitung ber Zukunft ist, schon bald angefaßt werden muß. Reichskanzler von Schleicher hat es in feiner Rundfunkrede durchweg vermieden, Arbetts ziele auszustellen, die über das, was heute dringlich ist, hinausgreifen. Es ist aber bezeichnend, daß eine der wenigen Ausnahmen, die er sich gestattet», gerade dem Problem „Großstadt" galt. Die Erkenntnis, daß in der großstädtischen Lebensform einer der Hauptgründe der gegenwärtigen Not zu erblicken sei, legte dem verantwortlichen Staatsmann die Pflicht auf, nach Mitteln und Wegen zu suchen, wie diese Form zu lockern und neuzugestalten sei. Der Kanzler hat sich dieser Verpflichtung nicht entzogen. Durch eine stärkere und energischere Pflege des Siedlungsgedankens hofft er, die ersten Voraussetzungen zu schaffen, die erfüllt sein müssen, wenn die Fehler der Vergangenheit einmal liquidiert und durch eine bessere Ordnung ersetzt werden sollen.
Freilich darüber wird man sich klar fein müssen: Eine derartig tiefgreifende Aenderung läßt sich nicht einfach von oben dekretieren; sie kann nur Wirklichkeit werden, wenn int Volke selbst diese Wandlung geistig und seelisch borbereitet ist. Zwar wächst heute in weiten Kreisen der Wunsch, wieder seßhaft und bodenständig zu werden, aber er begegnet zugleich auch noch starken inneren und äußeren Widerständen. So abschreckend auch für viele die bitteren Erfahrungen, die den Siedlern im Zeichen der gegenwärtigen Agrarkrise nicht erspart blieben, gewesen fein mögen, entscheidender und schwerer zu überwinden sind doch wohl die Wirkungen des Trägheitsgesetzes, das ja nicht nur für das Spiel der physischen, sondern auch der geistigen Kräfte gilt. Man vergesse nicht, daß es in vielen Fällen erst die Eltern der gegenwärtigen Generation gewesen sind, die vom Lande abgewandert sind, und daß das Gefühl, das damals den Menschen in die Stadt trieb, trotz aller Enttäuschungen und trotz aller trüben Erfahrungen immer noch nicht ganz überwunden ist. Eine Entwicklung von solcher Stärke und solchem Umfange, wie es das Wachstum der Städte feit den neunziger Jahren war, beeinflußt das Denken und Fühlen auch dann noch weiter, wenn sie selbst zum Stillstand gekommen ist, und wenn sie zu krisenhaften Zuständen geführt hat.
Um diese Zusammenhänge deutlicher zu machen, ist es vielleicht gut, die Entwicklung mit ein paar Zahlen und Daten zu umreißen: Am schlagkräftigsten dürfte fein, was über die Ruhrstädte und über Berlin zu berichten ist: „Bochum hat," nach den Angaben, die Engen Schmahl in seinem ausgezeichneten Buche „Menschen in der großen Stadt*) macht. „1816 noch 2148 Einwohner, es zählt 1849 etwas über 4000, 1900 schon 65 500, 1910: 136 931, 1920: 210000 und 1930: 342 000 Einwohner. Duisburg steigt in den gleichen Zeiträumen von 4500 auf 7500, auf 92700, auf 229 500, auf 273 000 und 442 000 .. . Essen geht von 4700 auf 295 000 im Jahre 1910, 471000 1920 und 647000 1930." Und die R e ichs h aup t sta d t? „1861 hat sie erst die halbe Million geschasst, 1877 schon die ganze, 1905 die zweite und 1925 konnte sie die vierte Million überschreiten."
Wie gewaltige Magnete haben die großen Städte, die Mittelpunkte des wirtschaftlichen Lebens und die Stätten, die den Menschen bessere und schnellere Verdienstmöglichkeiten gaben, die Bevölkerung vom Lande abgezogen, und es ist klar, daß aus Anziehung zunächst höchstens Neutralisation und dann erst Abstoßung wird. Der Städter hält noch an seinen Lebensformen fest, und langsam nur weckt die Verkümmerung dieser Formen, wie sie heute die Wirt-
Montag Aeltestenrat
Die parlamentarische Weihnachtspause, die durch die gestern erfolgte Vertagung des preußischen Landtages und die Vertagung des Auswärtigen Ausschusses vollständig geworden ist, wird nun am Montag eine kurze Unterbrechung durch die für Montag anberaumte Sitzung des Aeltestenrates des Reichstages erfahren. Diese Sitzung ist notwendig, um zu dem kommunistischen Antrag auf sofortige Einberufung des Reichstagsplenums Stellung zu nehmen.
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Die Kleine Entente
hn. Belgrad, Mitte Dezember.
Auf Vorschlag des jugoslawischen Außenministers. Jeftitsch ist, einigermaßen überraschend, eine außerordentliche Konferenz der Außenminister der drei verbündeten Staaten nach Belgrad einberufen worden, wenige Wochen nach einer viertägigen Besprechung der leitenden Militärs der Kleinen Entente. Was mit dieser Konferenz bezweckt wird, ist leicht zu erraten: Sie soll eine Demonstration sein, eine unmißverständliche Antwort vor allem an den ungarischen Ministerpräsidenten Eömbös, der das kommende Jahr als das „Jahr der Revision" bezeichnet hat. Sie soll aber gleichzeitig, wie „Politika" sagt, eine „Arbeitstagung" sein; denn es gibt in der Tat eine große Reihe von politischen Problemen, deren einheitliche Behandlung einer klärenden Aussprache unter den drei Ministern bedürftig erscheint.
Selbst in den Kreisen der Kleinen Entente hat man etwas von dem neuen Wind verspürt, der seit einigen 2ahr»n in Europa weht. Sagen wir es deutlich: der politische Aeolus sitzt in Rom, und gerade dies, der „Abfall" des einstigen Verbündeten ist die stete Quelle der Sorge und Beunruhigung für die Politiker in Prag, Belgrad und Bukarest. Man wird nervös! Natürlich, denn man merkt, daß die alte und langbewährte Formel von der „Verteidigung des Friedens und der Ordnung" immer mehr ihre Bann- kraft verliert. Jene Politiker, die einst mit den Schlagworten des Fortschritts, der Freiheit, der Selbstbestimmung Europa unterwühlt haben, sind heute in »>die Rolle der Reaktionäre ge-rängi worden. Unb das ist keine sehr aussichtsreiche Position.
Mit ber Erkenntnis ber Gefahr pflegt aber auch die Kraft box' Abwehr zu wachsen, Man räumt Vorfeldstellungen, um die Hauptstellung desto zäher verteibigen zu können: Die Verträge von 1919, so schrieb die Belgraber „Politika" vor kurzem, haben eine Evolution ihrer finanziellen, wirtschaftlichen und auch ihrer militärischen Klauseln erfahren; unb biese Evolution wirb auch weitergehen. Schließlich würde von den internationalen Verträgen nur das Gerippe übrig bleiben, — die territorialen Bestimmungen. An dieses Gerippe allerdings kann unb darf nicht gerührt werben.
Ausgangspunkt biefer höchst aufschlußreichen Ve- tachtung war ber bekannte Aufsatz von Wickham Steeb in -der „Sunbay Times", in bem eine Rotoer- orbnung in Sübofteuropa skizziert würbe, über beten Durchführung sich Italien und Deutschland während des römischen Europa-Kongresses verständigt haben fassen: Abtrennung Siebenbürgens unb ber Bukowina von Rumänien, ber alten habsburgischen Gebiete von Jugoslawien, Zusammenfassung biefer Gebiete mit