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Dienstag, 6. Dezember 1932

Kasseler Treueste Ttadtriefen

Seite S

Kongreß -er lahmen „Enten"

Oie Sorgen -es amerikanischeir Volkes

Am 5- Dezember trat tn Washington der amerikanische Kongreh zu seiner Wtntersession l zusammen.

Dunkles Gewölk beschattet das Kapitol. Zn schwe­rer Krisenzeit treten die Herren Abgeordneten und Senatoren zur Wintersession zusammen. Es ist noch dos alte Parlament, das zum letzten Male eine Schau­stellung gibt. Nichl weniger als 104 „lahme Ente n“ — Abgeordnete, die bei Len letzten Wahlen nicht wiedergewählt wurden — belasten das hohe Haus. Und immer noch schaltet und waltet Herbert Hoover, der durchgefallene Präsident. Sein Nachfol­ger Roosevelt wird erst am 4. März 1933 die Amts- geschäfte übernehmen. Bis dahin muh der Kongreh ganze Arbeit geleistet haben.

Der amerikanische Kongreh setzt sich aus zwei Häu­sern zusammen: Abgeordnetenhaus und Senat. Im Abgeordnetenhaus (Repräsentantenhaus) ver­fügen die Demokraten schon setzt zur Hoo­ver z e i t über die a b s o l u t e Mehrheit. Anders liegen die Verhältnisse im Senat. Aber auch da wird sich der demokratische Einfluh jetzt stärker als zu­vor geltend machen. Was auch immer geschieht: die Demokraten übernehmen von jetzt an die Verantwor­tung für die amerikanische Gesetzgebungsmaschine. Roosevelt trägt offiziell noch keinerlei Verantwortung. Hinter den Kulissen aber macht sich sein Einfluh stcht- barlich bemerkbar.

Mahnahmen das Defizit beseitigen wird. Ohne einen geordneten Staatshaushalt kann aber nun einmal ein moderner Staat nicht existieren.

„Keine Propaganda"

Keine Weiterlettuog der alliierten Schulden­noten an den Kongreh?

Washington, 6. Dezember.

Pon hoher Regierungsseite verlautet, dah die alliierten Regierungen keinerlei Aussichten auf wohl­wollende Behandlung ihrer zweiten Serie von Schul­dennoten haben dürften. Auch innerhalb des republi­kanischen Kabinetts werden diese Noten als völlig ungeeignet zur Förderung der Angelegenheit be­zeichnet, und es ist zweifelhaft, ob mehr als eine rein formelle Empfangsbestätigung darauf erfolgen wird.

Im Weihen Haus sieht man keine Möglichkeit, diese Noten Englands und Frankreichs mit der Bitte um weitere Behandlung vorzulegen, da sie nach hiesiger Auffassung unrichtige Feststellungen, Entstellungen und reine Propaganda enthalten. Im Weihen Hause wird besonders kritisiert, dah beide Noten kein einziges Wort über eine Herabsetzung der Rüstungen enthielten. Ton und Inhalt der beiden Noten seien derart, dah Hoover sich ernsthaft überlege, ob er irgend­wie darauf reagieren solle.

Bannmeile um das Capitol

Die Hungerdemonsiranten in Washington

Washington, 6. Dezember.

Den umfassenden Vorbereitungen der Polizei ist die schwere Ausgabe gelungen, die aus zwei Himmels­richtungen auf Washington zukommenden Karawanen von Arbeitslosen, notleidenden Farmern und Kommu­nisten in Lastwagen und Prieatautos ohne größere Störungen in ein Konzentrationslager am Außenrande der Stadt zu bringen, wo sie ein starkes Polizeiaufgebot Tag uich Nacht bewacht und durck weitgehende Absperrungen jeglich« Berührung mit dem Publikum verhindert wird. Die Demonstranten dürfen Dienstag einzeln in die Stadt hinein, jedoch sind Umzüge verboten und um das Eapitol ist eine Bannmeile gezogen, die von Sondertrupps aus Poli­zisten und Feuerwehrleuten abgesperrt wird.

Oer Kampf um die Prohibition

Washington. 6. Dezember.

