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Jtr.284 ✓ Awelvndzwanzlgsier Jahrgang

Kasseler Feveff» Rachrichß«

Sonnabend, 3./Sonntag 4. Dezember 1932 ✓ 4 Beilage

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NACH­KRIEG

12 BILDER

DEUTSCHERNACH- KRIEGSGESCHICHTEi

VI RUHRKAMPF

NACHGEZEICHNET VON DR. W. PEHNT

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Zu der Nacht zum 11. Januar 1923 befiehlt General Degoutte, der Oberbefehlshaber der französischen Bejatzungsarmee im Rheinland, feinen Divisionen, die in fünfundneunzig Zügen während der letzten Tage r« das Aufmarschgebiet zwischen Düsseldorf und Duis­burg gebracht sind, den Vormarsch nach Nordosten. jDie Totenglocke über der deutschen Einheit" tönt, so jubelt es in Paris. „Gegen die Vergewaltigung des deutschen Volkes, deutschen Bodens und deutscher Wirtschaft, gegen diesen Bruch geschriebener Verträge und ungeschriebener, aber deshalb ebenso bindender Moral rufen wir das deutsche Volk und die Ge­wissen der Völker zum Widerstande auf." So klingt es aus Berlin zurück: Noch einmal treten sich die beiden Nationen, die Hauptträger des Weltkrieges gewesen find, zum Kampfe gegenüber. Mit Kampf­wagen, Kanonen und Maschinengewehren ziehen die einen aus, mit Streik und mit passivem Widerstand wehren die anderen den Angriff ab, halten fie mehr als ein halbes Jahr der Gewalt stand.

Fast auf den Tag genau ein Jahr war bei Beginn des Ruhrkrieges verflossen, seit Raymond Poincarö wieder die Geschicke Frankreichs in seine Hand genom­men hatte. Gewiß war es nicht so, daß der neue-alte Chef der französischen Politik nun auch neue Ziele setzte. LIemenceau, den die Niederlage bei der Präsi­dentenwahl 1920 zum politisch toten Mann gemacht hatte, sah im Versailler Vertrag stets ein Dokument der Unerfüllbarkeit, und er baute seine Zukunftspläne auf den Möglichkeiten auf, die Deutschland durch die Nichterfüllung dieser maßlosen Bestimmungen liefern sollte. PoincarL konnte und wollte an dieser Ziel­setzung nichts ändern; aber er verschärfte die Mittel, er schürte die Konfliktstimmung, und er trieb die Ent­wicklung schließlich weiter bis zum Kampf. Er wollte den Kampf, aber er suchte die Gewalt doch mit aller­hand Rechtstiteln zu tarnen. Hinter allen diesen Be­mühungen leuchtet aber deutlich genug das große poli­tische Ziel, das Frankreich in und nach Versailles er­strebte^ hervor. Das Ziel, das Lloyd George noch vor dem Ausbruch des Ruhrkrieges rund heraus so charak­terisierte: „Besetzung, Kontrolle, Annexion, all das bedeutet das gleiche, nämlich, daß das linke Rhein­ufer von Deutschland losgelöst und Frankreich einver­leibt werden soll." Darum ging es in der Tat, mochte man auch in Paris nach der Darstellung Jean Prevosts; des Geschichtsschreibers des nachkriegs- zeitlichen Frankreichs, schamhaft bald „von Sicherheit durch Schwächung des Feindes, bald von Pfandergrei­fung, um Zahlungen zu erhalten," sprechen.

Noch hoffte man damals in Paris, daß es gelingen werde, in das rheinische Volk das Gift der Zersetzung hineintragen und das alte Wort „Divide et impera" („Teile und herrsche!") erfolgreich anzuwenden. Noch gab man beim Einmarsch der Truppen in das Ruhr­gebiet Anweisungen, die im Grunde nichts anderes als Liebeswerbunaen um Sie deutschen Arbeiter dar­stellten. Daß diese Hoffnungen zerstört wurden, daß zum erstenmal seit dem Kriege eine Welle nationalen Widerstandswillens durch das deutsche Volk ging, ist das positive Ergebnis, das dieser Kampf des Jahres 1923 hinterließ.

