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Dienstag 13 Dezember 1932 , i Trihgt
Kasseler Neueste Nachrichten
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Absender und Adressat nicht zu ermitteln!"
Reportage von Dr Kurt Kühn
Briefe, die sie nicht erreichten / 3 Millionen unbestellbarer Briefe! /
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H. H.
Mm Sie einmal
Marburg
Wittschast, Geld und Krisis
Vortrags- und Ausspracheabend im „Tatt'-Kreis.
Am Sonnabend sprach im „Gildehaus" vor mehreren hundert Arbeitern und Bürgern als Gast des „Tat-Kreises Kassel" der bekannte Wirtschaststheore-
dann wär’s doch recht interessant für Sie, bei der Gelegenheit die Sabrik? in der Slinganserstrasse 130 zu besuchen, aus der monatlich so an die 165 (Millionen
war, in braucht, Sterben;
die 3/3 Pfg-Zigarette, beider nach teurer^Harken Jlrt sich'Jhlde mit AROMA paart.
nach München kämen
OBERST-Zigaretten in die Welt gehen.Wir glauben, Sie würden dort im Geburtshaus der O ß E R S T den Eindruck gewinnen; OBERST ist nicht von schlechten Eltern. OBERST
gleichbedeutend mir denn die hessischer
Eine Verbesserung. Mit Wirkung vom 15. d. Mts. fallen die Beschränkungen in der Eil- und Schnellzugbenutzung für Inhaber von Schülerrückfahrkarten, Arbeiterrückfahrkarten und Arbeiterkarten für Binnenschiffer fort. Gegen Zahlung der tarifmäßigen Zuschläge können diese Züge nunmehr auch bei Entfernungen unter 75 Km. benutzt werden. Bei Arbeiterwochenkarten kann die Benutzung dieser Züge in Einzelfällen auf besonderen Antrag durch die Reichsbahndirektion gestattet werden. In diesem Falle kommt der tarifmäßige Zuschlag zur Erhebung.
Fahrpreisermäßigung für Gesellschaftsreisen. Die Fahrpreisermäßigungen für Schulfahrten, Eesell- schafts- und Jugendpflegefahrten werden auch während des Weihnachtsfestes gewährt.
Neues aus Kassel
Kassel, 13. Dezember.
Wie bereits gesagt: 3 Millionen falsch oder gar nicht adressierte Btzjefe werden jährlich in Deutschland der Post anoertraut, davon 400 000 ir Berlin, 140 000 in Leipzig, 210 000 in München. Die Mehrzahl von diesen „Preis- und Fleißaufgaben für die Reichspost" werden trotz ganz oder teilweise fehlender, oft auch böswillig verstümmelter Adressen richtig zugestellt.
Der Rest aber wandert in den^ Brief-Friedhof, in die für die „tote Post" bestimmten Ablageschränke. Dort ruhen sie etwa vier bis sechs Wochen, und dann werden sie, nachdem etwa in ihnen enthaltenes Geld, Anweisungen usw entnommen wurden, verbrannt. Die auf diese Weise vereinnahmten Beträge aber erhält die Posthilfskasse zu treuen Händen, deren
lastens
Asiaten zuzustellen, das ist ofr genug ein aufregender Detektivroman. In der „Rückbriesstelle" eines großen Postamtes sah ich eine Karte, die neben einem glühenden Liebeserguß als Adresse nur die Worte „An Emma" erhielt. Ihre Vorderseite zeigte das Photo eines alten, mehrstöckigen Gebäudes, dessen eines Fenster angekreuzt war. Daneben stand: „Hier wohne ich!"
'Einer unter 3 Mill onen
„An den lieben Weihnachtsmann!"
Mit dieser zwar kindlich rührenden aber doch ganz und gar unvorschriftsmäßigen Adresse versehen, Jiegt ein Bries auf dem großen Sortiertijch des Kasseler Postamtes. Die Beamten — selbst Familienväter vielleicht — drehen ihn hin und her. Und dann wandert er (da auch ein Absendervermerk natürlich nicht angegeben ist) in den Papierkorb, nicht wahr?
Aber nein! Kein Brief, der in einen Kasten der Deutschen Reichspoft geworfen wurde, gelangt ohne weiteres in den Papierkorb. Und wenn die Änschrift noch so toll, die Handschrift noch so schlecht, der Umschlag oder Inhalt noch so zerrissen ist für die 12 Pfennig Brief- und 6 Pfennige Karten-Porto werden in jedem solchen Falle Ermittlungen angestellt, die oft das lOOfache oder gar lOOOsache des Markengegenwerts betragen.