Das Repräsentantenhaus lehnte die Re­solution, durch die der 18. Bersassungszusatz wieder, aufgehoben werden sollte, ab. 272 stimmten für den Widerruf des Zusatzes, 144 dagegen, so dah die erfor­derliche Zweidrittelmehrheit nicht er­reicht wurde.

*

Washington, 6. Dezember- Das demokratische Mit­glied des Repräsentantenhauses O'Eonnor brachte eine Vorlage ein, durch die der Verkauf von 3,2 p r o - zentigen Bieres gestattet werden soll.

Drei Hauptpunkte stehen auf dem Programm des amerikanischen Kongresses: Prohibition, inter­alliierte Schulden und Budgetsanierung. Die größte Sensation versprechen sich die Amerikaner selbstver­ständlich von den Prohibitionsdebatten. Man hofft, schon jetzt die Dolstead-Akte soweit .berichtigen" zu können, dah die „Raffen" triumphieren dürfen. Vor­aussichtlich wird aber die trockene Minderheit Les Kongreffes unter Führung des Senators Dorah sehr scharf vom Leder ziehen-

Punkt Zwei: Die europäischen Schul­den... Wie die Amerikaner über einen Schulden­nachlaß an Europa denken, weih inzwischen alle Welt. Hoover mag noch ein gewisses Verständnis für die schwierige Lage der europäischen Schuldnerländer auf- zubringen. Der Kongreh aber kennt keinerlei inter­nationale Rücksicht. Gelegentlich der Schuldendebatte im Kongreß wird der Europäer also vermutlich aller­lei zu hören bekommen. Aber auch Deutschland hat ein Interesse daran, daß sich die Parlamentsdebatten über die Schuldenregelung nicht int Sande verlaufen. Amerika braucht die fällige europäische Schuldenrate sehr notwendig für den Budget aus gleich. An Kriegsschuldenzahlungen werden am 15. Dezember 269 Millionen Dollars fällig — ein Betrag, der wenigstens zum Teil das Loch im amerikanischen Staatshaushalt stopfen sollte.

Der Bundesetat weist — und damit kommen wir auf den dritten ProgrammpuE — in diesem Jahre ein Defizit von 709 Millionen Dollars auf. Der Kongreh soll darüber entscheiden, wie man dieses b e - drohltche Defizit am zweckmäßigstei beseitigen kann. Reue Steuerguellen müssen unter allen Um­ständen erschlossen werden. Nebenher geht der Abbau des staatlichen Verwaltungsapparats. Unter dem republikanischen Regime war eine starke Aufblähung des Verwaltungsapparates eingetreten. Jetzt müssen die Hooverschen Errungenschaften rücksichtslos wieder abgebaut werden. Neue Steuern, weniger Beamte — davon verspricht sich die amerikanische 'Regierung we­nigstens eine gewisse Entlastung. Vielleicht werden aber auch vom Kongreß noch annehmbare Derbeffe- rungsvorschläge gemacht.

Der kommende Präsident Roosevelt gilt als ein „Beschützer des kleinen Mannes". Möglich, daß daher schon der sterbende Kongreß sich den dringlichen Lohnfragen zuwendet. Die Amerikaner gewin­nen eine immer größere Sympathie für die Fünftage­woche bei ungekürzten Löhnen. Sicherlich wird man im Kongreß auch über die Währungspolitik sehr ein­gehend debattieren.

Der Speisezettel für den amerikanischen Kongreh sieht also sehr bunt und reichhaltig aus. Rätselhaft bleibt es noch immer, wie man mit den geplanten

Oer Heerwurm iauchi wieder auf

Neuerdings wird an verschiedenen Stellen des Har­zes und des Kufftzäusergebrrges wieder der Heerwnrm beobachtet, ^-ein letztes authentisches Austreten war ml Juli vorigen Jahres, wo ein „Wurm" von 1% Meter und einer von V». Meter Länge bei Sanger­hausen gesehen wurden.

