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Kummer 773*
Montag, den 21. November 1932
22. Jahrgang
Hitler abermals bei Hindenburg
Hindenburgs Auftrag: Hitler soll Möglichkeiten der Mehrheitsbildung festftellen / Was werden Zentrum und DRVP.tun?
Hitler fordert Kanzlerschaft
Von unserer Berliner Schriftleitung.
England muß zahlen
(Eigener Drahtbericht.)
Berlin, 21. November.
Der Führer der nationalsozialistischen Arbeiterpartei, Adolf Hitler, ist heute um 10,30 Uhr beim Reichspräsidenten vorgefahren. In feiner Begleitung befand sich der Reichstagspräsident G ö - ring und Minister a. D. Frick.
Vor dem „Kaiserhof" hatte sich, obwohl der Zeitpunkt des Empfangs Hitlers beim Reichspräsidenten geheim gehalten war, wiederum eine große Zahl von Parteianhängern angesamnielt, die ihren Führer mit Heilrufen begrüßten und das Auto bis zum Palais im Laufschritt begleiteten. Die Polizei hatte umfangreiche Sperrmatznahmen bereits um 10 Uhr vorgenommen.
Adolf Hitler verließ bereits um 10,50 Uhr wieder das Reichskanzlerpalais und begab sich zum „Kaiserhof" zurück.
liebet die zweite Besprechung Hitlers mit Hindenburg wird folgende amtliche Mitteilung herausgegeben: Nachdem der Führer der nationalsozialistische» Deutschen Arbeiterpartei dem Herrn Reichspräsidenten mit aller Bestimmtheit erklärt hat, daß s e i n e P a r - tei nur in einer von ihm geführten Regierung mitarbeiten könne, hat der Herr Reichspräsident Herr» Hitler als den Führer der stärksten Partei des Reichstages ersucht, sestzustellen, -b e.nL - ter welchen Bedingungen eine von ihm geführte Regierung eine sichere arbeitsfähige Mehrheit mit einheitlichem Arbeitsprogramm im Reichstag finden würde. Herr Hitler erklärte, seine Antwort auf dieses Ersuchen dem Herr» Reichspräsidenten heute nachmittag schriftlich zu übermitteln.
* *
Heber die Vorgeschichte dieser zweite» Besprechung Hindenburgs mit Hitler und über die gegenwärtige Lage meldet unsere Berliner Schriftleitung: Die Verhandlungen, die im Anschluß an die Parteiführer- Besprechungen vom Reichspräsidenten von Hindenburg im Laufe des Sonnabend nachmittag und Sonntag zwischen verschiedenen Parteivertretern geführt worden sind, haben noch keine Klärung der Lage gebracht. Vor allem ist noch kein Anhaltspunkt dafür vorhanden, in welcher Richtung diese Besprechungen zu einem Ziele führen solle«, ob es sich um ein Kabinett Hitler oder Strasser oder vielmehr um ein Kabinett unter neutraler Führung pnter Beteiligung einiger nationalsozialistischer Minister handeln soll.
Diese Unsicherheit ist zum Teil darauf zurückzuführen, daß Hitler, welcher dem Wunsche Hindenburgs entsprechend, zunächst die Möglichkeit einer Vereinbarung unter den Parteien prüfen wollte, die notwendigen Besprechungen
nicht persönlich geführt hat, sondern daß er den Reichstagsprästdenten Göring damit betraut hat.
Das hat zunächst wieder zu Folge gehabt, daß die
Deutschnationalen sich überhaupt nicht an den Verhandlungen beteiligt haben, sodaß Montag lediglich eine Zusammenkunft der Nationalsozialisten mit den Vertreters des Zentrums in der Amtswohnung des Reichstagspräsidenten Göring stattgefunden hat. Der Führer der Deutschnationalen Hugenberg war von Göring erst in letzter Stunde durch Görings Adjutanten eingeladen worden. Während die Mitglieder des Zentrums zu dieser Besprechung erschienen, hat Hugenberg sich auf den Standpunkt gestellt, daß er jederzeit zu einer Unterredung mit Adolf Hitler bereit sei, daß er sich aber auf Grund der Vorgänge der letzten Zeit weigern müsse, einer Einladung des Reichstagsprästdenten Göring zu folgen, besonders da diese Einladung erst sehr spät durch den Adjutanten Görings erfolgt war. Von volksparteilicher Seite verlautet, daß man dort denselben Standpunkt einnehmen würde, wie es die Deutschnationalen getan haben. Bis jetzt ist aber an die Volkspartei überhaupt noch keine Anfrage der NSDAP, gelangt, obwohl die elf Mandate der Volkspartei unter Umständen bei der Bildung einer parlamentarischen Mehrheitsregierung den Ausschlag geben können, falls die Deutschnationalen die Beteiligung an einem solchen Kabinett verweigern.
