22. Jahrgang
Sonnabend- Sonntag, 3./.4 Dezember 1932
Nummer 784*
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Kasseler Neueste Nachrichten
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Schleicher bei der Kabinettsbildung
Beschleunigung der Verhandlungen / Heute schon konstituierende Sitzung / Regierungserklärung erst nach Weihnachten?
Staat und Arbeitsbeschaffung ^RichtSchwert,sondernOelzweig!
Von unserer Berliner Schriftleitung.
th. Berlin, 3. Dezember.
Der Reichswehrminister von Schleichet hat auf Grund des gestern empfangenen Auftrages zur Kabinettsneubildung am Nachmittag die Besprechungen mit denjenigen Persönlichkeiten augenommeu, die er für sein neues Kabinett in Betracht zieht. Die Mehrzahl der bisherigen Reichsminister wird im Amte bleiben; und lediglich über die sogenannten wirtschaftliche« Ressorts, das Wirtschafts-, Ernährungs- und Arbeitsministerium, sind gestern nachmittag noch eingehende Besprechungen geführt worden.
Der Reichswehrminister hat insbesondere über die "Frage der Neubesetzung des Arbeitsministeriums eine Konferenz mit den Vertretern der Gewerkschaften und des DHV., Leipart, Otte uns Habermann, geführt. Diese kommen aber nicht als Minister in Betracht, sondern sind von Schleicher nur um ihre Meinung zur Kabinettsbildung gefragt worden.
Ferner hat gestern eine Besprechung mit dem Ernährungsminister von Braun und dem Wirt- schastsminister Professor' W a r m b o l d stattgefunden. Wenn diese beiden Kabiuettsmitglieder zu •-•«ter Betttünvf-nntg über die Grundlagen des weiteren wirtfchaftlich-politischen Programms gelangen, dann werden beide im Amte bleiben. Erfolgt die Verständigung nicht, so scheiden beide aus und cs wird dann eine doppelte Neubesetzung erforderlich sein. Für das Ernährungsministerium kommt dann wahrscheinlich der vielfach genannte Herr von Knebel in Betracht, während für das Wirtfchaftsmini- stcrium noch kein bestimmter Name feststeht, besonders, da der Präsident des Arbeitgeberverbandes, Dr. Brauweiler, vermutlich nicht in das Kabinett eintreten wird. Für das Arbeitsmini st e- r i u m glaubt man jetzt in erster Linie den Schlichter für Rheinland und Westfalen I ö t t e n nominieren zu sollen. Ferner bestätigt sich die Absicht, den Landrat a. D. Gereke zum Reichskommissar für Arbeitsbeschaffung und zugleich zum Reichskommiffar für Siedlung und für die Osthilfe zu machen. Dagegen wird er nicht zum Minister ernannt werden.
Der Reichswehrminister wird seine Besprechun- gen heute fortsetzen und wird heute dem Reichspräsidenten von Hindenburg Bericht erstatten. Selbst wenn noch nicht alle Ministerposten endgülttg besetzt sein sollten, wird heute die Ernennung durch den Reichspräsidenten erfolgen, und das neue Kabinett wird sofort seine konstituierende Sitzung abhalten. In dieser Sitzung, die wahrscheinlich heute nachmittag stattfindet, wird auch eine Aussprache über die außenpolitische Lage geführt werden müssen, da der Außenminister von Reurath wieder nach Gens abzureisen gefltntt
Der neue wirtschaftspolitische Kurs
Innerhalb des sachlichen Arbeitsprogramms stehen beim Kabinett Schleicher die Wirtschaftsfragen unbedingt im Vordergrund. Es wird sich dabei um gewisse Abweichungen vom Kurs des Ka- binettes Papen handeln, besonders da die Wirtschaftspolitik des früheren Kabinetts sehr stark auf die Voraussetzung eines Konjunkturumschwunges aufgebaut war, der jedoch nicht in dem erwarteten Matze eingetreten ist.