Es ist noch nicht lange her* daß das Phänomen des „Heerwurms" von den Zoologen aufgeklärt wurde. Die älteren Forscher sahen in dem zoologischen Unikum meist eine Schlangenart. So wurde um 1576 ein solches 12 Fuß langes Ungetüm bei der Ruine Harzburg „von zwei Holzhackern erschlagen und an einem Baum aufgehängt." Ebenso berichten Eckstorm um 1600 in seiner Walkenrieder Chronik und Zeil- lerus um 1650 in seinen Episteln 92, das einstmals zwei Holzhauer aus Niedersachswerfen einen solchen Haselwurm von 12 Fuß Länge „und am Maul wie ein Hecht gestaltet" gefunden hätten. Eckstorm insbe­sondere erwähnt noch einen anderen 18 Fuß langen Heerwurm, den man am Spitzenberge bei Hohegeiß gesichtet. Es ist derselbe, den Ritter 1740 noch aus­führlicher erwähnt, wenn er von dem Haselwurm am Spitzenberge bei Zorge spricht, der 18 Fuß lang ge­wesen sei und so dick wie ein Mannesschenkel, „mit einem katzenartigen Kopfe, mit Füßen am Bauche und von grünlicher und weißlicher Farbe". Und als die Stolberger 1605 nach Hayn zogen, um nach fremdem Biere zu spüren, sahen sie eine Menge Würmer von zirka 30 Zentimeter Länge über den Weg kriechen. Der Zug sei 2% Ellen lang gewesen, vorn wie ein Kopf, in der Mitte drei Finger, in der Bauchgegend eine Spanne breit, der Schwanz drei Finger dick.

Erst auf dem Höhepunkt der Auftlärungszeit be­gegnet man Ansätzen von Widerlegungen und Ver­spottungen der alten Volksanschauung vom Heer- tourm. Bei Adelung wird die alte Mär in allen Stücken widerlegt und der Heerwurm geschildert als „eine Art kleinen sprenglichen Ungeziefers, wie Ma­den, mit schwarzen Köpfen, welche sich oft zwei Ellen lang aneinanderhängen und in dieser Gestalt als ein scheckiges starkes Seil auf den Heerstraßen ziehen: Die Heerraupe. Der Pöbel weissaget aus ihrer Erschei­nung Krieg und Kriegsgeschrei."

Zu beachten ist übrigens, daß das Auftreten die­ses kuriosen Jnsektengebildes auch noch in neuerer Zeit vorzugsweise an denselben Orten beobachtet wird; vor allem scheint Zorge im Südharz ein Ort gewesen zu sein, an dem der Heerwurm sich am häu­figsten gezeigt hat: so 1804, 1807, 1828 und 1846 Während in der älteren Auflage von „Brehms Tier leben" die Art noch unzutreffend gekennzeichnet ist, bat H. Hoffmann auf den Untersuchungen des Göt­tinger Prof. Berthold fußend im Heerwurm die zu­sammengeballten Larven einer Harzer Mückenart, der schwarzen Trauermücke (Sciara militaris) erkannt.

Der ^Gistkoch" von pariwih

Görlitz, 6. Dezember.

Vor dem Görlitzer Schwurgericht begann unter starkem Andrang des Publikums der mit Spannung erwartete Prozeß gegen den wegen fünffachen Gift­mordes angeklagten Schuhmacher Eduard Inst aus Klein-Partwitz (Kreis Hoyerswerda).

Nach der Anklageschrift hat Just, den die Bevölke­rung im Kreise Hoyerswerda den „Giftkoch" nennt, seinen Schwiegervater Türke und seinen Schwager Groba, deffen Frau und Kind vergiftet, um in den Besitz der kleinen Erbschaft zu kommen. Weiter hat er nach der Anklaae seine im vergangenen Jahr ge­storbene zweite Ehefrau zum Zwecke des Versiche­rungsbetruges ebenfalls vergiftet. In der Vorunter­suchung hatte Just bereits die Morde an der Fami­lie Groba und an seiner zweiten Frau zugegeben.

Zu Beginn der Verhandlung widerrief Just zur allgemeinen Ueberraschung seine Geständnisse und be­hauptete plötzlich, daß sein Schwager Groba und seine zweite Frau Selbstmord begangen hätten. Bisher habe er hierüber im Interesse der Toten geschwiegen. Als er zur Beteuerung seiner Unschuld in theatrali­scher Weise die Hand zum Schwur erhob und Gott als Zeugen anrief, wurde er vom Vorsitzenden ener­gisch zurechtgewiesen.

