Kasseler neueste Nachrichten
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möglich ist. Zur Durchführung dieser deutschen Th-se sind wir zu jedem Entgegenkommen bereit, insbesondere dazu, die praktischen Einzelheiten in einer Sonderbesprechung der Großmächte durchzuberaten
So stoßen zusammen die deutsche Gleichberechti- gungstbese, die besondere amerikanische Schulden- l'vuuk. das englische matte und wenig entschlossene Bestreben zwischen allen Tendenzen zu vermittel» und die italienische zuwartende Zurückhaltung. Pro
phezeiungen sind in solcher Lage unnütz und töricht. Am besten wäre es sicherlich, wenn die Möglichkeit bestünde, den Willen des deutschen Volkes, der sich auf eine unantastbare, klare und einwandfreie Rechtslage ebenso wie aus eine starke allgemein politische Stellung stützt, so nach Außen zur Geltung zu bringen, daß mit ihr von der in sich uneinigen und im wirren Durcheinander ihre eigenen Ziele verfolgenden Gegenfront als mit einer unumstößlichen Tatsache gerechnet werden
muß. Gehl das nicht, dann bleibt nach meiner Meinung nach soviel Bekundung guten deutschen Willens nicht anderes übrig, als den Akt des 23. Juli zu wiederholen und unter klarster Herausarbeitung der schweren Verantwortung die Gegenseite ihre eigenen AbrüstungSgespräche unter sich fortführen zu lassen. Um eine in der politischen Sprache aller Jahrhunderte bekannt« Formel zu wiederholen, würde Deutschland dann handeln müssen, wie es „seinen nationalen Interessen" entspricht!
Schnellarbeit im Reichstag
Präsidentenstellvertretungs-Gesetz und sozialpolitische Abänderungsvorschläge in erster und zweiter Lesung erledigt
Berlin, 8. Dezember.
Der zweite Tag der Reichstaastagung har. wenn man von dem häßlichen Zwischenfall im Wandelgang und auf der Tribüne (wir berichten darüber auf Seire 1. D. Rco, absieht, einen Verlaus genommen, der fast vollkommen frühere» normalen Parlaments- Zeiten entsprach. Die Beratung der beiden aus der Tagesordnung stehenden Gesetzesanträge wurde ordnungsmäßig durchgeführt und zwar so sehr, daß es allgemein eine lleberraschung auslöste, als die Vertagung auf Freitag schon gegen 20 Uhr verkündet wurde, während man noch mit der Abwicklung einer endlosen^llcdNerllsie gerechnet hatte.
Die Sitzung wurde, wie wir in einem Teil der gestrigen Ausgabe schon kurz berichtet haben, von Präsident Göring kurz nach 14 Uhr eröffnet. Präsident Göring teilt zunächst das Ergebnis der ^chr'ftsühr.'rwahl mit. Seine Mitteilung, daß der Abgeordnete Dr. Hugenberg (Dnt.) gewählt worden sei, erregt allgemeine Heiterkeit im Hause. Der Präsident macht dann aufmerksam auf das veränderte Zählergebnis der Wahl zum 3. Vizepräsidenten. Nach der endgültigen amtlichen Feststellung sei Abgeordneter Lobe (Soz.) mit 205 Stimmen gewählt worden.
Abg. Dr. Frick (Nat.-Soz.) beantragt Wiederholung der Wahl, da nach Ansicht seiner politischen Freunde das Ergebnis nicht einwandfrei feststehe. ES sei z. B. möglich, daß nachträglich ein für den Abgeordneten Dr. Hugo (DVP.) abgegebener Stimmzettel abhanden gekommen sei (Oho!»Rufe bei den Sozialdemokraten). Der Redner fordert namentliche Abstimmung über seinen Antrag auf Wiederholung der Wahl.
Die Abg. D i 1 m a n n (Soz.) und T o r g l e r (Kom.) sprachen sich gegen die Wiederholung der Wahl aus.
Bei der namentlichen Abstimmung über die Frage der Zulässigkeit des Antrags Dr. Frick» auf Wiederholung der Wahl wird die Zulässigkeit der Wiederholung mit 289 gegen 201 Stimme« bei 58 Enthaltungen verneint. Außer den Nationalsozialisten stimmten auch die Deutsche Volkspartei für die Zulässigkeit, während sich die Deutschnationalen enthielten.