Die Unklarheiten, die sich in den gestrigen Verhandlungen zwischen Zentrum u. Mtionalsozialisten her- ausgestellt hatten und die Unsicherheit, die sich in den Sondierungen der NSDAP ergeben hat, waren die Ursache dafür, daß der Reichspräsident von Hindenburg den Führer der Nationalsozialisten Adolf Hitler bereits für den heutigen Montag vormittag zu einer neuen Aussprache einlud. Zu klären war dabei vor allem die Frage der eigentlichen Auftragserteilung zur Kabinettsbildung, und hier handelte es sich vor allem um die Grundfrage, ob es überhaupt zur
Bildung einer parlamentarischen Mehrheitsregierung kommen sollte oder ob man beim Prinzip der Präsidialregierung stehen bleiben wollte.
Vor allem war für die D e u t f ch n a t i o n a le n und ihre eventuelle Beteiligung in einer neuen Regierung die unbedingte Klärung dieser grundsätzlichen Angelegenheit erforderlich, und zwar bleiben sie mit absoluter Festigkeit auf dem Boden der Präsidialregierung stehen und wünschen keine Rückkehr zu rein parlamentarischen Verhältnissen.
Wenn Hitler nun die Kabinettsbildung auf der Basis einer parlamentarischen Mehrheit in Angriff nehmen sollte, würden die Nationalsozialisten die Möglichkeit haben, mit den maßgebenden Parteien des Reichstages die Frage zu prüfen, ob und mit welchen Einschränkungen das nationalsozialistische Programm durchgeführt werden könnte.
Die Aussichten der MehrheitsbUdung
In den bisherigen Besprechungen mit dem Zentrum haben sich in dieser Hinsicht bereits gewisse Grenzen bemerkbar gemacht, denn die Vertreter des Zentrums, die gegen ein Kabinett unter nationalsozialistischer Führung an sich nichts einzuwenden haben, glauben jedoch gewisse Vorbehalte machen und gewisse Sicherungen verlangen zu müssen, so z B. in der Richtung, daß das Reichsinn en- niinisterium in den Händen eines nicht zu der nationalsozialistischen Partei gehörenden Politikers sein müsse, salls das Kanzleramt von einem Nationalsozialisten besetzt wird. Ueberhaupt würde man beim Zentrum den Kanzlerposten lieber mit einer anderen Persönlichkeit als mit Hitler besetzt sehen. Jedoch scheint hier kein entscheidendes Hindernis für das Zentrum zu liegen, sondern nur
bestimmte politische Garantien für die Aufrechterhaltung der Verfassung
gegeben werden.
Den stärksten W i d e r st a n d gegen ein Kabinett Hiller dürften die Deutsch nationalen leisten und es ist noch nicht abzusehen, ob eine solche Mehr- heitsvildung wirklich einwandfrei gelingt.
Jni negativen Falle würde man dann wohl mit einer Regierungsbildung unter neutraler Führung zu rechnen haben, wobei es entscheidend daraus ankommt, ob es dann gelingt, die Nationalsozialisten zur Beteiligung an einer solchen Regierung zu gewinnen. Für die dann in Betracht kommende Lösung nennt man nach wie vor die Namen Schleicher, Geßler, Gördeler und Bracht, neuerdings aber mit besonderem Nachdruck den Führer der West
I fälischen Bauernvereine, den Freiherrn v. Lüninck I als Kanzlerkandidaten.
Die Pläne in Preußen
Die Pläne, die in Preußen verfolgt werden, wo man am Freitag dieser Woche einen neuen Ministerpräsidenten wählen will, für den die National- 'sozialisten und das Zentrum zunächst den Abgeordneten Strasser in Aussicht genommen haben, sind selbstverständlich in ihrer Durchführung vollkommen von dem Ergebnis der jetzt im Reiche schwebenden Verhandlungen abhängig, und angesichts der sachlichen und personellen Schwierigkeiten, mit denen Hitler offenbar zu rechnen hat, hält man es in manchen politischen Kreisen nach wie vor für das Wahrscheinlichere, daß die neue Regierung wohl unter überparteilicher Führung stehen werde.
*
Nach der Rückkehr Adolf Hitlers vom Empfang beim Reichspräsidenten versammelte sich die Menschenmenge, die vorher in der Wilhelmsttaße und am Wil- hilmsplatz sich aufgehalten hatte, vor dem Hotel „Kaiserhof", der durch ein starkes Polizeiaufgebot ab- geiperrt war. Die Menge nahm auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig Ausstellung und forderte rm Sprechchor Hitlers Erscheine» auf dem Balkon. Als der Führer der Nationalsozialisten nicht erschien, brachte ihm die Menge ein dreifaches Hoch aus. Da der Verkehr durch die angesammelten Menschenmassen zu stark behindert wurde, schritt die Polizei ein und , sorgte dafür, daß die Straße wieder passierbar wurde.
