'^Montag, LI. November 1932
Kasseler Neueste Tkachn'chie«
Seite 8
Victoria T. Wolf.-
neuen Staat, im Lande der besten Psychologen, wo die
Die heutige Nummer umfaßt 14 Seiten
Aus Düsseldorf wird gemeldet: Nach Mitteilungen von zuständiger Stelle dürfte sich der Schaden, den der Bankdirektor Schäfer seinem Institut zugefügt hat, auf etwa fünf Millionen Reichsmark belaufen. Durch die gemeldeten Devisenschiebungen des Maklers Sch. wird die Bank, wie sie uns mitteilt, nicht betroffen.
ZU schade — für die Ehe!
Amerikas neueste Sensation: die »Liebesscheidung
hang hebt, weih man nicht, wo man sich befindet. Dann aber nach der ersten Pause, als der Anfang des sehr propagantistischen Balletts überstanden war, kam ein
Menschen, die gekommen waren, ein Ballett zu sehen, nun ihr winken und zujubeln, ihr und nur allein ihr. Maria Iwanowna ist glücklich; sie weint und der Vorhang fällt.
Fritz Müller s Partenkirchen
Besuchen Sie darum die am 24. November 16 Uhr für Schüler und 20 Uhr von den K. N. N. veranstalteten
Literarischen Vorträge
im Vereinshaus, Kölnische Straße, über
Ernstes und Heiteres aus seinen Werken
"Versäumen Sie nicht,
sich zeitig Ihre Eintrittskarten zu holen zum Vorzugspreis von Mk. 0.50, 0.80, 1.20, 1.60 für Abonnenten der K. N. N. und deren Angehörigen.
llnd warum nun eigentlich .^Liebes-Scheidung"? Weil beide Scheidungspartner in spaltenlangen Interviews wiederholt bestätigen, einander „über alles zu lieben". Aber — kann man von einem Manne verlangen, dah er ständig so aufmerksam, liebenswürdig und anbetend sich benimmt, wie in den ersten Monaten der Ehe? Darf man erwarten, daß die Innigkeit herzlicher Beziehungen sich niemals abnützt, wie ein alter Schuhlappen? Muß man als moderner sachlicher Mensch nicht wenigstens den Versuch machen, sich die Erinnerung an diese romantischen Beziehungen rein und ungetrübt zu erhalten? Also — darum muh man sich trennen, sich scheiden
Oie Frau hinter der Kulisse
Der große Tag der kleinen Schneiderin
Ballett-Abend im früheren Hoftheater in Leningrad. Es ist wie alle Theater dieser Epoche, ein Bau mit viel Stuck, Gold und rotem Sami. Sie ähneln sich alle, diese ehemaligen Prachtklötze. Kiew wollte sein wie Wien und Dresden wie Paris. Ehe sich der Bor
Veranlwortltib für den politischen Teil: Dr. Kalter P e b n t: für das Feuilleton: German M Bona«: ür den lokalen Teil: Dr. Hans Joachim Glatze r: ’ür den Heimatteil: Rudolf ® f 8 f e r: für Handel: Dr. Hans Lanaenbcrg: für den Sportteil: Herbert e-veich: Photo-Redakteur Eduard Schulz. Keffel: für Anzeigenteil: Konrad Wachsman». — Berliner Schkiftleituna- Dr Walter Tdum Ber- lin e-W. 88. — Druck und Verlag: Kalleler Neueste Nachrichten ®. m. b. v. Kassel. Kölnische Strabe 10
Er drückt ihr die Hand, küßt sie auf beide Wangen, die Direkttice des Nähsalons redet, drückt ihr die Hand und küht sie auf beide Wangen, die Solisten, der Vorstand der Bühnenarbeiter, der Vortänzer, sie alle machen es ebenso, sie reden, drücken die Hand und küsien. Die Kuffe knallen nur so. Die gute, verschrumpelte Alte steht in der Mitte und hat die Schultern eingezogen. Sre gleicht in rührender Weise der Schneiderin meines Konfirmationskleides. Sie weih nicht mehr aus und ein. Dann die Geschenke! Die Genossenschaft übergibt ihr einen Wintermantel, die Solisten Süßigkeiten und die Bühnenarbeiter Blumen.