Auf die Frage, ob er die Wahl annehmen wolle, erklärte Abgeordneter L ö b e, er habe nach dem am Dienstag abend festgestellten Ergebnis noch Zweifel gehegt, ob er die Wahl annehmen könne. Nachdem aber durch die Bemühungen des Abgeordneten Dr. Frick (Heiterkeit) diese Zweifel beseitlgt seien, die Gültigkeit des Wahlganges feststehe und ein neuer Rechenfehler wohl nicht passiert sei, nehme er die Wahl an.
T Vizepräsident Esser macht dann Mitteilung von der Bildung des Uebetwachungsaus- s ch u s s e s mit dem Abgeordneten Löbe (Zoz.) als Vorsitzenden und des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten mit dem Abgeordneten Frick (Nat.-Soz.) als Vorsitzenden.
Als hierauf Abgeordneter Herm-Brandenburg (Kom.) von dem Werkunglück in Premnitz bei Ratbe- noto Mitteilung macht, erheben sich die kommunistischen Abgeordneten von den Plätzen, danach auch die übrigen Fraktionen. Als der Redner aber davon spricht, daß die Ursache dieses Unglücks in dem Antreibersystem liege, das aus dem Werk herrsche, ertönen laute Psui-Rufe, und die Abgeordneten nehmen bis aus die kommunistische Fraktion wieder ihre Plätze ein. Als Vizepräsident Esser dem Redner das Wort entziehen will, bringt dieser noch einen Antrag auf Untersuchung des Unglücks und Unterstützung der Geschädigten ein.
Vizepräsident Esser bedauert, daß dik Mitteilung über eine derartige Katastrophe von den Kommunisten in agitatorischer Weise ausgenutzt werde. — Der Antrag wird auf die Tagesordnung gesetzt.
Das Prästdentenvertretungs-Gesetz
Es folgt die erste und zweite Beratung der Gesetz, entwürse der Nationalsozialisten und der Bayerischen Volkspartei über Aenderung des Artikels 51 der Reichsverfafsnng bezüglich der Stellvertretung des Reichspräsidenten durch den Präsidenten des Reichsge-
Abg. Schneller (Kom.) nennt den Reichsgerichtspräsidenten den Repräsentanten der Klassenjustiz und der schlimmsten Kommunistenverfolgungen. Als er schwere Beleidigungen gegen den Reichspräsidenten ausspricht, wird er vom Vizepräsidenten Esser zur Ordnung gerufen und darauf hingewiesen, daß der Präsident im Falle weiterer Beleidigungen des Reichspräsidenten zu schärferen Maßnahmen übergehen werde. Der Redner wiederholt in seinen weiteren Ausführungen aber die beleidigenden Ausdrücke gegen den Reichspräsidenten. Vizepräsident Esser entzieht ihm darauf unter stürmischen Protesten der Kommunisten das Wort.
Nunmehr kam es zu den s ch w e r e n Z wischenfällen auf der Tribüne und im Wandelgang, die wir an anderer Stelle schildern. Die Sitzung wurde unterbrochen. Nach Wiedereröffnung wird die Aussprache über das Präsidenwertretungsgesetz fortgesetzt.
Abg. v. Freytagh-Loringhoven (Dnt.) spricht sich gegen den Gesetzentwurf aus. Die politische Führung des Reiches sollte nicht einem Manne anver- traut werden, der die ganz unpolitische Stellung des
Reichsgerichtspräsidenten einnimmt. Die Annahme des Gesetzentwurfes würde auch Me Folge haben, daß man dem Präsidenten des Reichsgerichts nicht nach rein rechtlichen, sondern auch Nach politischen Gesichtspunkten auswählt. Auf diese Weise würde ein republikanischer Kronprinz entstehen, den wir ablehnen. (Abg. Dr. Breitscheid, Soz: „Ihr wollt den anderen Kronprinzen!" — Heiterkeit.) Jedenfalls werden wir das uns von Ihnen unterschobene Ziel nicht durch Anträge zum Artikel 51 der Verfassung zu erreichen suchen. Wir lehnen den Entwurf ab und beantragen: „Der Reichspräsident bestimmt seinen Vertreter für den Fall seiner Verhinderung. Der Vertreter muß den Bedingungen entsprechen, die für den Reichspräsidenten gestellt sind.