Devisenschieber ertappt

Duisburg, 6. Dezember.

Die Kriminalpolizei ist einem neuen Devisen­schmuggel auf die Spur gekommen, wobei es sich um Schiebungen von über 200 000 Mark handelt. In dem D-Zug 107 wurde nach der Abfahrt von Cleve bei einer Leibesvisitation bei einem Fahrgast ein Paket gefunden, das 10 000 Mark enthielt. Außerdem fand man Abrechnungen einer Duisburger und einer hol­ländischen Bank in Höhe von 200 000 Mark. Der Täter, ein Duisburger Kaufmann, konnte nicht ver­haftet werden, da der Zug inzwischen holländisches Gebiet erreicht hatte.

Haifisch bei Jever gefangen. Ein Fischer aus 2ever konnte einen Haifisch mit dem stattlichen Ee. wicht von annähernd 300 Pfund und einer Länge von etwa 3 Metern in den Hafen bringen. Das Unge­heuer bei bei Ebbe auf eine Sandbank geraten und ohne Wasser sehr bald ermattet. Nachdem es von dem Fischer einige Zeit als Sehenswürdigkeit gezeigt worden war, hat nunmehr das Mariengymnasium in Jever den Haifisch für seine Sammlungen angekauft und das Skelett präparieren lassen.

Oie Entthronung Europas

Der alte Erdteil, der durch Jahrhunderte die Ge­schichte der Menschheit bestimmt hat, liegt m Ohn­macht und wird in ihr erhalten, weil die Franzosen, ein Volk von nur noch 36 Millionen glauben, aus Gründen der Sicherheit einer Wiederherstellung des Gleichgewichts widerstreben zu müssen. Die Macht­haber schließen die Augen vor den gewandelten Ver­hältnissen in den außereuropäischen Ländern. Sie ho­hen sich noch immer nicht daran gewöhnt, daß über 100 Millionen Nordamerikaner und 80 Millionen Ja­paner ihre weltgeschichtlichen Wege gehen, ohne son­derliche Rücksicht auf die zersplitterten Kräfte eines Erdteils zu nehmen, der noch in dem alten Glauben lebt, die alleinherechtigte Vormachtstellung gegenüber aller Welt einzunehmen, aber durch eigene Fehler alte Ansprüche mehr und mehr verwirkt. Wie Dr. Arthur Dix im Dezemberheft von Velhagen u. Kin­sings Monatsheften schreiht, hat Europas Ansehen durch den letzten Weltkrieg und seine Methoden wie seine Auswirkungen schwere Einbuße in der fremden Welt erlitten. Ein neuer Krieg mit seinen Menschen­opfern und Geburtenausfällen würde unausweichlich für die Zukunft einen starken Rückgang des Volks­tums in den hetroffenen Ländern nach sich ziehen und noch mehr als der hinter uns liegende zum Vorteil außereuropäischer Länder und Völker wirken.

Die europäische Selbsterhaltung hängt ab von einer neue Kriegsgefahren nach Möglichkeit aus- schalteuden Neuordnung, die eine innere Wieder- erstarkung ermöglicht und keine wertvollen Teile zum Verkümmern verurteilt.

Freilich wird selbst im günstigsten Falle der alte Platz an der Sonne für unseren ErdteU auf absehbare Zeit nicht wieder zu erringen sein, nachdem einmal das Zeitalter der ausgesprochenen europäischen Vormacht­stellung in aller Welt abgelöst worden ist durch das globale Zeitalter gleichberechtigter Mächte mit dem Sitz in den drei Erdteilen nördlichgemäßigter Zone.

Sei sparsam.

Der Mann mit der großen Familie und dem kleinen Auto.

^”“®er Bücherfreund.

„Sehen Sie, oas ist meine Bibliothek! Alles nach Gebieten geordnet I Dort oben die Klassiker. In der zweiten Reihe ausländische Schriftsteller. Hier in der Mitte philosophische und naturwissenschaftliche Werks.

vierten Fach politische und volkswirtschaftliche Schriften. Hnb dort, ganz unten, die Bücher zum Lesen!" (Notenkraker)

Die Neuvermählten.

„Geliebte, ich bin so glücklich, daß ich die ganze Welt umatmen könnte!"