Maria Iwanowna hat nie grohe Träume gehabt. Sie hat schon unter dem Zarenreich gearbeitet, im Kriege, während der Revolution und jetzt im neuen Staat" sie weih, dah das Leben hart ist und die Kunst ewig; sie weih, daß für jeden einmal ein Glückstag
Vorhang geht auf und das gesamte Personal des Theaters, Solotänzer, Statisten, Bühnenarbeiter, Garde- ■ robieren und Feuerwehrleute, gruppiert sich um ein altes, demütiges, schwarzseidenes Wesen, das in den Mittelpunkt geschoben wird, und nicht weiß, wohin cs sich wenden soll. Es macht ein paar hölzern-zeremonielle Verbeugungen, die man vor.50 Jahren wohl lernte und würde sich doch so gerne unter Mohren aus dem Morgenlande und die Tempelmädchen verkriechen,
Los Angeles, im November 1932.
In Amerika gibt es für alles eine Mode — selbst für Liebe, Ehe und — als jüngste Sensation — Scheidung. Diese Mode mitzumacheu, gehört zum guten Ton.
Die Scheidungen prominenter und bekannter Persönlichkeiten waren von jeher eine hochinteresiante Angelegenheit für ganz Amerika. Man behauptet, daß ein Viertel des Gewichts der pfundschweren amerikanischen Tageszeitungen auf die Familienskandale der Bühnenstars und Dollarmillionärinnen entfällt. Die Zeitung gewinnt ein Viertel ihres Umfangs dadurch, aber sie würde glatt dreiviertel ihrer Leser verlieren, wollte sie auf diese wichtige Rubrik verzichten.
Das neueste Thema dieser Skandalberichte ist die „Liebes-Scheidung". Die neue „Mode" wurde lanciert durch Ruth Elder, die auch in Europa bekannte, erste amerikanische Fli^erin, „Flying Ruth"". Die junge Frau war in aller Geschwindigkeit dreimal verheiratet und befindet sich jetzt in Reno, dem Scheidungsparadies von USA., um sich amtlich von ihrem dritten Gattern dem Sohn des Fußballkönigs Camp, trennen zu lassen.
Vor acht Tagen erhielten Freunde und Bekannte eine elegante, gedruckte Einladungskarte von Mister und Mistes Camp zu ihrem — — „Scheidungsdiner". Es war ein großes gesellschaftliches Ereignis mit wahrhaft einzigartigem Hintergrund. Die Reporter gaben den Wortlaut der Reden wieder, Reden, die man tatsächlich noch nie gehört hatte. Und in allen Kupfertiefdruckbeilagen der Tageszeitungen erschienen Photos des jungen Paares und der Hochzeitsgäste — das junge Paar lächelnd, zärtlich Arm in Arm, die Gäste heiter und gerührt. Das letzte Bild zeigt Mistes Elder-Camp am Fenster des Wagens, der sie nach Reno führen sollte, und Mr. Camp, der sich mit einem zärtlichen Handkuß verabschiedet. . . .
Ruth Elders gesellschaftlicher „Sensationserfolg" ließ die weniger einfallsreichen Mitschwestern nicht lange ruhen. Bald darauf vernahm man, daß die Primadonna der Metropolitan-Opera, Lily Pons, ebenfalls eine .^Liebesscheidung" einzugehen gedachte. „Mein Gatte ist der beste Mann der Welt," sagte sie klagend. „Aber — da wir schon drei Jahre miteinander verheiratet sind, liegt die Gefahr nahe, daß wir uns aneinander gewöhnen und unser Zusammensein nicht mehr genügend schätzen. Kommt hinzu, daß seine Geschäftsreisen ihn oftmals monatelang ins Ausland führen--Es ist eine alte Erfahrung,
daß man erst schätzen lernt, was man besaß, wenn man es verloren hat!"
Und nun wollte niemand mehr zurückstehen. Nicht Dorothy Andrews, die bekannte Schauspielerin, nicht Ann Hardings, die Hollywooder Filmdiva. Eine neue Mode ist festgelegt und populär geworden, eine Mode der Oberflächlichkeit und ein neuer Weg zur Profanierung der Liebe.
Ein glücklicher Interpret seiner Dichtungen, eine der erfreulichsten Erscheinungen der Poetenwelt
schrieben die Leipz. Neuesten Nachrichten von einem der Vortragsabende unseres Mitarbeiters, des bekannten süddeutschen Schriftstellers
oben sitzt Frau Tonkuna und arbeitet Verbesterungen aus. Es gibt kein Chefkabinett, sie fitzt zusammen mit vier Genosten, die sie alle mit einem überlegenen Spott behandelt. „So, Ihre Frau spricht nicht Deutsch, Ge- noste Altmann. Wie erklärt sich das bei dem deutschen Namen, den Sie tragen. Lasten Sie es die kleine Frau lernen; wir wollen unseren Besuchern aus Deutschland imponieren."