In dem hier angeführten Beispiel mit dem „an den lieben Weihnachtsmann" gerichteten Kinderbrief ist (allerdings erst nach langer Arbeit) der einliegende Wunschzettel tatsächlich an den richtigen Empfänger, nämlich an den Vater des Kindes, befördert worden. Und dabei ist er nur einer unter 3 Millionen gar nicht oder falsch adressierter Briefe gewesen, bte jährlich der Post in Deutschland übergÄen werden.
Detektive in der „Rückbriefstelle"
Heiligen Abend auf 19 Uhr angeregt worden. Wie der merseite ist die Festsetzung der Polizeistunde für den Amtliche Preußische Pressedienst einem Runderlatz des Preußischen Innenministeriums an die Polizeibehörden entnimmt, kann leider eine derartige Regelung aus grunosätzlichen Erwägungen nicht in Frage kommen. Die Polizeibehörden werden jedoch angewiesen, im Interesse der verheirateten Arbeitnehmer durch Verhandlungen mit den örtlichen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen dahin zu wirken, daß die verheirateten Arbeitnehmer im Gastwirtsgewerbe am Heiligen Abend nach Möglichkeit von 19 Uhr ab von ihrer Arbeit sreigestellt werden. Sollte daneben eine Polizeistundenvorverlegung in geringem Umfang für erforderlich gehalten werden, so bestehen dagegen keine Bedenken.
Wie die Reichspost und ihre Beamten es fertig bringen, alle diese Briefe (3 Millionen zährlich), oder doch wenigstens den weitaus größten Teil von ihnen den Abtes" ......... - ' -
Dürsten des 13. bis 16. Jahr Hrnderts wählten Marburg zv Hhret letzten Ruhestätte.
»Hilfe, Hilfe!"--so Heerde ich's gestern
owend in d'r Hohenzollernstrohtze gabken. Ich stund aggerahde biem Leichüdurm uff d'r Insel vor d'r Oberbosddirekziohne. Aes war noh Middernachd, ich kamb vum Bahnhofe un hodde unzen Besuch uff de Bahne gebrachd. Ich blebb wie vum Dünner ge- riehrd stehen un gock mich imme, sahch awer kinne Menschenseele nit. Ich schiddelde minnen Kobb un wullde weider gehn. Doh Heerde ich Widder disse klagende Stimme.
„Kasseläner, Helfd mäh doch, worimme hod däh mich dann ganz vergessen!"
Jidzd merkede ich, daß disse Stimme vun unzem Uhrjpargel herriehrde.
„Ra, was hosde dann?" sahde ich zu emme, „wo drigged däh dann dinn Schuh?"
„Och," meinde häh, „mich gicked kinn Mensch mehr freindlich ahn. Minne Modder äs doch vähle mehr geehrd worren. Die stund frieher uff d'r anneren Siehde. Se drug dohzemoh noch 'n Krennolinenrock und ähr witzes Zifferbladd leichdede vun innen ruß. Doh gungk kinn Kasseläner vorbieh, ohne se erschdemoh ahnzegucken un jeder stillde sinne Karduffel dohnach.
Midd mäh machen se allerhand Schberenzien. Erschd machen se mich noh d'r neiesden Mode, dann veralwern se mich un nennen mich Urspargel, Fräulein Schlanka usw. Dann, alz kinn Mensch owends min blaues Zifferbladd nit erkennen kunnde, raune ich vun allen Siehden midd kinstlicher Hehensonne be- strahld. Mäh dud's joh ganz gud, doch nu wären de Kasseläner Widder gebleiwed, sodaß se schont lange weggucken, wannehr se an mäh doiimmer gehn. Es Ls gern verrickd mären. Minne ganze Hoffnunge seddze ich uff's Ehrisdkendchen. Jeden Owend bede ich, daß es mäh ze Weihnachden 'n neies Zifferbladd schenken mechde un daß disse verdebbelden Scheinwerfer abgerubbed wären.