Deshalb wird das Kabinett Schleicher bei seiner Wirtschaftspolitik die Wiederbelebung der Produktion nicht im gleichen Umfange wie bisher der privaten Initiative allein überlasten, sondern es wird eine stärkere Beteiligung des Staates, besonders durch ein umfangreiches Arbeitsbeschaffungsprogramm erwogen werden. Dieses Arbeitsbeschaffung s- p r o g r a m soll so weit ausgedehnt werden, daß es in finanzieller Hinsicht einen Umfang von etwa 1% Milliarden erreicht. Die Finanzierung wird zum Teil unter Heranziehung der Steuerguscheine durch- gefühn werden, und wie man hört, hat der Reichs bankprästdcnt Dr. Luther sich zu dielen Finanzierungs- i-Hen durchaus positiv eingestellt.
Kanzler und Reichst««
Der Reichskanzler wird ferner mit dem Reichs tagsprästdenten Göring Fühlung nehmen, um dje Formalitäten für den Zusammentritt des Reichstags und die Abgabe einer Regierungserklärung im icucn Reichs rg zu regeln. Am nächsten Dienstag, den 6. Dezember findet lediglich die konstituierende Sitzung "es neuen Reichstages statt, aber es mutz dann vere nbart werden, wenn die Regierungserklärung abgegeben wird. Man hofft, daß es möglich sein wird, den Reichstag nach der konstiwierenden Sitzung zunächst aus Januar zu vertagen, und die Re- r ngstrkiärung erst nach der Weibnachtsnaufe im Reichstag abzugeben. Es wäre aber auch möglich,
daß der Reichstag sich nur auf wenige Tage vertagt und die Regierungserklärung dann noch in der M:tte Dezember in Betracht kommt.
Sollte die Mehrheit aus Nationalsozialisten und Kommunisten die Absicht haben, die gleichen Vorgänge zu wiederholen, die sich im letzten Reichstag abspielte«, also die Regierungserklärung zu verhindern, so würde die Auflösung des Reichstages natürlich sofort erfolgen. Schleicher hofft jedoch, ohne einen solchen Konflikt auszukommen.
Auf ein Mitztrwuensootnm mutz er sich selbstverständlich gefaßt machen, aber dann würde das Kabinett Schleicher als geschäftsführendes Kaibinett weiter im Amte bleiben, da dem Reichstag die Neubildung einer anderen Regierung unmöglich wäre. Schwieriger wäre die Lage, wenn die Notverordnungen vom Reichstag wieder aufgehoben werden, denn wenn auch die Reichsregierung diese Verordnungen sofort wieder in etwas veränderter Form in Kraft setzen kann, so wäre der Reichstag seinerseits wiederum in der Lage, sie erneut aufzuheben. Infolgedessen bliebe in diesem Falle nur die f»fertige Auflösung des Reichstages übrig, während man andernfalls dahin streben wird, den Reichstag nicht eher aufzuISsen, als bis die Neuwahl innerhalb dp, gefetz-: -lichen Frist nicht vor März oder April in Frage käme. Der neue Reichskanzler wird selbstverständlich Besprechungen mit den Nationalsozialisten über diese Frage herbeiführen, da die Frage der Mehrheitsbildung im neuen Reichstag nur von der NSDAP, abhängig ist.
Paris, 3. Dezember.
Die Berliner Berichterstatter der Pariser Presse sehen in der Betrauung Schleichers ein Zeichen inner- politischer Entspannung. Die Presse verhält sich in ihrem Urteil zurückhaltend.
Der Berliner Korrespondent des „Petit Paris i e n" erklärt, die Betrauung des Generals von Schleicher mit dem Reichskanzlerposten hat keine außenpolitische Bedeutung. Die deutsche Diplomatie bleibt Herrn von Neurath anvertraut, und ihre allgemeinen Richtlinien werden keine Aenderung erfahren.
Der Berliner Korrespondent des „Journal" nennt die neue Regierung eine Regierung des Ausgleichs und de sinneren Friedens.