Frau Tonkuna legt Wert darauf, nur in den intellektuellen Kreisen zu verkehren. Di« GruHchkaja, Lenins Frau, ist ihre Vertraute, die großen Führerinnen gehen bei ihr ein und aus; jedenfalls betont sie es mit großer Heftigkeit. Kommen Sie morgen abend zu mir, wir gehen ins Grand Hotel, dort treffen wir den Leiter des Rundfunks, einen sehr bedeutenden Mann, die reizende Frau Valeska, die lauter nette Bosheiten in ausländische Zeitungen setzt, den M. G., den Freund Tschitscherins. Sie zählt Namen und Titel auf; in Westeuropa hätte sie einen Salon und würde Jagd auf Berühmtheiten machen. Ihr privates Leben ist niemanden bekannt. Man munkelt, sie habe keines. Frau Tonkuna freut sich, daß man munkelt.
Alle sind freundlich zu ihr, sie ist wieder freundlich, es ist eine zuckersüße, klebrige Freundlichkeit. Sicher haben Sie alle Angst voreinander.
Ich bin auch freundlich zu ihr und lächle, und doch würde ich viel darum geben, wenn ich sagen dürfte: „Was bist Du für eine gräßliche Frau." Leise sage ich es in mich hinein. Ich weiß, man braucht diese Sorte Arbeiterin, die mtt Intensität ihr Ziel verfolgt, man braucht sie zum Aufbau, aber nicht^ur Freude.
Der Mann in Westeuropa gibt zu, daß er sie nicht mag, der Russe von heute hat alle Aeußerlichkeiten abgelegt. Sie fft nützlich zur Durchführung des Plans. Das genügt ihm. Der Plan ist ja Bibel und Schicksal.
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die hinter ihr stehen. Aber die Prima Ballerina in vollem Ornat wehrt es ihr ab; sie muß sich feiern lasten. Da kommt auch schon ein Mann in der blauen Arbeitsbluse und hält einen pathetischen Vortrag. Wenn er sich nicht selbst als Registeur der Oper vorgestellt hätte, würde ich ihn für den Kulissenschieber gehalten haben. Aber unsere Physiognomie-Erfahrungen haben in diesem Lande feinen Bestand.
So sagt er nun alles Gute, Lobende und Dankende über Maria Iwanowna, „die Bühnenschneiderin", die heute vor 50 Jahren angefangen hat, die Gewänder des Balletts zurecht zu schneiden. Sie hat bisher treu im Verborgenen gewirkt, immer bescheiden, immer der Arbeit ergeben; nun lastet uns alle ihr Jubiläum feiern.“
Russische Frauengesialteu
Don einer deutschen Krau gesehen
verachten insgeheim den ausländischen Bourgeois mit aller Kraft.
Es gibt viele Tamaras, geborene Führergestalten, auch innerhalb der Arbeiterorganisationen. Man sieht sie ht Museen, wie sie einer Gruppe Arbeiter in überflutenden Redeschwall die erklärenden Vorträge geben, wie sie in den Zarenschlössern der oft stumpf glotzenden Maste die Herkunft und den Widersinn des so äamen Prunks erklären, auf daß sie nicht von der ilt des Goldes ergriffen werden, wie sie auf Par- teioersammlungen gegen die Schädlinge eifern. Diese Tamaras reißen mit, ihre Stimmen liegen einen Viertelton hoher und tragen weiter, ihre Gesten holen den entferntesten Blick zurück. Auf ihrer Klugheit ruht die Zukunft.
Frau Tonkuna, die Intellektuelle
Die Frau, die der Mann «icht mag
Sie ist Leiterin des Revolutton-Museums; einstens war sie die fanatische, russifche Studentin, die im Ausland in den Hörsälen das Hoch auf die kommende Weltrevolution ausbrachte. Sie ist keineswegs reizvoll, keineswegs sympathisch, keineswegs gutmütig.
