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Nummer 782*
Donnerstag, den 1. Dezember 1932
22. Jahrgang
Vor der Beauftragung Schleichers
Die Kandidatur Papen in den Hintergrund getreten / Keine sofortige Reichstagsauflösung? / Die Weimarer Besprechungen
Telefonische Unterredung
zwischen Schleicher und Hitler?
Schleicher
Die Macht der Bendlerstraße
th. Berlin, 1. Dezember.
Nachdem die Erwartung, daß Adolf Hitler Mittwoch zu einer Unterredung mit dem Reichswehrminister von Schleicher nach Berlin komme» werde, sich nicht erfüllt hat, ist man an de« maßgebenden Stelle« zur Auffassung gelaugt, dah eine weitere Verzögerung in der Regierungsfrage unter keinen Umständen mehr tragbar wäre. Man rechnet also damit, daß der Reichspräsident von Hindenburg vielleicht noch im Lause des heutigen Tages seine Entscheidung treffe« und den Reichswehrminister von Schleicher mit der Neubildung der Regierung beauftragen wird.
Sollte General von Schleicher »och heute den erwähnten Auftrag erhalten, so wird er im Laufe des heutige« Tages, spätestens aber morgen, sei« Kabinett mit einer Reihe personeller Veränderungen gegenüber dem bisherigen Kabinett aufstellen, und dieses Kabinett würde dann als neue Prästdial- regierung vom Reichspräsidenten alsbald ernannt werden.
Gestern hat der Reichswehrminister dem Reichs- 7!iästdent«n lediglich einen Bericht über die Lage er- Itatten tonnen. Diese Lösung der nunmehr über zwei Wochen dauernden Regierungskrise gilt vor allem deshalb als wahrscheinlich, weil die W ied erdet rauung des Herrn von Papen inzwischen in den Hintergrund getreten ist. Der Reichspräsident hat bekanntlich lange Zeit hindurch mit großem Nachdruck an der Person des Reichskanzlers v. Papen festgehalten, aber inzwischen dürfte er sich durch die zahlreiche« Proteste aus dem politischen Lager, wie auch vor allem durch den Widerstand aus den Kreisen der Wirtschaft, davon überzeugt haben, daß ein Kabinett Papen voraussichtlich zu schweren Konflikten in Parlament und Wirtschaft führen würde. Man glaubt, daß ein Kabinett Schleicher, auch wenn es in der gleiche« Weise wie ein Kabinett Papen als Kampfregierung gegenüber dem neuen Reichstag auftreten müßte, dennoch, besonders auch in außerparlamentarischen Kreisen nicht die gleichen Widerstände Hervorrufen werde.
Jni Laufe des gestrigen Tages hat in Weimar eine . •
Führerbesprechung der NSDAP.
in Anwesenheit Adolf Hillers stattgefunden, doch sind über diese internen Beratungen nur sehr wenig Mittellungen in die Oeffenllichkeit gelangt. Eine nationalsozialistische Meldung aus Weimar, die gestern in später Abendstunde verbreitet wurde, besagt lediglich, daß es sich in Weimar um interne Vorbereitungen sür die Thüringer Gemeindewahlen gehandelt habe und daß von einer Reise Adolf Hitlers nach Berlin in nationalsozialistischen Kreisen nichts bekannt sei. Wie von anderer Seite behauptet wird, soll es sich in Weimar insbesondere um Auseinandersetzungen darüber gehandelt haben, ob Hitler überhaupt noch einmal mit Schleicher verhandeln werde, oder ob die oppositionelle Linie, die vor allem von Goering und Göbbels vertreten wird, beibehalten werden sollte. Offenbar ist der letztere Standpunkt durchgedrungen, denn Hitler wird nach den Weimarer Meldungen nun nicht mehr nach Berlin kommen.
Wie heute mittag bekannt wird, besteht die Mög- lichkett, daß zwischen General vo« Schleicher und Hitler auf telephonischem Wege Fühlung genommen wird. Da man im Augeublük nicht weiß, wann diese Fühlung zuftaadekommt und über welche Zeit sie fich erstrecken wird, so kann hierdurch zweifellos eine weitere kleine Verzögerung entstehen.
Schleichers Weg
Wenn angesichts dieser Sachlage nunmehr eine Regierungsbildung unter der Führung des Generals von Schleicher durchgeführt wird, so wäre zunächst anzunehmen, daß es sich auch hier wieder um ein Prä- sivialkabinett in der gleichen Kampfstellung gegenüber dem neuen Reichstag handeln müßte, wie es für das Kabinett Papen zweifellos der Fall gewesen wäre. Demgegenüber sind jedoch neuerdings in maßgebenden Kreisen in Berlin Erörterungen angestellt worden, die eine andere Entwicklung als möglich erscheinen lasten. Es ist davon die Rede, daß ein Kabinett Schleicher den
neuen Reichstag nicht bereits vor feinem Zusammentritt auflösen oder vertagen werde, sondern dotz diese Regierung eventuell den normalen parlamentarischen Weg beschreiten würde, d. h. fie würde sich dem neuen Reichstag vorstellen und würde von ihm selbstverständlich sofort ein Mißtrauensvotum bekommen.