' Washington, 21. November.
In sehr gut unterrichteten Kreisen Washingtons hält man zwar eine schließliche Revision der Schuldenvereinbarung mit England für unvermeidlich, glaubt aber, daß das britische Ersuchen um Aufschub der am 15. Dezember fälligen Schuldenrate abgelehut werden wird.
London, 21. November. Die Blätter bereiten das Publikum darauf vor, daß ein Aufschub der am 15. Dezember fälligen Schuldenzahlung an Amerika voraussichtlich nicht gewährt -werden wird. Der „Times"-Korrespondent in Washington bezeichnet es aber als sicher, daß der Kongrez später seine Haltung revidieren wird.
Das in Neuyork weilende Konservative Unterhausmitglied Boothby sendet der „Daily Mail" einen Aufsatz, in dem es heißt: Wenn Präsiden^ Hoover sich außerstande sehe, einen, wenn auch nur kurzen, Zahlungsaufschub zu gewähren, dann sei das Beste, was England tun könne, die am 15. De-
yember fällige Rate zu bezahlen und feine ganze Hoffnung auf den Erfolg der Weltwirtschastskonfe- renz zu setzen. Amerika sei ja bereit, die Erörterung der Frage der Kriegsschulden und der Währungsprobleme im allgerninen auf der Konferenz zuzulassen.
15 Rubel Sondersteuer
Moskau, 21. November.
Das Zentralexekutivkomitee und der Volkskom- miffaiemat der Sowjetunion veröffentlichen einen Beschluß über eine einmalige Besteuerung der Einzelbauernwirtschaften. Die Steuer beträgt mindestens 15 Rubeg. Für die Kulackenwirtschaf- ten ist die doppelte Landwirtschaftssteuer festgesetzt. Unter gewissen Bedingungen ist Steuerfreiheit zulässig.
Die einmalige Landwirtschaftssteuer muß bis zum 31. Dezember d. I. entrichtet werden. 75 Prozent des Aufkommens fallen dem Staatsbudget zu, 10 Prozent dem Landesbudget und 15 Prozent dem Bezirksbudget.
Der Kampf um Reich und Volk
Von Reichsminister a. D. Dr. Geiler
Der Name des früher« Reichsmiaifters Dr. Gehler wirb auck diesmal bei ben Berhandlnngc« über Sie KabinelisneudilSnag wieder viel genannt. Aber auch jenseits dieser aktuelle» Bedentuu« dürfe« die folgende« Aussühruuge« a«f besondere Beacht««« rechne«.
Die Aufspaltung unseres politischen Lebens in zahllose Heerlager, die säst alle nur einen Teil des Gesamtdaseins der Nation sehen oder doch für wichtig halten, der durch das Gegeneinander dieser Wich- tigteiten verursachte Lärm, die zahllosen Reibungen auf allen Wirkungsgebieten hindern den einzelnen Deutschen daran, zu einer Gesamtschau unserer nationalen Lebcnsnotwendigkeiten zu kommen. Das deutsche Volk ist vom Schicksal in die Mitte des trotz aller Wandlungen immer noch führenden Erdteils gesetzt. Mitte und oft auch Mittler sein bedeutet aber auch immer Mittelpunkt ganz bestimmter Gefahrenzonen zu sein. Seine Veranlagung, in der Gutes und Schlechtes, Großes und Kleines — und Kleinliches — unvermittelt nebeneinander liegen, haben dem deutschen Volke wichtige geistige Voraussetzungen für diese Schlüsselstellung in Europa gegeben, aber auch Hemmungen im Gefolge gehabt, die immer wieder feine Leistung gefährden. Dazu kommt, daß das Schicksal zum Schutze gegen die Gefahren der Mittellage gegen die nun einmal naturgemäßen Gegenkräfte der anderen, die von allen Seiten her vordrängen, dem deutschen Volke den natürlichen Schutz der schon geographisch gesicherten Grenzen versagt. Die geographische Sage des Deutschen Reiches und die geistige Lage des deutschen Volkes sind letzten Endes „schuld" auch an der letzten großen Geschichtskatastrophe, die wir Weltkrieg nennen und die in nur äußerlich gewandelten Formen heute noch ihren Fortgang nimmt. Heute wie 1914 kämpft das deutsche Volk um feinen Lebensbestand. Gegen das deutsche Volk, nicht nur gegen den Staat oder gar gegen Staatsformen, wie eine bestimmte Zweckpropaganda des Krieges es glauben machen wollte, richtete und richtet sich der Kampf.