*

Am zweiten Weihnachtsfeierlage 1922 unternimmt Poincare im Entschädigungsausschuß den entscheiden­den Vorstoß, um sich den rechtlichen Vorwand für die geplante Aktion zu verschaffen. Vergeblich hatte man in Berlin, wo seit November das Kabinett Cuno am Ruder war, versucht, den Lauf der Dinge aufzu­halten. Anfang Dezember hatte die Reichsregierung erklärt, sie werde die deutschen Zolleinnahmen dem Entschädigungsausschuß übergeben, wenn ihr ein mehr­jähriges Moratorium bewilligt werde, und am Jah­resschluß machte fie ein neues, weitgehendes Repa- rationsangebot. Aber da hatte Shylock seinen Schein schon in der Tasche, und Präsident Millerand don­nerte in seiner Neujahrsansprache wütend los gegen diejenigen, die an den Verträgen deuteln, „den Fol­gen ihrer Verfehlung" entgehen und sich den „gerech­ten Reparationen" entziehen wollten.

Denn das war der Beschluß, den der Entschadr- gungsausschuß am 26. Dezember auf Frankreichs Be- gefatzt hatte: Deutschland hat sich eine vor- Verfehlung zu Schulden kommen lassen; es hat i Kubikmeter Schnittholz und 130 000 Telegraphenstangen zu wenrg geliefert. Was nutzte es, daß von deutscher Sette auf die Schwierigkeiten, die gerade mit diesen lieferungen verknüpft waren, hingewiesen wurde. Was interessierte es die Franzosen, daß das Reich selbst kaum Waldungen besaß, daß zeitraubende Ver­handlungen nötig waren, daß die Preisfestsetzung bei der fortschreitenden Entwertung der Mark Muhe machte, daß man zu Nachlieferungen bereit war— wie konnte das alles an der Situation noch viel andern, nachdem sich Frankreich zur einseitigen Vertragsaus­legung und zum Handeln entschlossen hatte! Am 5. Januar beschließt der französische Ministerrat die große Aktion, und am 9. Januar ließ sich Poincare vorsichtiger Weise auch noch eine „Verfehlung" Deutsi^ lands in der Kohlenlieferung, die man glücklich noch entdeckt hatte, vom Entschädigungsausschuß bestätigen. Denn schließlich konnte das holzarme Ruhrgebiet, wie Wentzke mit bitterem Spott sagt, für die Belieferung von Schnittholz wirklich nicht als „produktives Pfand" angesprochen werden. Aber in Punkto Kohle war es ja wirklich höchst produktiv.

Die große Aktion — Poincare war auch jetzt, wo er seinem Hatz freien Lauf lassen konnte, immer noch Diplomat genug, um den militärischen Charakter des Vorstotzes wenigstens mit Worten zu verhüllen. Die Taten brachten es freilich schnell genug an den Tag, was hier vorging. Denn datz 40 000 Mann_— auf dem Höhepunkt des Kampfes betrug die Stärke der Jnvasionstruppen sogar das Doppelte — notwendig waren, um eine kleine „Abordnung von In­genieuren und Beamten" zu „schützen", mußte selbst dem Harmlosesten absurd erscheinen.

Der Vormarsch der Franzosen und Belgier, die auch diesmal ganz nach der französischen Pfeife tanzten, ging überall nach dem gleichen Schema vor sich, das Wentzcke so schildert: Die Truppen marschierten mit voller kriegsmäßiger Sicherung; starke Kavallerie­patrouillen und Flugzeuge eilten ihnen voraus, um die „Widerstandszentren" zu ermitteln. In weitem Bogen wurde die Stadt, die besetzt werden sollte, um­stellt. Dann drangen Tanks. Panzerautos und Kaval­lerie in das Innere der Stadt, während draußen an der Stadtgrenze starke Artilleriekräfte bereitgestellt waren. Die wichtigsten Derkehrsmiikelpuntte wurden besetzt, und eine große Demonstrationsfahrt der ge­samten Panzerwagen beschloß diese Aktion. Im Gro­ßen wurde dieses Schema, das am deutlichsten bei der „Eroberung" der Städte Essen und Dortmund zu er­kennen war, dann auch die Besetzung des Gesamtgebie- tes, die selbst über die in Versailles festgesetzte neu­trale, das heißt entmilitarisierte Zone hinausgriff, angewendet. Am 16. Januar konnte Herr Degoutte nach Paris melden, daß die Aktion im Wesentlichen beendet war. Insgesamt wurden 339 673 Hektar deut­schen Landes „erobert", und mehr als 3 Millionen deutscher Menschen waren der Willkür und der Gewalt der französischen Militärs^ ausgeliefert.