„La Republique" schreibt, es wäre falsch, an die Rückkehr eines Parlamentarismus zu deken, von dem die Deutschen nichts mehr wissen wollten, aber ebenso falsch wäre es, eine Wiedereinsetzung der Ho- henzollern zu erwarten.
„$omme Libre" glaubt, glaubt, datz mit Schleichers Kanzlerschaft eine neue Bismarcksche Aeva beginne. Der „kaiserliche Eeneralstab" übernehme offiziell die Macht.
Der sozialistische „P o p u l a i r e" spricht von einer Diktatur Schleichers.
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London, 3. Dezember. Die Betrauung Schleichers mit der Kabinettsbildung hat in der englischen Oef- fentlichkeit einaußerordentlichesJnteresse erregt, das in der heutigen Morgenpreste in Leitartikeln, langen Korrespondentenberichten aus Berlin und in Auffätzen über Leben und Charakter des neuen Reichskanzlers zum Ausdruck kommt.
Unbehagen äußert man wegen der bekannten Aeu- ßerung General von Schleichers, datz die Reorganisation der Reichswehr „unter allen Umständen" durchgeführt werden solle. In innenpolitischer Beziehung wird die Wahl des Reichspräsidenten für die beste gehalten, die angesichts der politischen Lage in Deutschland möglich sei.
Der Berliner Korrespondent der „Time s" schreibt: Die Ernennung von Schleichers hat unzweifelhaft in weiten Kreisen Erleichterung hervorgerufen, man glaubt, datz sie wenigstens bis zu einem gewissen Grade zur Herstellung einer politischen und sozialen Gleichge wichtslage verhelfen wird. Weiter wird geschrieben: In der außerordentlich schwierigen Lage Deutsch lands sei die Ernennung von Schleichers wahrscheinlich vom innerpolttischen Standpunkt aus das Beste ! was geschehen könne. Hingegen sei einfach a u s g e i schlossen, daß das Erscheinen eines Soldaten 1
W. P. Nach vierzehn unerquicklichen Tagen ist die erste und wesentlichste Entscheidung gefallen: Herr von Schleicher ist mit der Bildung der Regierung beauftragt worden. Der Name des neuen Kanzlers ist also endlich bekannt; das Rätselraten um die Zusammensetzung seines Kabinetts wird freilich noch mit in die kommende Woche hinübergenommen werden. Doch auch in diesem Punkte wird hoffentlich bald Klarheit geschaffen werden, damit die Kräfte fteigemacht werden für den Kampf gegen die winterliche Not, für den Abbau der innerpolitischen Leidenschaften und für die schweren Auseinandersetzungen auf außenpolitischem Gebiete.
Die vierzehntätige Regierungskrise, die jetzt hinter uns liegt, war aus doppeltem Grunde bedeutungsvoller und gefährlicher als Krisen früherer Jahre. Sie spielte sich in einem durch materielle Sorgen und durch Enttäuschungen zermürbten Volke ab, dessen Stimmung nur zu leicht in eines der beiden Extreme, in politische Unbesonnenheit oder in völlige Resignation einmünden konnte. Und sie mußte, je länger sie dauerte und je mehr sich die Verhandlungen in unfruchtbare taktische Auseinandersetzungen und in reine Störungsmanöver zu verlieren schienen, auch den einzigen Grundsatz, nach dem heute noch in Deutschland regiert werden kann, den in Hindenburg verkörperten Gedanken dps autoritären Regierens, angreifen und zersetzen. Denn es wäre unehrlich, wenn man bei einem Vergleich der jüngsten Ereignisse mit früheren ähnlichen Vorgängen alles Licht auf das Jetzt und alle Schatten auf das Einst verteilen wollte. Der Kuhhandel, den die Parteien in der Hochkonjunktur des Parlamentarismus bei
an der Spitze der deutschen Regierung gegenwärtig in den Nachbarländern ohne Bedenken beobachtet werden sollte. Nahezu unvermeidlich würden diese Bedenken in Gens und anderswo in Gestalt einer weniger entgegenkommenden Stimmung ihren Ausdruck finden. Wie friedfertig auch die Erklärungen des Generals in der verantwortlichen Stellung sein mögen, in ganz Europa werde man sich daran erinnern, daß er der Mann ist, der erklärt hat, daß Deutschland unter allen Umständen die Reichswehr reorganisieren und nicht länger die „entwürdigenden" Versailler Bestimmungen dulden werde.