»Aber Wolfgang, Du mußt jetzt wirklich versuchen Deine Jungge^ellengewohnheiten allmählich abzu- legen!" (Hjemmet)

Die heutige Nummer umfaßt 14 Seite»

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Serantroottlt» fflr 6en volttiichev teil: Dr. ©alter de b » t: kür daS Feuilleton: Verma» M Bon au: tut den lokalen Teil: Dr. SanS Joach'm GUser: HU den Seimaneil: A » » vl» ® I ä t e r: für Handel: ■pr. © a_ nä La »Lenders: für den Soorttetl: Her­bert Lv eich: Pholo-Redaklenr Eduard Lchul» «eitel: tür «nzeigenteil: Konrad Wachsman», berliner D»riHl«mn§- Dr Walter L dum «er- n "a ~ Druck und Verlag: Staffelei -Jleuefte Anchrtchte» G m. b. H Raffel «ölnilche Strafte ttt

3. Reihenkonzert der Staatlichen Kapelle

Händel-Experiment und Schubert-Triumph. Solist: Elly Ney-Bonn.

Äaffei, 6. Dezember.

Der historisch-architektonische Zug in dem Aufbau der Vortragsfolge, wie ihn Dr. Langs gern bevor­zugt, war auch hier unverkennbar, zumal er sich auch ut dem geistigen und seelischen Aufschwung des Gan­zen eindringlich ausprägte. Da sollte vor dem lichten abgeklärten Klasstzismus Beethovens und der genia­len Fülle Schubenscher romantischer Gesichte als feierlicher Eingang krafwolles imposantes Barock von Händels Meisterhand stehen. Um diesem alten Hän­del eine besondere Ehre zu erweisen, wollte man ihn stilistisch-getreu ganz ohne die plötzlich verpönten crescendo und diminuendo und die angeblich roinan- ttsche t t t dynamische Farbigkeit in seiner ada- milischen Unschuld den Hörern des 20. Jahrhunderts vorstellen. Nur schade, daß sich über biefen heiklen Punkt die Gelehrten und die Musikforscher bis heute nicht so einig sind, wie man es uns glauben machen möchte, und daß ein so guter Kenner der Probleme tote Arnold Schering es sehr überheblich findet, wenn jemand schon heute apodiktisch behaupten will, wie die alte Musik aufgeführt.worden ist. (Das ist heute mehr eine Frage der Richtung als der Tatsachen!) Zudem ist ja em Konzert, für unser Erleben be­stimmt, teilte antiquarische oder musikphilogische, son­dern eine höchst lebendige Angelegenheit, die wie alles dem Zeitgefühl unterworfen ist. Außerdem zeigte die Aufführung des Concerts grosso A-Dur deutlich genug, daß sich der Drang nach Schattierun­gen in dem heutigen Spieler nicht völlig unterdrücken laßt und daß ein Zuwenig in dieser Hinsicht die ®e= fchlossenheit des Eindrucks beeinträchtigt, weil dabei die Klangstusen ober -flächen öfter bedenklich ausein­ander zu fallen drohen. Aber Händel hat ja auch da in dem dramatischen Wechsel von Tutti und Con­certino, das hier von Konzertmeister Rolph Schroe- der und den Kammermusikern Feind und Berckmann sehr Präzis und klangfein gespielt wurde, dafür ge­sorgt, daß ihm solche Experimente der neuen-alten Sachlichkeit wenig anhaben können. Problematisch blied nur noch bei der starken Besetzung des Streich­körpers der Zwei-Flügel-Continuo (statt Cembalo), hier von Lie Keßler-Lindemann und Lotte Brösel zuverlässig betreut, da er im Eesarntklange doch all­zusehr zurückrrat. Schließ'ich hatte auch das milstkan- tische Temperament von Dr Robert Langs, der in der Straffung des Rhychmifchen die dynamische Fessel

abzuschütteln versuchte, hatten auch die köstliche Frische und reiche Bewegtheit der musikalischen Erfindung und Gestaltung in dem interessanten Werke ihren An­teil, um ihm auch bei gehemmter Dynamik einen vol­len Erfolg zu sichern.