Abg. Dr. B r e i t s ch e i d (Soz.) erllärt, die Sozialdemokraten würden dem nationalsozialistischen Entwurf zustimmen, weil sie eine Dauerregelung der Vertretungsfrage für nötig halten. Der deutschnationale Antrag sei unannehmbar, denn er gebe dem Reichspräsidenten eine Machwollkommenheit, die beinahe die des Kaisers erreicht. In den Kreisen um Pape«, Hugenberg und den Herrenklub werde mit dem Gedanken gespielt, daß der Reichspräsident durch ein politisches Testament den ehemaligen Kronprinzen zu seinem Vertreter einsetzen soll. Das würde eine Gefahr für den Bestand der republikanischen Verfassung sein.
Abg. Dr. B r e d t (W. P.) begrüßt den nationalsozialistischen Entwurf. Es sei in der Tat zur Vertretung des Reichspräsidenten am besten geeignet der Reichsgerichtspräsident, dem der Schutz des Rechts und der Verfassung obliegt. Die Kritik an dem Urteil des Staatsgerichtshofs sei nicht berechtigt.
270000 im Arbeitsdienst
Retchsarbeitsrninister Syrup über Zweck und Erfolg des Freiwilligen Arbeitsdienste-
Berlin, 8. Dezember.
Auf der Sitzung des Hauptausschusses des Deutschen Industrie- uiü> Handelstages «nachte Ueichsar- beitsminister Dr. S y r n p Ausführungen über Wesen, Zweck und Erfolge des Freiwilligen Arbeitsdienstes: :
Als der F. A. durch die Verordnung im Juli 1931 eingeführt wurde, galt es, durch zusätzliche Arbeiten Hilfe für unsere werktätige Jugend zu schaffen. Die Entwicklung des F. A. ist zunächst zögernd und taufens vor sich gegangen. Im Oktober 1931 zählten wir rund 300 Arbeitsdienstwillige. Am 1. November 1932 war die Zahl von V, Million bereits überschritten. Diese Zahl ist im November noch etwas gestiegen. Sie beträgt nunmehr 270 00 0.
Beim Arbeitsdienst handelt es sich nicht um eine Betätigung im erlernten Beruf, sondern um eine körperliche Primitivarbeit, die von jedem Arbeits- dienstwilligen unbeschadet seiner Herkunft nach kurzer Eingewöhnung verrichtet werden kann. Alle Erfahrungen zeigen, daß die Jugend nach einem derartigen Einsatz ihrer aufgespeicherten Körperkräfte verlangt.
Die starke Entwicklung des F. A., fuhr der Minister fort, habe dazu geführt, daß die dem Reichs
kcrnmissariat zur Verfügung gestellten Mittel von 45 Millionen Mark in den nächsten Wochen erschöpft seien. Mit Zustimmung der Reichsregierung hat die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung jedoch weitere 25 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Ein Beschluß darüber, in welchem Ausmaße der Arbeitsdienst im nächsten Haushaltsjahr toeltergefifljrt werden soll, konnte von der Retchsregierung noch nicht getroffen werden. Nach den bisherigen Erfahrungen ist damit zu rechnen, daß in dem nächsten Haushaltsjahre mit einem durchschnittlichen Einsatz von 200 000 Arbeitsdienstwilligen gerechnet wird. Insgesamt bedeutet dies eine Aufwendung von 200 Millionen Mark. Würde man die Einberufung eines ganze» Jahrganges unserer männlichen Jugend in Betracht ziehen, so bedeutet das nach einem Abzug der körperlich Untauglichen einen Einsatz von mehr als 500 000 junger Leute und mithin eine Gesamtaufwendung von rund 500 Millionen Mark. Diese Zahlen lassen schon von der finanziellen Seite her erkennen, daß die Forderungen auf Einführung der Arbeitsdienst pflicht nicht leicht zu erfüllen sind, ohne daß der privaten Wirtschaft erneut große Geldmittel entzogen werden.
________Donnerstag, 8. Dezember 1932
Abg. Torgler (Kom.) bekämpft den Entwurf. Der Reichsgerichtspräsident sei Erponent der faschistischen Diktatur gegen die Arbeiterklasse.