Nach dem Sturze würde sie jedoch alsgeschäfts- führende Regierung im Amte bleiben, und wenn der Reichstag außerdem die Notverordnungen des Reichspräsidenten aufhebt, so würden diese Verordnungen ähnlich wie es vom Kabinett Brüning früher bereits einmal gehandhabt worden ist — unverzüglich mit einigen geringfügigen Aenderungen wieder in Kraft gesetzt werden.
Auf diese Weise könnte man den Reichstag zunächst über die Weihnachtspause Hinwegbringen, und im Januar könnte man dann immer noch an eine Auflösung Herangehen, aus die dann im Wege der verfassungsmäßigen Fristen eine Neuwahl nicht vor März erforderlich sein würde. Diese Kombination gilt natürlich nur für den Fall, daß der Reichswehrminister von Schleicher, falls er die Führung in einem neuen Kabinett übernimmt, nicht durch eventuelle weitgehende Beschlüsse einer oppositionellen Zweidrittel-Mehrheit zu schnellen und schärseren Maßnahmen aezwnngen wird.
Mitten in dem Auf und Ab der politischen Leidenschaften taucht plötzlich eine unscheinbare Meldung auf, General oon Schleicher habe Hitler empfangen. Und sofort ist das Geranne da: Was mag wohl wieder im Gange fein? Weil ihm die einen nicht trauen, da er ihnen zu legal ist. Und die andern nicht, weil sie seine Legalität nicht verstehen. Beiden ist er zu undurchsichtig in seiner Art und seinem Weg. Und doch spüren beide auch wieder, daß hier einer wirkt für eine Idee.
*
Der Leutnant int 3. Garde-Regiment zu Fuß K. von Schleicher muß schon ausgefallen fein, denn er wird, kaum Oberleutnant, zur Kriegsakademie kommandiert, kehrt nach drei Jahren als Hauptmann zum Regiment zurück, um knapp ein Jahr später wieder in den Großen Generalstab versetzt zu werden.
Drei Monate danach verkünden Extrablätter die Kriegserklärung. Der junge Hauptmann steht nun mitten in der Maschinerie des Großen Hauptquartiers. Er wird der Gehilfe des 2. Generalquartiermeisters und begegnet hier dem General Groener, mit dem ihn dann das Schicksal über ein Jahrzehnt nach Kriegsende wieder zusammenführen sollte.
1918 tritt er als Major von der alten Wehrmacht zur Reichswehr über. Ist sechs Jahre danach Oberstleutnant. Sitzt 1926 schon als Abteilungsleiter in der ^endlerstratzv, wird im gleichen Jahr Obers,
Wirtschaft «nd Politik
Herriot spricht vor der Internationalen Handelskammer
Paris, 1. Dezember.
Der Verwaltungsrat der Internationalen Handelskammer, der in Paris tagt, veranstaltete wie alljährlich ein Abendessen, an dem auch der deutsche Botschafter Köster und Ministerpräsident Herriot teilnahmen.
Der Vorsitzende der Handelskammer, Abraham F r o w e i n - Elberfeld, sprach in seiner Rede über die Weltwirtschaftskrise. Wenn die Welt gerettet werden solle, müsse ein Geist internationaler Verantwortung zur Herrschaft gelangen. Es sei wirtschaftsfeindlich, daß alljährlich in allen Ländern der Welt Milliarden für Rüstungen verschlungen werden, daß die wirtschaftliche Betätigung durch eine Steuerlast gelähmt wird, die auf dem llebermaß unproduktiver öffentticher Ausgaben beruht, und daß man die Ueber- tragung riesiger Schuldenbeträge von einem, Lande zum anderen verlangt, deren Entstehung nicht au: ökonomischen Vorgängen beruht. Schließlich sei es auch wirtschaftsfeindlich, temporäre Maßnahmen zu treffen, ob es sich um Moratorien für die öffentlichen Schulden, eingefrorene Kredite, Zollerhöhungen, Kontingente, Aufhebung des Goldstandards oder Devisenkontrolle handele.