Umso pompöser aber stieg daneben die sinfonische Welt Franz Schuberts empor, der auch — was viele nicht wissen — wie Beethoven, Bruckner und Mahler mit seiner neunten Sinfonie vom Leben Abschied neh­men mußte. Da man die Unvollendete und eine ver­schollene (jtaftetner Sinfonie nicht mitzählte, so trägt seine letzte in C-Dur, seine reichste und schönste Be­kenntnisschöpfung, die Nummer 7. Seitdem Robert Schumann bei seiner stillen Pilgerfahrt zu Schuberts Grab dieses Kleinod wieder entdeckte und Mendels­sohn es vor der erstaunten Welt im Gewandhaus er­klingen ließ, wird es von allen Musikfreunden so Überfchwänglich geliebt, wie es sich selbst in feiner „himmlischen Länge" offenbart, trotzdem man die Sinfonie ja auch einmal für schwülstig und zu schwer in ihrer monsttösen Weite und Tiefe gehalten hat. Schumann hat schon recht, wenn er sagt: wer diese Sinfonie nicht kennt, kennt nur wenig von Schubert, und wer ihre unerhörte Fülle zergliedern will, der müsse schon die ganze Sinfonie abschreiben. Für die Farbigkeit und den Elan, den melodischen Schwung und die heldische Geste, das Tänzerische und Tragische, die Scherzo-Geheimnisse und das freie improvisato­rische Spiel der klanglichen Gliederung, vor allem für die festliche Pracht des Finales setzte Dr. Robert Laugs sich mit glänzender fester Energie und der gan­zen gewaltigen geistigen Spannung seiner empulsiven Persönlichkeit als siegreicher Bezwinger ein, zuweilen mit allzu ungezügelter Freude am brausenden Voll- klang, aber immer mit solcher inneren lodernden Dämonie, daß man bei ihrem Feuer und der großen zwingenden Linie nichts von Formlosigkeit mehr spü­ren konnte. Das danken wir aber auch zugleich der ausgezeichneten Tat der Staatlichen Kapelle, die hier durch ihre außerordentliche Leistung erst den Triumph vollendete.

Elly Ney, die Königin der rheinischen Pianisten, wie man sie genannt bat, die man zu den allerersten Klaviervirtuosen unserer Zeit rechnet, entfaltete als begeistert bewiff'ommter Gast und geistvoll-überlegene Interpretin von Beethovens poesievcrklärtem, sinfo­nisch-großzügigem G-Dur-Konzert den ganzen de­

strickenden Zauber ihrer lyrischen und temperament­vollen Natur mit den Kraftausbrüchen und der süßesten traumhaften Zärtlichkeit, mit all den wun­dervoll sensiblen, seelisch-beschwingten Klangreizen ihres schlech.hin vorbildlichen Vortrags. Da man sie überaus herzlich feierte, ließ sie sich zu einer Zu­gabe bewegen. Ob freilich Beethovens kapriziös nach­geformte deutsche Tänze mehr als ein hübsches Pan­sen-Intermezzo waren, darf man bezweifeln, so gern man sie auch sonst einmal wieder hörte.

Di;. Gustav Struck.

Eleonore Kalkowska: »Zeitungs-Notizen

Eine berliner Uraufführung.

Berlin, 6. Dezember.

Das Schillertheater, das sich in eine Neubearbei­tung der Possenprominenz „Robert und Bertram" geflüchtet hat, erinnert in einer Sonntags-„Matinee" daran daß es auch „literarischen" Ehrgeiz hat. Es erwarb sich mit der Darbietung von Eleonore Kal- kowskas „Zeitungsnotizen" schon allein darum ein Verdienst, weil Eleonore Kalkowska eine wirkliche Dichterin und Dramatikerin ist. Ihr Gegenwartsstück „Zeitungsnotizen" könnte als Reportage mißverstan­den werden: Reportage über die Selbstmorde in die­ser Zeit, Selbstmorde aus Rot, Liebeskummer, Not, Verlassenheit, Not, Arbeitslosigkeit, Not, Not, Not... Aber Frau Kalkowfta gräbt tiefer als der Reportage- der Chronikstil es vermag: sie zeigt das schlagende Herz des Menschen! Darum erschüttert sie so tief.