„Joh, joh," dresdede ich das vun unz Kasseläner so stiefmidderlich behandelde Uhrdirmchen. „Ich winsche es däh au vun ganzem Herzen. Sallde dinn Wunsch awer nit in Erfüllung gehn, dann besorge ich däh 'ne lange Leiter, dann können mäh zemwenigsdens owends alzemoh ruffkleddern, imme fesdezestellen, was de Uhre „geschlagen" hodd. F. Ch.
Die Marburger „Schimmel- leitei“ kennt jeder Fußball- freund. Vielleicht weiß et aber nicht, daß der Ritter auf dem Schimmel das Wappenbild der Stadt Marburg ist, das den Ursprung der Stadt als Gründung Schutze der Burg kennzeich- „Gen Marburg reiten"
tiker Hans Schumann aus Thüringen übet das Theniä: „Wirtschaft, Geld und Krisis".
Der Redner, der es verstand, in seinem Vortrag die Mitte zu halten zwischen strenger wissenschastlicher Theorie und volkstümlicher Aufklärung, sühne etwa folgendes aus: Wichtigste Aufgabe ist die Erkenntnis der wabren Ursachen der Wirtschaftskrise. Unbaltbar ist die Ansicht, die Ueberproduktion verursache die Arbeitslosigkeit. Der Bedarf der Menschen ist so ungeheuer groß, daß alle vorhandenen Waren abgesetzt werden könnten, wenn die Leute das erforderliche Geld in der Hand hätten. Die Krise ist ein Geld-Problem, „In der Vermehrung und Verminderung der Zahlungsmittel im Verhältnis zur angebotenen Gütermenge liegt ein beinahe automatischer Grund für die Belebung und Verlangsamung des Geschäftsganges und damit für die Erhöhung und die Verminderung der Beschäftigungsmöglichkellen." (Internationales Arbeitsamt: Das Problem der Arbeitslosigkeit in internationaler Betrachtung) Die umlaufende Geldmenge muß so bemessen werden, daß das Preisniveau stabil erhalten wird. Außerdem muß das Geld unter Umlaufszwang gestellt werden, da Geld, welches nicht umläuft, gleichsam nicht vorhanden ist!
Zu der Ansicht, man müsse die Krise durch eine aktive Geldpolitik überwinden, bekennen sich viele maßgebende Sachverständige, u. a. Prof. Irving Fisher (USA), Petlih-Lawrence (ehemaliger' Finanzsekretär im englischen Schatzamt), der internationale Gewerkschaftsbund (im Gegensatz zu den maßgebenden Sachverständigen der deutschen Gewerkschaften) die englische Arbeiterpartei, die NSDAP., Prof. Dr. Lessing Woytinskv, Prof. Kevnes, Pros. Hahn, Prof. Cassel usw. Wenn heute diese Geldpolitik nicht betrieben werde, so liege das daran, weil die Hochfinanz em Interesse an fallenden Preisen habe.
Man mache zwar heute den Versuch, eine Konjunktur zu schaffen durch Kreditausweitung, sei es mit Hilfe von Steuer-Gutscheinen, oder nach dem Gereke- Plan durch Buchkredite, oder aber nach dem Waae- mann-Plan durch reine Geldschöpfung. Diese Maßnahmen seien gefährlich! Die Deflattonspshchose sei heute derart tief gewurzelt, daß sie nur durch eine seht große Menge neugefchöpften Geldes überwunden werden könnte. Dadurch bestehe die Gefahr, daß die heute gehorteten Gelder auf den Markt kommen und die Preise inflationistisch in die Höhe schnellen. Man könne diese Gefahr nur dadurch vermeiden, daß min zunächst das vorhandene Geld unter Umlaufszwang stelle.
Die Versammlung nahm die Darlegungen des Redners mit größtem Beifall auf Sprecher aus allen Lagern stimmten vor allem der Ansicht zu, daß Die Krise, als wirtschaftliche Totalkrise, geldpolitische Ursachen habe und daher nur durch geldpolitische Maßnahmen überwunden werden kann. Es war von größtem Interesse zu beobachten, wie der Fabrikant, dem die Kalkulationsbasis entzogen wird, der Kaufmann, dem man den Abfatz durch Preisdiktaie zerstört, und der sozialdemokratische und nationalsozialistische Arbeitet, welche durch die Deflation von ihrer Arbeitsstätte vertrieben sind, sich einig zusam- menfanden. Sie alle bekannten sich zu der Forderung: Uebetwindung der Krisis durch Herstellung eines absolut stabilen Preisniveaus, Beseitigung der jetzigen Geldpolitik der Reichsbank A. G. und Durchführung einer wissenschaftlichen Inflation wie Deflation gleicherweise verhindernden Geldverwaltung.