Sie ist sehr klug, sehr tüchtig und sehr ungepflegt. Vor 30 Jahren hieß man diesen Typ Sufragette. Heute hat sie den leitenden Posten eines sehr wichtigen und ganz neuartigen Museums inne. Das Museum ist vorbildlich; sie leistet sich keine Geschmacklosigkeit. Es zeigt sachlich und ohne Phrase den Weg der rustischen Revolution. Karikaturen von ehedem; der Zar und die Leibeigenen; die fanatischen Revolutionäre, Vera Fig- ner in der Festung Schlüsselburg, Flugblätter der Emigranten, Ausschnitte aus dem Simplizistimus, Gräueltaten der weißen Armee; Einzelheiten des Fünfjahresplanes, Hebung der Bodenschätze hn Don- becken und hn Ural. Bilder aus dem Leben Lenins.
Vor allem: sie arbeitet; jebe Frau, die körperlich gesund ist, arbeitet. Es ist ihr kein Beruf verschlossen. Sie kann wenn sie will, in der Marine, im Heer die- nen. Ich sah einen weiblichen Seeoffizier in der kleid» famen weißen Uniform mit den goldenen Treffen, ^.rambahnschafsnerinnen, Zugführerinnen, Vorsteherin etnes_ .staatsgutes, Dolmetscherinnen; weiblich« Rich- ter, Staatsanwälte und vor allem Aerztinnen, Aerz- tinnen. Fabrikarbeiterinnen und Angestellte verstehen sich von selbst. Hausfrau in unserem Sinne gibt es so gut wie gar nicht. Der Verdienst des Mannes reicht nicht aus, der Mangel an Arbeitskräften ist ungeheuer und einen Haushalt nach westlichen Begriffen gibt es auch nicht.
„Man hat für eine Familie von 4—6 Köpfen zwei Raume zugewiesen bekommen, sie stehen so voller Haus- rat. daß sie keinen wohnlichen Aufenthalt bieten; der Lebensmittelladen ist durch di« zugehörige Kooperative bestimmt, man muß dort laufen und nirgendwo sonst, andere Kaufgelegenheiten gibt es in verschwindend geringer Möglichkeit; also arbeitet man. SBas soll man denn nur den ganzen Tag über zu Hause tun? Di« Arbeiterin gibt ihre Kinder tagsüber in den staatlichen Kindergarten, sind die Kinder größer, gehen sie in die Schule, die sie auch tagsüber verpflegt und nach dem Unterricht einen Handwerksunterricht anschließt.
Will sich eine Frau den Luxus gestatten, ihre Kleinkinder zu Hause zu behalten, während sie arbeitet, dann nimmt sie sich für acht Stunden eine junge „Angestellte", die nach der Arbeit in die eigene Wohngemeinschaft zurückkehrt. Dienstboten, oder bester gesagt Hausangestellte, gibt es nicht, darf es nicht geben. Es würde in dieser unserer Form zu sehr an das verpönte Ausbeutertum erinnern.
Der Mensch, der hier umgebaut wird, soll neue Wege gehen. Ob diese Wege auch zu einem neuen Ziele fuhren, ist eine andere Frage. Jedenfalls führen sie zu einem völlig andersgestalteten und von Grund auf geplanten Leben. Es wäre falsch, dieses Leben mit der Heimatbrille zu betrachten.
Werturteile, die mit dem: Bei uns aber ist das so, beginnen, müssen gestrichen werden. Das Einzelwesen muß sich als dienendes Glied dem Ganzen anfchließen. Der Fünf-Jahresplan verlangt außer der Arbeit auch die Seele! Der Plan ist Schicksal; der Mensch ist Kol- lekttv, die Frau ist nur Vertreterin ihrer Berufsklasse, ihr Leben ist nicht mehr ein individuelles. Es ist ein anderes Frauenleben; — ein Leben in Typen. Wie find diese Typen?
Tamara, die Führerin
Die Frau der Zukunft.