Damit ist die erste Beratung des Entwurfs erledigt. In der darauffolgenden zweiten Beratung wird ein deutschnationaler Antrag auf Ausschuß-Ueberweisung gegen die Stimmen der Antragsteller abgelehnt.
Der vom Abg. v. Freytagh Loringhoven begründe te Aenderungsantrag, wonach der Reichspräsident selbst seinem Verkehr bestimmen soll, wird gleichfalls gegen die Antragsteller abgelehnt.
Der nationalsozialistische Entwurf wird mit allen gegen die Stimmen der Kommunisten und Deutsch- nationalen in zweiter Lesung angenommen. Die dritte Beratung kann wegen eines Einspruches der Kom muinften erst in der öchsten Sitzung vorgenommen werden.
Es folgt die erste Beratung der Anträge des Zentrums, der Sozialdemokraten und der Nationalsozia- iisten auf
Acnd rnng der Notverordnung vom 4. September
in ihrem sozialpolitischen Teil, auf Winterhilfe und Arbeitsbeschaffung.
Abg. Karsten (Soz.) begründet die sozialdemokratischen Anträge. Darin wird die Aufbebung der NolvcrorSnung vom 1. Juni über Arbeitslosenhilfe, Sozialversicherung und Wohlfahrtslasten verlangt. Im Falle der Ablehnung dieses Antrages soll nach einem Eventualantrag die Winterbeihilfe erweitert werden Nach einem von den Sozialdemokraten eingebrachten Gesetzentwurf sollen die Unterstützungssätze und Io- zialrenten wieder auf den Stand vor der Noweroed- nung vom 14. Juni 1932 gebracht werden. In einem weiteren Entwurf wird eine Winterhilfe für alle Empfänger von öffentlichen Unterstützungen und Renten verlangt. Der Redner richtet scharfe Angriffe gegen das frühere Papen-Kabinett. Das neue Kabinett trage zwar einen anderen Namen, sei aber von dem gleiche» Geist erfüllt.
Abg. Börger (Nat.-Soz.) tritt für die nationalsozialistischen Anträge ein. Einer dieser Anträge fordert die Aufhebung der Nowerordnnng vom 4. Sept, in ihrem sozialpolitischen Teil und der darauf begründeten Verordnung zur Vermehrung und Erhaltung der Arbeitsgelegenheit vom 5. Sept. 1932. Weitere Anträge fordern eine Weihnacht-- und Winterbeihilfe, in Form von Lebensmitteln, Kleidungsstücken, Wäsche usw. für die notleidende Bevölkerung sowie eine Arbeitsbeschaffungsaktio», insbesondere durch öffentliche Aufträge. Das System des Papenschen Wirtschaftsprogramms mit seinen Einstellungsprämien schaffe keine neue Arbeit, sondern bringe auf Koste» des Arbeiters nur dem Unternehmer Sonderprofite.
Abg. Dr. Schmidt-Eichwalde (Nn.) führt aus, das deutsche Elend des deutschen Volkes sei auf den Youngplan zurückzuführen. Mit dem gegen diesen Plan ausgenommenen Kampf hätten die Deutschnationalen Sozialpolitik im besten Sinne getrieben. Die Aushebung der sozialen Härte der Juni-Notverord- nung habe in erster Linie der deutschnationale Führer Hugenberg in feinem Bries a» den früheren Reichskanzler von Pape» gefordert. Die Deutschnatioalen verlangten auch in der Notverodnug vom 8. Sept, die endgültige Aufhebung der Lohn- und Gehaltskürzungen. Die jetzige Debatte sei eine leere Demonstration, solange nicht die Stellungnahme der Regierung zu den Anträgen bekannt fei. Die Deutschnattoalen müßten Einspruch erheben gegen den nationalsozialistischen Antrag, der die sozialpolitische Vollmacht für die Regierung aufheben will. Ein solcher Antrag würde bei seiner Annahme die Arbeitnehmer schwer schädigen. Weil er die Sozialversicherung vollständig den Rote» und Schwarzen ausliefern würde. *
Abg. Pieck (Kom.) erklärt, nur die kommunistische Partei habe ehrlich den Kampf gegen die Papen- Regierung mit ihrem Hungerprogramm ausgenommen. Die übrigen Parteien hatten sich nur zum Schein der Kampffront gegen Papen angeschlossen, weil sie sich dem Druck der revolutionierte» Massen nicht entziehe» konnten.