Die Karte ist angekommen! Sie ist tatsächlich in die Hände der Adressatin „Emma" gelangt, allerdings erst nach vielen Wochen. Von dem erwähnten Postamt reifte sie zunächst zurück an das durch den Stempel kenntlich gemachte Aufgabepostamt. Hier übernahmen es Beamte der Rückbriefstelle, ausfindig zu machen, ob und wo es in der Stadt das auf dem Photo gezeigte Haus gäbe. Als man feststellte, daß es mehrere sich fast ähnlich sehende Häuser gab, prüfte man mit der Lupe die Hausnummer und fand so endlich den immer noch in dem angekreuzten Zimmer wohnenden Absender.
Von ihm erfuhr man nun „Emmas" vollständige Adresse. Die Anschrift wurde vervollständigt und wieder ging die Karte auf die Reise; nach Wochen endlich hatte eine glückstrahlende junge Dame den Gruß ihres Liebsten in Händen. Und das alles für 6 Pfennige......!
„Tote post" im „Brieffnel'hof"
Eigentum sie nach Ablauf einer vorbestimmten Frist werden.
Es ist nun außerordentlich interessant, einmal in den in den „Brief-Friedhöfen" ruhenden Postsachen zu stöbern, einmal seststellen zu können, was für Briefe hier liegen, wer am häufigsten vergißt, Name und Adresse des Empfängers anzugeben Der Beamte lächelt: <
„Die meisten unbestellbaren Briefschaften sind Liebesbriefe!
Ich weiß nicht, ob Verliebte besonders vergeßlich sind, aber vier Fünftel der an die Rückbriefstellen gelangenden Schreiben sind zärtliche Liebesgrütze oder Sehnsuchtsschreie An zweiter. Stelle stehen Massen- sendungen, die von großen Firmen oder Adressenbüros aufgegeben wurden. Aber auch Briefe, denen Geldscheine einliegen, werden oft genug falsch adressiert, so daß zum Beispiel die Posthilfskasse der Oberpostdirektion Berlin aus unbestellbaren Sendungen eine monatliche Einnahme von durchschnittlich 700 Reichsmark hat. Der Schaden aber, der Absendern und Empfängern entstehen würde, wenn wir unsere Vermittlungsstelle nicht hatten, sondern jeden falsch oder gar nicht adressierten Brief ohne weiteres in den Friedhof wandern lassen würden, könnte wahrscheinlich gigantische Ziffern erreichen!"
Museum der Liederlichkeit
Das Gegenstück zu den Rückbriesstellen der Post- direktionen sind
die Ermittlungsstellen der Paketämter.
Was hier Tag für Tag einläuft an liederlich verschnürten, schlecht und lieblos eingepackten und fehlerhaft adressierten Paketen, das ist einfach unbeschreiblich. Dutzende von Beamten sind ständig damit beschäftigt, die zerrissenen Hüllen zu entfernen und durch gutes, starkes Packpapier zu ersetzen, heraushängende Sachen wieder zurückzuftopsen und Hunderte von Paketen zu öffnen, um die Duplikatadresse zu suchen, die jedem Paket beiliegen sollte. Oft genug aber bleibt diese Suche ergebnislos. ....
Alles, was an Paketen selbst beim besten Willen unbestellbar bleibt, wandert in eine Zentrale, in der sofort die Sendungen mit leicht verderblichen Lebensmitteln aussortiert werden, damit sie in den täglich stattfindenden Ve'steigerungen losgeschlagen werden können. Die anderen Pakete werden registriert, ihr Inhalt wird möglichst genau aufgeschrieben, und bann werden sie aufgehoben, bis auch sie nach vierwöchiger Wartezeit in die Auktionsräume der Oberpostdirektionen wandern und unter den Hammer kommen.
Auch der Erlös aus den Versteigerungen „unan- bringlicher Pakete" fließt der Posthllfskasse zu. Und da diese Kasse -schon oft Gelegenheit hatte, Gutes zu tun, in dringenden Notfällen zu helfen, ist also die Liederlichkeit und der unverbesserliche Leichtsinn zahlloser Zeitgenossen doch wenigstens zu etwas gut. . ..