Frowein wandte sich dann an Herriot. Er wies auf die Ergebnisse von Lausanne hin und fuhr fort: Jetzt entstehen neue Schwierigkeiten aus dem Problem der interalliierten Schulden und aus der Abrüstung und zugleich zeigen die Weltmärkte von neuem eine bedenkliche Nervosität. Wir alle hier hoffen, daß die noch ungelösten Fragen ebenfalls geregelt werden können und daß die Weltwirtschaft damit in den Stand gesetzt wird, sich zu erholen und neue Hoffnungen zu schöpfen.
Ministerpräsident Herriot
dankte zunächst Frowein für seine Ausführungen. Herriot wies dann auf die Verbundenheit von Politik und Wirtschaft hin und betonte dabei, daß es die Wirtschaftsführer feien, die die einzige wahre Löfung des verwickelten Problems in Händen hätten. Wenn ein direktes Abkommen zwischen den Produzenten verwirklicht werden könne, brauche der Gesetzgeber überhaupt kaum noch einzugreifen. Das sei zum Beispiel der Fall gewesen bet dem deutsch-französischen Kaliabkommen. Auf jeden Fall sei eine enge Fühlungnahme zwischen den Persönlichkeiten notwendig, die das Mgemeinwohl im Auge hätten. In Lausanne habe man die Interessen aus- geschaltet, die ein trennendes Hindernis bilden könnten, und nur diejenigen in Betracht gezogen, die im gemeinsamen Interesse ein Bindeglied bildeten. Frankreich habe nichts gegen Deutschland. Gewiß könnten zwischen beiden Länder« Schwierigkeiten auftaucheu; aber die eben geschilderten Erwägungen würden schließlich doch triumphieren. Es genüge, zu Zweit zu arbeiten, um diese Hoffnung zu verwirklichen, Frankreich sei dazu bereit.
Heute müßte« Wirtschaft und Politik sich gegenseitig unterstützen.
10000 Worte
London, 1. Dezember.
Die britische Note an Amerika zählt 10 000 Worte. Ihre Veröffentlichung erfolgt, den Blättern zufolge, am Sonnabend oder Montag.
Heber den Inhalt berichtet „Morningpost", Großbritannien wäre bereit, am 15. Dezember die Schuldenrate zu b e z a h l e n, falls Washington daraus beharrt; die eventuelle Zahlung würde in Gold erfolgen; ein Zahlungsaufschub liege nicht nur in, Interesse Großbritanniens, sondern auch der Vereinigten Staaten «nd der ganzen Welt.
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Paris, 1. Dezember. Die französische Antwortnote an die Vereinigten Staaten von Amerika über die am 15. Dezember fällig werdende Zahlung wird am heutigen Donnerstag nachmittag nach Washington gesandt werden, nachdem sie vom französischen Ministerrat am Vormittag endgültig gebilligt sein wird.
Französische Schuldendebatte vettagt
Ministerpräsident Herriot sprach Mittwoch zuerst vor dem Finanzausschuß der Kammer und dann vor dem Auswärtige« Ausschuß. Er bezeichnete es als Zweckmäßig, die Beratung des Entschließungseniwurfes Louis Marins über die Zahlungspflicht vom 15. Dezember zu vertagen und wiederholte sein Versprechen, das Parlament nicht vor eine vollendete Tatsache zu stellen, sondern ihm Gelegenheit zu geben, noch vor dem 15. Dezember zur Schuldenfrage Stellung zu nehmen. Beide Ausschüsse haben fich daraufhin für eine Vertagung der Debatte ausgesprochen.
Macdonalds Aufgabe in Genf
London, 1. Dezember.
Zur Reise des Premierministers und des Staatssekretärs des Aeußeren nach Genf schreibt der parlamentarische Korrespondent der „Times": Bei den Erörterungen der britische« Minister während der letzten Tage war einer der Hauptpunkte die in den europäischen Hauptstädten entstehende Sorge, daß das ganze Rahmenwerk des Lausanner Abkommens aus den Fugen gehen könne, wenn England beschließe, die Dezemberrate an Amerika zu bezahlen, während andere Mächte es ablehnten. Die britische Regierung hat den dringenden Wunsch, die Lausanner Vereinbarung so wenig wie nt ö g l t ch a n z u t a st e n, und der Premierminister dürfte darüber in Genf beruhigende Erklärungen abgeben.
Simon und Macdonald hofften ferner, mit Herriot, Neurath, Davis und einem Vertreter Italiens eine Grundlage zur Rückkehr Deutschlands zur Abrüstungskonferenz zu finde».
drei Fahre später auch Generalmajor und dann April 1929 Chef des Ministeramts im Reichswehrmini sterium, in dessen Räumen die Fragen zusammenlaufen, soweit sie das Verhältnis der Wehrmacht zu Politik und Parlament berühren, bis er jetzt Reichswehrminister wurde.