Sie ist natürlich eingeschriebenes Mitglied der Partei. Das bedeutet Auszeichnung. Unter oen 167 Millionen Russen gibt es nur 2 Millionen Parteimitglieder. Die Partei soll Elitetruppe fein und Tamara weiß, was sie ihr schuldig ist. Sie ist^weiundzwanzig. Ihr erstes Bewußtsein fiel in di« Revolutionsjahre; sie hat die Schießereien vor dem Winterpalais in Petersburg miterlebt. Wenn es nach ihr ginge, wären nur die weißen Truppen für die Verwüstungen des Landes verantwortlich. Tamara ist klug und vielseitig, sie hat die besten Führereigenschaften, knapp, energisch, redegewandt und eine verblüffende Kunstfertigkeit im Behandeln der Menschen; sie spricht deutsch, französisch und englisch perfekt, ohne jenseits der Grenzen gewesen zu fein. Sie beherrscht die Geschichte ihres Landes in der vorgeschriebenen, materialistischen Auffassung und pariert di« unbequemsten, westeuropäischen Einwände mit Grazie. Sie ist das, was man ein patentes Mädel nennt. Lippenstift und Zigaretten gehören zu ihrer Ausrüstung wie überhaupt zur Requisite der proletarischen Frau, auch wenn sie in Sacklumpen gehüllt auf der Straße liegt. Dieses Bild mutz ganz wörtlich genommen werden. Tamara ist bester gekleidet als der Durchschnitt der Frauen; sie kommt ja auch dauernd mit Ausländern zusammen. Sie trägt die Baskenmü e. das bunte Baumwollkleid und den Sportmantel bei Ausflügen und im Theater. Mehr will sie nicht haben, . um Himmels Willen kein Bourgeois sein. Die besten 1 dieser Mädchen hat sich der Intourist Trust für die i Fremdenführung geholt. Sie helfen bei der schwierig- । sten Arbeit des Briefmarkenkaufens und des Theater- 1 verstehens, sie beantworten geduldig alle Wenns und ' Aber, sie lehnen entschieden jedes Dankgeld ab und i
Dazwischen Statistiken, gut und künstlerisch, wie es die Schauspiel, das nirgends anders möglich wäre, als int
Russen verstehen. . t______ :... "... ...
Man kann Geschichte lernen in diesem Museum; Kunst völlig im Dienst der Propaganda steht. Der
Gertrud Bindernagel-Gedenkstunde
km Staatstheater.
Kastel, 21. November.
Zu einer stillen ergreifenden Gedächtnisfeier gestaltete sich die kurze weihevolle Andachlsstunde, zu der sich am Sonnabend abend nach der üblichen Vorstellung eine kleine Gemeinde im Staatstheater versammelt hatte. Intendant Edgar Klitsch hat damit wohl als erster deutscher Theaterleiter jene herzliche Anteilnahme an der furchtbaren Tragödie einer großen Künstlerin, deren unverschuldetes schweres menschliches Martyrium jeden zutieft erschüttern mußte, durch die Tat bekundet und jene in Not und Tod getreue Schicksalsgeineinschaft und Kameradschaftlichkeit, die heute mehr denn je alle Diener an deutscher Kunst in Nord und Süd mit einander verbindet, bekräftigt, wie er dies in den eindringlichen, warmen, verstehenden Worten seines schönen Nachrufs ernst und groß anbeutete.
Gertrud Bindernagels unbegreiflich bitterer und jäher Lebensabschied mitten in der herrlichsten Vollkraft ihres gereiften, zu größten Aufgaben berufenen Künstlertums ist ein schwerer Schlag für das ganze deutsche Kunstleben. Ein eigenartiges Wallen wollte es, daß Brünnhildens letzte Worte im Siegfried auch ihre letzten auf der Bühne sein sollten: „Götterdämmerung dunkle heraus, Nacht der Vernichtung neble herein! . . . Leuchtende Liebe, lachender Tod!" Sie ahnte nicht, daß der eigene Gatte sie eine halbe Stunde später mit einem Revolvevschuß niederstrecken würde, daß ihre nächsten Angehörigen, denen sie selbstlos hals, dann der einzigen Stütze in ihrer Armut beraubt und der Not preisgegeben waren. Für sie ist auch ber Ertrag dieser Gedenkstunde bestimmt, lieber das Persönliche hinaus aber offenbart der Fall Bindernagel die riesengroße entsagungsvolle Selbstüberwindung des Mimen Überhaupt, dem die Nachwelt keine Kränz« flicht und der schon in diesem Leben mit seinem andern Ich an der Rampe eine Welt begeistert, die nichts ahnen darf von Leid und Freude seines wahren Innern.