Was die aus dem Krankenhaus in ihr friedliches Heim genesende junge Frau mit neu erwachtem Mit­erleben und Vorstellungsvermögen voll Entsetzen bis zum lauten Hilfeschrei als „Zeitungsnotizen" liest: den Selbstmord des alten Portierehepaars, das mit 700 Bewerbungen keine neue Stelle findet, den Selbst­mord des jungen Künstlers, dem seine letzte Zuflucht, sein Klavier geraubt wird, den Selbstmord der jun­gen Sprachlehrerin, die sich nicht verkaufen tonn, den Selbstmord des Arbeitslosen, dessen Geliebte sich tötete, weil sie kein Kind aufziehen können, den Selbstmord des Liebespaares aus Krankheit und Verlassenheit . . . Kurzum jene furchtbare Chronik, die wir täglich lesen müssen. Eleonore Kalkowska zeigt jedesmal tn der Gestaltung der Menschen und Schick­sale auf das Deutlichste, wo der Augenblick gewesen wäre, in dem Hilfe Rettung gebracht hätte ... So ruft sie zur Güte auf: alle für alle. So erhebt sie sich schließlich in ihrer Bilderfolge über die Parteidoctrin ins Menschliche, inS Mütterliche. Ihre Aufrüttelung sollte nicht nur auf einer Sonntags-Matinee als Literarische" Veranstaltung einmal tote eine Talent-

Probe gezeigt werden, sondern überall, wo Not herrscht. Wo aber herrscht heute nicht in Deutschland

Das Schiller-Theater sorgte unter Heinz Dietrich Konters Verständnis- und taktvoller Regie für eine würdige Vermittlung des sprachlich wie gestalterisch reifen Werkes.

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Goethes „Faust" im Berliner Staatstheater. Unser berliner Theatermitarbeiter schreibt uns: Angesichts dieser „Faust"-Aufführung ist man versucht zu sagen: Wäre Ernst Legal doch geblieben! Man erinnert sich noch der Entrüstung, als Legal ith Frühjahr dieses Gvethejahres keine Goethe-Feier bereit hatte, Wegen feiner Säumigkeit gehen mußte, mit Recht gehen mußte. Die Optimisten hofften damals freilich auf einen würdigeren Nachfolger in der Intendantur. Stattdessen schaut Generalintendant Tietjen biswei­len einmal nur mit halbem Blick von der Oper ins Schauspielhaus: es lohnt ihm scheinbar nicht. Hätte er sonst diese Faustaufführung zulassen können? Er hat sie wahrscheinlich^ überhaupt nicht gesehen. Ernst Legal hätte wenigstens straffend, zusammenfassend, kritisch führend getotrtt. Jetzt zeichnet Lothar Müthel als Regisseur verantwortlich. Es war, als ob man die Ichülerarbeit eines werdenden Regisseurs, nicht mal fein Gesellenstück, sicher nur einen Anfängerversuch entgegenzunehmen hatte: hier und da ein Einsall, nirgends eine Zusammenfassung, geschweige denn eine geistige, eine künstlerische Bewältigung. Das Ganze ein beschämender Vorgang in der preußischen Haupt­stadt. in der größten deutschen Stadt! Nur der Re­gisseur hat das Recht, sich an Goethes „Faust" zu wagen, der von ihm wenigstens eine innere An­schauung hat. Lothar Müthel hat sie bestimmt nicht: weder die seelisch bestimmte noch die heroische, weder die dichterisch-schöpferische noch die menschlich-gött­liche, weder die volkhafte noch die ewige . . . Lothar Müthel sah einfach in Goethes „Faust" ein Schulge­dicht, das philologisch brav aufgesagt werden muß und höchstens noch jedem einzelnen Schauspieler Ge­legenheit verschafft, seine subjektive „Faust"-Auf- fassnng zu zeigen. Die Hauptrollen waren mit Wie­ner Krauß (Faust), Gründgens (Mephisto) und Käthe Gold (Gretchen) besetzt.

Hanns Martin Elster.

„Wenn ein Kluger und ein Dummer an der Ecke stehen und zusammen reden, wer geht bann zuerst sei­ner SBege?“

„®er Kluge!"

»Richtig — also leb wohl!" (Hjemmet)