Auf zwei Feldern wird dieser von außen her geführte Kampf ausgetragen, und vom Westen her, aus Frankreich, erfolgt die Bedrohung, mag auch rein äußerlich dieser und jener Schlag aus Polen oder der Tschechoslowakei oder sonst woher geführt werden. Dieser Kamps richtet sich gegen das Leben und den immer noch nicht abgedrosselten, im Gegenteil trotz aller Einengung heute lebendiger denn je sich regenden Geltungswillen des Deutschen Reiches, des deutschen Reststaates, den man uns in der Hoffnung auf die Ewigkeit seines Schattendaseins noch gelassen bat Der Kampf richtet sich aber ebenso gegen das Volk an sich, besonders dort, wo es außerhalb des deutschen Staates besonders ungeschützt und verwundbar ist, d. h. gegen das Außendeutschtum, das ja einen Drittel! des deutschen Gesamtvolkes ausmacht.
Der Kampf gegen das Deutsche Reich wird auf dem Felde der deutschen Außenpolitik abgewehrt. Wir haben die ersten Nachkriegsabschnitte dieses Kampfes miterlebt und erleben seinen Fortgang täglich weiter. Die Befreiung von der fremden Okkupation ist wenig
stens bis zum Abzug der äußeren und besonders sinnfälligen Zeugen dieser Besatzung, der fremden Truppen, durchgeführt. Bestehen geblieben sind u. a. die in der Souveränität nach den verschiedensten Richtungen hin beschränkte Grenzzonen und die Internationalisierung unserer Ströme. Befreit sind wir bis auf einen umstrittenen Restteil von der Tributlast, soweit sie offen als solche in Erscheinung trat. Geblieben ist die geheime Tributlast, die wir uns in den Jahren des Versuches der Erfüllung als Verzinsung der Anleihen auferlegt haben und die in ihrem Ergebnis nicht weniger drückend ist als die äußere Tribut- leiftung, die man mit dem moralisch entwürdigenden Namen „Reparation" bezeichnete. Nun ist der Kampf um die Wehrhoheit, das primitivste Daseinsrecht jedes freien Volkes, auf der ganze» Linie entbrannt. Das Reich hat für feine Forderungen die glückliche Formel des Verlangens nach Gleichberechtigung gefunden, die uns jede Freiheit der Entscheidung gibt, soweit sie von de» anderen Mächten als eigene Verpflichtung übernommen wird. Ans dem weiten Felde der Außenpolitik liegt der kommende Kampf um die Beseitigung der untragbaren territorialen Bestimmungen der Friedensdiktate, um das Recht des Zusammenschlusses der deutschen Staaten in Mitteleuropa, ttm eine erträgliche Grenzführung im Osten. Und aus diesen keineswegs nur negativen Zielsetzungen ergibt sich die grundlegende positive deutsche Ausgabe, die Mitarbeit am Ausbau eines neuen Europa, wie es den inneren Lebensgesetzen der Staaten und Völker in ihren wechselseitigen Beziehungen entspricht. Dazu gehört neben der besonders wichtigen Herstellung gesunder wirtschaftlicher Beziehungen die kulturelle Selbstbestimmung der Nationen, das Lebensrecht auch der durch ihr Schicksal für immer in fremdnationale Staaten eingeschlossenen Volksgruppen
Hier begegnet sich der auf dem staatlichen Felde der Außenpolitik geführte Kamps um das Reich mit dem Kampfe um das deutsche Volk. Zunächst ist uns der Kampf für die deutschen und damtt zugleich auch für alle anderen unter fremdstaatlicher Einengung liegenden Volksgruppen auf einer nicht sehr aussichtsreichen, unserem Volke mit Recht immer unsympathischer werdenden Ebene aufgezwungen, auf der Plattform der Minderheitenschutzbeftim- mungen von Genf. Der Völkerbund ist bisher nicht viel mehr als ein Papierkorb für die zahllosen Beschwerdedenkschriften und Anträge geworden, von denen nur ein lächerlicher Bruchteil überhaupt beantwortet worden ist. Als dann Deutschland in den Völkerbund eintrat, hat man schnell noch die Bestimmung getroffen, daß ein Staat, der volksmäßig der sich beschwerenden Partei verbunden ist, aus den Ausschußoerhandlungen ausgeschaltet wird; daß also Deutschland keine Möglichkeit des Eintretens für deutsche Minderheitenbeschwerden im Minderheitenausschuß des Völkerbundes hat. Der deutschen Außenpolitik selbst kann man leider den Vorwurf einer gewissen Ziellosigkeit in der Behandlung hes Minderheitenproblems nicht ersparen. Man denke nur an das deutsche Versagen gegenüber der Beschwerde über