Kann man sich für die einzige grau, dir eine der größten Hoffnungen ber deutschen Opernbühne war, seitdem sie von Mannheim nach Berlin an die Städtische Oper übersiedelte, eine wundervollere Totenklage denken als Schuberts Unvollendete mit ihren geheimnisvollen Ewigkeilsschauern, ihrer süßen Traurigkeit und ihren herben wilden Schmerzen? War nicht das Künstlertum ber Bindernagel ebenso vollendet und unvollendet zugleich? Strömen nicht auch hier die st, bezaubernd wie ehedem von ihren ureufch-
lichen Lippen? Das Werk brachte bi« Staatliche Kapelle unter Felix Oberhossers energischer, straffer Leitung bi einer feierlich gebändigten Geschlossenheit des Ausdrucks zum Erklingen. Ein ehernes Mal aber wurde der Künstlerin von Wilhelm Franz R e u ß mit dem gewaltigen monumentalen Trauermarsch aus ber Götterdämmerung errichtet. Amforias' schmerzerfülltes Bekenntnis sündigen Irrens und Leidens (aus Wagners Parsifal), bas Alfreb Borchardt mit packender deklamatorischer Wucht verinnerlicht fang, gewann hier als Wiederklang eines fchwer geprüften gequälten Menschenherzens ganz eigene symbolische Bedeutung. Die trüben dunklen Schatten des Alltags, die auch dem Sterben der Gertrud Bindernagel in seiner kriminellen Sühne nicht erspart bleiben, wurden hier versöhnend ausge- löschl durch das Hohelied todgeweihter Liebe: das Vorspiel zu „Tristan und Isolde" und Isoldens verzückten Erlösungs- und Schwanengesang, mit dem Hanna Kerrl im Geiste ihrer großen Kollegin allen Erden- rest ins Ewige sehnsüchtig verklärte.
Gegen Mitternacht endete die schlichte Abendfeier, die man sich kaum würdiger und schöner denken konnte. Dr. G. St.
„Oedipus Rex",Loetrag im Staatstheater. Heber den „Oedipus Rex", das schwierigere und eigenartigere Werk der beiden Strawinsky-Komposittonen, die am kommenden Mittwoch im Staatstheater ihre Erstaufführung erleben und über bie wir bereits in der Sonntag-Nummer einen größeren Aufsatz veröffentlichten, sprach Musikdirekwr Karl H a l l w a ch s im Rahmen einer besonderen Einführung als begeisterter Interpret dieser oratorischen Oper eines Russen, die er für ein überragendes Kunstwerk und für eine wirkliche Neugestaltung des griechischen Tragödien- stosies von Sophokles im kultischen Geiste des antt- ken Dichters, überhaupt für eine einzigartige Schöpfung von kosmischer Geistigkeit hält. Vorläufer waren Hölderlin uns moderne Dichter wie Hoff- mannsthal. Werfel und Hasencleoer, während die Philologen und Nachschöpfer aus echtem griechischen Sprachgeiste — Ulrich von Wilamowitz-Möllenoorff wurde überhaupt, nicht erwähnt — sehr schlecht wegkamen. Strawinskys kultische Absichten bedingten seine strengen musikalischen Formen, bie aus griechisch- katholischer (slawischer) Liturgik geschöpfte psalrno- bierenbe Diktion, das Kirchen-Lateinisch der handelnden Personen mit der harten kappazistischen Aussprache, die Beschränkung auf primitivste äußere Andeutung der Vorgänge, im Grunde alle Seltsamkeiten in diesem merkwürdigen Gebilde, um der allmächtigen
Ausdeutung durch die Musik, unabhängig vom Gehalt einzelner gesungener Worte ober ber Handlung, neue ungeahnte Freiheit und Selbständigkeit zu geben. Nur schabe, daß diese spitzfindige Klang- und Rhythmensymbolik nur den Eingeweihten und Gläubigen zugänglich ist. Das heikle Problem des modernen Conferencier-Ansagers für die alten Griechen wurde nur gestreift. Unerörtert blieb, was diese Art von zweidimensionaler-statuarischer passiver Darstellung einer neuhändelschen oratorischen Oper, die bestenfalls in den Konzertsaal gehört, noch mit dem wirklichen Wesen unseres lebendigen musikalischen Theaters zutun hat. Der Inhalt der einzelnen Opernszenen wurde dann durch einige charakteristische Proben am Flügel (Felix Oberhosfer) und gesangliche Darbietungen ber beteiligten Darsteller: Hans Hoefflin-Freiburg (Oedipus), Viktor Mossi (Kreon), Josef Niklaus (Theiresias) und Ljuba Senderowna (Jokaste) wirkungsvoll illustriert. Dr. St.