„Von der Parteien Haß und Gunst verzerrt" — waltet er seines Amtes. Von den einen als der Vertraute der Linken lange befehdet. Von ben andern als der verkappte „Chauvinist" verdächtigt.
„B ü r o g e n e r a I" nannten ihn, wie gesagt, die einen. Und haben nicht unrecht, wenn sie meinen, der bewegliche Man« mit den tiefliegende« Auge« unter dem hochgewölbten kahle« Schädel sei der Nnr-Gene- ralstäbler, der den Kasernenhof wenig gesehen habe.
„Der heimliche Diktator" — so sagen die andern. Und haben auch nicht so ganz unrecht, wenn sie an das Wirken dieses Generals denken, der bisher die Brücke darstellte, über die eine Fühlungnahme der Reichsregierung mit de« zu ihr in parlamentarischer Opposition stehenden Rechtskreisen möglich war. Dritte aber sprechen von dem „Alba der Republik", und haben auch nicht unrecht, wenn sie damit sagen wollen, daß dieser Mann stärker geblieben ist als mancher Kanzler.
Die einen sehen in ihm.jedesmal, toe.in es . kri selt", ben kommenben mann. Die anbei«.n Den, bet zu bekämpfen ist. Kombinationen schwingen um ihn. Gerüchte jagen sich. Bald soll der, bald jener Politiker bei Schleicher gespeist haben. Bald diese, bald jene „Sensation" auf ihn zurückgehen. Der Mann selbst schweigt. Schweigt und lächelt. Als wolle er das Wort des alten Hohenlohe für seine Person wahr machen, daß schweigen können müsse, wer Karriere machen wolle. Von vielen wurde geredet. Von ihm nur int Zusammenhang mit Kombinationen. Um viele brandete der inner- politische Streit. Mag er auch um ihn toben, noch stets fanden sich auch seine Verteidiger in allen Reihen. Nur er selbst blieb int Hintergrund.
Die ihn kennen, wissen, daß hier ein Man« am Werk ist, der die Ueberzeugung hat, daß dem Deutschen der Soldatenberuf mehr ist, denn der Begriff des bloßen Söldnerlums.
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Als in den stürmischen Wintertagen 1923/24 Reichswehr in Sachsen einmarschieren mutzte und nachher der Ausnahmezustand verhängt wurde, standen Stresemann als Kanzler und Generaloberst von S e e ck t als Chef der Heeresleitung int Vordergrund. Wer redete damals von dem Major von Schleicher, der diese ganze Aktion erst in alle« Einzelheiten vorbereitet hatte? „Schleichers größte Leistung", so schlldert der Pressechef des „Stahlhelm", Dr. Heinz Brauweiler, diese Zeit in seinem Buch „Generäle in der deutschen Republik" (Tell-Verlag, Berlin), „wurde die Durchführung des militärischen Ausnahmezustandes int Winter 1923/24. Seit Monaten war alles bedacht und bis in die Einzelheiten vorbereitet. Als endlich die Regierung Stresemann zu dem Entschlüsse „überrumpelt" wurde, konnte die gesamte Operation fast wie ein Uhrwerk abrollen. Nach der Aufhebung des Ausnahmezustandes befahl General von Seeckt, daß sämtliche Herren, die an bet Bearbeitung beteiligt waren, sich in dem großen Saal des Ministeriums versammeln sollten, damit er ihnen seinen Dank ausspreche. . Es erschiene« Major von Schleicher und fünf andere Offiziere". So wirfte damals fchon Schleicher, den feine Freunde nie ohne Humor und feine Gegner nie ohne beißende Ironie gesehen haben, und der feine Uniform mit einem Lächeln durch die politischen Salons trägt, als laste auf ihm nicht die Bürde eines schweren Amts, sondern die Freude angeregter Konversation.
„Politische Generale", so sagt Graf WaDersee einmal in seinen „Denkwürdigkeiten", „find der deutlickste Beweis sür den Verfall eines Staates." Wenn das Wirt Wahrheit wäre — nun, Schleicher ist der ausgesprochene politische General. Denn das be- dingte schon leine Stellung als Chef des Ministeramts im Reichswehrministerium, also gewissermaßen des Staatssekretärs der Obersten Heeresleitung. Aber dem alte« Grafen Walderfee schwebte wohl nicht das Bild des politischen Generals bei seinem Werke vor sondern mehr das des polittsierenden Offiziers, der im Stieü ber Tagesmeinungen vergessen könnte, daß ^Ebrfrage« jenseits aller Parteien stehen sollen
Wehrminister wechselten. Tie Chefs der Heeres- l^ung auch. Beständig blieb der Mann, den sie ben -'Alba bet Republik" nennen und i« dem die einen den guten und die andern den bösen Geist der Bend-
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