„Daily Expreß" schreibt: Die Ernennung des Generals von Schleicher ist ein weiterer Schritt zur offenen Diktatur, zu der das Durcheinander der Parteien und das politische Chaos im heutigen Deutschland unvermeidlich führen müssen.
Herriots Reise «ach Genf
Paris, 3 Dezember
Ministerpräsident Herriot, der gestern aber:- ht Begleitung seiner beiden Kabinettchefs nach Genf abgereist ist, erklärte kurz vor der Abfahrt, er werde Mittwoch früh wieder in Paris eintreffen. Mitttooch vormittag finde ein Kabinettsrat statt und höchstwahrscheinlich im Anschluß hieran ein Mintst errat.
NSDAP.
und Kabinett Schleicher
München, 3. Dezember.
Zur Betrauung des Reichswehrministers von Schleicher mit dem Kanzleramt schreibt die Nationalsoziali- ftifche Korrespondenz: Für uns Nationalsozialisten ist es schließlich gleichgültig, ob der neue Reichskanzler von Papen oder von Schleicher oder sonstwie heißt. Nun wird Herr von Schleicher möglichst rasch auf die Ministersuche gshen müssen. Wir versagen uns, die Namen zu wiederholen, die genannt werden, denn sie werden, auch wenn sie besten Willens sind und kluge Männer sein mögen, die Not des Volkes nicht beheben können; sie werden an ihrer eigenen Unzulänglichkeit zerbrechen, weil auch dieses Kabinett nur ein Zehntel des deutschen Volles hinter sich hat und nur die Interessen ganz bestimmter Schichten vertritt. Daran ändert auch der Name des Kanzlers nichts. „Es kommt der Tag", so schreibt die NSK, „an dem das Kabinett Schleicher einem Kabinett Hitler Platz machen muß, wenn Voll und Vaterland nicht zugrunde gehen und im Sumpf des Bolschewismus ersticken sollen."
der Neubildung einer Regierung betrieben, war ganz gewiß höchst unerfteulich und tadelnswert, llmso erwünschter wäre aber der Beweis gewesen, daß man sich jetzt von diesen Sünden und Fehlern fernhalten wollte. Die Praxis entsprach jedoch diesem Wunschbilde nur recht unvollkommen; es offenbarte sicht wie man mit Recht gesagt hat, vielmehr deutlich genug, daß auch in den kleinen Gremien, die heute an Stelle der großen Körperschaften zu entscheiden haben, die alten Gegensätze und die alten Ressentiments noch nicht überwunden find. Das gilt für die Opposition, die wohl mit ihren Dementis, aber nicht mtt ihren Taten die Gegensätze ht den eigenen Reihen unglaubhaft machte, und das war leider auch im Regierungslager festzustellen, wie allein schon manches Hin und Her in der Presseunterrichtung erkennen ließ. Auf jeden Fall werden hier Aufgaben sichtbar, die erfüllt werden müssen, wenn der Gedanke des autoritären Regierens nicht an sich selbst scheitern soll.
Einzig und allein von der Haltung Hinden- burgs ging auch in dieser Krise trotz der Fehler, die in seiner Nähe begangen wurden, eine beruhigende Wirkung aus. Für den Reichspräsidenten war das „Durchexerzieren" jeder Möglichkeit, die Parteien mit dem präsidialen System zu versöhnen, kein taktisches. Spiel, sondern eine als .notwendig «kennte. WiSN. Auf dieser Linie liegt auch das persönliche Opfer, das Hindenburg durch den Verzicht auf die Mitarbeit Papens, der immer noch der Mann seines Vertrauens war, brachte. Er erkannte, daß die Wieder- beauftragung Papens in weiten Kreisen des Volkes als Provokation aufgefaßt werden würde, ui* er wollte nicht den Anstoß zu einem Kampf aller gegen alle geben. Er ordnete deshalb fein Gefühl dem Verstände unter und suchte mit der Ernennung Schleichers doch noch die Basis für eine Verständigung oder doch wenigstens für einen Waffenstillstand zu gewinnen.