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Der Kasseler Kunstverein hatte bei Gelegenheit der Ausstellung „Hessisches Kunstschaffen" zu einem Tee ringelnden, ber im großen Saal des Stände- hauses im Angesicht ber Werke hessischer Maler statt- fanb. Vor einer stattlichen Zahl von Kunstfreun- ben unb Künstlern wickelte sich ein buntes Programm von Lied, Rezitation, Tanz und Kammermusik ab. Erste Künstler des Staatstheaters hatten sich zur Verfügung gestellt: Frau Brandstätter fang Lieder von Strauß, Joseph Niklaus Schubert-Melodien, Karl Ebhardt trug ernste Gedichte erzählenden Charakters vor, Helke Jürgensen, die Ballettmeisterin des Staatstheaters und Fräulein Hofmann tanzten, schlicht und schwesterlich vereint, einen Tango, ein Kammerttio unter Anführung des neuen Konzertmeisters Schröter, spielte schließlich, Krönung des Abends, ein Streich-Trio von Haydn. Dr. Karl Pfeiffer verband in begrüßenden Worten die Kunst ber Gäste aus dem Staatstheater und bas sichtbare Werk ber Maler und Bildhauer: man müßte heute mehr wie je die Kunst als Ganzes erleben und sein Interesse nicht einseitig nach Musik ober Theater orientieren, zumal von allen Kunstaus- ubenben bet bilbenbe Künstler am meisten unter ber Ungunst der Zeit zu leiben habe und deshalb am stärksten auf bie Unterstützung des Publikums angewiesen fei.
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Ei» neues Werk über Lehmbruck. In ber Reihe ..Zunge Kunst", die der Verlag Klinkhardt und Bier- wluui-Berliu herausgibt, ist von Dr. August Hoff,
dem Direktor des Duisburger Stadtmuseums, eine Monographie über Wilhelm Lehmbruck erschienen. Das Werk Lehmbrucks, des „letzten Gotikers deutschen Geblüts", ist heute der Obhut seiner Vaterstadt Duisburg anvertraut, die es teils als eigenen Besitz, teils als Leihgabe der Witwe ihrem Museum angegliedert hat.
Bilanz eines Oichierlevens
Die Auflagen Gerhart Hauptmannscher Werke.
Das „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" veröffentlicht jetzt eine statistische Aufstellung über die Auflagen, bie bisher die Werke'Gerhart Hauptmanns erlebt haben. Es handelt sich gewissermaßen um die statistische Bilanz eines Dichterlebens. Nach dieser Aufstellung find Hauptmanns Werke — 46 an bet Zahl, davon 31 Dramen und 15 Romane unb Novellen — in rund 1650 000 Exemplaren gedruckt und in 21 Sprachen übersetzt worben. Eine Statistik über die Zahl ber Aufführungen, bie Hauptmanns Dramen erlebt haben, besteht leider nicht, und sie läßt sich nicht einmal schätzungsweise angeben.
Von den Hauptmannschen Dramen erreichten „Die Weber" mit 224 000 Exemplaren die größte Auflage. Es folgen „Die versunkene Glocke" mit 165 000 unb „Hanneles Himmelfahrt" mit 91 000 Exemplaren. Dann sinkt die Kurve ab unb ende: bei „Veland" und „Sput“ mit 5000 Auflage. Die 16 erzählenden Werke erreichten eine Gesamtauflage von 605 000 Exemplaren. An der Spitze stehen „Der Ketzer von Sanna" mit 152 000 und „Die Insel der großen Mutter" mit 105 000 Auflage. In diese Zahlen sind noch nicht die Gesamtausgaben eingerechnet, die sich aus den „Ausgewählten Werken" in einer 6- und Mündigen Ausgabe, aus der 12bänbigen Gesamtausgabe und aus dem kürzlich erschienenen „Das dramatische Werk" zusammensetzen.
An der Spitze ber lleberietzungen steht Rußland, wo neben 34 Dramen und Romanen auch eine vier- bändige Gesamtausgabe erschienen ist. Am meisten verbreitet sind im Ausland „Die Weber", die in 16 Ländern gedruckt unb gespielt wurden, ferner ,Hanneles Himmelfahrt" und „Die versunk-ne Glocke"'. Bon den Romanen erreichte „Der Ketzer von Soana" im Ausland bie größte Auflage. Auch ins Chinesische sind zwei Werke übersetzt, nämlich „Der rote Hahn" unb ^Der Ketzer von Soana",