Abg. S ch a r z e r (Bahr. VP.) meint, wenn die neue Regierung mit dem Volke bessere Fühlung haben wolle als ihre Vorgängerin, bann sollte sie die sozialjwli- tischen Härten der Notverordnuaen beseitigen.
Die sozialpolitische Aussprache wird darauf abgebrochen. Ohne Debatte werden die Amnestie-Antrage dem Rechtsausschutz überwiesen.
Nach !^8 Uhr vertagt sich der Reichstag auf Freitag, den 9. Dezember, 11 Uhr. Aus der Tagesordnung stehen die dritten Beratungen der am Mittwoch verhandelten Entwürfe und Anträge.
Hermann Hesse $
Der Heimtücker
und bet Christian sagte: „So, für das braucht der Lump sei
Um diese Zeit trat beim Dreher K-nsterer ein neuer Geselle ein, und weil der Dreher öfter Holzrollen und Modellteile lieferte, lernten wir den Gesellen auch bald kennen. Da sagte er einmal zu mir:
,Du, seit wann habt ihr denn den Kerl da, den Zbinden?"
„Seit April", sagte ich.
„So, so. Da habt ihr aber einen Schönen et» wischt."
„So, warum denn?"
„Ein Verhältnis hat er gehabt mit der Frau vom Werksührer, und erwischt haben sie ihn, und rausgeschmissen Haden sie ihn. Mit einer verheirateten Frau!"
Ich war damals noch unschuldig und hatte nicht gewußt, daß solche Sachen passieren können. Ich glaubte es auch nicht beim erstenmal und erzählte die dumme Geschichte nicht weiter. Ein Lehrling muß das Maul halten können. Wer bald wußten es auch die andern. Und der Christian fchotz natürlich gleich los damit.
Eines Morgens, bet MeRer war gerade nicht da, traf et mit Zbinden am Schleifstein zusammen.
^DreUtahl Weifen?" fragt« du Christian und
s»l<he. .
Meinem Freund Christian war der Zbinden vom ersten Tag an ein Dorn im Auge.
„Sag' was du willst", sagte er zu nur, ^„bet Fremde ist ein Duckmäuser, ich kenne die Sorte, yemt nur, daß er es gegen uns mit dem Alten hält. Und wenn er Mittwoch zu den Pietisten in tne Stunde läuft, so soll'g mich nicht wundern."
Das stimmte nun und stimmte auch nicht. Wenig» ftens ging der Nene nicht' zu de» Pietisten. Am ersten Wend wurde er, wie es der Brauch ist, von uns ein« geladen und ging auch mit in den Schwanen. Wer um halb zehn Uhr stand er auf, ä«blte feine zwei Glas Hanauer und ging beim. Der Christian, als et um elf Uhr ins Bett ging, sich üm gerade «och ein Buch weglegen, in dem -r gelesen hatte.
.Die, die nachts so lesen, sagte Christian. „und bann das Buch verstecken, »renn man kommt, da» find mir gerade die Recht«," —
Ich war damals zwischen sechzehn und siebzehn Jahre alt. Ms ich mit meinem ersten Lehrjahr in der mechanischen Werkstätte fertig war, trat ein neuer Ge- felle bei uns ein. Er war auf der Wanderschaft und nahm, obwohl es im schönsten Frühling war, die Arbeit, die unser Meister ihm bot, willig an.
Als er mit dem Handwerksgruß hereintrat, fiel uns gleich seine Haltung auf. sie gefiel uns nicht. Die Schlosser und gar die Maschinenbauer »etleug- neten damals auf Wanderschaft selten den Stolz ihrer Zunft; sie zeigten gern im Auftreten etwas Schneidiges, auch Schnoddriges, wußten auch zu reden und sich hinzustellen. Dieser aber kam herein wie ein armer Sünder, sagte kein Wort als den alten Hand- werksgruß .fremder Schlosser spricht um Arbeit zu,,, und blickte nur den Meister an, ohne uns Kollegen auch nur zuzunicken. Und als er eingestellt wurde, ging er gleich in der ersten Viertelstunde ins Geschirr, noch ehe ihm ein Imbiß angeboten worden war. Wie gesagt, er gefiel uns nicht.