Schon vor der Berufung des neuen Regierungschefs ist eine etwaige Regierung Schleicher von manchen Seiten als „UebergangSlöfung" und als „W i n- tertabinett“ bezeichnet worden. Auch in Streifen, die dem Wehrminister nahestehen, ist die Frage, ob es nach der nationalsozialistischen Absage richtig sei, diese letzte Reserve schon jetzt in die erste Linie ein« zusetzen, und ob die Karte des Generals im Frühjahr nach einem neuen Zwischenspiel Papen nicht noch besser stechen werde, lebhaft erörtert worden. Eins scheint uns jedoch von den Fragestellern nicht genügend berücksichtigt zu sein: Die Größe der Schwierigkeiten, die der Winter in seinem weiteren Verlaus noch mit sich bringen wird. Sie werden überhaupt nur bei Anspannung aller und der besten Kräfte überwunden werden können, und auch die stärkste Reserve nützt nichts mehr, wenn sie zu spät eingesetzt wird. Das Risiko, das mit dieser Kabinettsbildung verbunden ist, mußte vom Reichspräsidenten und vom Reichswehrminister gewagt werden, weil auf jeder anderen Lösung noch stärkere und in ihrer Gesamtheit geradezu untragbare Vorbelastungen liegen. Die Taten des neuen Kabinettes allein werden über seine Lebensdauer entscheiden. Gelingt es Herrn von Schleicher und seinen Mitarbeitern, Deutschland ohne schwere Zwischenfälle durch die nächsten Monate hindurchzubringen, bann verfügen sie über soviel Ansehen und Autorität, daß aus dem „Winterkabinett" sehr wohl eine „Dauerregierung" werden kann.
Eine Regierung Papen hätte auf jeden Fall Kampf bedeutet, das Kabinett Schleicher kann und wird versuchen, den offenen Konflikt zu vermeiden. Sein neuer Chef, Kanzler und Wehrminister zugleich, verfügt durch die Vereinigung dieser beiden AeMter, übet eine Machtposition, wie sie keiner seiner Vorgänger besessen hat. Wichtiger aber als diese „ultima ratio", als dieses letzte Argument, das die bewaffnete Macht darstellt, wird gegenwärtig und hoffentlich auch in Zukunft der Wille zur Verständigung sein. Aus der Wilhelmstraße wird ein Wort kolportiert, das Herr von Schleicher jetzt gesagt haben soll, als man ihn über seine Stellung zum Reichstag befragte: Nicht mit dem Schwerte, sondern mit dem Oelzweig wolle er dem neuen Parlament entgegentreten. Man wird nun abwarten müssen, welchen Empfang die Parteien diesem „Friedensboten" aus der Wilhelmstraße bereiten werden.
Von Bedeutung sind die weitreichenden persönlichen Beziehungen, über die der neue Kanzler auch heute noch trotz der Zerreißung einiger Fäden verfügt. Sie sind die Voraussetzung für die Entspannung der innenpolitischen Sage, für den Abbau der antiautoritären Stimmungen im Volke und für die Verständigung. Sie können die Arbeit erleichtern, aber nicht ersetzen. Auch für den, der von der Notwendigkeit einer umfassenden Reichs- und Verwaltungsreform überzeugt ist, dürfte klar sein, daß es angesichts der Zuspitzung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lage Dringlicheres gibt als diese gewiß wünschenswerten Reformen. Tas Schicksal des Ka dtnettes und des Schicksal der Nation hängen heute
„Keine außenpolitische Wende"
Auslands-Preffestimmen zum Regierungswechsel