So gewissenhaft bei dem Vormarsch die Möglich­keit des attiven Widerstandes einkalkuliert war, im Grunde spukte in manchen ftanzöfischen Köpfen doch immer noch die Vorstellung, daß man bei der Ruhr­bevölkerung durch unterschiedliche Behandlung der verschiedenen sozialen Schichten Zwiettacht säen und für Frankreich hier und dort günstige Stimmungen erzeugen könnte. Dieser Traum zerrann jedoch sehr schnell! Zunächst hatte zwar in der Frage der Kohlen­lieferungen, die von den Franzosen gefordert wurden, eine gewisse Unsicherheit bestanden, well aus Berlin, das durch den Umfang der gegnerischen Aktion doch wohl ein wenig überrascht war, noch leine klaren Direktiven vorlagen. Als dann aber Ende Januar der Reichskommissar für Kohlenverteilung ein eindeu­tiges Lieferverbot erließ, und als weiterhin die ftanzöfischen Befehle an die Beamten von der Reichs­und den Länderregierungen als rechtsunwirkfam et« klärt waren, kam in die deutsche Abwehrbewegung Klarhett und Festigkeit.

Geboren aber war dieser Abwehrgedanke, der als passiver Wider st and" in die Geschichte ein- gegangen ist, aus der Rubrbevölkerung selbst. Die Verlegung des Rheinisch - Westfälischen Kohlensyndi- kats nach Hamburg und die Ueberführung der Kohlen­syndikats-Aktien und Registratur in ungefährdete Orte, zwei Maßnahmen, die noch kurz vor dem Ein­marsch der Franzofen durchgeführt wurden, dienten schon der Vorbereitung des Widerstandes, und als dann die Pariser Drohung Wirklichkeit geworden war, traten Arbeiter und Angestellte, Reichs-. Staats- und Kom­munalbeamte ebenso gut wie die Unternehmer in die Abwehrfront. „Trotz schwerer Zeiten und Stürme halten wir fest am Reich", bekannte ein Auftuf, der die Unterschrift von allen Gewerkschaften und An- gestelltenverbänden trug, und vor dem Mainzer Kriegsgericht, vor das sechs Führer des Bergbaus wegen ihrer Weigerung, den Befehl auf Koblen- lieferung zu befolgen, gestellt wurden, bekannte Fritz T h v s s e n: „Ich bin Deutscher. Als solcher bin ich verpflichtet, den Gesetzen meines Landes zu gehorcken. Nack der Auffassung meiner Regierung ist der Ein­marsch der französischen Truppen in das Ruhrgebiet nicht berechtigt. Ich will darum meinem Lande die Treue halten."

Fürs erste stand die deutsche Front an der Ruhr! Die Wut der Franzosen wuchs von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Wobin fie sich wendeten, fanden sie passiven Widerstand. Sie spürten, wie ihre Maßnah­men durchkreuzt wurden, wo es nur ging. In der Osternacht „brachten werktägige Helfer acht voll­beladene Züge von 100 bis 130 Achsen bei Friedrichs­felde über die Grenze". Der Betrieb her Telegraphen­ämter wurde im Geheimen fortgesetzt. Kabel wurden von mutigen Männern unten im Kanal --ersch^itttn, während oben auf der Sttaße ftanzöstsche Posten patrouillierten.

Wehe dem. der aber von den Franzosen bei biefeff Abm-Traktionen oef-oSsen mnrde1 sr.m März wurde einer dieser Kämpfer, A. L Scklogeter von den Franzosen erschossen. Er war und blich nicht der

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einzige, der im Ruhrkriege für sein Vaterland starb. Es kam zu blutigen Zusammenstößen. Maschinen- gewehrsalven wurden in demonstrierende .menschen- massen gejagt. Elf Tote und dreißig Verletzte blieben zurück, als es am Ostersonnabend vor den Krupp­werken zu Schießereien kam.

Und immer weiter geht der Kampf. Eine „Ordon­nanz" jagt die andere: Die Kohlensteuer, bl« Zolle werden beschlagnahmt. Die Ordonnanz 143 vollendet die Zollabschnürung des Ruhrgebietes; selbst der Personenverkehr nach dem Reich wird unterbun­den. Aber alle diese Maßnahmen brechen den Wider- stand nicht. Im ersten Monat der Ruhrbesetzung er­hält Frankreich nach ftanzöfischen Angaben nur 12 bts 15 000 Tonnen anstatt der 13000 000 Tonnen auf die es sonst rechnen konnte. Also wird man Zechen, also wird man vor allem die Bahnen in eigene Regre nehmen! Man tut es, aber auch hier find die Erfolge nur gering. Man löst die deutsche Polizei auf, aber auch damit ist noch nichts Entscheidendes gewonnen. Der Kampf geht weiter, hart auf hart, er zieht flch in den Sommer hinein, und^ immer noch ist kern Ende ^4ng"am steht in Deutschland die banM Frage auf: Wird man den Kampf durchhalte« könne«? Auf