Er hieß Zbinden und stammte, glaube ich, aus dem Solothrrrnischen, kam aber nicht von dort, er war schon lange Zeit im Reich auf Arbeit. Jetzt kam et von Frankfurt her und war vier Wochen unterwegs, hatte aber noch einen zweiten Anzug und sogar Bar» gelb. Sein Arbeit-- unb Wanderbüchlein wat tadellos in Ordnung, er hatte sogar noch ein Zeugnis von bet Lehrlingsprüfung. Wie alt er war, konnte man ihm schwer ansehen. Ich schätzte etwa fiebenund- zwanzig, wenn er auch älter aussah. Er hatte nämlich, wie man bas bei Querköpfen manchmal sieht, junge Gebärden unb ein altes Gesicht. Es gibt ja
Ich begriff ihn gar nicht. Er war Geselle und ich bet Lehrbub. Et hätte mich ruhig hauen dürfen, kein Hahn hätte danach gekräht. Wer so wunderlich ist er gewesen.
Am Abend las et immer. Zuerst ging er spazieren, und im Anfang dachten wir, er laufe zu einem Mädchen, aber et ging nur allein vor die Stabt hinaus, unb bann, wenn et wiederkam, fetzte er sich in der Kammer hin unb las. Der Meister wollte schimpfen, aber Zbinden zahlte das Erdöl selber. Zwei von feinen Büchern hatte der Eeiffert einmal gesehen, die waren von Tolstoi. Der Seiffett erzählte es uns, und bet Christian sagte: „So, so, vom Tolstoi? Also für das braucht der Lump fein Geld."
Dennoch wollte der Christian jetzt diese Bücher auch selber schen, aber sie wurde» immer eingeschlossen. Nur bas Reue Testament lag manchmal da.
.Dar schließt er nicht etn", sagte bet Christian. Jbes legt er natürlich offen hin, bet scheinheilige $tu»
Da war es an einem heißen Wend, daß bet Fremde spaziere» ging unb hatte vergessen, seinen Koffer abzuschließen. Der Christian ging wieder in seine Kammer und stöberte; da fand et alles offen und machte sich drüber her. Außer den Büchern von Tolstoi kamen noch eine Gedichtsammlung und eine Schreibmappe zum Vorschein, ferner ein Buch „Der Weg zur Erkenntnis", oder: „Licht aus dem Osten". In oent Gedichtbuch stand auf dem ersten Blatt ein Vers geschrieben und darunter: „Zur Erinnerung an unsere Herbstabende. Mathilde." In der Mappe waren ein paar Briefe, auch mit Mathilde unterschrieben, und eine Photographie dieser Frau, bie sehr fein aussah, aber nicht mehr ganz jung. Ich sah bas Bild später bann selbst. Der Christian schaute sich alles gut an, dann nahm er einen Bleistift, machte ihn naß und schrieb etwas Unanständiges auf die Rückseite der Photographie.
Am andern Tag konnte er es nicht lassen, ben Zbinden mit seiner Entdeckung aufzuziehen. „Du", sagte er ihm, „das sind sicher recht schöne Herbstabende gewesen, mit der Mathilde?"
Da hatte ihn der andere schon an bet Gurgel.
„Satan du!" schrie er laut, unb wir glaubten, et wolle ihn umbringen. Aber bann ließ er ihn plötzlich los unb sagte nur: „Das war bei» letztes wüstes Wort, Christian. Wenn ich noch so eins von bir höre, bist du kaputt." Und stieß ihn weg. Wenn er ihn nur geprügelt hätte! Aber nein, er schluckte immer alle $ßut in sich hinein.
Abends ging bann bie Wüstenei vollends los. Ser Zbinden fetzte sich, ganz gegen, alle Gewohnheit, in eine Wirtschaft und trank. Dann kam er spät heim, die andern lagen alle schon im Bett. Wahrscheinlich hat er da noch seinen Koffer aufgemacht und das Bild angesehen und Christtans Zote darauf entdeckt.
Gleich darauf kam et in die Kammer gestürmt, wo neben Seiffett der Christian lag. Er war noch wach, und als der Fremde so wütend aus fein Bett los- stürmte, zog er sich schnell die Decke über den Kopf. Der Zbinden hatte ein starkes Stänglein Schmiedeersen in Händen, mit dem schlug er zweimal aus aller Kraft auf den Versteckten los. Dann schrie er so laut auf, daß der Seiftert davon aufwachte, unb lief davon, zur Kammer und zum Haus hinaus.
Jetzt kam alles auf bie Beine. Der Christian, wie sich zeigte, war ohne Besinnung, et hatte aber bloß ein Schlüsselbein zerbrochen. Rack vierzehn Tagen lief er schon wieber herum. Aber ben Zbinden fand man erst nach zwei Tagen, im Hintern Stadtwald. Dott saß er, wie wenn er müde wäre, int Gebüsch auf dem Moosboden, aber et atmete nicht mehr. Er hatte sich beide Pulsader» ausgeschnitten.
Von da an ging meine Freundschaft mit Christian immer mehr auseinander, unb er ging auch bald auf
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„Nein, bloß ben Meißel da", sagte bet Zbinden. Da lachte bet Christian noch lauter, so daß mir nun alle zuhörten, und fragte: „Du, Zbinden, ist sie recht schön g«west, die Frau vom Werkführer?"
Der andere fuhr zusammen. Dann fragte et: „33on was redest bu?j<
„Tu nicht so", lachte bet Christian, „man kennt belne Streiche schon. Aber hier haben wir keinen Wetkführet, bem bu die Frau verführen kannst."
Da hob der Zbinden seinen Arm auf unb sah aus, wie wenn et jetzt ben Christian augenblicklich niederschlagen würde, denn stark genug wat et dazu. Der Christian floh schnell zurück unb ließ ihn in Ruhe.
Nun wäre es gut gewesen, und vielleicht hätte mein Freund Christian genug gehabt und nie mehr so etwas zu ihm gesagt. Wer der Zbinden, der Teufel muß ihn geritten haben, tut wieder etwas ganz Unbegreifliches: er kommt mittags in der Eßzeir her und sagt ganz süß: „Es tut mir leid, Christian, daß ich dich erschreckt habe. Sei so gut und rede nichts mehr von diesen Sachen, sonst gibt es noch ein Unglück."
Für den Augenblick sagte der Christian vor Erstaunen gar nichts. Er sah aber natürlich den Gesellen jetzt nur noch ganz verächtlich an. So oft er konnte, machte er Witze über ihn, unb wir lachten bann alle mit, während Zbinde» an seinem Schraubstock stehen blieb unb bloß auf die Zähne biß, weil er ja alles hören konnte. Nur einmal wartete er am Feierabend vor der Werkstatt auf mich und sagte bann zu mit: „Es wäre besser, bu würbest nicht auch mit» lachen, wenn der Christian so wüst redet! Du weißt ja nicht, was bu tust, und bu weißt auch nicht, wie es mir tut. Weißt bu, ber Christian ist selber kein guter Mensch, unb was bet höhnt und witzelt, bas spür ich nicht. Aber bu bist noch nicht verdorben, unb du bist auch noch Lehrbub, von dir hör' ich's nicht
Auch ich war seiner Meinung. Zu was soll bie Leserei nachts noch gut sein? Die Mechanikerzeitung konnte et beim Vesper unb über Mittag in der Werk, statt lesen.
Beim Schmieden stand er einmal dem Christian ungeschickt im Weg.
„Mach' Platz, du Heimtücker", rief Christian ihm zu.
„Ich stehe gut, stell' bu dich anders , sagte bet Zbinden.
Der Christian wurde gleich wild, .^zetzt gehst weg , schrie er, „oder bu tnegft den Hammer auf den Schädel."
Da wurde der Zbinden blaß unb ging weg. Als bann ausgefchmiedet war, ging er zu Christian hin unb sagte: „Du, bas hättest du nicht sagen sollen. Nimm's zurück." v _
„Einen Dreck nehm' ich zurück^, lachte bet Christian.
„Nimm's zurück! Es könnte bir leib tun.
Jetzt würbe mein guter Freund aber zornig.
„ßeib tun?“ schrie et ihn an. ,Du Hinietrückser, bu Schleichet, wenn's bir Bei uns nicht gefällt, kannst ja gehen er hält dich teiltet."
Bon da an wat bet Schweizer womöglich noch stiller als schon zuvor, unb wir mochten ihn alle nicht leiben.