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licher, daß der Ka

-der, aus der das Blut ständig herauslief, °h»etmß man es hindern konnte." Im Reich fehlten die Pro- butte, die ihm das westliche Wirtschaftszentrum gelie­fert hatte; die stärkere Hereinnahme von Auslands- Ware ttug zur Verschlechterung der Wahrung ber. Dre finanzielle Hilfe für das besetzte Gebiet stellte immer höhere Anforderungen. Der Jnslattonstaumel lentte von der nationalen Not im Westen ab. Innerpolltische Zwistigkeiten machten sich geltend, der „Kontakt zw - schen der Ruhr und dem freien Deutschland war mir mangelhaft." Und wie sah es tm «esetztm Gebiete selbst aus? Auch hier ließ die Widerstandskraft nach, die ungeheure seelische und materielle Anspannung machte sich geltend. Mitte Juli wurde es immer deut- licher, daß der Kampf zu Ende ging. Sollte er ohne jeden Erfolg bleiben? Vergeblich setzte man in.Berlin die diplomatische Maschine in Gang. Porncar^ Ant­worten ließen keinen Verständigungswillen erkennen.

Am 13. August war das Kabinett Cuno durch em Kabinett Stresemann abgelöst worden, dein nun die schwierige Aufgabe der Liquidation des Ruhr­kampfes zufiel. Am 2 6. September wurde der Kampf von Deutschland abgebrochen.

Das unmittelbare Kampfziel, die Befreiung des Gebietes, das am IL Januar besetzt war, war nicht erreicht. Bajonette und Maschinengewehre erwiese«

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Hundertprozentige Abrüstung, aber nur in Monaco

Das Fürstentum Monaco hat seine 250 Mann,starke Armee aus /Ersparnisgründen aufge- M, da die Cinnaihmen des SpüEtvfinos erheblich zuruckgoMmgeu sind.

Hilfe von außen darf das Reick nicht rechnen. Die Amerikaner habe» bei Beginn des -^nbrmnmarsches ihre Besatzungstruppen zurückgezogen. Das ist zwar eine schöne moralische Geste, in der Praxis wirkt sich aber dieser Abzug eher ungünstig aus, weil nun die Franzosen und ihre Helfeshelfer noch ungestörter und unbeobachteter wirken können. England steht dem alten Bundesgenossen aus dem Kriege m wohlwollen­der Neutralität gegenüber. Es bleibt also nur der Sffipell an die eigene Kraft. Aber wird diese Kraft ausreichen, um den Ruhrkrieg siegreich zu beenden?

Am 9. Januar 1932 wird der Dollar mit 10 000 Mark notiert, am 9. Mai ist er schon auf 84 000, Ende Juli auf 760 000 und am 9. August auf 4,86 Millionen geklettert...

Dieser rapide Sturz der Mark kennzeichnet eine entscheidende Schwäche der deutschen Stellung. „Das Ruhrgebiet war für das unbesetzte Deutschland", wie es Spethmann formuliert hat, „eine geöffnete Schlag-

fich stärker als die Mittel des passiven Widerstandes. Aber trotz aller Schwierigkeiten und ttotz aller Uner­freulichkeiten der nächsten Zeit, erreicht wurde doch das eine: Es wurde dem Gegner deutlich gemacht, „daß militärische Okkupation nicht der Weg ist, aus der Wirtschaft Deutschlands seinen Tribut zu erhal­ten", und es wurde, mochte auch das separatistische und manches andere Nachspiel diesen Eindruck noch einmal trüben der Welt die Erkenntnis beigebracht, dstz Rühr und Rhein zu Deutschland, alleni zu Deutsch­land gehören.

Unser Bild:

Berliner Protestkundgebung gegen die Ruhrbesetzung

*) Literatur: Die Grundlage für dielen Artikel lieferte vor allem Paul Wentzcke „Ruhrkamvtt (2 Bände). — Da­neben sind zu nennen: Hans Spethmann „Zwölf Jahre Ruhrbergbau", Bd. 3 und 4, Strefemanns Vermächtnis Bd. I, ff. Grimm „Frankreich am Rhein", W Beumelburg „Deutschland in Ketten" und Ivan Prevost „Geschichte Frankreichs seit dem Kriege".

Vgl. K. 91.92. Nr. 231, 235. 243. 249. 255, 261, 270.

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